„Es gibt einfach zu viele“ – Martenstein über die Messergewalt und das Schweigen der Medien

„In keinem Land der Welt werden die Menschen sich jemals damit abfinden, dass ihre Kinder vor ihnen sterben“, klagt Harald Martenstein die Politik an. Bei der Buchmesse „Seitenwechsel" in Halle erinnert er an den Mord an Ann-Marie Kyrath und ihren Freund Danny und stellt fest, dass der Kampf gegen rechts über die Opfer und die Verbrechen gestellt wird.

Screenprint: Youtube/JF

Harald Martenstein hat auf der Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle eine Rede gehalten, die zu den härtesten Abrechnungen mit der deutschen Politik und Medienlandschaft gehört, die man derzeit hören kann. Bei der Vorstellung seines Buches „Gelenkte Demokratie. Ein Plädoyer für die Freiheit“ spricht er über politische Ausgrenzung, über das Verhältnis von Demokratie und Freiheit und über den Umgang mit Andersdenkenden. Am Ende erinnert er an ein Verbrechen, das den Zustand Deutschlands in seiner ganzen Erbärmlichkeit offenlegt. An die Ermordung der 17-jährigen Ann-Marie Kyrath und ihres 19 Jahre alten Freundes Danny.

Am 25. Januar 2023 saßen die beiden in einem Regionalzug bei Brokstedt in Schleswig-Holstein. Ann-Marie war gerade 17 geworden, sie war zum ersten Mal verliebt. Danny war 19. Ein gemeinsames Leben lag vor ihnen. Dann griff der Palästinenser Ibrahim A. mit einem Küchenmesser an. Der Mann aus Gaza war bereits mehrfach straffällig geworden, hatte wegen gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft gesessen und war erst wenige Tage vor der Tat entlassen worden. Sein Asylantrag war abgelehnt worden, dennoch durfte er in Deutschland bleiben.

Martenstein schildert die letzten Augenblicke der beiden jungen Menschen mit einer Brutalität, die der Brutalität des Verbrechens entspricht. Danny versuchte, seine Freundin zu schützen. Ein Stich ins Herz tötete ihn. Dann stürzte sich Ibrahim A. auf Ann-Marie. Mit einer 20 Zentimeter langen Klinge stach er 26 Mal auf das Mädchen ein. Immer wieder. Auch noch, als sie längst auf dem Boden lag und sich nicht mehr bewegte.

Vier weitere Fahrgäste wurden schwer verletzt. Eine der Frauen, die den Angriff überlebt hatten, nahm sich, durch das kaum beschreibliche Verbrechen völlig traumatisiert, einige Monate später das Leben. Was sich in diesem Regionalzug abspielte, zerstörte weit mehr als zwei junge Menschenleben. Es zerstörte Familien, Zukunftspläne und das Vertrauen darauf, in Deutschland eine gewöhnliche Zugfahrt unversehrt überstehen zu können.

Faesers Sorge galt dem politischen Schaden

Dann kommt Martenstein auf die Reaktion der damaligen Bundesinnenministerin Nancy Faeser zu sprechen. Nach dem Doppelmord warnte die SPD-Politikerin davor, dass die Tat von Rechtsradikalen missbraucht werden könnte. Martenstein kommentiert diese Prioritätensetzung mit einem einzigen, vernichtenden Satz: „Das also war ihr das Wichtigste.“

Man muss sich die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs wirklich immer und immer wieder vor Augen führen, um zu verstehen, in welcher Verkommenheit sich diese Politik eingerichtet hat. Ein ausländischer Gewalttäter, der sich längst als gefährlich erwiesen hatte und dessen Abschiebung unter anderen behördlichen Voraussetzungen möglich gewesen wäre, ermordet auf die brutalste Weise zwei junge Menschen. Ein Mädchen wird mit 26 Messerstichen regelrecht abgeschlachtet. Ihr Freund stirbt, weil er sie beschützen will. Zwei Leben ausgelöscht. Die Möglichkeiten, neues Leben zu stiften. Genommen. Das Leben von Familienangehörigen und Freunden in Trümmern.

Und die damalige Bundesinnenministerin hat bereits die möglichen politischen Folgen für den sogenannten Kampf gegen rechts im Blick. Sie steht dabei aber nur exemplarisch für den Verkommenheitspool, aus dem sich die deutschen Politiker speisen.

Martenstein erinnert daran, dass auch zu einer Demonstration gegen rechts aufgerufen wurde. Als sei nach einem solchen bestialischen Verbrechen die größte Gefahr für Deutschland nicht der nächste Messerangreifer, sondern der Bürger, der endlich wissen will, warum solche Täter überhaupt noch frei herumlaufen. Die „gegen rechts“ Aktivisten werden zum nützlichen Idioten für eine Politikkaste, die sich vor den Folgen ihrer Nichthandlungen abschirmen will.

Das ist die ganze pure Verkommenheit einer politischen Moral, in der die Empörung über die Folgen der eigenen Politik als größere Bedrohung gilt als diese Folgen selbst. Wer über die Opfer sprechen will, muss sich auf den Vorwurf gefasst machen, die Tat politisch auszuschlachten. Wer nach der Verantwortung der Behörden fragt, soll sich zunächst von den Rechten distanzieren. Die Frage, was Ann-Marie und Danny das Leben gekostet hat, wird von der Sorge überlagert, wem ihre Ermordung bei der nächsten Wahl nützen könnte.

Eltern ermordeter Kinder fürchten, als Faschisten beschimpft zu werden

Martenstein spricht über Michael Kyrath, den Vater der ermordeten Ann-Marie. Einen Handwerker aus Elmshorn, der seit dem Tod seiner Tochter gegen das Schweigen und die Gleichgültigkeit ankämpft. Kyrath hat mit anderen Hinterbliebenen die Organisation „Trauerwache Deutschland“ gegründet. Ihr gehören ihr inzwischen um die 1.000 Menschen an, die einen nahen Angehörigen durch eine Mordtat verloren haben.

Martenstein berichtet von Eltern, die öffentlich darüber sprechen würden, wie ihre Kinder ermordet wurden und wie ihr eigenes Leben daran zerbrochen ist. Doch viele von ihnen haben Angst. Sie fürchten, als Rechte und Faschisten beschimpft zu werden, wenn sie über die Täter und die politischen Zustände sprechen, unter denen diese Verbrechen geschehen konnten. Andere finden mit ihren Schicksalen kaum noch Gehör. Das mediale Interesse halte sich in Grenzen, berichtet Martenstein. Er erzählt von einem Mädchen, das einen Messerangriff überlebt hat und sich seitdem nicht mehr aus seiner Wohnung wagt. Seit Jahren. Auch Michael Kyrath hatte bereits von dem Mädchen gesprochen.

Das ist ein besonders widerwärtiger Teil der neuen deutschen Wirklichkeit. Eltern, denen ihre Kinder genommen wurden, sollen auch noch fürchten müssen, wegen ihrer Trauer und ihrer Forderung nach Konsequenzen politisch geächtet zu werden. Sie haben ihre Kinder durch eine komplett irre gewordene Politik verloren, und nun droht ihnen auch noch die gesellschaftliche Ächtung, wenn sie nicht bereit sind, die politisch erwünschte Deutung der Ereignisse zu übernehmen. Menschen, die nichts anderes verlangen als Sicherheit, werden zum Gegenstand moralischer Ausgrenzung. In der pervertierten neudeutschen Realität dürfen Täter hingegen auf ganz viel Verständnis für ihre Lebensumstände hoffen.

Auch die Rolle der Medien nimmt Martenstein ins Visier. Er beschreibt die journalistische Praxis, über schwere Gewalttaten mit möglichst wenig Angaben zur Herkunft der Täter zu berichten. Die Rechtfertigung dafür kennt man: Menschen mit Migrationshintergrund müssten vor Pauschalisierungen geschützt werden. Martenstein stellt dazu eine einfache Frage: Viele Opfer hätten schließlich ebenfalls einen Migrationshintergrund. „Ist deren Schutz zweitrangig?“

29.000 Messerangriffe – und die Wirklichkeit soll verschwinden

Martenstein fragt mit bitterem Sarkasmus: „In manchen Medien wird kaum noch darüber berichtet. Es gibt einfach zu viele. 29.000 Messerangriffe im Jahre 2024. Wo ist denn da der Neuigkeitswert?“ Aus dem Ausnahmezustand wird Gewöhnung. Aus Gewalttaten werden Polizeimeldungen, aus denen gegebenenfalls, wenn überhaupt, kurze Nachrichten entstehen, aber nur sofern überhaupt noch jemand darüber berichtet. Sehr oft passiert das nicht mehr. Die Täter verschwinden hinter neutralen Personenbeschreibungen, die Opfer hinter abstrakten Fallzahlen. Dabei ist jede dieser Taten für die Betroffenen dies: eine einzige Katastrophe, die keine Statistik wiedergeben kann. Und während die Zahl der Opfer immer weiter wächst und wächst, wächst zugleich der politische Druck auf diejenigen, die den Zusammenhang zwischen gescheiterter Migrationspolitik, fehlender Abschiebung und schwerer Gewalt zur Sprache bringen.

Martenstein stellt deshalb auch die Frage nach dem Erfolg der AfD. Er nennt die Angst vor der Zukunft, die Angst um die eigenen Kinder und die Angst davor, im eigenen Land fremd zu werden. Wer dieser Partei die Wähler nehmen wolle, müsse sich mit den Ursachen dieser Angst beschäftigen. Stattdessen werde über ein Verbot der Partei nachgedacht. Die Bürger sollen offenbar ihre politischen Konsequenzen aus einer Wirklichkeit nicht mehr ziehen dürfen, die sie jeden Tag erleben. Nicht die Zustände sollen verschwinden, sondern die Partei, die von der Empörung darüber profitiert.

Am Ende widmet Martenstein seine Worte noch einmal Ann-Marie und Danny. Sie hätten seine eigenen Kinder sein können, sagt er. Sie hätten die Kinder jedes Lesers seines Buches sein können. Und er beendet seine Rede mit einem Satz, den sich jeder Politiker ins Stammbuch schreiben sollte: „In keinem Land der Welt werden die Menschen sich jemals damit abfinden, dass ihre Kinder vor ihnen sterben.“

Der Staat, der seine Bürger vor solchen Tätern nicht schützen kann, und man muss es anhand der vielen als ausreisepflichtig erwiesenen Mörder sagen: nicht schützen will, verspielt jedes Vertrauen und jede Autorität. Politiker, die auf die berechtigte Wut darüber mit Warnungen vor rechts antworten, verlieren jedweden Anspruch, den Bürgern noch Belehrungen über Verantwortung und Anstand zu erteilen.

Sie sollten Michael Kyrath zuhören. Sie sollten die Namen Ann-Marie und Danny aussprechen. Und sie sollten sich endlich mit den entsetzlichen Folgen ihrer eigenen Politik, die im wahrsten Sinn über Leichen geht, beschäftigen, statt diejenigen zu bekämpfen, die diese Folgen nicht länger hinnehmen wollen.

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