Wie wird aus einer Demokratie eine Diktatur? Klaus-Rüdiger Mai zeigt in "Der kurze Sommer der Freiheit" am Beispiel der frühen DDR, wie schleichend Freiheit verloren gehen kann – und warum diese Geschichte bis heute beunruhigend aktuell ist.
Geschichte ist wichtig. Man kann aus ihr lernen. Ist das so? Ob Menschen und Gesellschaften tatsächlich aus der Geschichte lernen, ist unsicher. Versuchen kann man es ja trotzdem. Angesichts der aktuellen Bedrohungen für die Freiheit in Deutschland, sprechen manche schon von einer „DDR 2.0“. Vielleicht ist das noch übertrieben. Aber dahinter steht bei vielen, die die DDR aus eigener Erfahrung kennen, das ungute Gefühl: „Alles schon mal dagewesen.“ Das ist nicht abwegig, man muss es ernstnehmen – und deshalb ist es eine gute Idee, das Buch von Klaus-Rüdiger Mai über den kurzen Sommer der Freiheit in der DDR zu lesen. Der renommierte Historiker will zeigen, wie aus der DDR eine Diktatur wurde.
„Der kurze Sommer der Freiheit“
Nach dem Ende des Naziregimes beginnt der „kurze Sommer der Freiheit“ im Osten Deutschlands. Vor allem junge Menschen hoffen auf eine freie und demokratische Gesellschaft. Dass hier die sowjetischen Besatzer die Macht haben, hält sie nicht auf. Viele sehen in dem neuen Staat die Möglichkeit einer neuen, gerechten Zukunft. Sie vertrauen auf den „Staat mit Utopieüberschuss“, der gerade im Entstehen ist. Die Entwicklung geht aber in die andere Richtung. Die Kommunisten begannen zielgerichtet, die Macht zu übernehmen.
Eine wichtige Erkenntnis aus dem Buch: Die Machtübernahme geschah nicht offen und militärisch. Die sowjetischen Panzer brauchte man nicht, nur einmal am 17. Juni 1953. Die Machtergreifung ging leise, subtil, schleichend vor sich. Institutionen wurden nicht abgeschafft, sie wurden unterwandert, entkernt und gleichgeschaltet. Den Marsch durch die Institutionen haben nicht erst die Achtundsechziger erfunden. Bürgerliche Parteien wurden zugelassen, aber infiltriert und gleichgeschaltet. Ähnlich war es mit den demokratischen Wahlen. Selbstverständlich fanden sie statt, aber sie wurden manipuliert, so dass die von der SED gewünschten Ergebnisse herauskamen. Das entsprach der Maxime, die Walter Ulbricht 1945 zugeschrieben wird: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten.“
Nicht selten sind Schicksale wie das von Luise Langendorf, einer jungen Journalistin und Geschichtsstudentin an der Uni Leipzig. Sie ist voller Hoffnung auf den demokratischen Neuanfang. Im Frühjahr 1946 tritt sie der CDU bei und wird Pressesprecherin der Leipziger CDU. Im Spätsommer 1947 verschwindet sie spurlos. Ihre Angehörigen hören nichts mehr von ihr. Keine Dienststelle erteilt irgendeine Auskunft. Das gehört zum alltäglichen Terror des Staates gegen seine Bürger, schreibt Mai. Sie wird als angebliche Spionin auf der Grundlage von Denunziationen und falschen Zeugenaussagen zu 25 Jahren Haft verurteilt. Ihr wirkliches „Verbrechen“: Sie hatte sich politisch engagiert und für eine freie Gesellschaft gesprochen und geschrieben.
„Die Belter-Gruppe“
Im Mittelpunkt des Buches steht die Geschichte der „Belter-Gruppe“ in den Gründungsjahren der DDR. Das ist eine Gruppe junger Studenten, die sich um den Leipziger Volkswirtschaftsstudenten Helmut Belter gebildet hatte. Sie sind jung, lebenslustig und gierig auf Freiheit. Dass sie mit dem immer rigider werdenden System in Konflikt geraten, ist nahezu unvermeidlich. Sie knüpfen Kontakte in den Westen und schmuggeln westliche Bücher und Zeitungen in die DDR. Im Vorfeld der manipulierten Volkskammerwahlen vom Oktober 1950 kleben sie kritische Flugblätter an Litfaßsäulen und legen Handzettel aus. Sie werden erwischt, verhaftet, gefoltert, von einem sowjetischen Militärgericht wegen Spionage und antisowjetischer Tätigkeiten verurteilt. Die Studenten verschwinden im Gulag von Workuta. Herbert Belter wird als Rädelsführer zum Tode verurteilt. Ein Happy End gibt es natürlich nicht. Herbert Belter wird von den Kommunisten nach Moskau verschleppt und dort am 28. April 1951 durch Genickschuss hingerichtet.
Das Buch schließt eine Lücke in der deutschen Erinnerungskultur. Immer noch geht es hier fast ausschließlich um den Widerstand gegen das Naziregime. Dass es genauso mutigen Widerstand gegen das kommunistische Regime in der DDR gab, wird zu oft vergessen. So instruktiv die einzelnen Geschehnisse und Schicksale sind, die Mai schildert: Sein besonderes Verdienst liegt darin, dass er die Methoden zeigt, wie aus der DDR eine Diktatur wurde. Es sind die ewig gleichen, bösen Techniken der Macht, die autoritäre politische Strömungen anwenden, um die freiheitlichen demokratischen Gesellschaften zu zerstören.
Die Freiheit stirbt zentimeterweise
Immer geht es um Einschränkungen der Meinungsfreiheit, um Manipulation von Wahlen, um die Ausschaltung jeder Opposition, um die – nicht selten indirekte, anfangs unmerkliche – Gleichschaltung der Medien, um eine politisierte und aktivistische Justiz, um die Diffamierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung Andersdenkender auf der Grundlage eifriger Denunziationen und um eine diffuse Angst als Dauerzustand der Gesellschaft. Die Freiheit stirbt zentimeterweise. Das ist nicht nur eine alte historische Erkenntnis. Das ist immer auch eine brandaktuelle Zustandsbeschreibung. Die Freunde der Freiheit müssen wachsam sein, gerade auch heute.
Klaus-Rüdiger Mai. Der kurze Sommer der Freiheit. Wie aus der DDR eine Diktatur wurde. Herder Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 22,00 €




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