Der CDU-Veteran erhält von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz – fürs Twittern. Der frühere Funktionär fällt auf X immer wieder durch krude Falschbehauptungen auf.
IMAGO / dts Nachrichtenagentur
Der Kurzzeit-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz soll am 5. Oktober das Bundesverdienstkreuz aus der Hand von Frank-Walter Steinmeier entgegennehmen. Die Begründung des Staatsoberhaupts lautet: Der 80-jährige Ex-Funktionär erhält die Ehrung für seine Aktivitäten auf X, kurz, für das Twittern. Auf der Plattform vertrete er „leidenschaftlich die Werte der Demokratie“, führe den „demokratischen Diskurs“ und wirke als Vermittler zwischen den Generationen, so das Bundespräsidialamt.
Nutzer von X erleben Polenz etwas anders: erstens als aggressiven Kämpfer gegen die kleinste konservative Regung in seiner eigenen Partei – und zweitens als hartnäckigen Verbreiter von Desinformation. Geradezu passend zu der angekündigten Ehrung verbreitete Polenz auf X die gleiche Unwahrheit über das Oktoberfest wie einige Wochen vorher schon die damalige grüne Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt Susan Sziborra-Seidlitz: Wie die linke Politikerin behauptete er, „dass die Sicherheitsmaßnahmen des Oktoberfestes wegen eines rechtsextremistischen Anschlags so hoch sind“.
Nichts davon stimmt: Sicherheitszaun und Taschenkontrolle wurden nicht nach dem Bombenanschlag durch den Rechtsextremisten Gundolf Köhler eingeführt. In Wirklichkeit errichtete die Stadt 2009 einen Sicherheitsring nach Anschlagsdrohungen von Al-Kaida. Die Taschenkontrolle an bewachten Eingängen führte sie 2016 ein, nachdem ein aus Syrien stammender Migrant und IS-Sympathisant versucht hatte, mit einer Rucksackbombe Besucher eines Weinfestes in Ansbach zu töten.
Polenz verbreitete damit nicht zum ersten Mal krude Falschbehauptungen. Als die damals stellvertretende Chefredakteurin der „Süddeutschen“ Alexandra Föderl-Schmid 2024 im Zuge ihrer Plagiatsaffäre 2024 für einen Tag ihr Mobiltelefon abschaltete und für Kollegen auch nicht anderweitig erreichbar war, jagte Polenz auf X die Behauptung heraus, die Journalistin sei tot, und deutete an, der Plagiatsjäger Stefan Weber habe sie in den Tod getrieben.
Kein Wort stimmte: Föderl-Schmidt saß putzmunter unter einer Inn-Brücke bei Braunau. Darauf versuchte sich Polenz mit der Ausrede aus der Affäre zu ziehen, er sei unvorsichtigerweise einer Pressenachricht über ihren Tod gefolgt. Nur: Diese Nachricht gab es nie.
Als der CSU-Politiker Armin Petschner-Multari über seine Erfahrungen auf der Münchner Sicherheitskonferenz schrieb, stellte Polenz ihn ohne jede eigene Recherche als Hochstapler dar: Petschner-Multari sei dort nie gewesen. „Warum sollte Sie jemand einladen“, höhnte der gescheiterte CDU-Generalsekretär. Die Antwort hätte er leicht herausfinden können: Der CSU-Mann arbeitete für die Sicherheitskonferenz, unter anderem als Dolmetscher.
Polenz wirft nicht nur mit Fake News um sich, sondern verteidigt sie auch „leidenschaftlich“ – um das Präsidialamt zu zitieren –, wenn sie vom ZDF stammen. Denn dort führte er lange Jahre den Fernsehrat. Nachdem das ZDF seine (später richtiggestellte) Verleumdung gesendet hatte, Elon Musk hätte zu Gewalt gegen Migranten in Dublin aufgerufen, warf sich der CDU-Pensionär prompt für den Sender in die Bresche. Andere machten Polenz darauf aufmerksam, dass es keine Lügen für den guten Zweck geben sollte.
— Carsten Brennecke (@RABrennecke) June 13, 2026
Mit Ruprecht Polenz hat Deutschland jetzt seinen ersten amtlich ausgezeichneten Desinformator. Nein, ein „Vulgärdemokrat“ – so bezeichnet Steinmeier neuerdings alle, die nicht den Dogmen von Unsererdemokratie folgen –, das ist der CDU-Ex-Funktionär wirklich nicht. Immerhin weiß Deutschland jetzt, was Steinmeier unter „demokratischem Diskurs“ versteht.


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