„Spiegel“ behauptet, überzogene Prognosen hätten Schlimmeres verhindert

Der "Spiegel" prognostizierte für Mai eine Inzidenz von 1200. Statt sich für die extrem überzogene Prognose zu entschuldigen, rechtfertigt das Magazin sich mit dem angeblich guten Zweck: Die Zahlen hätten dazu “beigetragen, Szenarien zu verhindern, von denen sie selbst ausgingen”.

imago images / Jürgen Ritter
"Der Spiegel", Verlagsgebäude in Hamburg

Es ist wohl ein neues Beispiel für Haltungsjournalismus der besonderen Art: Der Spiegel hatte für den Mai 50.000 Neuinfektionen pro Tag und eine Inzidenz von 1200 vorausgesagt, berichtet die Bild. Tatsächlich liegt die Inzidenz derzeit bei 104. Die Erklärung des Spiegel erstaunt: Die Zahlen hätten dazu “beigetragen, Szenarien zu verhindern, von denen sie selbst ausgingen”. Das sei “kein Manko, sondern im Gegenteil ihr großer Wert”.

Im Klartext: Es ist nicht so schlimm, dass die Prognose nicht stimmt, solange damit ein hehres Ziel verfolgt wird. In diesem Fall ist das wohl, den Lesern des Spiegel Angst zu machen, damit diese zuhause bleiben und niemanden anstecken.

Abgesehen davon, dass Sterbestatistiken, Intensivbettenzahlen und viele Experten widersprechen, was die offizielle Corona-Story angeht: Erstaunlich ist die Offenheit, mit der sich Journalisten mit dieser Einstellung schmücken. Sollte es Journalisten nicht eher nachdenklich stimmen, eine falsche Prognose veröffentlicht zu haben? Der Spiegel dazu (so Bild): “Tatsächlich waren die Modelle nicht perfekt.”

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Dahinter steht offensichtlich ein gekrümmtes Verhältnis zur Wahrheit: Entweder die postmodernistische Idee, es gäbe keine Wahrheit oder, Wahrheit und Fakten seien nicht so wichtig – entscheidend sei die Absicht dahinter. Aber das geht fehl. Albert Schweitzer schrieb einmal: “Unter allen Umständen ist die Wahrheit wertvoller als die Nichtwahrheit.” Die Wahrheit führe zu Vertiefung und Annäherung mit einer Sache und bringe letztendlich keinen Schaden, sondern immer einen Gewinn, sagte der Theologe und Arzt. Viele Journalisten glauben daran nicht. Das zeigt sich auch an ihrem Misstrauen gegenüber dem Leser. Etwa stellt der ARD-Journalist Georg Restle in einem “Plädoyer für einen werteorientieren Journalismus” fest: “Und meinen wir wirklich, neutral und ausgewogen zu sein, wenn wir nur alle zu Wort kommen lassen, weil die Wahrheit schließlich immer in der Mitte liegt? Und wenn die Mitte immer weiter nach rechts wandert, liegt die Wahrheit eben bei den Rechten?”

Doch unabhängig von philosophischen Fragen: Der Spiegel kann gar nicht sicher wissen, ob seine falsche Prognose Leben rettete. Genauso gut könnte es sein, dass deutlich mehr Menschen in Depressionen getrieben wurden – und den darüber hinausreichenden Folgen.

Etwa fand eine Studie heraus, dass im Lockdown jedes dritte Kind psychisch auffällig ist. Die Kollateralschäden des Lockdown sind ohne Zweifel massiv. Kritiker argumentieren, sie seien viel höher als der Nutzen. Auch das könnte den Spiegel-Redakteuren auch einmal zu Denken geben.


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Kommentare ( 65 )

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alter weisser Mann
5 Monate her

Panikmache verhindert Panik … Spiegel-Logik.

AlexR
5 Monate her

Relotius lässt grüßen! Demnächst wird er wieder auftauchen, weil der Michel ja nur Falschmeldungen braucht.

ratio substituo habitus
5 Monate her

Wer dem Spiegel glaubt, wählt auch Annalena und wer Annalena wählt hat selbst Schuld.
Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen … eigentlich, denn auch wer klüger ist, hat das Problem, später die Folgen der Dummheit mitzutragen.

Karl Schmidt
5 Monate her

Welchen „Wert“ soll denn die Lüge haben? In welcher Gesellschaft wird das als Tugend begriffen? Das Problem des Spiegels ist indes nicht nur seine Distanz zur korrekten Berichterstattung, die durch Relotius vermutlich nur einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, die „Haltung“ und damit die politische Absicht an erste Stelle rückt. Das Problem des Spiegels ist der Rollenwechsel, der dadurch entsteht: Warum soll ich einem Produkt vertrauen (und es kaufen), das seine Falschinformation, seine Übertreibungen, seine Weglassungen zum Kern seiner Arbeit macht? Das wäre doch aus Sicht eines Käufers, der noch politischer Information sucht, völlig verrückt. Und warum sollte ein so nutzloser… Mehr

Kassandra
5 Monate her
Antworten an  Karl Schmidt

Im Islam oder auch im ganzen arabischen Raum gibt es den Begriff „Taqiyya“, Lüge, die anzuwenden erlaubt ist, bis das eigene Ziel dadurch erreicht ist.
Und in China ist die List bekannt, die zum eigenen Nutzen mit Geschick zum Tragen kommt.

Frank_ie
5 Monate her

Sehr löblich, überzogene Prognosen aufzustellen um damit das Eintreten der Prognosen zu verhindern.
Warum hat der Spiegel 2015 ff nicht prognostiziert, dass es zu tausenden Messermorden, Anschlägen etc. kommen wird? Um damit etwas zu verhindern?

MarcPetersen
5 Monate her

Die Mainstreampresse versteht sich offenbar als Fünfte Kolonne der Regierung. Das mag damit zusammenhängen, dass die Regierung einen Plan hatte, Presseverlage mit 220 Millionen Euro zu bestechen; das Ganze wurde als „Digitalisierungshilfe“ verbrämt.

Peter Pascht
5 Monate her

„Spiegel“ behauptet, überzogene Prognosen hätten Schlimmeres verhindert ???
idiotischer geht es nicht mehr wie zur Zeit in diesem Land

  • heute Morgen wollte ich in einem handwerkerladen einen Einkauf tätigen. Slebtsverständlich mit FFP2 maske und Absztand, „Haben sie ein Gewerbe?“, „nein“, „dann dürfen sie nicht hinein nur mit Attest“
  • die durch Bevorzugung Geimpften sollen „Freiheiten“ bekommen, obwohl gar kein Impfstoff für alle da ist und obwohl man wegen „Priorisierung“ gar keinen Impftermin bekommt

Wir werden von skrupellosen Idioten regiert !!!

Peter Keis
5 Monate her
Antworten an  Peter Pascht

daß wir von Skrupellosen regiert werden, da gebe ich ihnen recht. Aber bei dem, was da abgeht, würde ich eher sagen, daß da ein Plan dahintersteckt. Denn so idiotisch kann man doch gar nicht sein.Was den Handwerkerladen angeht, habe ich diese Erfahrung kürzlich bei einem Baumarkt auch gemacht. Als ich den Teststand mit den maskierten und in Schutzanzügen gekleideten Personen gesehen habe, drehte ich sofort um mit der Bemerkung, daß ich halt ab jetzt alles im Internet bestellen werde. Muß nicht bei Amazon sein, denn es gibt da auch andere Möglichkeiten. Wenn die Geschäfte jeden Irrsinn bereitwillig mitmachen, sollen sie… Mehr

Kassandra
5 Monate her

Die Achse verweist auf eine Stelungnahme Kubickis: „Im März verbreitete der „Spiegel“ Corona-Modellierungen, die für Mai Inzidenzen von bis zu 1200 vorhersagten. Die Prognosen lagen komplett neben der Spur – waren aber trotzdem nicht falsch, behauptet der „Spiegel“: Sie hätten dazu „beigetragen, Szenarien zu verhindern, von denen sie selbst ausgingen.“ Das sei kein „Manko“ der Modelle, „sondern im Gegenteil ihr großer Wert“.  FDP-Mann Wolfgang Kubicki sieht das etwas anders: „Das bedeutet, es ging dem Nachrichtenmagazin darum, Menschen durch das Verbreiten von Angst zu einem angeblich ,richtigen’ Verhalten anzuleiten. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Wer Fakenews verbreitet und mit Todeszahlen nur um sich wirft, um zu erziehen, hat die Grenze zum Polit-Aktivismus längst überschritten.“ Auch von… Mehr

mitternachtnovelle
5 Monate her

Der Spiegel ist inzwischen das “ Neue Deutschland“ der BRD. Kein Nachrichtenmagazin, sondern ein Belehrungsblatt, das sich anmaßt zu wissen, was Menschen wissen dürfen und was nicht. Und wie der Leser Dinge zu sehen hat. Nicht lesbar!

Reiner07
5 Monate her

Irgend eine Rechtfertigung für die „Spende“ (eigentlich Einfluss), von Billy Boy Gates muss der SPIEGEL ja verbreitet werden. Gekaufte Meinungen enthalten auch gekaufte Zahlen.
Reaktionsscheuklappen, dazu die ideologisch polarisierte Brille mit dunkelgrünen Gläsern und eine original Gates-Hirnwäsche, dann geht es bergab wie geschmiert, wie deren Verkaufszahlen beeindruckend beweisen.