Annalena Baerbock verdient Fairness – der Realitätsschock kommt früh genug

Außenministerin Baerbock darf bei ihren ersten Auslandsreisen den glücklichen Moment jedes Idealisten beim Start und auf der ersten Etappe genießen. Solange nicht die Realität gnadenlos zuschlägt, lässt sich rhetorisch jeder Widerspruch und jeder Mangel an Logik verbrämen.

IMAGO / photothek
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock am 18. Januar 2022 in Moskau

Eine Erfolgsserie von Außenseitern, Exzentrikern und Dilettanten zieht sich wie ein roter Faden durch die Politik des freien Westens in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die politischen Karrieren von Silvio Berlusconi, Donald Trump oder Joschka Fischer, neue Parteien von Komödianten und Milliardären, linken und rechten Populisten mögen als Belege dafür herhalten. Auch Annalena Baerbock darf stolz darauf sein, mit einer ungewöhnlich kargen akademischen Ausbildung und ohne jede Erfahrung in der Arbeitswelt in eines der höchsten Staatsämter Deutschlands gelangt zu sein.

Visite in Moskau
Aufatmendes Rauschen im deutschen Blätterwald: Baerbock übersteht ihre Bewährungsprobe
Derzeit wollen Medien und Opposition betont fair mit der jungen Außenministerin umgehen; das gebietet schon die berühmte, durchaus sinnvolle 100-Tages-Frist, die jedem in einem neuen Amt vor einer Beurteilung zugestanden werden sollte. Wohl auch deshalb wurde Baerbock nach ihren Antrittsbesuchen in westlichen Hauptstädten und ihren Visiten in Kiew und Moskau vor allem mit Lob überschüttet. Viele Blätter schrieben von einem „souveränen Auftritt“ der Grünen-Politikerin, sie habe „die Feuerprobe“ bestanden. Gabor Steingart würdigte die Entschlossenheit Baerbocks, dem Kreml Moskau die Stirn zu bieten, mit der Aufgabe der Gas-Pipeline Nord Stream 2 zu drohen oder die Chinesen scharf wegen Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren.

Vielen schien es besonders wichtig, hervorzuheben, dass die neue Chefin im Auswärtigen Amt mit ihrem Anspruch einer „wertegeleiteten“ und „feministischen“ Außenpolitik ohne größere Pannen und Peinlichkeiten ihren frühen Parforceritt durch die Hauptstädte überstanden hat. Schließlich hatte die Grünen-Spitzenpolitikerin im Wahljahr 2021 vor allem mit eigenen Fehlleistungen zu ringen: Ihr Lebenslauf wurde als geschönt entlarvt, fragwürdige Einnahmen aus grünen Finanztöpfen mussten gerechtfertigt werden (noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft), ihr Buch wurde nach massiven Plagiatsvorwürfen vom Verlag zurückgezogen; ihre oft ungelenken, verkrampft wirkenden Auftritte und ihre rhetorischen Unzulänglichkeiten waren auch manchen Parteifreunden unangenehm. Die jüngsten Reisen zeigten, dass Baerbock – vermutlich mit professioneller Hilfe – an sich gearbeitet hat.

Auf der besonders heiklen Pressekonferenz in Moskau verschluckte sie nur selten Silben, ihr Ausrutscher mit „Fressefreiheit“ statt Pressefreiheit war diesmal eher untypisch, lediglich in der Fragerunde, ohne vorbereiteten Text, fiel sie zuweilen in enervierende „ähhs“ zwischen jedem neuen Gedanken oder auch Wort. Kaum jemand thematisierte ihre formalistischen und merkwürdigen Antworten auf die Frage nach den Sende-Problemen des russischen TV-Sender RT DE in Deutschland. In Deutschland gebe es keinerlei Einmischung in den Medienbereich, es gebe keinen staatlichen Rundfunk, weder einen deutschen noch einen anderen, betonte die Ministerin. Nichts anderes sind allerdings die Sender „Voice of America“, „Radio France“ oder auch die Deutsche Welle – und diese haben nicht die geringsten Probleme mit Funklizenzen in Deutschland.

Annalena Baerbock darf den glücklichen Moment jedes Idealisten beim Start und auf der ersten Etappe genießen. Solange nicht die Realität gnadenlos zuschlägt, lässt sich rhetorisch jeder Widerspruch und jeder Mangel an Logik vertreten und verbrämen, darf man munter Maximalforderungen stellen. Allerdings wird sich in Kiew ihr Amtskollege Dmytro Kuleba seinen Teil gedacht haben, als sie zwar jede Waffenlieferung an das akut bedrohte Land verweigerte, aber perspektivisch eine gemeinsame „Wasserstoff-Diplomatie“ vorschlug. Der höfliche russische Außenminister Sergej Lawrow musste die früheren Drohungen Baerbocks, die Gas-Pipeline Nord Stream 2 aufzugeben, kaum ernst nehmen, weiß er doch um die massive Unterstützung durch die Kanzler-Partei SPD in dieser Frage.

Und in Peking registrierte man aufmerksam, dass Firmenbosse wie VW-Chef Herbert Diess empört auf Erwägungen Baerbocks reagierten, Menschenrechtsverletzungen in China mit Handels-Sanktionen zu bestrafen. „Selten sah die Außenpolitik der Bundesrepublik dermaßen hilflos aus“, schreiben die Stuttgarter Nachrichten. Baerbock müsse eine Außenpolitik vertreten, „die so gern die Welt belehrt und in Moral-Kategorien redet, solange damit keine größeren Nachteile verbunden sind“.

Habeck hält seine Unfehlbarkeit für Vernunft
Die grüne Verdunkelungsgefahr
Kaum jemand spricht allerdings den Elefanten im Raum an: Das Auftreten Annalena Baerbocks bereitet vielen Unbehagen. Es stellt sich schon die Frage, ob jemand, der sich dermaßen um eine klare Sprache bemühen muss, jemand, dessen Körpersprache und Mimik so wenig Ruhe und Souveränität ausstrahlt, jemand, der sich nie intellektuell mit profundem Wissen und eigenen Ideen hervorgetan hat, jemand, der trotz Studiums in England ein fast erbärmliches Englisch spricht, wirklich prädestiniert ist, eine Mittelmacht wie Deutschland weltweit zu vertreten.

Im Jahr 2021 hat Baerbock mit dem Ausspielen der Frauenkarte ihrer Partei massiv geschadet. Mit der Durchsetzung ihrer Kanzler-Kandidatur gegen den populäreren und erfahreneren Robert Habeck hat sie vermutlich die große Chance der Grünen verspielt, erstmals ins Kanzleramt einzuziehen. Nun, als Außenministerin, wären es aber nicht die Grünen, die die Schwächen und Überforderung dieser ehrgeizigen Frau ausbaden müssten – diesmal stehen Interessen, Standing und Ansehen Deutschlands auf dem Spiel.

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Kommentare ( 116 )

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Endlich Frei
3 Monate her

Apropos Baerbock und Englisch: Durchaus verständlich sind Sätze wie „we have to invest more in the European Budget“.

Deutscher
3 Monate her

Realitätsschock? Baerbock ist gegen Realitäten aller Art immun.

AnSi
3 Monate her

Auf der besonders heiklen Pressekonferenz in Moskau verschluckte sie nur selten Silben, …“ also da habe ich etwas anderes gehört und gesehen. Da war doch kaum Einsatz fehlerfrei. Viele, viele Worte verdreht. Selbst in dem Satz mit der Fressefreiheit sprach sie von einer „keinlichen staatlichen Einmischung“. Was soll das sein? Hat sie ein „l“ vergessen? Meint sie tatsächlich „kleinlich“ oder wollte sie sagen wir haben „keine staatliche Einmischung“? Sie sehen, sie hat sehr wohl nichts auf die Reihe bekommen.
Davon mal abgesehen, wer so mäßig englisch spricht, obwohl angeblich im Ausland studiert… Also nein, KEIN Mitleid und KEINE Fairness!

Nibelung
3 Monate her

Artenschutz genießt jeder, wenn er gerade angefangen hat und die Wirklichkeit wird sie noch einholen und sie wird erkennen müssen, welche Rolle Deutschland zu spielen hat und da bleibt kein großer Freiraum mehr für Gedanken, weder bei jenen, die uns beherrschen, noch bei jenen die nicht beherrscht werden wollen und das wird für sie zum Spießrutenlauf der Kräfte, denn Außenpolitik kann man betreiben, wenn man sich nicht in Abhängigkeit befindet, ansonsten ist es der vergleichbare Lauf an der Leine, wo man auch mal bellen darf, ansonsten aber so geführt wird, wie es das US-Herrchen braucht.

Ralf Poehling
3 Monate her

Einspruch. Ich bin der letzte, der die Grünen verteidigt. Aber Baerbock muss man eins zugestehen: Sie teilt auf der politischen Weltbühne ordentlich aus. Die Keule in Richtung China, gegen die Interessen der eigenen Wirtschaft, war gut. Richtig gut. Die Wirtschaft hat zuvorderst das Interesse, kurzfristig Geld zu verdienen. Und wenn sie die eigene Existenzgrundlage dabei mitverscherbelt, ist ihr das wohl vollkommen egal, da Wirtschaftsbosse anscheinend derzeit nur von heute bis morgen denken können. Oder wollen. Darauf darf man derzeit keine Rücksicht nehmen. China ist nicht nur kurzfristiger Handelspartner, sondern langfristig unser größter Konkurrent auf dem Weltmarkt, der seine Position nicht… Mehr

Nibelung
3 Monate her
Antworten an  Ralf Poehling

Und wer hat die Chinesen über Gier zu dem gemacht was sie heute sind und das Kalkül von Deng Xia Ping ist aufgegangen, das Land durch Hilfe des Westens zu Großmacht zu machen und das alles innerhalb von 40 Jahren, was von einigen schon geweissagt wurde, als ich es selbst vor Ort noch nicht glauben wollte, weil die Anfangsphase nicht annähernd erkennen ließ, daß sie sich so entwickeln werden. Konkurrent ist noch die harmlose Beschreibung, die sind mittlerweile Leader auf wesentlichen Geschäftsfeldern, während wir nun über ihre Rosinenpickerei aufgekauft werden und sie uns damit jede weitere Grundlage nehmen um im… Mehr

Ralf Poehling
3 Monate her
Antworten an  Nibelung

Ich weiß das alles. Nur hat es bisher bei uns niemand wirklich ernsthaft kritisiert. Das kam nur unter Trump aus den USA. Ich habe beruflich mit etlichen Chinesen zu tun gehabt. Die sprachen alle perfekt deutsch, haben alle irgendwo in unserem Mittelstand als Ingenieure oder in vergleichbaren Positionen gearbeitet und hatten mit Sicherheit alle immer einen USB Stick in der Tasche. Nicht wenige sind beim Abzapfen von Firmengeheimnissen dann ja auch erwischt worden. Während ich das so beobachtet habe, beklagte sich unser Mittelstand derweil mal so ein bisschen, dass die Chinesen andauernd exakte Kopien unserer deutschen Produkte unter chinesischem Markennamen… Mehr

Michael M.
3 Monate her
Antworten an  Ralf Poehling

Die Chinesen zittern bestimmt schon vor Angst. Dass wir jahrelang ganz bewusst freiwillig die Technologien und oder die Produktionsstätten nach China verlagert haben scheint Ihnen auch entgangen zu sein. Für China ist Deutschland schon lange kein Konkurrent mehr, denn wenn China Ernst macht, dann geht bei uns binnen ein paar Wochen das Licht aus (Chipversorgung, Magnesium, seltene Erden etc.).
Glauben Sie ernsthaft, dass die Chinesen die Dame mit ihren hohlen Phrasen Ernst nehmen?! Genauso wir der Kollege Lawrow, der lacht doch nur über unsere (Ouoten)Frau ohne jedweden Abschluss.

Last edited 3 Monate her by Michael M.
Ralf Poehling
3 Monate her
Antworten an  Michael M.

Das ist mir alles nicht entgangen. Siehe Kommentar hier drüber an Nibelung. Aber in Deutschland bekommt bei dem Thema ja keiner den Mund auf. Das hat bisher nur Trump in den USA gemacht. Und das habe ich befürwortet. Soll ich etwas nun bei Baerbock kritisieren, was ich bei Trump befürworte, nur weil es von Baerbock kommt? Damit würde ich mich politisch als vollkommen unglaubwürdig darstellen und mich nicht als Realpolitiker, sondern als Karrierist outen. Und das bin ich nicht. Mir geht es um die Sache und um dieses Land. Wenn etwas richtig und gut für dieses Land ist, dann ist… Mehr

Michael M.
3 Monate her
Antworten an  Ralf Poehling

Grundsätzlich stimme ich Ihnen da ja sogar zu, allerdings fabuliert eine Baerbock doch über Menschen- bzw. Grundrechtsthemen und CO2-Kasperletheater und eben genau nicht über Technologietransfer bzw. Know-How-Diebstahl.
Von solchen Themen hat die (Quoten)Frau doch nicht einen Hauch von Ahnung und zudem sind ihr auch solche Themen völlig egal. Sie bedient doch nur einzig und allein die eigenen Ideologie und ihre grünen Klimajünger. Richtig und gut für unser Land ist dabei rein gar nichts !!!

DW
3 Monate her

Da Annalena selbst auch niemandem, der ihrer und ihrer Partei Bevormundung widersetzt, Fairness zugesteht, muss auch ihr keine zuteil werden.

Hoffnungslos
3 Monate her

Eine Idealistin auf Karrieretrip, die ihren Lebenslauf mehrfach überarbeiten musste und unbedingt Kanzlerkandidatin sein wollte? Statt Prinzessin heute Kanzlerkandidatin, oder mindestens Außenministerin vom Völkerrecht kommend, ganz idealistisch.

Britsch
3 Monate her
Antworten an  Hoffnungslos

Idealistin ?
Siehe Ermittlungen gegen Sie
Da ist natürlich gar nichts dran an unrechtsmäßiger Selbstbedienung
Kommt halt drauf an wer etwas macht.
Wenn 2 das Gleiche machen ist das dann noch lange nicht gleich?

thinkSelf
3 Monate her

Das Ansehen steht nicht auf dem Spiel, das ist schon lange weg. Ich habe seit Jahrzehnten enge Kontakte mit Asiaten, insbesondere Chinesen. Während für Chinesen war Deutschland vor 30 Jahren ein absolutes Vorbild (gebildete Chinesen haben häufig deutlich mehr Wissen über deutsche Kultur und Geschichte als der Durchschnittsdepp der heute diese Gegend bewohnt) . Inzwischen ist dieses Ansehen praktisch völlig verschwunden.

Selbst die Führung kann das nutzen. Wenn da einer nach westlicher Freiheit verlangt, zeigen die heute einfach auf die USA und Deutschland mit der Aussage: „Da seht ihr wo das endet.“

Und das verfängt.

a.bayer
3 Monate her

Ich versuche es mal mit „Fairness“: Die Regierungs-Dame, die sich derzeit am lautesten um das größtmögliche Unheil bemüht, ist Frau Faeser, nicht Frau Baerbock.

country boy
3 Monate her
Antworten an  a.bayer

Warum werden die Maßnahmen Faesers nicht einmal in einer Talkshow der von uns bezahlten Sendeanstalten kontrovers diskutiert? Das wäre wohl schon zu viel Demokratie.

a.bayer
3 Monate her
Antworten an  country boy

Ich glaube, Frau Faeser segelt im Windschatten der Debatte um die Impfpflicht; da ist im Moment vieles möglich.

Last edited 3 Monate her by a.bayer
a.bayer
3 Monate her
Antworten an  country boy

Sie segelt im Windschatten der Impfpflicht-Debatte. Da ist momentan vieles möglich.

Kassandra
3 Monate her
Antworten an  a.bayer

Baerbock wird von außen eingehegt – in dem Fall wird Lawrow verdeutlicht haben, was geht und was nicht.
Faeser im Inneren hingegen läuft inmitten von Mitläufern bis weit in die Opposition – da ist nix, was sie aufhält. Nicht mal der Gedanke an ein „danach“.

Hueckfried69
3 Monate her

Fairness, na klar! Andererseits: Aussenpolitik ist keine paralympische Disziplin!

Last edited 3 Monate her by Hueckfried69