Arm und Reich, DIW, die nächste: Armselig

Was hat eine Untersuchung von Einkommen über 140 Jahre – oder auch nur von 1960 bis heute – für einen Wert, wenn alle Einkommen VOR Steuern und Abgaben betrachtet werden?

© Carl Court/Getty Images

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat wieder einmal einen Weg gefunden, um das Märchen von der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich weitererzählen zu können. Mit Aussagen wie „steigende Polarisierung“, „die Spreizung hat zugenommen“ oder „nach der deutschen Wiedervereinigung ist die Schere weiter auseinander gegangen“ zimmert die DIW-Ökonomin Charlotte Bartels am vorgefertigten Narrativ.

So oft wie in den letzten Jahren allein das DIW im Wechsel mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband drastisch beschwor, dass die sogenannte Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklaffe, da müsste allein schon die bloße Anzahl der Verlautbarungen skeptisch machen. Da dürfte inzwischen nicht viel mehr als Massenelend übriggeblieben sein, wenn das immer so gestimmt hätte.

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Nun freilich, stimmen tut schon immer was. Der Lüge will ich hier tatsächlich niemanden bezichtigen. Es geht eher um mehr oder wenige kreative Ausschnittsbetrachtungen der Wahrheit. Oder um das confirmation bias – die menschliche Neigung zur selektiven Wahrnehmung von Bestätigungen der eigenen Meinung und dem Ausblenden von Widersprüchen.

Anders lässt es sich für mich nicht erklären, wenn jemand solche Ableitungen aus einer Einkommensuntersuchung zieht, bei der weder Steuern und Abgaben noch Transferleistungen berücksichtigt wurden. Was hat eine Untersuchung von Einkommen über 140 Jahre – oder auch nur von 1960 bis heute – für einen Wert, wenn alle Einkommen vor Steuern und Abgaben betrachtet werden, einzelne Einkommen (wie Renditen unterhalb des Sparerfreibetrags) überhaupt nicht vorkommen und Haushalte, die Transfereinkommen beziehen, mit Nulleinkommen eingehen.

Aus dieser Betrachtung vor Umverteilung lässt sich dann wohl korrekt der Titel „Einkommensverteilung in Deutschland: Spreizung der Bruttoeinkommen hat seit der Wiedervereinigung zugenommen“ für die Presse formulieren. Wer achtet da schon groß auf das Wörtchen „brutto“. Wie groß aber die Diskrepanz zum Netto ist, lässt sich beim DIW-Kollegen Stefan Liebig, Leiter des sozio-ökonomischen Panels, erahnen. Der hat für den Zeitraum ab den 90er Jahren dazu erst vor Kurzem gegenüber der FAZ festgehalten: „Im oberen Bereich beobachten wir Einkommensgewinne, im unteren auch, aber in der Mitte greift der Staat durch Einkommenssteuer und Sozialversicherungsabgaben besonders viel von den Gehaltserhöhungen ab.“ Das klingt so gar nicht nach aufgehender Schere.

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Und auch Bartels stellt in ihrem Fazit im DIW Wochenbericht 3/2018 – nicht in der Pressemitteilung – selbst fest: „Die verfügbaren Einkommen sind durch die Errungenschaften der sozialen Sicherung und Umverteilung gleichmäßiger verteilt. Die dieser Studie zugrundeliegenden Daten erlauben jedoch keine Aussagen, wie sehr die Niedrigverdiener nach ergänzenden staatlichen Transfers besser gestellt werden im Vergleich zu der besser verdienenden Hälfte der deutschen Bevölkerung. Vermutlich reichen aber die nur mäßig steigenden ALGII-Sätze nicht aus, diese Spreizung zu nivellieren.“

Allein schon, dass in dieser Aussage ganz nebenbei die Hälfte der Einkommensbezieher als „Niedrigverdiener“ abgekanzelt wird – wobei vom Einkommensniveau sowieso selbstredend nirgends groß die Rede ist –, zeigt welch Geistes Kind die Autorin ist. Dass die politische Forderung zuallerletzt – mehr Beteiligung der unteren Einkommensgruppen an den Unternehmensrenditen – dann nur auf einer Vermutung fußt, ist armselig.

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Kommentare ( 24 )

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Die kurze Formel ist, der Mittelstand kauft überteuerte Produkte von den Besitzern der Produktivkräfte, finanziert nebenher den Sozialstaat, (nicht nur für Harz4, sondern auch für Intendanten, und Politiker), die Eurorettung sowieso. Oder noch besser, Leistung lohnt sich nicht. Von 45 Arbeitsjahren schuftet man 25 für Steuern und Abgaben, erhält dafür eine Rente auf Sozialhilfeniveau.

Es wurde zwar schon verschiedentlich an dieser Stelle geschrieben, trotzdem:
Wanderten – in der Systematik diese Armutsbetrachtung –
Gates, Bezos, Buffet und Co. nach D. ein, würde sich die Zahl der ARMEN lt. der hier gemachten Definition ERHÖHEN. Weil das durchschnittliche Einkommen sich steigt. Sich folglich die Zahl derer die UNTER 50% des Durchnitts verdienen ERHÖHT. –
Schon dieses simple Beispiel zeigt wie irre tendenziös diese Art von Betrachtung ist.

Man SOLLTE bei einer solchen Betrachtung auch die zahlreichen (leistungslosen) und in den letzten Jahren stark zugenommenen Transferleistungen berücksichtigen. Nicht dass ich dafür – obwohl zumindest in einigen wenigen Fällen angebracht -herausragende Sympathie bekunden möchte. Aber zu einer „Wohlstandsbetrachtung“gehören sie dazu. –
PS:
Zu Transferleistungen gehören – sinngemäss – auch gewisse gesetzliche Regelungen wie z.B. nur Fortzahlung bei Krankheit etc.

Doch, die Schere gibt es schon:
die obere Klinge sind die wirklich Reichen und die gutdotierten Staatspfründner,
die untere die durch staatliche Alimentation Abgefederten.
Dazwischen klemmt der sogenannte Mittelstand und wird zerquetscht.
Aber so war die Scherenmetapher wohl nicht gemeint.

Man darf halt nicht vergessen wieviele Jobs mitlerweile die Armuts-Religions-Industrie geschaffen hat. Viele Leute leben davon täglich zu erklären dass alles immer schlimmer wird und geholfen werden muss. Würde man zugeben dass dies nur bedingt so ist, wären diese Jobs größtenteils obsolet. Wenn es nicht passt, wird eben die Relation nach oben gesucht. Stattdessen sollte eher gefragt werden kann man von arm oder Armut reden wenn man eine beiheizte Wohnung, Strom, und etwas Taschgeld hat? Ist das Leben eines Hartz4 Empfängers heute nicht auf dem Standard das die gute Mittelschicht vor 100 Jahren noch hatte? Für mich ist dies einfach… Mehr

Wenn Ihnen immer noch nicht aufgefallen ist dass diese Gesellschaft gespalten ist wie nie seit dem zweiten Weltkrieg, schauen Sie sich einfach in den Straßen einer Großstadt Ihrer Wahl um.

Und in dieses Land der Ärmsten der Armen ziehen Millionen von Menschen, die hier ein besseres Auskommen suchen. Wenn die wüssten!

Sehr guter Beitrag! Da wundert einen auch folgender Befund nicht: Ich habe neulich aus mehreren Jahrzehnten Umfragen in verschiedenen Ländern (USA, Deutschland etc.) gelesen: Die Menschen wurden gefragt, ob die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander gehe. In ALLEN Umfragen zu allen Zeiten, die ich gesehen haben, war eine große Mehrheit dieser Meinung. Wie Maas schreibt: Danach müsste die Schere ja inzwischen unendlich weit auseinander sein. Wichtiger noch: Das ist im Grunde gar nicht die Frage. Das Beispiel Chinas, wo tatsächlich die Ungleichheit massiv gewachsen ist und gleichzeitig Hunderte Millionen von der Armut in die Mittelschicht aufstiegen, zeigt, dass… Mehr

Wie wahr, lieber Herr Zitelmann, Ungleichheit lässt sich in der Betrachtung nicht trennen von den Chancen – die häufig just aus der Ungleichheit resultieren, siehe Familienunternehmer. Und ebenso wird ja stets das Niveau unterschlagen – was interessiert mich, dass ich weniger habe als andere, wenn ich selbst ein zufriedenstellendes Auskommen hab?

Das heißt also, dass für jemanden, der von Armut in die Mittelschicht aufsteigen möchte, dies nie einfacher war als aktuell?

„Das Beispiel Chinas, wo tatsächlich die Ungleichheit massiv gewachsen ist und gleichzeitig Hunderte Millionen von der Armut in die Mittelschicht aufstiegen, zeigt, dass die Frage der Ungleichheit gar nicht die entscheidende ist, wenn einen das Los der Armen wirklich interessiert:“

WENN es einen interessiert. Ich glaube, Charles Dickens hat gesagt: „Sozialisten haben kein Herz für Arme, sie hassen lediglich die Reichen.“

Von wem folgender Aphorismus stammt, weiß ich zwar gerade nicht, aber er stimmt auch, was Sozialisten einfach nicht wahrhaben wollen: „Ich habe noch nie von einem armen Mann einen Job bekommen.“

„Es geht eher um mehr oder wenige kreative Ausschnittsbetrachtungen der Wahrheit.“

Kann man dazu nicht auch den neuen hochoffiziellen Begriff „Alternative Fakten“ verwenden? Also das, was man schon immer gemacht hat um eine subjektive Meinung mit Fakten zu belegen?

Dies alles dient neben dem Schüren von Sozialneid auch der politischen Wegbereitung der Umverteilung: die ist dann nämlich keine Enteignung mehr (das erwirtschaftete Einkommen wird über Steuern und Abgaben vom Staat requiriert), sondern eine Tat der sozialen Gerechtigkeit. Gegen Enteignung wären vielleicht noch einige, aber „soziale Gerechtigkeit“ (was auch immer das bitteschön sein soll) ist ein Goldenes Kalb in unserem schönen, neuen und ach so erfrischend bunten Land. Eine Vokabel im zeitgenössischen „Neusprech“.