CDU und CSU üben sich in friedlicher Koexistenz

Merkels Nachfolgerin an der Spitze der CDU und der neue CSU-Vorsitzende Markus Söder bemühen sich demonstrativ um Entspannung, haben 2019 unionsintern zum „Jahr der Zusammenarbeit“ (Söder) ausgerufen.

John MacDougall/AFP/Getty Images

Bei den Schwesterparteien ging es schon immer zu wie in ganz normalen Familien: mal lieben sie sich, mal zoffen sie sich lautstark. Beim Unionskrach vom vergangenen Sommer haben beide Parteien „in den Abgrund“ geschaut, wie die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer es formuliert. Aber bei den erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Franz Josef Strauß und Helmut Kohl in den 1970er- und 1980er-Jahren war man dem Abgrund noch näher gewesen.

Jetzt soll alles besser werden. Merkels Nachfolgerin an der Spitze der CDU und der neue CSU-Vorsitzende Markus Söder bemühen sich demonstrativ um Entspannung, haben 2019 unionsintern zum „Jahr der Zusammenarbeit“ (Söder) ausgerufen. So gab es zu Beginn der Woche zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder eine Schaltkonferenz zwischen den Parteispitzen in München und Berlin. Was bis zum großen Krach in der Flüchtlingskrise gang und gäbe war, soll jetzt wieder regelmäßig stattfinden.

Die Deutschen, insbesondere die konservativen unter ihnen, sind bekanntlich konsenssüchtig. Sie beobachten schon normale politische Kontroversen skeptisch. Umso weniger hatten potentielle Unionswähler Verständnis für den „Schwesterkrieg“ im vergangenen Sommer, was sich in den Umfragezahlen und Wahlergebnissen niederschlug. Eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen beiden Unionsparteien liegt schon deshalb im Interesse beider Seiten.

Allerdings werden sich die weiß-blauen „Schwarzen“ auch künftig nicht so verhalten, als wären sie der 16. Landesverband der CDU. Eigenständigkeit gehören ebenso zur CSU-DNA wie eine konservative Ausrichtung und der Kampf mit harten Bandagen. So war es bezeichnend, dass Söder jetzt nach einem Treffen mit Kramp-Karrenbauer in Berlin betonte, es sei „sehr, sehr gut, dass die CDU ihre konservative Seele wiederentdeckt“ habe. Zur Erinnerung: Im Februar vergangenen Jahres hatte CDU-Vize Armin Laschet den Konservativen in der CDU vorgehalten, der „Markenkern“ der CDU sei „eben nicht das Konservative.“ Die sich bald darauf formierende „Union der Mitte“, eine Ansammlung von 100prozentigen Befürwortern des Merkel-Kurses in der CDU, rückte die eigenen konservativen Parteifreunde sogar an den ganz rechten Rand und feierte damals jeden schlechten Umfragewert der „konservativen CSU“ fast wie einen Sieg.

Jetzt hat Söder die „drei grundlegenden Säulen“ der Volkparteien CSU so definiert: „konservativ, liberal, aber auch sozial“. Das weicht nicht zufällig von der üblichen Bezeichnung der CDU als „christlich-sozial, liberal und konservativ“ ab. Bei Söder und der CSU steht das Konservative an erster Stelle. Das war faktisch schon immer so, gewinnt jedoch in der Auseinandersetzung mit der AfD zusätzlich an Bedeutung. Schließlich gilt es den Teil der AfD-Wähler zurückzugewinnen, die noch nicht von völkischem und rechtsradikalem Gedankengut infiziert sind.

Bei allen Bemühungen der Unionsparteien um eine friedliche Koexistenz untereinander werden sich Spannungen künftig nicht vermeiden lassen. Schließlich handelt es sich um zwei eigenständige Parteien mit teilweise unterschiedlicher Programmatik und jeweils eigenem Stil. Das muss aber kein Nachteil sein, im Gegenteil. Eine eher konservative, in der Bundespolitik einflussreiche CSU, kann solche Wähler außerhalb Bayerns an die Union binden, denen die CDU zu sozialdemokratisch geworden ist. Dieses Kalkül ist bei der letzten Bundestagswahl nicht mehr aufgegangen, weil beim Thema Flüchtlinge die Menschen zu Recht den Eindruck gewonnen hatten, die CSU habe – allen markigen Worten zum Trotz – Merkels Willkommens-Politik doch nicht verhindern können. Viele von Merkel enttäuschte Wähler haben dann ihr Kreuz bei der AfD gemacht, weil sie nicht mehr auf die korrigierende Kraft der CSU bauen konnten. Dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik unter dem Druck der CSU und aus der eigenen Partei im Laufe der Zeit deutlich geändert hat, verblasste hinter dem „Kontrollverlust“ von 2015/2016.
CDU und CSU haben in der Vergangenheit meistens voneinander profitiert. Das gut regierte und in vielerlei Hinsicht erfolgreiche Bayern diente als Modell für eine Politik der Marke „Union pur“. Umgekehrt konnte und kann die CSU im Bund nur so viel für Bayern herausholen, weil sie eben zusammen mit der CDU fast ununterbrochen die stärkste Fraktion stellt. Wie es außerhalb Bayerns Unionswähler gab und gibt, die bei der CDU wegen der CSU machen, so finden sich in Bayern nicht wenige Wähler, die die CSU wegen der CDU wählen.

Kramp-Karrenbauer und Söder sind beide erst seit kurzem in ihren Ämtern. Beide stehen vor großen Herausforderungen, müssen unter anderem versuchen, an die AfD wie an die Grünen verlorene Wähler zurückzugewinnen. Bis zur Europawahl am 26. Mai und den am gleichen Tag stattfindenden Kommunalwahlen in zehn Ländern wird die neue geschwisterliche Harmonie wohl anhalten. Wie‘s dann weitergeht, hängt nicht zuletzt von den Wahlergebnissen ab. Die Messlatte liegt bei den 35,4 Prozent von 2014. Das galt damals als mäßiges Ergebnis; heute würden CDU und CSU es feiern.

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Kommentare ( 40 )

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Also ganz ehrlich – egal welches Foto da von Mitgliedern der Altparteien veröffentlicht wird: Ich kann sie nicht mehr sehen. Da krieg ich bestenfalls nur Pickel, meistens aber Magenbeschwerden.

So gegen 1966 kam ich aufs Gymansium, HMV war schon fast zehn Jahre weiter. Damals wurde Ludwig Erhard abgesägt, welcher zum Maßhalten aufgerufen hatte. Konrad Adenauer hatte drei Jahre vorher die gesitig-moralische Wende gefordert. Papperlapapp, sprach die SPD, was kostet die Welt. AKK war da gerade in der Trotzphase und der Markus Söder noch gar nicht geboren. Das Wichtigste haben die beiden verpasst, die Aufbauphase. 1966 ging es uns am besten und davon zehren wir heute noch. Doch der Schein trügt: im Boden der glitzernden Kommandobrücke ist irgendwo eine Geheimtür. Von dort geht es steil die Feuerleiter nach unten in… Mehr

Ein erneutes Theaterstück der CDU/CSU um Leichtgläubige einzufangen war das Spielchen mit Seehofer vor der bayrischen Landtagswahl, ebenso nur umgekehrt soll es den harmoniebedürftigen CDU Wählern so angenehm wie möglich gemacht werden. Parteinahe wie Sie Herr Müller-Vogg, spielen dabei die Einschlafmusik. Aus dem Kontext liest sich das alle einem radikalem Gedankengut verfallen sind wenn sie der AfD treu bleiben. Diesbezüglich mal zur Abwechslung eine ganz direkte Frage an Sie – Wie radikal sind Sie eigentlich?

Es wird der Union wenig oder sogar garnichts nutzen jetzt wieder auf einig zu machen,wer ihnen den Rücken gekehrt hat der kommt nicht zurück,oder hat die SPD ihre an die Grünen und die Linke verlorenen Wähler mit noch soviel Zucker in der Arsch blasen zurück bekommen?? Die CDU ist auf dem besten Weg der SPD nachzueifern,die CSU kann sich auch nicht mehr auf ihre Mia san Mia Mentalität verlassen,denen laufen die Wähler zu den Grünen und der AfD davon. Das einzige was hätte helfen können wäre ein Königsopfer gewesen,aber dazu gibt es zu viele Merkelisten in der CDU die ohne… Mehr

„Dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik unter dem Druck der CSU und aus der eigenen Partei im Laufe der Zeit deutlich geändert hat, verblasste hinter dem „Kontrollverlust“ von 2015/2016.“

Ich weiß nicht, ob ich bei solchen Sätzen lachen oder weinen soll….

Die CSU hat in der Migrationskrise 0 Druck auf Murksel ausgeübt und stttdessen nur rumgezetert, von einem Druck innerhalb(!) der CDU mal ganz zu schweigen.
Wenn überhaupt hat das Anwachsen der AFD etwas geholfen, aber an M**els völlig falschem Kurs in dieser Angelegenheit hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert!!!!!!!

Mich erstaunt, wie sehr HMV davon ausgeht, die Union könne Wähler von der AfD zurückgewinnen. Dazu müsse sie nur Annegret Kramp-Karrenbauer auch als Kanzlerin installieren (kommt wohl im Herbst dieses Jahres) und 50 Afghanen mehr pro Monat abschieben. Glaubt der altgediente FAZ-Journalist das wirklich? Unterstellen wir, dass HMV nicht links ist, erst recht nicht grün, liberal nur bei der Wirtschaft, aber gütig zu Hause in alten Westdeutschland zwischen Karlspreis und der Männerfreundschaft Kohl-Mitterand, so verwundert sein unjournalistischer, wunschbehafteter Blick auf die AfD. Als Journalist würde er feststellen, dass es dort überhaupt keine Wähler gibt, die die Union zurückgewinnen könnte. Dass… Mehr

IhreAnalyse trifft auf mich zu. Ich werde nie wieder CDU und/oder FDP wählen. Das Sündenregister ist einfach zu lang geworden und ich weiß, ich habe von beiden nichts zu erwarten.

Da gehe ich voll konform.

Was ist eigentlich immer mit diesem Begriff „völkisch“ gemeint?
Etwa die verpflichtende Inschrift über dem Reichstag „Dem Deutschen Volke“?
Oder vielleicht der Amtseid der Politiker „… dem Deutschen Volke zu dienen und Schaden von ihm zu wenden …“?
Oder geht es dabei um das Deutsche Volk gemäß Grundgesetz?
Könnte sein, oder?

Danke für den Link, liebe Redaktion, wenngleich die dortigen Ausführungen mit den gegenseitigen Ideologievorwürfen eher Verwirrung als Klärung stiften. Ich persönlich bleibe dabei: Der Begriff „Volk“ und damit auch dessen Adjektiv „völkisch“ ist weder etwas Romantisches oder Pseudo-Religiöses noch etwas Despektierliches oder gar Gefährliches, sondern sie sind zu allererst einmal nützliche Termini Technici, zum einen für die Beschreibung von Menschen mit der gleichen Staatsangehörigkeit sowie zum anderen zur Beschreibung von Menschen mit dem gleichen kulturellen und abstammungsmässigen Hintergrund. Der Rest der Welt schüttelt den Kopf über unsere früh-scholastischen Political-Correctness-Diskussionen, ob die Substantiv-Form eines Wortes etwas Gutes sein kann, auf das… Mehr
„Dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik unter dem Druck der CSU und aus der eigenen Partei im Laufe der Zeit deutlich geändert hat, verblasste hinter dem „Kontrollverlust“ von 2015/2016.“ —> Wo hat Herr Müller-Vogg denn diese Erkenntnis her? Zwei TE-Artikel der jüngsten Zeit sprechen eine klare Sprache dagegen. Insgesamt vermittelt der Artikel den Eindruck, dass der Autor die Versöhnung zwischen CDU und CSU regelrecht herbeibetet, obwohl bisher nichts anderes passiert ist, als politische Wohlfüligkeit in die Welt zu schleudern. Draußen läuft einstweilen alles weiter wie bisher. Herr Müller-Vogg scheint auch dem von ihm beschriebenen Lager der harmoniesüchtigen Konservativen anzugehören. Nur: Mit einer… Mehr

Nichts gegen Müller-Vogg. Der hat seine Meinung, ich die meine. Aber was er so zum Besten gibt, unterirdisch.

„Dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik unter dem Druck der CSU und aus der eigenen Partei im Laufe der Zeit deutlich geändert hat, verblasste hinter dem „Kontrollverlust“ von 2015/2016.“ Hier wird verschwiegen, dass es eine Kraft gab, die Druck auf die CSU ausübte, was dann dazu führte, dass diese wiederum Druck auf Merkel ausübte: die AfD. Hätte es diese Partei nicht gegeben und hätten nicht viele Deutsche trotz der unablässigen Hasspropaganda der Leitmedien die AfD gewählt, wäre unser Land wohl mittlerweile im Chaos versunken. Der Druck, den die CDU auf Merkel ausübte, war an den begeisterten Ovationen und dem nicht enden wollenden… Mehr

Ein gewisses schauspielerisches Showtalent kann man den beiden nicht abstreiten. Abzuwarten ist wie viele sich davon einlullen lassen. Zu hoffen ist, dass mit den 2019er Wahlen diesem Komödienstadl ein „Derblecken“ (für den Söder), und ein Showdown (für die Kramp-Karrenbauer) auf ihr „Isch bin di Hauptscheffin“ widerfährt.