Nach Wahlniederlagen werden Vorsitzende ausgetauscht, Programme überarbeitet und Neuanfänge verkündet. Diejenigen sollen die Organisation grundlegend ändern, die genau in dieser erfolgreich geworden sind. Das ist das Münchhausen-Problem etablierter Parteien. Von Heinz Bannasch
picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
CDU, SPD und FDP sprechen nach Niederlagen regelmäßig von Erneuerung. Können Organisationen, deren Führungskräfte im bestehenden System erfolgreich sind, das System grundlegend verändern? Wirtschaftsgeschichte zeigt, wirklich Neues kam häufig nicht aus etablierten Unternehmen, sondern von außen – manchmal buchstäblich aus der Garage.
Baron Münchhausen zog sich der Legende nach am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Eine wunderbare Geschichte – nur physikalisch unmöglich.
In der Politik wird Ähnliches regelmäßig versucht. Nach Wahlniederlagen werden Vorsitzende ausgetauscht, Programme überarbeitet und Neuanfänge verkündet. Doch am Ende sollen meist diejenigen eine Organisation grundlegend verändern, die innerhalb genau dieser Organisation erfolgreich geworden sind.
Darin liegt das Münchhausen-Problem der etablierten Parteien.
Die Erfolgreichen wollen selten alles verändern
Wer über Ortsverband, Kreisverband und Landesliste bis zum Abgeordneten, Minister oder Parteivorsitzenden aufgestiegen ist, hat gelernt, wie das bestehende System funktioniert. Seine eigene Karriere scheint ihm zu bestätigen, dass es funktioniert.
Warum sollte ausgerechnet er die Strukturen grundsätzlich infrage stellen, denen er seinen Erfolg verdankt?
Wer innerhalb eines Systems erfolgreich ist, will es gewöhnlich verbessern – aber selten grundsätzlich verändern. Reform bedeutet deshalb häufig neue Köpfe, neue Slogans und neue Programme, im Kern aber ein modernisiertes Weiter-so.
Die Wirtschaftsgeschichte kennt hierzu genügend Beispiele.
Von Olympia bis Agfa
Olympia baute hervorragende Schreibmaschinen, Dual hervorragende Plattenspieler und Uher hochwertige Tonbandgeräte. Agfa verfügte über enormes Wissen in Fotochemie und Film, Grundig gehörte zu den großen Namen der Unterhaltungselektronik. Quelle beherrschte jahrzehntelang den Versandhandel.
Trotzdem verloren diese Unternehmen ihre frühere Bedeutung oder verschwanden völlig vom Markt.
Natürlich hatte jedes seine eigene Geschichte. Managementfehler, Kosten, internationale Konkurrenz und technologische Umbrüche spielten unterschiedliche Rollen. Der gemeinsame Nenner ist dennoch bemerkenswert:
Es genügt nicht, das bestehende Produkt immer weiter zu perfektionieren, wenn sich der Markt selbst verändert.
Olympia konnte bessere Schreibmaschinen bauen – die Kunden wechselten zum Computer. Agfa konnte den Rollfilm verbessern – die Fotografie wurde digital. Quelle konnte den Versandkatalog perfektionieren – der Handel wanderte ins Internet.
Brockhaus gegen Wikipedia
Kaum ein Beispiel zeigt den Unterschied deutlicher als Brockhaus.
Über zwei Jahrhunderte stand der Name für enzyklopädisches Wissen. Dann entstand 2001 Wikipedia.
Wikipedia versuchte nicht, den besseren Brockhaus zu drucken. Es veränderte das Prinzip: online statt Bücherregal, laufende Aktualisierung statt jahrelanger Editionszyklen, freie Nutzung statt teurer Lexikonbände.
Brockhaus wurde nicht von einem besseren Brockhaus versdrängt, sondern von einem völlig anderen Modell.
Das Neue entstand außerhalb des Alten.
Die Macht der Garagenfirma
Der Personal Computer kam nicht aus der Schreibmaschinenindustrie. Das Onlinekaufhaus der Zukunft hieß nicht Quelle. Wikipedia entstand nicht in der Brockhaus-Redaktion.
Dafür steht das Sinnbild der Garagenfirma.
Der Außenseiter besitzt zunächst wenig Kapital, wenig Personal und wenig Einfluss. Aber er muss auch keine alten Fabriken auslasten, keine traditionellen Vertriebswege verteidigen und keine über Jahrzehnte gewachsenen Hierarchien berücksichtigen.
Er hat wenig zu verlieren – und kann deshalb etwas grundsätzlich Neues versuchen.
Die AfD als politische Garagenfirma
Parteien sind keine Unternehmen und Wähler keine Kunden. Als Organisationsvergleich ist die Metapher dennoch interessant.
Die AfD wurde 2013 gegründet und scheiterte bei ihrer ersten Bundestagswahl mit 4,7 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. 2025 erreichte sie bereits 20,8 Prozent der Zweitstimmen.
Aktuelle Bundesumfragen vom September 2026 sehen sie bei 27 bis 30 Prozent; INSA maß zuletzt 29 Prozent gegenüber 20 Prozent für CDU/CSU.
Noch deutlicher sind die jüngsten Landtagswahlen: In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD 43,8 Prozent, die CDU 17,2 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern kam die AfD auf 38,2 Prozent, während die CDU mit 4,9 Prozent den Einzug in den Landtag verfehlte.
Damit passt das Bild der politischen Garagenfirma: Die AfD musste die alten Parteien nicht von innen reformieren. Sie entstand außerhalb ihrer Strukturen und gewann innerhalb von dreizehn Jahren erhebliche Anteile im politischen Wettbewerb.
Was ist, wenn die Wähler es längst verstanden haben?
Nach Wahlniederlagen hört man von etablierten Parteien immer wieder, sie müssten ihre Politik den Bürgern „besser erklären“.
Vielleicht liegt genau darin der Denkfehler.
- Olympia musste den Menschen die Schreibmaschine nicht besser erklären. Die Menschen wollten irgendwann einen Computer.
- Agfa musste den Rollfilm nicht besser erklären. Die Menschen wollten digital fotografieren.
- Quelle musste den Versandkatalog nicht besser erklären. Die Menschen kauften zunehmend im Internet.
- Und Brockhaus musste das Lexikon nicht besser erklären. Die Menschen nutzten Wikipedia.
Das Problem war nicht mangelnde Kommunikation. Das Angebot traf auf eine veränderte Nachfrage.
Genau deshalb sollten sich auch CDU, SPD und FDP nach Wahlniederlagen eine unbequemere Frage stellen. Nicht:
Wie können wir unsere Politik besser erklären?
Sondern:
Was ist, wenn die Wähler unsere Politik längst verstanden haben – aber eine andere wollen?
Dann helfen neue Kommunikationsstrategien und neue Slogans wenig. Dann geht es um Inhalte und Strukturen.
Und genau hier beginnt das Münchhausen-Problem: Über grundlegende Veränderungen sollen diejenigen entscheiden, die im bestehenden System erfolgreich geworden sind.
Eine bessere Schreibmaschine reicht nicht
Die Geschichte etablierter Organisationen enthält eine unbequeme Erkenntnis:
Sie können hervorragend darin werden, das Bestehende zu optimieren, während das Neue außerhalb ihrer eigenen Strukturen entsteht.
Die AfD musste CDU, SPD oder FDP nicht reformieren. Sie entstand außerhalb davon – wie eine politische Garagenfirma.
Olympia entwickelte nicht den PC. Quelle wurde nicht zum Internetkaufhaus. Brockhaus wurde nicht zu Wikipedia.
Das Neue entstand außerhalb des Alten.
Damit bleibt für die etablierten Parteien die Münchhausen-Frage:
Können diejenigen, die durch das bestehende System erfolgreich geworden sind, dieses System grundlegend verändern?
Oder versuchen sie am Ende doch, sich am eigenen Zopf aus der Grube zu ziehen?
Denn man kann eine Schreibmaschine noch so gut erklären – sie wird dadurch nicht zum Computer.
Quellenhinweis: Wahlergebnisse: Bundeswahlleiterin sowie amtliche Landeswahlergebnisse; Bundesumfragen: veröffentlichte Erhebungen, Stand September 2026. Umfragen sind Momentaufnahmen.
Heinz Bannasch ist Physikingenieur und ehemaliger Industrie-Manager – u.a. als Prokurist bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH und verbundenen Unternehmen im Rüstungs- und Pyrotechnikbereich. Er unterstützt weiterhin technisch Projekte in diesem Umfeld (z. B. Radar- und Täuschkörpersysteme).

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