31 Jahre Deutsche Einheit: Festakt und alte Mythen

Dem Rahmen nach würdig, im Charakter eher bescheiden. So präsentierte Merkel Deutschland am 31. Jahrestag des Glückes seiner Wiedervereinigung in Freiheit am 3. Oktober 1990 mit einem Festakt in Halle/ Sachsen-Anhalt. Im Protokoll der Bundesregierung liest sich das dann so: „Tag der Deutschen Einheit – ohne besondere Vorkommnisse!“

picture alliance/dpa/dpa POOL | Jan Woitas

Und dennoch trug auch diese Jubiläumsfeier in Anwesenheit von Bundespräsident, Bundeskanzlerin und weiterer Spitzen des Staates den Makel dreier historischer Mythen in sich. So, wenn Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) behauptet, die Wiedervereinigung Deutschlands sei in beiden Teilen des gespaltenes Landes kein Thema mehr gewesen, die Deutschen hätten sich damit im Laufe der Zeit abgefunden. Wenn das wirklich so gewesen wäre, wozu hat dann die DDR bis zu ihrem Untergang Mauer und Todesstreifen zum Erhalt ihrer Existenz benötigt? Warum auch haben hunderttausende Deutsche in der DDR ihre Ausreise in die Bundesrepublik unter Inkaufnahme schwerer Repressionen betrieben? Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte über Jahrzehnte die Westdeutschen zum Wunsch nach Wiedervereinigung und stellte dabei eine bemerkenswert hohe Kontinuität in allen Bevölkerungsgruppen fest.

3. Oktober
"Tag der Deutschen Einheit" - welcher Einheit, bitte?
Allerdings ging der Glaube an ihre Realisierung nach dem Mauerbau 1961 ständig zurück. Ein interessanter Nebenbefund: Die Anzahl brieflicher Kontakte zwischen den nördlichen Regionen in Ost und West war dreimal höher als zwischen Bayern und Baden-Württemberg einerseits und den Ländern Niedersachsen und Schleswig-Holstein andererseits.

Mythos Nummer Zwei: Die unter dem Dach der Kirchen entstandene Bürgerrechts- und Friedensbewegung mit ihrem Wunsch nach demokratischen Reformen des DDR Sozialismus‘, ohne das System selbst in Frage zu stellen, habe die friedliche Revolution 1989 verursacht. Die linke Meinungsdominanz und Deutungshoheit in den westlichen Medien – vor allem bei ARD und ZDF – und weiten Teilen der Politik bis tief in die SPD hinein, erweckt bis heute diesen Eindruck. Damit seien im Verlaufe des Prozesses der Wiedervereinigung die „Revolutionäre der DDR“ um die Früchte ihres Mutes betrogen worden. Das ist im Inneren auch die gegenüber Dritten immer wieder geäußerte Meinung Angela Merkels, die auf ein Weiterbestehen der DDR noch während ihrer Mitgliedschaft im „demokratischen Aufbruch“ gehofft hatte. Bei aller Hochachtung vor dem Mut der Bürgerrechtler: Lichterketten und Friedensgebete hätten den Unrechts-Staat DDR nicht beeindruckt. Es waren die massenhafte Ausreisebewegung, die Bilder der Flüchtlinge in den Bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Prag und Warschau, die die Stimmung in der DDR zum Siedepunkt brachte und die Menschen angesichts des drohenden Zusammenbruches massenhaft auf die Straßen trieb. Ein entscheidender Durchbruch war auch die Öffnung der Grenze von Ungarn nach Österreich. Es setzte sich die „Abstimmung mit den Füßen“ fort, wie sie seit 1949, dem Gründungsjahr des Sowjet-Produkts DDR ständiger Begleiter ihrer Geschichte war, und beweist deren Illegitimität. Auf jede Art von Sozialismus hatten die Menschen einfach keinen Bock mehr.

Frohen Tag der Deutschen Einheit!
Der Mensch entfaltet sich am besten in der Freiheit
Und schließlich das Wichtigste: Ohne die Billigung der Sowjet-Führung in Moskau, die selbst vor dem Zusammenbruch stand, wäre es niemals zur deutschen Einheit gekommen. Bis zum Schluss lag auf dem Tisch der SED-Spitze die Option der sogenannten Chinesischen Lösung. In Peking hatten im Sommer 1989 die KPCh demonstrierende Studenten mit Tausenden von Toten durch Panzer niederwalzen lassen. Wie man heute weiß, untersagte Gorbatschow den Genossen in Berlin jede Form bewaffneter Gewalt. Doch auch der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl hatte die Gunst der Stunde erkannt und mit dem amerikanischen Präsidenten George Bush Senior einen aufrechten Unterstützer zur Seite.

Wiederum Merkel war es auch, die gestern erneut den Einheitsmythos Nummer drei bemühte. Die Arroganz so vieler Westdeutscher gegenüber den „Ossis“, insbesondere in den ersten Jahren nach der Wende, hätte viele in den neuen Ländern zutiefst verletzt. Dies beträfe insbesondere die als Vorwurf verstandene Meinung nicht weniger Wessis, die neuen Bundesbürger hätten ihre DDR-Vergangenheit als Ballast in die Einheit eingebracht. Die Kanzlerin aus dem Osten spaltet damit bewusst die Deutschen in Ost und West, indem sie die Ursache für dieses tatsächlich vorhandene Urteil der Arroganz dem Westen in die Schuhe schiebt.

3. Oktober 2018
Von der Wiedervereinigung zur Wiederentfremdung
Natürlich hat das Leben in der SED-Diktatur auch mentale Folgen mit sich gebracht: Ständige Anpassung an ideologische Normen sowie das Verbergen persönlicher Meinungen und Lebensziele erzeugen zwangsläufig ein mangelndes Selbstbewusstsein und Misstrauen gegenüber Anderen. Daraus resultiert manchmal auch eine Form aufgesetzter Devotheit, die in freien Gesellschaften nur äußerst selten vorkommt. Kollektivistische Systeme erzeugen erfahrungsgemäß auch eine Form von Hilflosigkeit gegenüber Situationen, die Menschen in freien Wettbewerbs-Systemen von klein auf individuell zu bestehen lernen. Dieser Umstand wird im Westen dann häufig als Makel oder gar Unfähigkeit bewertet. Dies hat allerdings weniger mit Arroganz, sondern vielmehr mit mangelnder Sensibilität und Kenntnis der Verhältnisse in der DDR zu tun.

Freiheit will gelernt sein, war schon eine frühe Erkenntnis vieler Philosophen der Aufklärung. Häufig ist dies gerade für Menschen, die aus Zwangsgesellschaften kommen, ein längerer und konfliktreicher Weg. Die Mehrheit der sogenannten Ossis ist ihn aber mit Erfolg gegangen. Es bleibt das Geheimnis Angela Merkels und so manch anderer, warum sie den Deutschen in der DDR im Nachhinein so etwas wie eine DDR-Identität aufdrücken wollte, die jetzt vom Westen missachtet werde. Die Frage nach dem warum drängt sich noch bei einem anderen Aspekt von Merkels gestriger Ansprache auf. Mit großem Nachdruck beklagte die Kanzlerin das Wachsen rechtsextremistischer Strömungen und Gewalttaten im wiedervereinigten Deutschland. Über die Herausforderungen durch den linken oder islamischen Extremismus verlor sie hingegen kein Wort. Ob die so oft wegen ihrer Intelligenz Gelobte dabei vergisst, dass Einseitigkeit immer dem eigenen Argument die Glaubwürdigkeit nimmt?

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Kommentare ( 32 )

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32 Comments
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Warte nicht auf bessre zeiten
12 Tage her

„Freiheit will gelernt sein“ … Mir scheint, dass die Menschen im Osten (inzwischen?) freier sind als die im Westen bzw. besser, der Freiheit eine höhere Wertschätzung entgegenbringen. Wie kommt das? Ich glaube eher, dass Freiheit die Erfahrung bzw. das Gegenüber der Unfreiheit braucht. Die Menschen sind nach 1989 sehr gut mit der Freiheit klar gekommen, wenn man bedenkt, was ihnen mit der Freiheit erstmal alles wegbrach. Für die heutige Generation ist Freiheit geradezu natürliche Normalität .. was nichts kostet, ist nichts wert. Ansonsten stimme ich der Analyse des Autors vollkommen zu.

Hesta
12 Tage her

Die wegen ihrer Intelligenz Gelobte wurde von fast allen überschätzt. Der Titel Physikerin sagt nichts über Empathie und Weitblick aus und von ihrem Titel haben sich viele blenden lassen.

Sonny
12 Tage her

Wie es jemandem möglich ist, das Gelabere dieser „Frau“ noch auch nur eine einzige Minute zu ertragen, ist mir absolut schleierhaft.
Aber vielleicht unter der Prämisse: Man muss seine Feinde kennen.
Trotzdem unerträglich.

Johann P.
13 Tage her

Besonders das Gerede über die „Demokratie“, die sie selber auf’s Gröblichste mißachtet und quasi abgeschafft hat, mußte jedem aufrechten Demokraten die Zornesröte ins Gesicht treiben! Und dafür gab’s auch noch standing ovations – eine weitere Schmierenkomödie allererster Güte…

Johann P.
13 Tage her
Antworten an  Johann P.

Leider ist dies nicht mein Originalkommentar, er wurde wohl wegen möglicher Majestätsbeleidigung einer bestimmten Person „angepasst“, leider!!

Mausi
13 Tage her

Gerade jemand aus OstD müsste doch die Sozialismus-Tendenzen in D sehen. Und könnte sie glaubhaft benennen! Das als Kanzlerin so unter den Teppich zu kehren und kehren zu lassen (Berichte des Verfassungsschutzes) ist zumindest merkwürdig. Und sich als Kanzlerin nach Chemnitz sofort gegen Nazi zu stellen und den Glättungsversuch von Herrn Maassen durch Entlassung zu entwerten, ist nur eins der Szenarien, in denen unsere Kanzlerin gehandelt hat, anstatt dem vielbewährten Aussitzen den Vorzug zu geben.

Last edited 13 Tage her by Mausi
FranzJosef
13 Tage her

Dieser Festakt zur deutschen Einheit mit seinen Lobhudeleien – „standing ovations! – für eine Frau, die am wenigsten damit zu tun hat, war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Weder ist sie originär Ostdeutsche noch war sie irgendwie am Niedergang der DDR beteiligt. Und während ihrer Kanzlerschaft hatte sie mit den Belangen der Ostdeutschen wenig am Hut, ja verachtete sogar Teile der alten DDR-Bewohner wie z.B. die Sachsen („Hetzjagden“). Und so eine Frau schwingt sich nun auf und labert daher. Und die ganze politische Elite der Bundesrepublik erhebt sich devot und klatscht minutenlang Beifall. Was für eine verlogene Veranstaltung.

FerritKappe
13 Tage her

Das wichtigste fehlt in dem Artikel. Letztlich haben die Westmedien die Wende möglich gemacht.
Ohne Berichte über die Ausreisenden über Ungarn wären da keine Massen draus geworden.
Genauso wenn über die Demonstrationen nicht in den Westmedien berichtet worden wäre, das waren ja praktisch Einladungen, dann wären die einfach im Sande verlaufen und die paar Hansel hätte die VoPo einfach wegtragen können.
Oder anders gesagt in der DDR konnte sich zumindest gegen Ende jeder durch die kritischen Westmedien sehr gut informieren.
Das ist etwas was uns heutzutage nach 31 Jahren Wiedervereinigung nicht mehr möglich ist.

Arndt Schuster
13 Tage her

Bei all den Diskussionen werden die Bürger im Osten, bewusst oder unbewusst, total falsch eingeschätzt. Ich selbst bin ein solcher, in Sachsen geboren und in Thüringen lebend. Nach meiner Überzeugung war der heiße Wunsch nach der Vereinigung Deutschlands im Osten viel stärker ausgeprägt. Die Bürger wollten natürlich am Segen des Reichtums des Westens teilhaben, denn die Wirtschaftsweise des Westens hatte sich als meilenweit überlegen gegenüber der Planwirtschaft erwiesen. Man wollte aber auch frei sein in jeglicher Art, reisen und sich frei informieren und äußern. Einigermaßen fassungslos sehen die Ostbürger aber, dass die Einheit des Landes bei den westdeutschen Eliten eher… Mehr

Manfred_Hbg
13 Tage her
Antworten an  Arndt Schuster

Zitat: „Das ist der hauptsächliche Grund, dass der Osten anders tickt,“

> Und das ist, so meine ich „Wessi“, auch GUT SO!

Regina Lange
12 Tage her
Antworten an  Arndt Schuster

Als Westdeutsche kann ich ihnen nur vollumfänglich zustimmen. Des Öfteren bin ich über die westdeutsche Naivität und den Kadavergehorsam den Regierenden gegenüber erschüttert! Durch den durchlebten, real existierenden Sozialismus, hat das Gros der Menschen in den neuen Bundesländern wirklich feine Antennen für „Schieflagen“ in der demokratischen Entwicklung. Inzwischen ist die Demokratie in Deutschland so schief, dass sie kurz vorm Kippen steht.

jkelsh
13 Tage her

3.Oktober?
War da was?

Helmut Kogelberger
13 Tage her
Antworten an  jkelsh

„Tag der offenen Moschee“, wenn Sie so fragen.

Berlindiesel
13 Tage her

Ich habe schon unter dem Beitrag von Fritz Goergen geschrieben, dass ich im Frühjahr 1990 bei einer Reise durch die „alten Bundesländer“ alias BRD keine Euphorie vorfand. Es gab keine offene Feindseligkeit gegenüber Ostdeutschen. Eher fühlt man sich unangenehm in seinem westdeutschen Alltag gestört, von der Planung für die nächste Reise nach Teneriffa oder die Costa Brava, in Westberlin beim Radwegebau und Krawallen in Kreuzberg, und, von der Aussicht, endlich den Bundestaat EG zu bekommen. Meine heutige Frau war damals ein Au-Pair Mädchen bei einer Familie in Rom. Sie wurde von den Italienern mit Fragen zu Deutschland bestürmt, was denn… Mehr