Rubio in München: „Europa muss überleben“ – Warnung vor Grenzverlust und Deindustrialisierung

Rubio hält in München eine Rede wie ein Warnsignal: „Europa muss überleben.“ Er rechnet mit Grenzverlust, Deindustrialisierung und Klima-Illusionen ab und fordert nationale Souveränität zurück. Sein Kernsatz: Niedergang ist eine Entscheidung.

picture alliance / dts-Agentur

München erlebt einen Auftritt, der im Ton beruhigend daherkommt und im Inhalt wie ein Warnschuss wirkt. US-Außenminister Marco Rubio spricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz von einer Schicksalsgemeinschaft und gleichzeitig von einem Westkurs, der sich verrannt hat. Er nennt Freihandel, Klimapolitik, Massenmigration. Und er zieht eine Bilanz, die in europäischen Konferenzsälen sonst nur hinter vorgehaltener Hand fällt.

Rubio erinnert an die gemeinsame Herkunft und verankert die Botschaft nicht im Tagesgeschäft, sondern in einem Zivilisationsbegriff. Europa und die USA seien Teil „einer westlichen Zivilisation“. Dann der Satz, der als Alarmruf gedacht ist: „Europa muss überleben.“ Er betont die gemeinsamen Wurzeln: „gemeinsame Geschichte, christlicher Glaube, Kultur, Erbe, Sprache, Abstammung und vergangene Opfer“.

Wer erwartet, dass Washington jetzt die europäische Wohlfühlrhetorik nachspricht, bekommt das exakte Gegenteil. Rubio erklärt, warum Amerikaner manchmal forscher auftreten. Er liefert dazu die Begründung wortwörtlich: „Deshalb kommen wir Amerikaner manchmal vielleicht etwas direkt und dringlich in unseren Ratschlägen daher … Der Grund ist, meine Freunde, dass wir zutiefst Anteil nehmen.“ Und er macht klar, was Washington von Europa verlangt: dass Trumps Regierung von den europäischen Partnern Ernsthaftigkeit und Gegenseitigkeit einfordert.

Das ist der neue Ton, der sich an den von Vance aus dem Vorjahr anknüpft: Rubio will das transatlantische Verhältnis umbauen, ohne den Bruch, den viele Schlagzeilen herbeireden. Er sagt ausdrücklich, es solle allen bekannt und klar sein, dass ein Ende der transatlantischen Ära weder Ziel noch Wunsch sei. Und er setzt die emotionale Klammer: Für die Amerikaner möge die Heimat in der westlichen Hemisphäre liegen, aber sie würden immer ein Kind Europas bleiben.

Diese Rede Rubios steht nicht isoliert für sich. Sie schließt einerseits an den Auftritt von J.D. Vance im Vorjahr an, der in München die europäische Selbstgewissheit frontal anging (dessen Rede Tichys Einblick im Wortlaut dokumentiert hat). Rubio wirkt dabei deutlich weniger konfrontativ als Vance, aber die Botschaft bleibt aus demselben Stahl: Der Westen soll sich nicht weiter einreden, dass Auflösung, Entkernung und Selbstzensur irgendwie „modern“ seien, sondern begreifen, dass es um Bestand geht.

Und genau deshalb passt Rubios München-Auftritt in die größere Klammer, die Washington längst gezogen hat: die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA, in der Europa nicht mehr als Partner auf Augenhöhe geführt wird, sondern als Diagnose. In der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA ist Europa nicht mehr Partner auf Augenhöhe, sondern Krankenakte: wirtschaftlich abgestürzt, demographisch ausgedünnt, politisch entkernt, mit totalitären Tendenzen.

Dort steht Europa nicht nur als Krisenfall, sondern als Warnbild. Wörtlich ist von der „drastischen Aussicht einer zivilisatorischen Auslöschung“ die Rede. Washington kündigt an, gezielt „patriotische“ Parteien in Europa zu unterstützen, um eine Zukunft zu verhindern, in der „bestimmte NATO-Mitglieder mehrheitlich nicht-europäisch“ werden. Das ist kein Feuilleton, das ist Strategie. Und genau so klingt Rubio, wenn er in München den Satz sagt, der wie ein Befehl an Europas Eliten wirkt: „Europa muss überleben.“

Die zentrale Selbstanklage formuliert Rubio als gemeinsame Schuld. Er beschreibt die Nachkriegs-Illusionen und die Selbstbetäubung nach dem Kalten Krieg: Die Euphorie über den westlichen Sieg habe zu einer gefährlichen Täuschung geführt, man sei am „Ende der Geschichte“ angekommen, jede Nation werde nun eine liberale Demokratie, und Bindungen, die allein aus Handel und Wirtschaft entstünden, würden das Nationsein ersetzen. Als Krönung dieser Illusion: eine Welt ohne Grenzen, in der jeder zum Weltbürger werde.

Rubio zieht daraus die Konsequenz und macht daraus einen Arbeitsauftrag. Er sagt wörtlich: „Wir haben diese Fehler gemeinsam gemacht und nun sind wir es unserem Volk gemeinsam schuldig, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen und voranzugehen, um wieder aufzubauen.“ Und er setzt das Trump-Versprechen dahinter: Die USA würden erneut die Aufgabe der Erneuerung und Wiederherstellung übernehmen.

Dann kommt Rubios härtester Punkt für Europa: Wirtschaft. Er nennt die Deindustrialisierung nicht Schicksal, sondern politisches Versagen. Sie sei „nicht unvermeidlich“, sondern das „törichte Ergebnis einer Nachkriegs-Illusion“. Das ist die Stelle, an der der Saal gern klatscht, aber in Brüssel später weiterregiert wie vorher.
Beim Thema Migration bleibt Rubio ebenso eindeutig. Massenmigration destabilisiere westliche Gesellschaften. Er fordert Kontrolle über die Grenzen zurück. Und er entzieht dem moralischen Reflex gleich die Munition: Das sei „kein Akt der Fremdenfeindlichkeit“, sondern nationale Souveränität.

Der Kern seiner Rede bleibt dieser eine Satz, der wie ein Urteil klingt: „Niedergang ist eine Entscheidung.“ Die USA wollten keine „Verwalter eines gemanagten Niedergangs“ sein. Rubio will starke Verbündete, die sich selbst verteidigen können. Und er erinnert daran, dass das Band zwischen beiden Seiten nicht nur aus Verträgen besteht, sondern aus Geschichte: Man habe gegeneinander gekämpft, sich versöhnt, wieder gekämpft und wieder versöhnt. Und man habe Seite an Seite geblutet und sei Seite an Seite gestorben, auf Schlachtfeldern von Kapyong bis Kandahar.

Während Europa gern über Institutionen redet, redet Rubio über deren Leerlauf. Die Vereinten Nationen hätten zwar weiterhin enormes Potenzial, aber bei den drängendsten Fragen unserer Zeit hätten sie keine Antworten und praktisch keine Rolle gespielt. Direkt nach Rubio setzt China den Kontrast. Wang Yi sagt, der Hauptgrund für die Unzulänglichkeit des heutigen internationalen Systems liege nicht bei den Vereinten Nationen selbst, sondern darin, dass einige Länder Unterschiede vergrößerten, nationale Prioritäten verfolgten und sogar die Mentalität des Kalten Krieges wiederbelebten. All das habe die Grundlage des Vertrauens untergraben, die Atmosphäre der Zusammenarbeit verschlechtert und die Arbeit internationaler Mechanismen erschwert.

Am Ende gibt es stehende Ovationen, auch von Johann Wadephul, Boris Pistorius und Alexander Dobrindt. Langer Applaus für Klartext. Nur ist das Problem an Applaus: Er ersetzt keine Entscheidung. Rubio sagt „Europa muss überleben“. Die US-Sicherheitsstrategie legt nach und formuliert als Ziel, Europa auf Kurskorrektur zu drücken, weg von Selbstauflösung, hin zu Selbstbehauptung, samt der Diagnose der „regulatorische[n] Erdrosselung“ und dem Satz: „Wir wollen, dass Europa europäisch bleibt, sein zivilisatorisches Selbstvertrauen wiedergewinnt und seinen gescheiterten Fokus auf regulatorische Erdrosselung aufgibt“.

Das ist die Linie.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 26 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

26 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
moorwald
1 Monat her

Merz war bei Rubios Rede nicht anwesend. Hatte sich zuvor mit ihm unterhalten. Trotzdem eine Unhöflichkeit.
Aber mit den Formen haben es unsere Spitzenleute nicht so, belehren dafür gern andere auf gutdeutsche grobe Art.

Last edited 1 Monat her by moorwald
moorwald
1 Monat her

Rubio setzt ganz klar auf den souveränen Nationalstaat – wie es für einen US-Amerikaner auch gar nicht anders denkbar ist.

Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „Er liefert dazu die Begründung wortwörtlich: „Deshalb kommen wir Amerikaner manchmal vielleicht etwas direkt und dringlich in unseren Ratschlägen daher … Der Grund ist, meine Freunde, dass wir zutiefst Anteil nehmen.“ “ > Jau, und mit Blick auf dieses Berlin mit seinen AltparteienKARTEL und auf EU-Brüssel mit seinen Leyen’schen Pseudodemokraten haben und kennen sie im Gegebsatz zu den Ami’s nur einen Grund: nämlich sich selbst Denn die in Berlin und EU-Brüssel herrschende „Regierungs- und Polit-Elite“ nimmt nur Anteil an sich selbst anstatt auf die eigene Heimat (#germanyfirst) zu achten und Anteil an der eigenen EU-Bevölkerung zu nehmen. – –… Mehr

Dr. Rehmstack
1 Monat her

Es gab die Rede von Vance, man hatte ein Jahr Zeit dieses irgendwie als schräge Einzelmeinung zu diskreditieren, nun die Rede von Rubio, im Prinzip eine Wiederholung dessen, was schon vor einem Jahr gesagt wurde: eine glasklare Opposition zur EU-Politik, nein, ein Verriß, nichts ist mehr im Unklaren, alles ist auf dem Tisch: wenn Ihr so weitermacht, dann seid ihr verloren. Es könnte sein, dass wir wieder für euch die Kohlen aus dem Feuer holen müssen. Jeder, der intellektuell noch einigermaßen seine Sinne beisammen hat, wird das verstanden haben und sich entscheiden müssen, welcher Seite er zustimmt. Alea jacta est,… Mehr

Apfelmann
1 Monat her

Rubio wirkt wie ein kleiner Schuljunge der zwanghaft versucht die Europäer bei Laune zu halten. Aber das ist zu spät. Europa hat erkannt das die Macht der USA auf dem absteigenden Ast ist. Sie hat als Schuztinstitution ausgedient. Man wird nun in Europa mehr auf sich selbst setzten. Das Gängeln der USA läuft aus und die EU muss -gezwungenermaßen- selber auf sich Acht geben.

HRR
1 Monat her

„Wörtlich ist von der „drastischen Aussicht einer zivilisatorischen Auslöschung“ die Rede. Washington kündigt an, gezielt „patriotische“ Parteien in Europa zu unterstützen, um eine Zukunft zu verhindern, in der „bestimmte NATO-Mitglieder mehrheitlich nicht-europäisch“ werden.“

Hierzu Immanuel Kant:

„Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenart ihres Geistes und ihre Sprache nimmt“.

Im Plural:

„Kein größerer Schaden kann Nationen zugefügt werden, als wenn man ihnen den Nationalcharakter, die Eigenart ihres Geistes und ihre Sprache nimmt“.

Haba Orwell
1 Monat her

> In der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA ist Europa nicht mehr Partner auf Augenhöhe, sondern Krankenakte: wirtschaftlich abgestürzt, demographisch ausgedünnt, politisch entkernt, mit totalitären Tendenzen.

Deswegen wollen die Amis dem Dahinsiechenden das letzte Geld abnehmen? Klimagedöns fiel übrigens nicht aus dem Himmel, sondern wurde genauso aus den USA gebracht.

Böses Medium berichtet heute über MSC und Mattz: „Merz kündigt stärkste Armee Europas an – Medwedew: „Es ist das Jahr 2026, nicht 1933!““ – 1933? Warum nur fühlen sich die Russen an dieses Jahr erinnert?

Emsfranke
1 Monat her

Wenn man mit wenig Mühe den Inhalt der Rede des US-Außenministers mit dem Inhalt der Rede unseres Kanzlers vergleicht, dann hätten doch Rubios „Backpfeifen“ ausreichen müssen, dass die Merz-Gefolgschaft in tiefem Nachdenken nach der Rede des Rubio sitzen bleibt und nicht in Euphorie von Klatschhasen verfällt. Ich habe den Eindruck, dass hier einige Protagonisten, gerade wieder mal die aus Deutschland, geglaubt haben, man treffe sich in München zu einer Pokerrunde mit Gleichgesinnten gegen die böse USA, anl. derer es genügt, sich mittels Augenzwinkern untereinander die gezinkten Karten anzudeuten. Die Realität sieht halt wieder mal genau anders aus. Nun sitzen die… Mehr

Last edited 1 Monat her by Emsfranke
Alf
1 Monat her

…und seinen gescheiterten Fokus auf regulatorische Erdrosselung aufgibt“.
Dazu müßten unsere Politdarsteller sofort zurücktreten und den Weg für andere freimachen, die es besser können.
Rubio:  „Wir haben diese Fehler gemeinsam gemacht und nun sind wir es unserem Volk gemeinsam schuldig, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen und voranzugehen, um wieder aufzubauen.“
Merz könnte dieses nie eingestehen.
Schuld sind immer die anderen.

Heiner Mueller
1 Monat her

Die Totengräber Europas in Brüssel und Berlin werden sich nur dann darum kümmern, wenn ihnen die Felle wegschwimmen. Aber vorher werden sie – von Hochmut und Hass geprägt – alles tun um Europa auszusaugen, zu zerstören und jede Opposition zu vernichten.