TE-exklusiv: Krachende Niederlage für Roderich Kiesewetter

Der CDU-Mann, der „den Krieg nach Russland tragen“ will, mag keine Kritiker. Militärisch kann er gegen sie bei uns nicht vorgehen, also klagt er. Ein besonders spektakuläres Verfahren hat er jetzt spektakulär verloren.

picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthale

An Deutlichkeit mangelt es Roderich Kiesewetter selten. Der Bundestagsabgeordnete ist ja so etwas wie der ständige Vertreter der Ukraine bei der CDU und aus seiner Abneigung gegen Russland macht er keinen Hehl.

Der Berufspolitiker hat einen erkennbaren Hang zum Militärischen. Früher war er Berufsoffizier. Vielleicht verträgt er deshalb demokratische Kritik nicht so gut, die Armee funktioniert ja eher nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Feldzug vor Gericht

Jedenfalls klagt Kiesewetter ganz gerne gegen Menschen, die eine andere Meinung äußern als er selbst. Vor allem, wenn sie dabei so deutlich werden wie er selbst.

„20 Jahre Knast für deine Volksverhetzungen, die du dir auch noch vom Steuerzahler honorieren lässt. Du hättest bestimmt im 3. Reich Karriere gemacht.“

So hat ein erkennbar wütender Kriegsgegner im September 2023 auf der Plattform X die Forderung Kiesewetters kommentiert, Deutschland möge doch jetzt bitte gefälligst schnell „Taurus“-Marschflugkörper an die Ukraine liefern.

„Russland muss verlieren“, hatte Kiesewetter gesagt und geschrieben. Keine Marschflugkörper nach Kiew zu schicken, sei „keine Besonnenheit, sondern unterlassene Hilfeleistung“. Kiesewetter befürwortet hier – nicht zum ersten Mal – also deutsche Waffenlieferungen in ein aktives Kriegsgebiet.

Das kann man gut finden, vielleicht. Man muss aber nicht.

Unser Kommentator auf X fand es nicht gut und schrieb das in der oben zitierten Form auch auf. Diesen Kommentar entdeckte nun das private Meldeportal „So done“, das mit der Kanzlei „So done legal“ kooperiert. Das Portal durchforstet für Kiesewetter (und für andere zartbesaitete Politiker) das Internet nach Äußerungen, aus denen sich vielleicht Geld schlagen lässt – über Abmahngebühren, Unterlassungserklärungen oder auch Geldentschädigung wegen „Beleidigung“. Es gibt einige im deutschen Justizbetrieb, die das für ein unlauteres Geschäftsmodell halten. Aber, wie Angela Merkel sagen würde: Nun ist es halt da.

Kiesewetter verlangt über die Kanzlei „So done legal“ von unserem X-Kommentator, dass er eine Unterlassungserklärung abgibt und die „Auslagen“ von Kiesewetters Anwalt zahlen soll: 641,41 Euro. Vor lauter Schreck zahlt unser Mann auch zunächst. Doch dann besinnt er sich eines Besseren – und beauftragt seinerseits den Medienanwalt Markus Haintz von der Kölner Kanzlei „Haintz legal“.

Provinzjustiz in Schwaben

Haintz klagt vor dem Landgericht Ellwangen, das für Kiesewetters Wohnort in Baden-Württemberg zuständig ist. Er will feststellen lassen, dass es wegen des X-Kommentars keinen Anspruch auf Unterlassung gibt. Außerdem verlangt er die „Auslagen“ zurück, die sein Mandant im ersten Schrecken überwiesen hatte.

Das Landgericht hat wenig Erfahrung mit Prozessen, für die sich die Medien interessieren. Ellwangen eben. Die Kammer agiert – sagen wir mal: speziell. Sie lädt die Presse ein, nun gut. Aber „wegen des großen medialen Interesses“ verschickt sie auch „eine Übersicht früherer Verfahren, an denen Haintz als Anwalt oder Beteiligter mitgewirkt hat.“

Bitte, wie?

Ein Gericht steckt also der Presse aus eigenem Antrieb und ohne Not praktisch alle privaten und beruflichen Verfahren eines Rechtsanwalts, der Prozessbeteiligter an ebendiesem Gericht ist. Irre.

Haintz beschwert sich folgerichtig: Für so eine „Übersicht“ gibt es keine Rechtsgrundlage. Sie diene offenkundig dazu, gegen ihn Stimmung zu machen. Ja, auf so einen Gedanken könnte ein unbeteiligter Beobachter durchaus kommen. Die Richter sehen das erwartungsgemäß anders und sich selbst auch nicht als befangen an. Haintz hat inzwischen Beschwerde an den Landesdatenschutzbeauftragten eingelegt, da gibt es noch kein Ergebnis.

Zurück zum eigentlichen Prozess: Landgerichte in Deutschland sind überlastet, das ist bekannt. Leider sind sie, was weniger bekannt ist, in bestimmten Rechtsfragen öfter auch überfordert. Deshalb werden gerade im sogenannten Äußerungsrecht (wo es um Meinungsfreiheit geht) in den unteren Instanzen regelmäßig Urteile zu Ungunsten der Meinungsfreiheit gefällt – die dann in höheren Instanzen ebenso regelmäßig korrigiert werden müssen.

So auch hier. Das Landgericht Ellwangen weist die Klage ab, bestätigt den Unterlassungsanspruch und verweigert die Rückzahlung der „Auslagen“. Es geht in die Berufung am Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart.

Profi-Justiz in Schwaben

Auch in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg pflegen die Richter gewisse Eigenheiten.

Zum Beispiel haben sie offenbar eine Online-Allergie. Sie finden schon seit erstaunlich langer Zeit erstaunliche Begründungen, weshalb sie auch in geeigneten Fällen keine Videoverhandlungen durchführen. Die sieht die Zivilprozessordnung ausdrücklich vor (§ 128a ZPO). Das Berufungsverfahren hier wäre ideal geeignet: Beweisaufnahme abgeschlossen, keine Zeugenvernehmung nötig.

Aber das OLG mag irgendwie keine Kameras. Jedenfalls lässt es die beteiligten Anwälte, beide aus Nordrhein-Westfalen, für eine Präsenzverhandlung ins ferne Baden-Württemberg reisen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Rechtsanwalt Haintz nennt den Termin „rechtlich völlig irrelevant“ und schickt einen Vertreter – da er ungern Zeit verschwendet und ohnehin weiß, wie die Sache ausgehen wird.

Denn immerhin sind die Richter juristisch auf der Höhe.

Das Urteil des Landgerichts Ellwangen wird kassiert. Heißt: Der X-Kommentar ist zulässig. Und auch sein Geld (die „Auslagen“) bekommt unser wütender Kiesewetter-Kritiker zurück. Es ist eine Botschaft an Roderich Kieswetter und auch an seine Schwester im Geiste, Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP: Man kann mit russophobischem Kriegsgeheul die eigene politische Karriere vorantreiben.

Aber man muss es halt auch ertragen, wenn man dafür in den Wind gestellt wird.

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Kommentare ( 27 )

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rolandino
4 Stunden her

Roderich Kiesewetter, der männliche Strack-Zimmermann, ist ein kriegstreiberischer Hetzer und Rußlandfeind.
Er und seine CDU gehören für Ihre deutschlandfeindliche Politik abgestraft.
Je früher er und seinesgleichen aus der aktiven Politik verschwinden, desto eher wird es Deutschland wieder besser gehen.

EndofRome
4 Stunden her

Die eigene Karriere befördern? Der Herr Oberst a. D. ist ja sowas von auf dem Karrieretripp. Auf einem Ministerposten wird der letzte König der Westgoten wohl nicht mehr landen, gewiss aber immer mal wieder auf dem Stuhl von Markus Lanz.

BellaCiao
4 Stunden her

Glauben Leute wie Kiesewetter, Strack-Zimmermann und all die anderen, die „den Krieg nach Russland tragen“ wollen, allen Ernstes, dass Deutschland den Krieg gegen Russland gewinnen würde?
Haben diese Leute überhaupt bedacht, dass „die Russen“ zu Recht zurückschießen würden, falls Deutschland wirklich so bekloppt ist Russland anzugreifen?

Hier passt ein Zitat von Helmut Schmidt sehr gut:
„Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“

Last edited 4 Stunden her by BellaCiao
Alf
4 Stunden her

man kann es nur wiederholen

Gotthelf Gollner
A oide Lindn is a Geschicht
 
Ma breichat bloß deene.
A Waffn ind Hand geem,
De song: da Kriag i unvameidle.
Na glangat a Wiesn
Für d Schlacht.
Und s Voik kannt zuaschaung,
wia si de Ooschlecha daschiaßn.

Winnetou
4 Stunden her

Lieber Herr Heiden, ich zitiere: „Früher war er Berufsoffizier. Vielleicht verträgt er deshalb demokratische Kritik nicht so gut, die Armee funktioniert ja eher nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam.“
Hiermit beweisen Sie, dass Sie von der Führungskultur der Bundeswehr und der Inneren Führung keine Ahnung haben. Darüber hinaus: so sehr ich TE und Ihre Beiträge sonst schätze: bzgl. der Gesamtthematik Russland-Ukraine liegen Sie daneben, während Kiesewetter und Strack-Zimmermann vollkommen richtig liegen. Russland kann man nur mit Abschreckung durch Stärke begegnen. Nur so lässt sich der Frieden sichern. Appeasement hat noch nie funktioniert. Lernen Sie aus der Geschichte!

Dieter Blume
4 Stunden her
Antworten an  Winnetou

Ale ehemaliger Offizier der Bundeswehr muss ich entschieden widersprechen. Die Bundeswehr funktioniert nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam. Wenn der Vorgesetzte sagt, dass das Abendrot blau statt rot ist, dann heißt es: Jawohl, Herr …, das Abendrot ist blau.

EndofRome
3 Stunden her
Antworten an  Winnetou

Abschreckung als Stärke kann Putin mühelos als Aggression gegen Russland deuten. Das bellezistische Geheul aus Deutschland heizt er sogar noch mit seinen Drohnenaktionen und sonstigen Nadelstichen immer weiter an. Es ist eine Bärenfalle für Merz, damit er irgendwann einen nuklearen Schlag gegen Deutschland begründen kann. Putins Tenor: Schaut her, diese Deutschen beschießen mittels der Ukraine die „heilige russische Erde“, obwohl ich sie wiederholt gewarnt habe. Die westliche Hilfe für die Ukraine wäre nach einem Atomschlag jedenfalls vom Tisch und ob Trump oder Macron für uns ins nukleare Risiko gehen werden ( Glaubwürdigkeit der Nato retten und dafür eine eigene Stadt… Mehr

EndofRome
3 Stunden her
Antworten an  Winnetou

Hilfe für die Ukraine? Aber ja! Es ist strategisch und moralisch geboten. Doch nur mit eigenen Nuklearwaffen in der Hinterhand.

Monostatos
3 Stunden her
Antworten an  Winnetou

Das Gegenteil von Kriegstreiberei ist nicht Appeasement, sondern Vernunft. Neutralität ist Vernunft und hat Finnland, Schweden, die Schweiz und Österreich sehr lange sich in Frieden entwickeln lassen.

HPs
2 Stunden her
Antworten an  Monostatos

Sehr naiv Neutralität schützt nicht. Belgien und Niederlande waren im 1. und 2. Weltkrieg neutral. Belgien im 1. Weltkrieg -> Schlieffenplan, Haupt-Durchmarschgebiet 2. Weltkrieg beide wurden besetzt. Weitere Beispiele Dänemark, Norwegen, nix genutzt hat sie die Neutralität. Ein Hitler lässt sich von sowas nicht aufhalten. Österreich: Staatsvertrag 1955, seitdem neutral – nicht wirklich lange Ausserdem ist es eine Illusion zu glauben Neutralität würde Österreich schützen. Österreich ist logistische Drehscheibe der NATO, das betrifft West-Ost-Transversalen bzw. Süd-Nord-Transversalen (Bahn-/Strassenverbindungen) Österreich ist als allererstes dran ! Schweden und Finnen definieren „Vernunft“ ganz anders, beide sind keine Kriegstreiber. Si vis pacem, para bellum –… Mehr

Last edited 2 Stunden her by HPs
Spyderco
3 Stunden her
Antworten an  Winnetou

,,Russland kann man nur mit Abschreckung durch Stärke begegnen.“

….indem man die Steuermilliarden der deutschen Bürger an einen korrupten Staat verschleudert ,dessen Bürger auf Kosten der eigenen Bevölkerung vollversorgt und durch irre Sanktionen, die eigene Wirtschaft und Energieversorgung ruiniert!?

Toller Plan ,zur,,Abschreckung durch Stärke“!🙈

Last edited 3 Stunden her by Spyderco
Guzzi_Cali_2
4 Stunden her

Es ist mir ein innerer Vorbeimarsch, daß diese fiese Type jetzt mal einen eingeschenkt bekommen hat.

epigone
5 Stunden her

Kiesewetter hat womöglich noch eine familiäre Rechnung mit den Russen offen. Schließlich kommt er aus einer über Generationen im mörderischen Kriegshandwerk engagierten Familie – und da bleibt vermutlich immer mal eine Anekdote von der Front oder vom russischen Untermenschen und der Schmach des durch „die Schuld“ der Russen verlorenen 2. Weltkrieges prägend zurück. Sein Grossvater Hauptmann Robert Kiesewetter hatte es nämlich offenbar unter den Nazis bis in den Vorhof zum Stabsoffizier der Offizierslaufbahn bereits weit gebracht und konnte bestimmt in der Familie manche wertvolle Haltung aus dieser Zeit weitergeben. Und er konnte diesen Rang – wie wunderbar- in die neu… Mehr

Haba Orwell
5 Stunden her

> „Russland muss verlieren“, hatte Kiesewetter gesagt und geschrieben. Das sieht ein schländischer Geheimdienst-Mitarbeiter anders: >>>Steht die EU wegen der Ukraine vor dem Zerfall? Deutsche Geheimdienste deuten dies an – uncut-news.ch<<< > „… Russland wird militärisch, politisch und wirtschaftlich noch lange stabil bleiben. Die Ukraine versinkt im Chaos, und das könnte Europa destabilisieren – zu diesem äusserst beunruhigenden Schluss für die EU gelangte kürzlich ein Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes. … Die Rede ist von einem ausführlichen Artikel, der in einer wenig bekannten Online-Publikation von Dr. Ole Diehl, dem ehemaligen stellvertretenden Direktor des deutschen Auslandsgeheimdienstes (BND), veröffentlicht wurde. …“ Weiter wird… Mehr

Turnvater
5 Stunden her

Warum ist Herr Kiesewetter noch nicht an der Front? Als Offizier könnte er dort gute Dienste leisten und das tun, was er will – den Krieg nach Rußland tragen. Persönlich.

Mike76
3 Stunden her
Antworten an  Turnvater

Der will halt nicht „canon fodder“ sein.

Spyderco
5 Stunden her

Kiesewetter sitzt für Aalen-Heidenheim im Bundestag.
Wichtige Arbeitgeber in diesem Wahlkreis sind die Rüstungskonzerne Hensoldt und Optronics.
Diese produzieren Radaranlagen für Raketen,sowie Optiksysteme für Drohnen und liefern an die Ukraine.🤷‍♂️

Last edited 5 Stunden her by Spyderco