Psychisch kranke Kinder leiden besonders unter dem Lockdown

Während die Lage auf den Intensivstationen nie die Dramatik erreicht hat, die immer prognostiziert wurde, können in Österreich Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen nicht mehr angemessen behandelt werden. In Deutschland ist es vermutlich nicht anders.

IMAGO / photothek
Symbolfoto zum Thema psychische Belastung von Kindern im Lockdown waehrend der Corona Pandemie

Seit Monaten werden die deutschen Bürger gemahnt: Haltet euch ja artig an die Corona-Beschränkungen, sonst wird unser Gesundheitssystem kollabieren. Wenn das passiert, sterben Menschen – und ihr seid schuld. Obwohl die Auslastung der Intensivbetten seit April letzten Jahres nie ernsthaft Anlass zur Sorge gab, wurden die Ängste der Bevölkerung von Politik und Medien immer weiter geschürt. Vor allem durch das Horrorszenario schlechthin: Eine Triage in Krankenhäusern.

Der Begriff beschreibt ein Auswahlverfahren in Notfall- oder Katastrophen-Situationen. Wenn sämtliche Kapazitäten aufgebraucht sind, muss das medizinische Personal unter Zeitdruck entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung erhält und wer leer ausgeht – und damit unter Umständen sterben muss. Während bei uns noch die erste, und von der Klinik nicht bestätigte Meldung eines solchen Falles in Zittau diskutiert wird, ist die Triage in Österreich schon längst an der Tagesordnung – allerdings werden keine Beatmungsgeräte knapp, sondern Behandlungskapazitäten für psychisch kranke Kinder- und Jugendliche.

Heft 02-2021
Tichys Einblick 02-2021: 2021 - Endlich wieder leben
Laut einem Bericht des österreichischen Senders „ORF TV“ ist die Zahl der Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Wiener AKH seit Jahresbeginn so rapide angestiegen, dass nur noch die aller dringendsten Fälle stationär aufgenommen werden können. Die Ärzte sind gezwungen zwischen den kleinen Patienten zu selektieren, was bedeutet, dass ein großer Teil der behandlungsbedürftigen Kinder ganze drei Monate auf einen Platz warten muss. Das klingt im ersten Moment vielleicht gar nicht so lang, ist für jemanden mit akutem Leidensdruck aber unerträglich – vor allem aus den Augen eines Kindes und mit Blick auf ihre psychosoziale Entwicklung. Zumal die Kleinen nicht nur unter ein bisschen mehr Stress oder Stimmungsschwankungen leiden, sondern unter schweren Depressionen, akuter Selbstmordgefahr und schweren Essstörungen. Betroffen sind dabei „vor allem Kinder aus stabilen familiären Verhältnissen, die vor einiger Zeit noch völlig gesund waren“.

Paul Plener, der Abteilungsleiter der psychiatrischen Station, berichtete der kleinezeitung.at außerdem, dass sich der drastische Anstieg solcher Symptomatiken eindeutig auf die Schulschließungen und die soziale Isolation zurückführen lasse. Seiner Ansicht nach rutschen die Kinder durch diesen Verlust in eine Abwärtsspirale. Die ersten Folgen sind Depressionen, Antriebslosigkeit, Erschöpfung und ein gestörtes Essverhalten. Schon im ersten Lockdown sollen viele der betroffenen Kinder zum Beispiel aktiv versucht haben abzunehmen, um daheim nicht dick zu werden. Selbst ganz junge Kinder, im Alter von 8-12 seien betroffen. Ihnen und allen anderen fehlen strukturierte Abläufe, Bewegung und zum Teil auch Sonnenlicht. Der Mediziner fordert deshalb, die Schulen möglichst schnell wieder zu öffnen.

Corona-Digital
Ein Jahr Corona - ein Jahr Regierungsversagen
Laut Kanzler Kurz‘ Plan ab dem 8. Februar, dem anvisierten Ende des harten Lockdowns, „alles [zu] öffnen, was nur irgendwie zu öffnen geht“, besteht für die Kinder in Österreich diesbezüglich vielleicht eine kleine Hoffnung. Die Stimmung in unserer Regierung lässt dagegen leider nichts Gutes erwarten. Dabei gibt es meines Erachtens keinen Grund anzunehmen, dass deutsche Kinder auch nur einen Deut weniger unter dem Lockdown und der Schulschließung leiden.

Schon im Juli wurden erste Studien veröffentlicht, die eine ähnliche Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes andeuten. Die COPSY-Studie kam laut RKI zu dem Ergebnis, dass etwa 40 Prozent der 11-17 Jährigen eine geminderte Lebensqualität angeben, bei 31 Prozent aller 7-17 Jährigen konnten deutliche psychische Auffälligkeiten festgestellt werden (ein Plus von 13 Prozent in Bezug auf die Referenzdaten). Ängste, emotionale Probleme und psychosomatische Beschwerden, wie ungeklärte Kopf- und Bauchschmerzen, nahmen ebenfalls zu. Eine Befragung von 150 Kinderärzten der Pronova BKK stützt die Ergebnisse dieser Studie. 89 Prozent von ihnen berichteten über einen Anstieg von psychischen Problemen, 37 Prozent diagnostizierten eine Zunahme körperlicher Beschwerden und 4 von 5 Ärzten beobachten Entwicklungsverzögerungen. Die Ursachen schätzten die Pädiater ähnlich wie ihr Wiener Kollege Plener ein: fehlende Tagesstruktur, Isolation, Konflikte in den Familien und mangelnde Freizeitmöglichkeiten neben Handy- und Computerkonsum.

Das alles ist jetzt ein halbes Jahr her. Seitdem sitzen wir alle – groß und klein – im zweiten Lockdown, sehen der nächsten Verlängerung entgegen und müssen darum zittern, ob wir im Sommer vielleicht mal wieder einigermaßen normal vor die Tür gehen dürfen. Diese Ungewissheit macht schon vielen Erwachsenen genauso zu schaffen, wie die Kontaktverbote und die Stilllegung jedes noch so kleinen Fünkchens normalen Lebens. Das gilt für Kinder und Jugendliche erst recht.

Nachrichten über die medizinische Situation jenseits von Covid-Infektionen dringen derzeit jedoch nur schwer an die Öffentlichkeit und machen daher auch regierenden Politikern nur geringe Sorgen. So ging zum Beispiel die Nachricht fast völlig unter, dass im ersten Lockdown sämtliche Patienten der geschlossenen psychiatrischen Stationen in Berlin rein provisorisch und quasi über Nacht entlassen wurden.


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 19 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

19 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Anna Hand
20 Tage her

Liebe Frau Schwarz, was Sie da berichten, zeigt mal wieder wie kaltherzig unsere „Mutti“ Merkel ist. Es geht und ging ihr nie darum, ihre Bürger zu schützen, um ihre Gesundheit und Wohlergehen – so wie es unerträglich viele Medien und Bekannte behauptet haben, teilweise immer noch behaupten. Es ist nichts als Machtgeilheit, was sie treibt. Wenn man sich vor Augen führt, wie großherzig sie sich 2015 gegeben hat – als Mutter der Flüchtlinge, als mitfühlende Frau – dann kann man nun nur verbittert feststellen, dass Frau Merkel in echt nichts mütterliches an sich hat. Sie ist brutal und skrupellos und… Mehr

Julius Schulze-Heggenbrecht
22 Tage her

Es geht nicht nur um Kinder. Auch junge Erwachsene sind betroffen. Ich habe in meinem Bekanntenkreis einen jungen Mann (21), der schon sehr lange auf einen Platz in einer Trauma-Therapie gewartet hat (er hat eine furchtbare Biographie voll von Misshandlung und Missbrauch). Nachdem er nun im Dezember 2019 endlich einen Therapieplatz bekam, sieht er sich seit März 2020 wieder allein gelassen. Völlig allein! Therapeutische Sitzungen finden nicht mehr statt. Nein, die Telefonseelsorge ist KEIN Ersatz für eine Trauma-Therapie, und (seltenen und nur schwer zu vereinbarenden) „telefonische Sprechstunden“ sind völlig ungeeignet, konkrete therapeutische Maßnahmen wie etwa EMDR (um Trauma-Folgestörungen zu lindern)… Mehr

Politkaetzchen
22 Tage her

In einer Gesellschaft, in dem psychische Erkrankungen als etwas „Tolles und Besonderes“ und als Grundlage politischer Entscheidungen dienen (siehe Greta), ist es wohl eine passende Entwicklung.

Auswanderer
22 Tage her
Antworten an  Politkaetzchen

Nur sind die Psychologen doch alle mit Angelas Gästen beschäftigt, obwohl die nicht deren Sprachen beherrschen! Villa Kunterbunt!

blackhero68
22 Tage her

Immer nur reden, reden, reden – alles in Ordnung, aber nun wird es Zeit sich mal gegen verordneten Blödsinn zu wehren. Warum setzt ihr diese dämliche Maske auf dem Schlittenhang überhaupt auf? Wollen die drei Wichtigtuerbeamten 200 Leute festnehmen oder Anzeigen? Und wenn – dann klagen – noch (noch) ist D ein Rechtstaat und kein Verordnungsstaat. Und wenn ihr euch treffen wollt, wer soll es verhindern? Wie lange wohl hält die Polizei durch, klingelt, wird ohne Beschluss rausgeworfen, schreibt ihren Bericht für den Aktenkeller und macht am nächsten Tag weiter? Wie lange wohl? Der Friseur hat zu? Na und –… Mehr

Auswanderer
22 Tage her
Antworten an  blackhero68

Und vor allen Dingen nicht konsumieren was man nicht unbedingt braucht. Die Steuereinnahmen müssen rapide sinken! Das würde auch schon helfen!!!!!

A_Hussain
22 Tage her

Wenn – wie im Artikel beschrieben – Kinder aus „stabilen Verhältnissen“ in die Psychiatrie kommen, zeigen sich hier möglicherweise die Folgen des modernen Familienbildes, bei dem die Kinder ihre Kita-Erzieherin besser kennen als die eigenen Eltern. Vor allem Frauen sind der idee erlegen, dass man parallel zur 40-Stunden-Woche noch 2-3 Kinder in die Welt setzt, an denen man sich nach Feierabend noch kurz erfreuen kann – sofern die Kinder sich nach einem 8-Stunden-Tag in der Kita noch an ihre Eltern erinnern. Diese Wohlstandsverwahrlosung wurde vor dem Lockdown durch Schule, Kinderbetreuung, Sportvereine, etc. teilweise aufgefangen. Dies fällt nun weg. Ausdrücklichen Dank… Mehr

Politkaetzchen
22 Tage her
Antworten an  A_Hussain

Wer als Frau länger als ein Jahr mit Kind zuhause bleibt und nicht schnellstmöglich in die nächste Kita bringt, wird schief angesehen.

Und wenn eine Frau freiwillig oder weil sich die Umstände ergeben haben von Anfang nur Hausfrau und Mutter war, sogar mit Vorwürfen rechnen dass sie einfach nur zu faul und blöd für Ausbildung und Job war, an den Kinder klammert und sie unselbständig erzieht.

Tja, was bleibt dann übrig?

lms
22 Tage her

Es macht mich wirklich traurig zu sehen wie wenig Mitgefühl für Kinder gezeigt wird. Aber überraschen tut es mich nicht. Mitleid haben die Deutschen nur noch mit Gruppen, die sich selbst (und wir) zu Opfern stilisieren. Da gehört das Normalokind vom Spielplatz einfach nicht dazu. Die deutsche Politik ist so damit beschäftig sich um alles und jeden zu kümmern, außer um sich selbst, die deutsche Wirtschaft, die Bevölkerung. Ich frage mich wie wir von den Kinder erwarten sollen etwas aushalten sollen, was wir Erwachsene kaum noch ertragen? Familie und Freunde dürfen nicht besucht werden. Keiner geht mehr ins Schwimmbad, zum… Mehr

Rosa Wissmann
22 Tage her

Es ist so traurig! Gut, dass Sie darüber berichten.

Helene Baden
22 Tage her

Liebe Frau Schwarz, vielen Dank für Ihren informativen Artikel!
Gut, dass dieses Desaster endlich bekannt gemacht wird, vielleicht trägt es bei weiterer Veröffentlichung doch noch zu einem Überdenken der gegenwärtigen Maßnahmen bei. Statt den Sack immer enger zu schnüren und immer neue Panik zu verbreiten. Den Alten in den Heimen ist durch das Einsperren der Kinder jedenfalls nicht geholfen. Ich finde auch, Kinder und Jugendliche sind besonders durch die Isolation betroffen, sie werden vieler wichtiger Erfahrungen beraubt, die nicht einfach so nachholbar sind. Was wird das noch für Folgen für unsere Gesellschaft haben?

MatildaMarwinski
22 Tage her

Wenn das nicht Grund zur Sorge ist, dann weiß ich’s auch nicht. Mit dieser Corona Politik schaden wir nicht nur den Großen sondern auch den ganz Kleinen unter uns. Diejenigen, die ihre Zukunft eigentlich noch vor sich haben..

Last edited 22 Tage her by MatildaMarwinski
RMPetersen
23 Tage her

Kinder, überhaupt die jüngere Generation seit Aufkommen der Spielkonsolen und Handys, haben zu wenig Bewegung, sind häuig überfettet, und wegen zu wenig Gruppenspielen im Freien weisen sie auch motorische Defizite auf.

Durch die Lockdown-Maßnahmen wird die Situation verschlimmert.
Was zusätzlich an Schwächung des Immunsystems durch weniger Sport und durch die Ächtung der Winter-Bewegungen auf die Volksgesundheit zukommt, wird von den Merkelianern geflissentlich übersehen.