Fed-Chef Warsh bremst mit seiner Zinswarnung vor allem US-Technologiewerte, während der Dax auf Rekordkurs bleibt. Nun richtet sich der Blick auf Inflationsdaten, US-Arbeitsmarkt und den Halbleiterkonzern Broadcom – die erste Septemberwoche dürfte turbulent werden.
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Hinweise des US-Notenbankchefs auf eine mögliche Zinserhöhung haben den New Yorker Aktienmarkt am Freitag nur mäßig belastet. Etwas unter Druck gerieten vor allem die Kurse an der Tech-Börse Nasdaq. Der Auswahlindex Nasdaq 100 schloss 0,7 Prozent tiefer mit 29.433 Punkten. Am Vortag hatten ihn der starke Ausblick des Chipriesen Nvidia und weitere positive Unternehmensnachrichten noch deutlich nach oben gezogen. Auf Wochensicht verzeichnete das Tech-Barometer ein Plus von 0,4 Prozent. Für den marktbreiten S&P 500 ging es letztlich nur um gut 0,2 Prozent auf 7.712 Punkte bergab. Noch besser hielt sich der Leitindex Dow Jones Industrial, der praktisch unverändert bei 53.560 Punkten ins Wochenende ging, was einem Wochengewinn von 0,7 Prozent entspricht.
Mit deutlichen Worten zur hohen Inflation signalisierte US-Notenbankchef Kevin Warsh seine Bereitschaft für eine straffere Geldpolitik. „Wir müssen davon überzeugt sein, dass sich die Kerninflation eindeutig und mit ausreichender Geschwindigkeit unserem Ziel annähert. Andernfalls haben wir noch einiges zu tun“, sagte er laut Redemanuskript beim internationalen Notenbank-Treffen in Jackson Hole. Zwar zeigten die jüngsten Konjunkturdaten eine leichte Abkühlung. Allerdings sehe er darin nicht, dass sich an der grundlegenden Entwicklung etwas geändert habe.
Höhere Zinsen würden festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen gegenüber als riskanter wahrgenommenen Anlagen wie Aktien tendenziell begünstigen. Das gilt vor allem für Technologieaktien wegen der massiven Investitionen der Branche in Künstliche Intelligenz (KI).
Warsh sei offenbar bemüht, den bisherigen Zweifeln an seiner Bereitschaft zu Zinserhöhungen entgegenzutreten, schrieb Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. Er erhöhe damit die Spannung vor der nächsten Zinssitzung Mitte September. „Die US-Inflationsdaten für August, die wenige Tage vor diesem Termin veröffentlicht werden, bilden mutmaßlich das Zünglein an der Waage“, glaubt der Experte.
Auch Eric Winograd, US-Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter AllianceBernstein, sieht diese als entscheidend für die weitere US-Geldpolitik an. Warshs Rede habe aber „weniger Orientierung als erhofft gebracht. Zwar habe der Fed-Chef bei der Inflation einen etwas restriktiveren Ton angeschlagen – „zum weiteren Zinspfad hielt er sich jedoch bedeckt“, betonte Winograd. Er warnte zudem, dass eine zunehmend uneinige Notenbank selbst zum Marktrisiko werden könnte.
Das „FedWatch-Tool“ der Terminbörse CME, welches die aktuellen Markterwartungen für kommende Zinsentscheidungen der Fed als Wahrscheinlichkeiten anzeigt, belegte den deutlichen Stimmungsumschwung. Inzwischen ist eine Leitzins-Anhebung um gut 0,2 Prozentpunkte demnach deutlich wahrscheinlicher als eine Beibehaltung des derzeitigen Niveaus. Unmittelbar vor Warshs Aussagen hatte es noch gut eine Zweidrittel-Mehrheit für einen weiter unveränderten Zinssatz gegeben.
Unter den US-Einzelwerten sackten die stark gelaufenen Aktien von Marvell Technology am Freitag um 10,3 Prozent ab. Goldman-Sachs-Analyst James Schneider wertete die Quartalszahlen des Chipherstellers zwar grundsätzlich positiv. Die Markterwartungen seien jedoch immens hoch gewesen. Die Nvidia-Titel sanken nach der kräftigen Vortagserholung um 4,6 Prozent. Auch andere Halbleiterwerte standen unter Druck.
Paypal rutschte als Schlusslicht im Nasdaq 100 um 12,7 Prozent ab. Der Finanzinvestor Advent und der Zahlungsabwickler Stripe gaben ihre Pläne für eine Übernahme des Zahlungsdienstleisters auf, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen schrieb.
Die in New York gelisteten Anteilscheine von Biontech setzten mit minus 8,4 Prozent ihren Abwärtstrend fort. Der Biotech-Konzern brach eine Phase-II-Studie zu einem mRNA-Impfstoff zur Behandlung von Darmkrebs ab. Mitte August hatte dagegen die US-Konkurrenz für Euphorie gesorgt: Die beiden Pharmakonzerne Moderna und Merck & Co erzielten mit dem gemeinsam entwickelten personalisiertem mRNA-Krebsimpfstoff Intismeran gegen schwarzen Hautkrebs einen wichtigen Erfolg. Die Aktien von Gap legten am Freitag einen Kurssprung von 12,9 Prozent hin. Der Modehändler übertraf im zweiten Quartal die Gewinnerwartungen. Zudem wurde ein neuer Chef für die Kernmarke Old Navy vorgestellt.
Zuvor war der Dax auf ein Rekordhoch gestiegen. In der Spitze stieg der deutsche Leitindex bis auf 26.618,74 Punkte und überbot so seine vor zwei Wochen erreichte Bestmarke bei 26.573,50 Zählern. Letztlich ging der Dax knapp 0,8 Prozent höher mit 26.570 Punkten aus dem Handel. Damit erzielte er ein Wochenplus von mehr als anderthalb Prozent. Der MDax mit den mittelgroßen Unternehmen gewann vor dem Wochenende knapp 0,3 Prozent auf 33.030 Punkte.
„Die Anleger spielen nach wie vor nach ihren eigenen Spielregeln und rechnen derzeit Chancen gegen Risiken auf“, stellte CapTrader-Marktanalyst Timo Emden fest. „Die Gespräche zwischen Iran und Oman machen Hoffnung auf eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus“, schrieb Kapitalmarktexperte Jürgen Molnar vom Broker RoboMarkets. „Die Börsenampel bleibt auf Grün.“
Autowerte waren vor dem Wochenende am deutschen Aktienmarkt besonders gefragt. An der Dax-Spitze gewannen BMW 4,5 Prozent und profitierten von einer positiveren Haltung der Citigroup. Volkswagen und Mercedes-Benz gewannen jeweils rund drei Prozent.
Auch andere Zykliker konnten bei den Anlegern punkten. Im Dax gehörten der Chemiekonzern BASF und der Chemikalienhändler Brenntag zu den größten Gewinnern. Im MDax spiegelte sich die Sektorenpräferenz mit kräftigen Kursgewinnen für Lanxess und Wacker Chemie wider.
Die Aktien von Siemens erreichten sogar ein Rekordhoch und stiegen schlussendlich um ein Prozent. Damit erholte sich der Technologiekonzern endgültig von den zwischenzeitlichen Gewinnmitnahmen nach den Quartalszahlen Anfang des Monats.
Weiter auf Rallykurs befanden sich die Aktien von Deutz, die am Freitag auf den höchsten Stand seit 1998 kletterten und letztlich um vier Prozent anzogen. Die Übernahme der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) ist für den Kölner Motorenbauer, der sich damit stärker im Rüstungsgeschäft engagiert, derzeit der stärkste Treiber.
Die Papiere von Traton verloren dagegen 1,4 Prozent, nachdem die Schweizer Bank UBS sie nach starkem Lauf von „Buy“ auf „Neutral“ abgestuft hatte. Das Margenziel des Nutzfahrzeugherstellers sei zwar konservativ gesetzt und könnte noch etwas steigen, der Marktkonsens habe sich aber wohl bereits darauf eingestellt, hieß es von den Analysten.
Die Titel des Software-Unternehmens Nemetschek gaben nach dem Vortagsplus von fast zehn Prozent um 0,9 Prozent nach. Händler verwiesen auf einen schwächeren Cashflow-Ausblick des US-Wettbewerbers Autodesk als kleine Belastung.
Der jüngsten Erholung des Aktienkurses von Redcare Pharmacy versetzte eine Personalie einen Dämpfer. Olaf Heinrich entschied sich nach drei Jahren an der Unternehmensspitze zum Rückzug. Als Nachfolger ist Peter Schmid von Linstow vorgesehen, der seit April 2026 bereits Mitglied im Aufsichtsrat ist. Redcare büßten als Schlusslicht im Kleinwerte-Index SDax 5,9 Prozent ein.
Aus Deutschland kommen ungewohnt freundliche Nachrichten. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im August von 86,7 auf 88,8 Punkte. Vor allem die Erwartungen der Unternehmen hellten sich deutlich auf. Selbst in der Industrie ist die Skepsis kleiner geworden, auch wenn die Auftragsbücher noch keine Partystimmung rechtfertigen. Das ifo Institut spricht immerhin von einer Erholung der deutschen Wirtschaft. Auch die jüngsten Wachstumszahlen passen dazu: Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal stärker gewachsen als zunächst angenommen. Nach Jahren, in denen man bei deutschen Konjunkturdaten besser sitzen blieb, darf man also vorsichtig aufstehen.
Der Blick nach vorn
Am Dienstag beginnt die Woche gleich mit einer Zahl, die für Europa wichtig wird: Eurostat veröffentlicht die erste Schätzung der Inflation für August. Im Juli lag sie bei 2,9 Prozent – und damit wieder ein gutes Stück über dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank. Besonders die Energiepreise hatten zuletzt gestört.
Am selben Tag kommen aus den USA der ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie und die neuen Zahlen zu offenen Stellen. Am Mittwoch folgt der ADP-Arbeitsmarktbericht.
Am Mittwoch wird Broadcom seine Halbjahreszahlen vorlegen. Das Unternehmen ist inzwischen einer der spannendsten Gegenspieler und zugleich Ergänzer zu Nvidia. Denn die großen Cloudkonzerne wollen nicht dauerhaft ausschließlich von Nvidias teuren Grafikprozessoren abhängig sein. Broadcom entwickelt für sie maßgeschneiderte KI-Chips und liefert außerdem Netzwerktechnik, ohne die die riesigen Rechenzentren nicht funktionieren würden. Nach Nvidias guten Zahlen wird deshalb besonders interessant, ob auch Broadcom von einer weiter steigenden Nachfrage berichtet. Wenn ja, wäre das ein weiterer Hinweis darauf, dass die Investitionswelle bei Rechenzentren noch nicht abebbt. Wenn nicht, dürfte es an der Börse ziemlich schnell ziemlich ungemütlich werden.
Und am Freitag kommt dann der dickste Brocken: der offizielle US-Arbeitsmarktbericht für August. Nach den zuletzt schwächeren Jobdaten wird die Börse ziemlich genau zählen, wie viele neue Stellen entstanden sind und was mit den Löhnen passiert. Dazu gibt es noch Unternehmenszahlen. Neben Broadcom berichten unter anderem Palo Alto Networks, Snowflake, Dell und Hewlett Packard Enterprise.
Langweilig wird die erste Septemberwoche also eher nicht.

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