Politik will Jugendliche aus Social Media drängen – aber Belege für etwaigen Nutzen fehlen

Die Politik drängt unter Vorwänden auf ein Social-Media-Verbot für Jugendliche, kann für den behaupteten Nutzen aber selbst keine belastbaren Studien vorlegen. Dahinter steht das übliche Spiel aus Kontrolltrieb, Doppelmoral und dem Versuch, das Netz Schritt für Schritt in eine ID-Verifikationszone für jedermann zu verwandeln.

picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Ausgerechnet an dem Punkt, an dem die Politik am entschlossensten auftritt, ist ihre Begründung am dünnsten. Für den Vorstoß, Jugendlichen den Zugang zu sozialen Medien per Verbot oder harter Altersgrenze zu beschneiden, hat die Bundesregierung nach einer parlamentarischen Anfrage keine belastbaren Studien zum Nutzen vorgelegt, berichtet der Tagesspiegel. Das ist der aktuelle Kernfall. Die Politik fordert den Eingriff, aber sie kann nicht sauber belegen, dass er in der behaupteten Form tatsächlich wirkt. Damit steht am Anfang dieser Debatte nicht Evidenz, sondern politischer Wille. Erst kommt das Verbot, dann sucht man nach der passenden Begründung.

Genau damit beginnt der Skandal. Wer Millionen Kindern, Jugendlichen und Eltern unter fadenscheinigen Vorwänden in den Alltag hineinregieren will, kann nicht mehr liefern als ein diffuses Gefühl von Gefährdung und den üblichen Reflex, dass der Staat schon irgendetwas sperren werde.

Schon die rechtliche Lage zerlegt den großen Verbotsgestus. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags verweisen auf erhebliche Hürden durch den Digital Services Act, das Herkunftslandprinzip und das grundrechtlich geschützte Elternrecht. Der Staat hat eben nicht die Generalvollmacht, Familien ihre Erziehungsentscheidungen abzunehmen, nur weil der politische Betrieb wieder seine Ordnungsphantasien entdeckt. Ein pauschales Social-Media-Verbot wäre deshalb nicht nur praktisch grob, sondern schon im Ansatz rechtlich heikel.

Noch aufschlussreicher ist der politische Widerspruch hinter dieser Debatte. Als hunderttausende Kinder und Jugendliche für Fridays for Future auf die Straße gebracht wurden, galt dieselbe Altersgruppe plötzlich als politisch hellwach, verantwortungsbewusst und vorbildlich. Kein Politiker, der die Jugendlichen nicht hofierte und bei ihnen für Fotos und Schlagzeilen vorsprach. Keiner, der die Jugend nicht für ihre Weitsicht lobte. In der Debatte um das Wahlalter ab 16 hieß es damals, junge Menschen müssten früher beteiligt werden, sie seien politisch interessiert und müssten über ihre Zukunft mitentscheiden können. Hier war Jugend kein Schutzfall, sondern demokratische Hoffnungsträgerin.

Jetzt soll genau diese Generation zu unreif sein, um Inhalte im Netz einzuordnen. Dieselben Milieus, die gestern noch von politischer Mündigkeit schwärmten, erklären Jugendliche heute zu Schutzobjekten, denen man digitale Räume besser nur noch dosiert oder gar nicht mehr zugänglich macht. Dieser Bruch ist zu krass, um ihn als bloße Sorge durchgehen zu lassen. Er legt eine andere Frage nahe: Was genau ist in den letzten Jahren denn so schlimmes und furchtbares passiert, dass man die Jugendliche nun so dringend von ihrer Meinungsbildung abhalten muss? Was hat sich wirklich geändert? Die Jugend selbst oder die politischen Ergebnisse, die sie hervorbringt?

Die naheliegende Antwort ist für die Verbotsfreunde dramatisch. Solange junge Menschen als Klima-Kulisse, Protestreserve und progressive Projektionsfläche dienten, wurden sie moralisch überhöht. Seit aber immer deutlicher erkennbar wird, dass ein wachsender Teil der Jugendlichen dem etablierten Politikbetrieb entgleitet, kippt der Ton. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, dass sich ein Teil der Jugendlichen zunehmend für rechtspopulistische Angebote öffnet. Wer Jugendliche erst politisch adelt und ihnen dann die Urteilskraft abspricht, sobald sie die falschen Schlüsse ziehen oder falsch wählen, betreibt keinen Schutz, sondern Disziplinierung.

Genau deshalb hat diese Verbotsdebatte einen schalen Beigeschmack. Nicht die bloße Existenz Jugendlicher im Netz scheint das eigentliche Problem zu sein, sondern die schwindende Gewissheit, dass sie dort noch zuverlässig im gewünschten Meinungskorridor gehalten werden können. Erst sollten 16-Jährige reif genug fürs Kreuz auf dem Wahlzettel sein. Nun sollen sie zu unreif für TikTok, Instagram oder X sein. Diese Volte ist nicht fürsorglich. Sie ist entlarvend.

Hinzu kommt, dass die Ablehnung eines pauschalen Verbots keineswegs nur aus liberalen Sonntagsreden stammt. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz hält ein generelles Verbot ausdrücklich für zu weitgehend und betont, junge Menschen hätten ein Recht auf digitale Teilhabe. Die Behörde verweist darauf, dass Schutz nicht durch pauschales Aussperren entsteht, sondern durch verbindliche Anbieterpflichten, wirksame Altersprüfungen und pädagogische Begleitung durch Eltern, Schule und Jugendhilfe.

Auch aus der Jugendhilfe und dem sozialen Bereich kommt klare Kritik. Ein generelles Verbot bis 16 findet in der Bevölkerung gerade keine Mehrheit. Nach der jüngsten SOEP-Befragung lehnt eine Mehrheit ein solches Altersverbot bis 16 ab, während alternative Schutzmaßnahmen wie mehr Medienkompetenz und stärkere elterliche Begleitung deutlich mehr Zustimmung erhalten. Die öffentliche Meinung sieht also Risiken, aber sie sieht ebenso, dass der grobe staatliche Holzhammer keine überzeugende Antwort ist.

International fällt die Kritik ähnlich aus. Auch in der fachlichen Debatte, die von der BzKJ selbst dokumentiert wird, wird darauf hingewiesen, dass rein verbotsorientierte Ansätze mit dem Recht junger Menschen auf Teilhabe und Autonomie kollidieren und pädagogisch wie praktisch zu kurz greifen.

Dazu passt, dass die Praxis solcher Verbotsmodelle für ihre Befürworter unerfreulich ausfällt. Die Bundestagsanalyse zu internationalen Modellen verweist selbst darauf, dass Verbote und Altersgrenzen in einem komplexen europäischen und technischen Umfeld stehen, in dem Zuständigkeiten, Durchsetzung und tatsächliche Wirksamkeit alles andere als einfach sind. Der große politische Durchgriff erzeugt dann vor allem eins: neue Bürokratie, neue Kontrollansprüche und dieselbe alte Illusion, ein kompliziertes soziales und technisches Problem lasse sich mit einem simplen Verbot aus der Welt schaffen.

Ein pauschales Social-Media-Verbot für Jugendliche ist deshalb strikt abzulehnen. Es ist rechtlich angreifbar, empirisch schwach unterfüttert, praktisch grob und politisch verdächtig. Es greift ins Elternrecht ein, obwohl gerade Eltern die erste Verantwortung für den Medienumgang ihrer Kinder tragen. Es erklärt Jugendliche mal zur demokratischen Speerspitze und mal zum unmündigen Schutzobjekt, je nachdem, ob sie politisch nützen oder stören. Und es verrät damit vor allem eines: Diese Politik will nicht konsequent schützen. Sie will zurück an die Kontrolle über eine Generation, die ihr nicht mehr zuverlässig folgt.

Es ist das bekannte Muster eines übergriffigen Staates. Solange Jugendliche das Richtige rufen, sollen sie die Republik mitgestalten. Sobald sie sich entziehen, zweifeln, widersprechen oder politisch abwandern, gelten sie plötzlich als zu unreif für offene digitale Räume. Nicht die Jugend hat sich hier entlarvt. Entlarvt hat sich eine Politik, die Mündigkeit immer nur dann feiert, wenn sie ihr nützt.

Am Ende geht es bei dieser Debatte nicht nur um Jugendliche, schon gar nicht um eine Sorge um ihr Wohlergehen. Es geht um die nächste Stufe politischer Kontrolle im Netz. Denn wer Social Media erst für Minderjährige nur noch über Altersnachweise, Verifikationsschleusen und technische Zugangssperren betretbar machen will, baut die Zensur-Infrastruktur, die morgen sehr leicht auf immer weitere Räume und immer weitere Nutzergruppen ausgedehnt werden kann. Genau deshalb ist das Gerede vom Jugendschutz so verlogen. Es liefert den moralischen Vorwand für eine Entwicklung, die in Wahrheit auf etwas viel Größeres zielt: ein Internet, das nicht mehr frei zugänglich ist, sondern nur noch nach Identitätsprüfung, Altersfreigabe und digitaler Berechtigung. Dass die EU-Kommission bereits einen harmonisierten Ansatz für Altersverifikation samt App und technischem Blueprint vorantreibt, zeigt, dass diese Richtung längst konkret ist. Ob daraus am Ende eine allgemeine ID-Zone für das Netz wird, ist eine politische Folgerung, keine bereits vollendete Tatsache. Aber genau deshalb muss dieser Vorstoß jetzt frontal zurückgewiesen werden, bevor aus dem Vorwand Jugend am Ende die Eintrittskarte zur digitalen Ausweispflicht für alle wird.

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Kommentare ( 9 )

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Raul Gutmann
1 Stunde her

Nahezu die gesamte gegenwärtig gesellschaftlich moralisch aufgeladene Diskussion ist eine Art Potemkinsches Dorf, die gegenüber einer mindestens vor 50 Jahre vergangenen Gesellschaft ein totalitäres Regime vermäntelt will.
Fern Oscar Wildes persönlicher Meinung zur Monarchie düfte sein Aphorismus, Demokratie sei kaum weniger als ein Niederprügeln des Volkes durch das Volk für das Volk in der Monarchie, ob unter britischen oder deutschem Regneten, kaum gegeben hätte.

Berlindiesel
2 Stunden her

Im neurechten Sektor, zu dem ich TE inzwischen auch eher zähle, nachdem die Redaktion die CDU aufgegeben hat und die FDP verschwunden ist, muss man wirklich aufpassen, nicht den Bogen zu überspannen. Bei Sozialen Medien eine libertäre Haltung nur deswegen einzunehmen, weil man eine Verschwörung der Linksliberalen vermutet, heißt, in deren Falle zu gehen, weil es im Hinblick auf Soziale Medien eben nicht so bleiben kann, wie es ist. Regulatorische Eingriffe widersprechen immer dem Grundsatz einer freien Marktwirtschaft, wobei diese allerdings auch nie bereit ist, die Kollateralschäden ihrer Produkte auf der Verursacherseite einzupreisen, sondern diese Kosten dann gerne sozialisiert sieht.… Mehr

Fulbert
2 Stunden her

Kann es sein, dass der vermehrte Zuspruch der jüngsten Wählergruppen zur AfD eine Rolle spielt? Deren Erfolge mit Social-Media-Kampagnen sind ja bekannt.

Last edited 2 Stunden her by Fulbert
Strix Nebulosa
2 Stunden her

Gegen das, was Kindern unter dem Deckmantel des Sexualkundeunterrichts in staatlichen Schulen so alles vermittelt werden soll, sind die Inhalte bei den gängigen sozialen Netzwerken geradezu prüde.

Haba Orwell
2 Stunden her

> Aber genau deshalb muss dieser Vorstoß jetzt frontal zurückgewiesen werden, bevor aus dem Vorwand Jugend am Ende die Eintrittskarte zur digitalen Ausweispflicht für alle wird.

Müsste man nicht aufhören, Kartellparteien zu wählen? In BW und RLP sah ich nicht viel davon.

Der Ingenieur
2 Stunden her

„Politik will Jugendliche aus Social Media drängen – aber Belege für etwaigen Nutzen fehlen“

Das kümmert doch unsere Ideologie-getriebenen Politiker nicht.

„Klimaschutz und Energiewende“ haben uns schon etwa 600.000.000.000 Euro (600 Milliarden Euro) gekostet, ohne den kleinsten Beleg eines Nutzens.

Wie auch?

Selbst wenn man an das CO2-Märchen glauben würde, wäre eine Wirkung von „Klimaschutz und Energiewende“ nicht feststellbar, da Deutschland für weniger als 0,04% der jährlichen CO2-Emission verantwortlich ist.

Das ist nicht mal ein Fliegenschiss für den unsere Politiker Deutschland gerade de-industrialisieren und uns auf dem Weg zum Entwicklungsland inklusiv Zusammenbruch unserer Sozialsysteme schicken …

Last edited 2 Stunden her by Der Ingenieur
hansgunther
1 Stunde her
Antworten an  Der Ingenieur

Es geht nicht ums Klima, es geht um Abzocke und Vernichtung der Deutschen!

Last edited 1 Stunde her by hansgunther
Siggi
3 Stunden her

Im Netz kann man die nicht mit Staatspropaganda vollstopfen. Dass denen das stinkt ist klar, weil Wahrheit fast immer auch AfD Wähler bedeutet. Die dachten mit der Herabsenkung des Wahlalters machen die den besseren Schnitt, aber Pustekuchen, die haben den schlafenden Hund geweckt und erzürnt.

jwe
3 Stunden her

Was unterscheidet uns noch von Nord-Korea???