Der Zaubermeister und die Rache von Mutter Erde

Der zaubernde Unterhaltungsmediziner Mediziner Eckart von Hirschhausen sagt: "Mutter Erde ist krank". Es ist das ideale Angebot für all jene, die nach simplen Erklärungen suchen, wenn die Komplexität der Eskapaden der Natur ihre Vorstellungskraft übersteigt.

IMAGO / Future Image
Eckart von Hirschhausen bei der lit.Cologne im Mai 2021

„Mutter Erde ist krank!“ Der das sagt, ist Mediziner. Das schreiben zumindest die Medien – und die müssen es wissen oder wollen es wissen, denn wenn es um das Erkennen von Krankheiten geht, verfügt ein Arzt immer noch über die größte Glaubwürdigkeit.

Tatsächlich hat der 1967 geborene Eckart von Hirschhausen Medizin studiert und laut Wikipedia von 1993 bis 1994 das Studium als „Arzt im Praktikum“ (AiP) mit einer Promotion zur Immunglobulintherapie in der hyperdynamen Phase der Endotoxinämie beim Schwein abgeschlossen. In seinem nur noch im Web-Archiv abzurufenden Internet-Lebenslauf fällt das Promotionsthema unter den Tisch – was möglicherweise mit der Exotik und Menschenferne der von Hirschhausen gewählten Thematik zusammenhängen mag.

Abgesehen vom AiP hat der Mediziner jedoch nie als Arzt praktiziert, denn nach der Promotion belegte er bis 1995 an der TU Berlin einen Zusatzstudiengang in Wissenschaftsjournalismus. Als das vorbei war, widmete sich der gebürtige Frankfurter der Zauberei und tingelte über deutsche Bühnen. 1996 verlieh ihm der Magische Zirkel Deutschland den Titel „Deutscher Meister der Zauberei“.

Über einen Auftritt als zaubernder Kandidat hatte er den Einstieg ins Fernsehgeschäft geschafft und moderierte von 1996 bis 2003 beim Hessischen Rundfunk die wöchentliche Ratgebersendung „service: gesundheit“. Es war der Einstieg in die erfolgreiche Karriere eines Unterhaltungskünstlers, der als feste Größe der ARD multikonzeptionell einsetzbar ist. Das wiederum verschafft dem Arzt – oder vielleicht doch eher dem Zauberer – auch regelmäßige Auftritte in den beliebten Sprechschauen der staatlichen Volkspropaganda. Und eben dort stellte der Mediziner – oder vielleicht doch eher der Zauberer – fest: „Mutter Erde ist krank!“

Die Erde als „Gaia“

Es ist die Gaia-Hypothese, die hinter solchen Formulierungen steht. Demnach kann die Erde und ihre Biosphäre, weil sie ein dynamisches System bilden, wie ein Lebewesen betrachtet werden. Der Begründer dieser wissenschaftlichen Hypothese, James Lovelock, hat sich gegen deren Vereinnahmung und Verklärung durch esoterische Teile der Umweltbewegung deutlich zur Wehr gesetzt. Seine These habe keinen „animistischen Beiklang“. Die Erde habe kein Empfinden und keinen Willen. Aber das verhinderte natürlich nicht, dass genau das angenommen wird.

Gaia, jene für die Orphiker gleich Jesus ohne Geschlechtsakt gezeugte Göttin, weiblichen Charakters ist, ist die Erde weiblich und Gaia die Urmutter des Göttlichen, die dem Uranus die Titanen gebiert.

Gaia, diese urgöttliche Kraft der Mythologie, lebt. Zumindest in den Kreisen der Esoteriker. Sie verkörpert einen Organismus, in dem alles mit allem zusammenhängt und der über eigenen Willen und eigene Fähigkeiten verfügt spätestens dann, wenn er sich in seiner Existenz bedroht sieht. So ist Gaia das ideale Angebot für all jene, die nach simplen Erklärungen für das ihnen Unerklärliche suchen – und die wie der zaubernde Unterhaltungsmediziner Hirschhausen zu Diagnostikern werden, wenn die Komplexität der Eskapaden der Natur ihre Vorstellungskraft übersteigt.

Der diagnostische Blick des Mediziners

Gaia, unser aller Mutter Erde, ist krank. Sie leidet. Aktuell leidet sie an einem zu nassen Sommer, der mit Starkregenereignissen menschliche Existenzen hinfort spült. Schon im vergangenen Jahr litt Mutter Erde. Damals an einem zu trockenen Sommer, den manch medizinisch weniger gebildete Demagoge der Apokalypse seinerzeit als Erderhitzung diagnostizierte. Als angesichts eines weniger trockenheißen Sommers nun der Glaube daran zu schwinden begann, kam die Sintflut – Gaia leidet und Gaia wehrt sich. Mal mit Hitze, mal mit Wasser. Es ist, als wolle Gaia die Entzündungsherde auf ihrer Haut mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ausmerzen.

Der Mediziner Hirschhausen erkennt es mit diagnostischem Klarblick. Wenn er sagt: „Mutter Erde ist krank!“, ist jede weitere medizinische Untersuchung überflüssig. Die Klimagemeinde nickt und weiß: Es ist der Klimawandel! Der menschengemachte Klimawandel!

Es scheint so einfach: Wir retten das Klima, dann wandelt es sich nicht mehr und Mutter Erde hört auf zu leiden. Und doch ist auch das nichts als eine Scheintherapie – und der Mediziner Hirschhausen müsste wissen, was der Zauberer Hirschhausen nicht zu wissen braucht: Um ein Leiden wirksam zu heilen, reicht es nicht, die Symptome des Leidens zu bekämpfen. Es geht um die Ursachen, um den eigentlichen Kern des Leidens. Doch darauf zu sprechen zu kommen, trauen sich Mediziner wie Zauberer Hirschhausen nicht – denn es könnte, wie es ein hochrangiger Politiker einmal formulierte, die Bevölkerung verunsichern.

Die Hirschhausener Diagnostik bleibt im Raum stehen und erheischt Aktionismus, ohne dass sie das Problem bis zum Ende denkt. Sie ist damit symptomatisch für eine Generation von grünen Esoterikern, die sich anschickt, die Erde nach ihrem Bilde formen zu wollen. Hierfür verweigern sie freitags die Bildungsaufnahme und nennen es Streik; will eine Möchtegernkanzlerin als erste Amtshandlung für den Fall ihrer Wahl die Naturvernichtung durch Windkraftanlagen massiv forcieren; sollen die Bürger der Hochkulturen auf ihre individuelle Freiheit, ihren Fernurlaub und am Ende auf ihren Wohlstand verzichten. Und dann? Ist dann endlich der paradiesische Zustand erreicht – ein Leben der Menschen im Einklang mit der Natur, ohne Neid, ohne Hass, ohne Bedrohung, ohne Klimakatatstrophe?

Pandora, die Allesgebende

Kaum ein menschengemachtes Werk erklärt das Phänomen des Nicht-Zuende-Denkens der Esoteriker besser als einer der erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten. Dieses Filmwerk erklärt wie kein zweites das Gaia-Prinzip, ist gleichsam die Bibel der Grüngläubigen, und wurde 2009 vom amerikanischen Regisseur James Cameron unter dem deutschen Titel „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ perfekt in Szene gesetzt.

Pandora, der bewohnte Mond nach den Bildmotiven des neobourgeoisen britischen Künstlers Roger Dean, ist die Allesgebende der griechischen Mythologie. Sie wird vom Gott des Feuers aus Lehm geschaffen und von der Göttergemeinschaft mit allen Reizen einer betörenden, jungen Frau versehen. Von Gottvater Zeus erhält sie eine Büchse, in der alle Übel dieser Welt gefangen sind und die zudem die Hoffnung enthält. Trotz Warnung öffnet die Allesgebende die Büchse, und all die dort gefangenen Plagen kommen über den Planeten – nur die Hoffnung, sie entschwindet nicht, denn bevor auch sie die Büchse verlassen kann, gelingt es, diese zu schließen. Seitdem ist die Erde ein trostloser Ort – und die Philosophen dürfen sich den Kopf zerbrechen darüber, ob die in der Büchse gefangene Hoffnung nun ein Trost darauf ist, dass die Plagen zu überwinden sind – oder ob die gefangene Hoffnung selbst eine Plage ist, weil sie den Menschen beharrlich eine Besserung der Situation verspricht, ohne dass tatsächlich die entsprechende Hoffnung besteht.

Das grüne Fantasy-Paradies

Als Fantasy-Mond im Alpha-Centauri-System verkörpert Pandora auf perfekte Weise die grün-esoterischen Träume der Zurück-zur-Natur-Bewegung, der antikolonialistischen Selbstkasteiung und die Legende vom Edlen Wilden.

Die Story ist schnell erzählt: Böse, zumeist weiße Männer eines Rohstoffunternehmens von der Erde wollen auf dem naturbelassenen Planeten seltene Erze abbauen. Die Einwohner, katzenartige Humanoide mit der Bezeichnung Na’vi, wollen ihre Wohnstatt über den Erzvorkommen nicht räumen. Nachdem alle Versuche, sie zum freiwilligen Umzug zu bewegen, gescheitert sind, greift die industrialisierte Mensch-Maschine zur brutalen Gewalt. Es kommt zum gegenseitigen Massenmassaker – bis die spirituelle Planetengöttin Eywa, ein neuronales Netzwerk, das alles Leben des Planeten verbindet, das menschliche Vorgehen als Angriff auf seine Existenz begreift und Na’vi nebst Woke-Avataren menschlichen Ursprungs sowie die Tiere der Mondfauna gemeinsam die Kolonialisten in einem verlustreichen Endkampf besiegen lässt. Das Filmspektakel endet damit, dass die besiegten Menschen unter Aufsicht der deutlich größeren Na’vi zurück in ihre Raumschiffe ziehen und den Planeten verlassen.

Eywa ist Eva ist Gaia

Eywa, die nicht zufällig an die biblische Eva erinnert – das Geschenk der göttlichen Alahim an h’Adem, den (männlichen) Menschen – ist Gaia. Sie verkörpert das, was Hirschhausen und andere Esoteriker meinen, wenn sie von der leidenden Mutter Erde sprechen. Nicht einzelne Wesen, nicht der Naturmensch ist es, der letztlich die profitgierigen Kolonialisten besiegt – der Planet selbst ist es, der in einem Akt der Selbstreinigung den zerstörerischen Fremdkörper vertreibt.

Wie hübscher könnte der grüne Traum präsentiert, wie besser die irdische Hoffnung auf das Paradies ausgedrückt werden? Was der Mensch allein nicht schafft, das schafft das Gute dank Gaia im Endkampf gegen das Böse. Wobei – und hier liegt der für die Grünen symptomatische Kardinalfehler der hoffnungsvollen Fabel von dem Planeten, der allen alles gibt – das Ende mehr noch eine Illusion ist als der Traum vom sich selbst reinigenden Planeten. Denn eine Menschheit, die, wie in dieser Fabel erzählt, in ihrer erdzerstörerischen Gier ihren Heimatplaneten quasi zu Tode geplündert hat (womit auch eingestanden wird, dass dem Planeten Erde bedauerlicherweise dann doch eine Eywa/Gaia gefehlt haben muss), wird nach der erzwungenen Heimkehr der überlebenden Kolonialisten umgehend alles daran setzen, ihre Gier nach dem begehrten Rohstoff dennoch zu befriedigen.

Der nächste Anlauf kann nicht unterbleiben – und die Überlebenden werden die notwendigen Informationen liefern, um Eywa nebst Na’vi gänzlich zu vernichten. Erze lassen sich auch auf einem Himmelskörper abbauen, auf dem alles Leben verschwunden ist. Die am Ende dann doch so menschlich agierenden Na’vi hätten nur eine, wenn auch minimale Chance gehabt, um ihren Lebensstil nebst Eywa und Pandora zu retten: Sie hätten die Invasoren sämtlich vernichten müssen – nicht ein einziger hätte zurück zur Erde kommen dürfen. Dann – und nur dann – hätte vielleicht eine minimale Hoffnung bestanden, dass die rohstoffgierige Menschheit auf weitere Kolonialisierungsversuche verzichtet hätte. Wobei die Kolonialgeschichte der Erde seit der Antike gleichwohl wiederholt den Beweis erbracht hat, dass auch Totalverluste den Expansionsdrang bestenfalls haben aufhalten können. Doch ein solches, ein realistisches Ende des Films hätte die Träumer verstören müssen – untauglich, um die filmische Phantasie zum Kassenschlager zu machen.

So aber ist der Traum von Pandora der grün-esoterische Traum einer harmonischen Weltgemeinschaft ohne persönliches Eigentum, ohne Gier nach Reichtum, ohne Ausbeutung und Zerstörung. Das Leben im ewigen Einklang mit einer vernunftbegabten Natur – es ist dieses die kleine Hoffnung, die in der Büchse der Pandora verblieben ist und die sich selbst zunichtemacht, weil sie die finale Konsequenz verweigert.

Wenn die Erde Gaia wäre

Doch denken wir diese Legende von Eywa-Gaia weiter. Tun wir so, als gäbe es so etwas wie Eywa als Gaia auf unserem Planeten. Tun wir so, als wäre die Erde nicht ein zufällig entstandener Trabant in der bewohnbaren Zone des Sterns Sonne, sondern als wäre diese Erde als Gaia ein vernunftbegabter Organismus.

Die erste Botschaft, die es zu erkennen gilt, lautet: Pandora funktioniert in ihrer natürlichen Harmonie nur, weil die Populationen mehr als überschaubar sind. Die Na’vi leben in kleinen Stammesverbänden, die durch große Distanzen voneinander getrennt und nur durch Eywa miteinander verbunden sind. Als der menschgesteuerte Avatar in der Lage ist, alle Stämme zum Kampf gegen die Kolonialisten zu vereinen, kommen allem Anschein nach nicht einmal 10.000 Na’vi zusammen – diese allerdings in jeder Hinsicht emanzipiert, denn Männer und Frauen kämpfen gleichermaßen und auch über die Queer-Community müssen sich die edlen Wilden in ihrer Natürlichkeit noch keine Gedanken machen.

Gaias Recht auf Selbstverteidigung

Die zweite und eigentliche Botschaft, die uns vermittelt werden soll, lautet: Pandora/Eywa sprich Erde/Gaia hat jedes Recht, sich mit allen Mitteln gegen die geplante Zerstörung durch die Gier des zumeist weißen Menschen zur Wehr zu setzen. Betrachten wir dieses als Analogie, dann erkennen wir diesen ersehnten Gaia-Anspruch auch auf der Erde als das natürliche Recht, sich gegen den Menschen zur Wehr setzen zu dürfen. Und tatsächlich hat Gaia regelmäßig immer dann, wenn menschliche Populationen zu groß wurden, kleine, natürliche Helfer mit der Bezeichnung Bakterien und Viren eingesetzt, um gegen die Überpopulationen vorzugehen. Oder Gaia hat die Menschen wider ihre Vernunft dazu gebracht, Kämpfe der Massenselbstvernichtung zu führen. Beides allerdings im Sinne der natürlichen Harmonie von Eywa-Gaia bislang ohne wirklichen Erfolg.

Statt die Überpopulation aufzuhalten, ging es nach solchen – menschlichen – Katastrophen regelmäßig in die nächste, erfolgreichere Runde der Vernichtung Gaias durch den Menschen. Wenn Gaia für etwas stehen soll, was wir mit mythischem Zungenschlag als „die Natur“ bezeichnen und dieser ein bewusstes Handeln unterstellen, dann ist alles, was der Mensch als Naturgewalt oder gar als Naturkatastrophe bezeichnet, nichts anderes als das legitime Recht des Planeten Erde, sich gegen eine Kohlenstoffeinheit mit der Eigenbezeichnung Mensch zur Wehr zu setzen. Dann sind Wirbelstürme und Überflutungen, Erdbeben und Tsunamis nichts anderes als der legitime Versuch Gaias, gegen den Menschen zu kämpfen, der ihre Gesundheit bedroht. Auch Corona und das, was vor diesem Virus war und was nach ihm kommen wird, sind nichts als legitime Waffen Gaias gegen etwas, das sie zu vernichten droht. Selbst die Veränderungen des Klimas – nichts anderes als Gaias legitime Waffe gegen die Bedrohung Mensch.

Wenn Mystik die Ratio ersetzt

Selbstverständlich – wir können uns viele der Katastrophen auch rational erklären. Wir können beispielsweise feststellen, dass Erdbeben und Tsunamis eine tatsächlich natürliche Folge der Plattentektonik sind – und dass der Mensch selbst an seinem Schicksal die Schuld trägt, wenn er ausgerechnet auf oder an diesen Erdplattenrändern und Hotspots lebt. Wir müssten feststellen, dass ein menschlicher Kampf gegen diese Plattentektonik noch aussichtloser sein muss als die Hybris, „das Klima“ retten zu können. Wir können feststellen, dass die immer höheren Opferzahlen bei Naturkatastrophen unvermeidbare Folgen immer höherer Populationsdichten sind; dass der Mensch sich diese Opferzahlen selbst organisiert, weil er in Schwemmland siedelt oder von natürlichem Bewuchs gehaltene Hügel mit Wellblechsiedlungen übersäht, denen bei Starkwasserereignissen schlicht jeglicher Halt verloren geht. Wir können feststellen, dass der Mensch lernunfähig ist und den Fehler, den er beim Beackern der Great Plains machte, hemmungslos im Amazonasgebiet und andernorts wiederholt. Wir können feststellen, dass der Mensch in seinem Selbsterhaltungstrieb die naturgegebenen Ressourcen hemmungslos geplündert hat und weiter plündern wird – und dass er mit den für ihn unbrauchbar gewordenen Überresten seiner Lebensweise den Planeten verseucht und sich so selbst die Lebensgrundlagen entzieht. 

Die finale Konsequenz wird ausgeblendet

All das und mehr können wir feststellen – und vielfach tun wir dieses auch. Nur sind wir nicht bereit, daraus die tatsächlich unvermeidbaren Konsequenzen zu ziehen. Denn die rationale Erkenntnis müsste bedeuten, dass es die allererste Aufgabe des selbsternannten Weltregulierungsvereins namens UNO sein müsste, weltweit die Geburtenraten so weit zu senken, dass die menschlichen Zuwachsraten nicht nur stagnieren, sondern zurückgehen. Berechnungen aus den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts besagen: Bis zu vier Milliarden Menschen kann der Planet Erde gut ertragen und sie könnten in Wohlstand leben, ohne Gaia zu zerstören. Heute haben wir fast acht Milliarden erreicht – und die zehn Milliarden sind in wenigen Jahren absehbar. Die unvermeidbare Folge ist: Gaia leidet. Oder, wieder der zaubernde Arztentertainer Hirschhausen festgestellt hat: „Mutter Erde ist krank“. Sie leidet an dem, was wir Mensch nennen und was wir selber sind. Mutter Erde leidet an uns.

Denken wir die Erde als Gaia, dann hat Hirschhausen recht. Dann aber sollte er als studierter Mediziner auch den Mut haben, diese Krankheitsursache zu benennen. Mehr als jedes andere Wesen vor ihm befindet sich der Mensch seit Ewigkeiten in einem ständigen, unnatürlichen Kampf gegen Gaia, gegen den Planeten, auf dem er lebt. Er kämpft diesen Kampf, indem er überall Siedlungen errichtet selbst dort, wo Siedlungen nichts zu suchen haben, sollen nicht bei so letztlich selbst organisierten Katastrophen zahlreiche Menschen sterben. Er kämpft diesen Kampf, indem er die natürlichen Ressourcen vernichtet, von denen er leben muss, und das zerstört, was er Natur nennt. Und ja: Er kämpft diesen Kampf gegen Gaia auch, indem er mit seinen Fähigkeiten erfolgreich die natürlichen Regulative durch Seuchen und Pandemien bekämpft.

Meint Hirschhausen seine Diagnose ernst, dann müsste er als Arzt die Empfehlung geben, nicht die Symptome zu bekämpfen, sondern die Krankheitsursache durch ein kollektives Seppuku zu vernichten. Doch selbstverständlich wird er das nicht tun – und die Selbstlosigkeit auch des verträumtesten Esoterikers wird nicht soweit gehen, der als krank diagnostizierten Erde durch einen Selbstmord einen persönlichen Gefallen zu erweisen.

Die Gefahr der Illusion

Damit sind wir nun bei jenem Punkt, der nicht nur die fantastischen Welten von Pandora am Ende so gefährlich macht. Wir sind bei jenem Punkt, der jedem halbwegs rational denkenden Menschen sagen müsste, weshalb die grünen Träumereien keine Lösung, ja nicht einmal eine Hoffnung aus der Büchse der Pandora sind.

Wären die Grünen und ihre mystisierende Anhängerschaft ehrlich zu sich selbst, dann hätten sie beispielsweise jegliche Forschung an Anti-Corona-Impfstoffen vehement bekämpfen müssen. Sie hätten jegliche Versuche, durch kollektive Maßnahmen die Verbreitung dieses Virus zu verringern, als widernatürlichen Akt gegen Gaia geißeln müssen. Denn wenn die Diagnose stimmt und die Erde krank ist, weil sie unter dem Menschen leidet, dann ist jeder Versuch, sich gegen Gaias Versuche der Selbstreinigung zur Wehr zu setzen, ein Verbrechen gegen die Erde, die retten zu wollen doch vorgebliches Ziel der selbsternannten Retter ist.

Statt sich in illusionistischen Weltrettungsphantasien zu verirren, bliebe dem Menschen die Erkenntnis, dass er nur die Alternative hat, entweder selbst unterzugehen – oder seine geistigen Fähigkeiten optimal zu nutzen, um den einmal eingeschlagenen Weg, der unvermeidbar der eines ewigen Kampfes gegen Gaia bleiben muss, mit einem Höchstmaß an Verantwortung für sich und für die unverzichtbaren Lebensgrundlagen fortzusetzen. Dann aber ist es mit geisteswissenschaftlichen Eskapaden, mit esoterischen Phantastereien und religionsgleichen Klimarettungsvisionen nicht nur nicht getan – dann erweisen sich all die Irrwege, mit denen der Natur entfremdete, selbsternannte Naturkinder vor allem ihren Selbsterhaltungstrieb befriedigen wollen, als Ablenkung und irrationale Selbstbefriedigung.

Der kollektive Selbstmord ist keine Lösung

Die Menschheit kann sich nicht selbst abschalten auch dann, wenn dieses der einzig effektive Weg zur Rettung Gaias wäre. Was sie kann, ist tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnis schaffen und ihre Fähigkeiten technischer Art forciert so einzusetzen, dass die Vernichtung Gaias aufgehalten, vielleicht sogar umgekehrt werden kann. Das aber bedeutet auch die Erkenntnis, dass dieser Planet Erde eben nicht dafür geeignet ist, immer mehr Menschen zu beherbergen. Es bedeutet die Erkenntnis, dass dieser Planet Zonen hat und Zonen braucht, die für die menschliche Besiedlung ungeeignet sind und ungeeignet bleiben müssen. Es bedeutet die Erkenntnis, dass jeder weitere Quadratmeter vernichteten Urwalds die Menschheit einen Schritt näher an die Selbstvernichtung bringt. Es bedeutet so auch die Erkenntnis, dass die Vernichtung von Wäldern, um dort Windräder aufzubauen, ebenso wenig die Erde retten wird wie die Ersetzung eines emissionsarmen Benziners durch ein Elektrofahrzeug oder die Umstellung der menschlichen Ernährung auf vegane Kost.

Es geht nicht um den Versuch, sich in exoterische Traumwelten einer sich selbst rettenden Erde verirren zu wollen. Es geht nicht um den Versuch, sich durch Selbstkasteiung und Selbstanklage vor der Rache Gaias schützen zu wollen. Es geht nicht um die weltfremde Vorstellung, dass der Versuch weniger, die Lebensweise der Menge Mensch durch Verzicht ändern zu können, die Rettung brächte, und es geht auch nicht um die Illusion, dass demnächst zehn Milliarden Menschen tatsächlich bereit und in der Lage wären, sich den realistischen wie den erträumten Forderungen jenes kleinen Teils der Menschheit zu unterwerfen, der meint, allein über die Erkenntnis zur Weltenrettung zu verfügen.

Der Mensch muss nicht Gott spielen – er muss Gott sein

Es heißt, der Mensch dürfe nicht Gott spielen. Das bedeutet auch, dass der Mensch nicht das Recht habe, Gaia seinen Willen aufzuzwingen. Doch nichts ist falscher als dieses. Und das nicht nur, weil es der Erde, weil es Gaia am Ende völlig egal ist, ob auf ihr Menschen leben. Ganz im Gegenteil – sollten sie sich irgendwann selbst vernichtet haben, dann geht das, was überlebt hat, ohne Menschheit in die nächste Runde der Evolution. 

Seit der Mensch angefangen hat, sich den Planeten Erde Untertan zu machen, hat er nichts anderes getan, als Gott gespielt. Ungewollt vielleicht oder sich in einem fiktiven Auftrag eines erhofften Übergottes wähnend. Doch es ist der Mensch selbst, der seinen Planeten in seinem Sinne wandelt und verändert. Er wird damit nicht aufhören, weil er damit nicht aufhören kann. Nicht selten ist dabei das, was er getan hat, im Sinne seiner selbst und des Planeten ohne Vernunft geschehen.

Und doch ist es so, dass jemand, der angefangen hat, Gott zu spielen, damit nicht aufhören kann, weil ihn die Furcht vor dem, was er geschaffen hat, übermannt. Die menschliche Existenz auf dem Planeten Erde ist ein Jumanji – sie muss mit allen Höhen und Tiefen bis zum Ende gespielt werden und es gibt keine Gaia, die die Menschheit rettet, weil ihre Rettung in der Vorstellung Gaias nur die Rettung vor der Menschheit selbst sein könnte.

Einzig die Erkenntnis des unweigerlichen Zwangs zum gottgleichen Handeln – nennen wir es Anmaßung oder nennen wir es Fähigkeit – ist der Schlüssel dafür, den Menschen die Zukunft auf diesem Planeten zu erhalten. Dazu aber reicht nicht die Illusion von einer Mutter Erde, die krank sei. Dazu reicht auch nicht die Hybris, etwas wie das Klima retten zu können oder gar auf die Selbstheilungskräfte einer Eywa vertrauen zu wollen. Dazu hilft einzig die Erkenntnis, dass es ausschließlich die Fähigkeit des Menschen, Gott zu sein, ist, die der Menschheit den Weg in die Zukunft sichern wird. Und dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die bisherigen Erklärungsversuche es bislang nicht gewagt haben, die eigentlichen Ursachen und Probleme zu benennen. Solange das nicht geschieht, ist alles von Klimazielen über Great Reset bis Weltfrieden nur Ablenkungsmanöver. Und Floskeln von einer Mutter Erde, die krank sei, sind nichts als Geschwätz.

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Kommentare ( 97 )

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97 Comments
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Hugo Treppner
1 Monat her

Gibt es den Menschen gemachten Klimawandel? Natürlich! Ohne die Klimaerwärmung durch unsere Heizungen würden wir im Winter den Kältetod sterben und die KLIMAanlage schafft ein verträgliches menschengemachtes angenehmes Raumklima im Sommer.

Peter Pascht
1 Monat her

Schauen wir mal wie die Lahmen tanzen hat der Blinde zum Gehörlosen gesagt.

Peter Pascht
1 Monat her

„Demnach kann die Erde und ihre Biosphäre, weil sie ein dynamisches System bilden, wie ein Lebewesen betrachtet werden.“
So einen Unfug kann nur ein Mediziner von sich geben.
Die Erde und ihre Biospäre bilden in der Tat eine thermodynamische Kopplung zweier stochastiacher Systeme, denn die Biosphäre braucht LLWW.
(LLWW = Licht, Luft, Wasser Wärme), den Rest tut sie selber.
Von dem Begriff Lebewesen selbst in der abstraktesten Form ist das aber unendlich weit entfernt, denn das Leben besitzt die eimalige Eigenschaft der systemischen Selbst-Reproduktion seiner fiziologischen Strukturen, aber absolut spezifisch und einmalig auch die Reproduktion der Funktionen des Lebens.

Tacitus
1 Monat her
Antworten an  Peter Pascht

Sehr gut und gelungen! Ich fasse es mit meinem laienhaften ‚Wissen‘ wie folgt zusammen: die Erde braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht die Erde.
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte das ein schottischer Wissenschaftler vor einigen Jahren so oder so ähnlich gesagt.

moorwald
1 Monat her

All die unzähligen „Experten“. Das Schöne ist, daß wie zum Wetter auch erst recht zum Klima jeder etwas sagen kann.
Da führt der Blinde den Lahmen.

fatherted
1 Monat her

Der Mann wird seit Jahren im ÖR TV hofiert und bekommt eine „Show“ nach der anderen (langweilig und jenseits von lustig). Dazu noch Einladung in jede Dritte Talkshow zu jedem Thema. Immerhin macht es das Ausschalten einfacher, wenn der gute Mann auf dem Bildschirm erscheint…schon beim nennen des Namens wird der Aus-Knopf gedrückt. Aber ich bin sicher es werden sich viele Käufer für sein Buch finden….das wahrscheinlich sehr schlicht gehalten ist.

Contenance
1 Monat her

Danke für die klaren Worte.

Ein Weg zur Heilung des Landes und der hiesigen Natur wäre in der Tat, wenn die 25% Grünen Wähler den von ihnen klar benannten Konsequenzen des eigenen Weltbildes folgen würden.

Gerro Medicus
1 Monat her

Mit wurden zwei Bücher von Hirschhausen geschenkt, und eins von Precht. Die liegen jetzt alle auf dem Müll. Man muss sein Umfeld von Idioten reinigen…

F. Hoffmann
1 Monat her

Und weil „der Herr Dokter“ so gerne von Hitzetoten schwadroniert, anbei eine gerade veröffentlichte Arbeit aus The Lancet:
https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00081-4/fulltext
Kältetote : Hitzetote = 10:1
Hier zusammengefasst in 1 Grafik und 1 Artikel:
https://www.eurekalert.org/multimedia/594858
https://www.eurekalert.org/news-releases/580418

Christa Born
1 Monat her

Die Erde ist nicht krank. Was sollte das überhaupt bedeuten? War die Erde während der Eiszeiten krank, oder als die ersten Algen die Meere mit Sauerstoff vergifteten und 99% der bisherigen Kreaturen vernichteten? Sehen wir den lebensfeindlichen Mond als krank oder die sich verzehrende Sonne, die irgendwann die Erde fressen wird? Eine Supernovae, ein Stern im finalen Stadium seiner Existenz, oder ein Schwarzes Loch, das aus der Zeit gefallen ist? Das ganze Universum ist krank, weil es expandiert und alles in ihm, letztlich unergründlichen (göttlichen?) Gesetzen folgend, irgendwann zu existieren aufhört? Geistig krank ist der Quacksalber Hirschhausen, weil er sich… Mehr

Last edited 1 Monat her by Christa Born
Tellerrand
1 Monat her

Der Herr von Münchhausen ähhh Hirschhausen, jetzt also mit Märchenbuch!
Naja, die einen Kinderbücher, die andern Märchenbücher, die andere hat Jetzt! gar kein Buch mehr.
Soll man jetzt von den Buchbereichen des jeweiligen Schreibers Rückschlüsse ziehen ? Die fallen dann eher nicht so Politik- und Bildungsqualifiziert aus.