Bei Miosga: Schnick, Schnack, Schnuck, Krieg!

Deutschland auf Kriegskurs. So offen wie selten schwingt Caren Miosga die Säbel gegen Russland. Ohne jeden Zweifel wird Putin als Urheber der Leipziger Drohnen-Vorfälle benannt. Und die Runde ist einig: Deutschlands Antwort muss knallhart sein.

Screenprint: ARD / Caren Miosga

Klare Fakten? Fehlanzeige. Belastbare Beweise? Vollkommen unnötig! Man ist von Talkrunden im deutschen, öffentlich-rechtlichen Fernsehen ja wirklich einiges gewohnt. Aber derart offen und unverblümt hat noch selten ein ÖRR-Stuhlkreis seine Einseitigkeit ausgelebt wie an diesem Sonntagabend – und schlimmer noch: derart offen zur Aggression gegen ein anderes Land aufgerufen. Um es klar zu sagen: zum Krieg aufgerufen!

Schon mit ihrer Einleitung macht Miosga deutlich, dass es heute Abend keinesfalls um irgendeine journalistische Herangehensweise geht. Nicht um Fakten, Für und Wider. Nicht um Abwägung, sondern um Agitation. Ausschließlich. Selbst leichte Zweifel haben an diesem Sonntagabend nichts verloren. Miosga moderiert die Sendung allen Ernstes mit den folgenden Worten an: „Ein Krieg ohne Kriegserklärung. Und auch, wenn die Täter ihre Signatur nicht überall hinterlassen, die Handschrift ist lesbar, und die Botschaft ist klar: Russlands hybrider Krieg. Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?“

Eine Runde, die sich grundsätzlich in allem einig ist, worüber soll die diskutieren? Richtig: über gar nichts. Stattdessen wird sich gegenseitig hochgeschaukelt, bis die Zinnsoldaten auf dem Studio-Schlachtfeld glühen. Im Detail wird sich widersprochen, um sich selbst zu inszenieren, mehr nicht. Während in der Ukraine Hunderttausende sterben, üben sich hier drei Agitatoren und ihre Chefagitatorin in Hass und Hetze. Sie sind Kriegsprofis in der Theorie, weit entfernt von jedem blutigen Kriegsschauplatz, und sie debattieren kalt und herzlos. Denn sie wissen ja über alles am besten Bescheid. Der eine mehr noch als die andere. Und sie alle schießen in dieselbe Richtung: Putin, wen sonst?

Da wäre Nico Lange, ehemaliger Leiter des Leitungsstabs im Verteidigungsministerium (unter Annegret Kramp-Karrenbauer, 2019-2022), der sich mittlerweile als Publizist mit aggressiven Äußerungen durch die Medien hangelt. In Miosga hat er einen willigen Fan gefunden; die gelernte Nachrichtensprecherin räumt ihm extrem viel Raum für seine kruden Thesen ein. Das Hausgewächs der Konrad-Adenauer-Stiftung darf minutenlang derart unverblümt vom Leder ziehen, dass es einem Erich Vad oder Harald Kujat die Fußnägel in Falten legen dürfte. Solch besonnene Stimmen wie der ehemalige militärpolitische Berater von Angela Merkel (Vad) oder der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr (Kujat) haben heute selbstverständlich Heimaturlaub, wie immer. In einem ÖRR-Studio darf ausschließlich ein Lange abledern.

Und das macht er mit Verve. Zum Drohnenvorfall in Leipzig ist er sich sicher: „Das Muster der hybriden Angriffe deutet auf Russland hin.“ Es sei „merkwürdig, da von fremden Mächten zu sprechen“. Und mehr noch: „Es ist schon bisschen seltsam, dass wir so tun, als wären wir jetzt im Fadenkreuz hybrider Angriffe aus Russland. Das sind wir seit vielen Jahren.“

Lange geht sogar noch weiter, fordert ein hartes Vorgehen gegen den Aggressor, den keiner kennt, aber er schon: „Wir sagen der anderen Seite nicht: Macht das nicht, das hat Folgen für Euch.“

Einmal von der Leine gelassen – und Miosga hat gar keine – redet sich Lange richtig in Rage. Man solle es gar nicht „hybriden Krieg“ nennen, denn „wir beruhigen uns damit, weil es uns vom Handeln entlastet.“ Das Momentum für einen Gegenschlag würde verschwinden. Und in einem Nebensatz blitzt kurz auf, welch dünnes Eis hier gerade zu einem Gletscher hochgejazzt wird. Lange: „Das ist ja ein Staat, der einen terroristischen Anschlag versucht hat, wenn das so ist, wie wir hier gerade sprechen.“

Genau das ist der eigentliche Punkt: „Wenn das so ist, wie wir hier gerade sprechen.“ Aber ist es tatsächlich so? Wer führt den Beweis? Niemand. Weil es niemand kann. Die Runde macht dennoch weiter. Lange wieder: „Das muss Konsequenzen haben, das kann nicht folgenlos bleiben.“ Es gehe um „Achtung vor sich selbst“. Lange wird immer aggressiver: „Das sollten wir uns nicht alles gefallen lassen. Wir müssen uns auch endlich wehren gegen diese Dinge.“

Kein Widerspruch, keine Besonnenheit, keine Debatte, keine zweite Meinung. Nur das gemeinsame Suhlen in einem dünngerührten Einheitsmeinungsbrei. Denn auch der zweite Gast ist, welche Überraschung, derselben Meinung. Ja, es spreche „sehr, sehr viel dafür, dass es die Russen waren“, sagt Wolfgang Schmidt (SPD), ehemaliger Kanzleramtschef und Beauftragter für die Nachrichtendienste (2021–2025). Heute berät er Firmen, unter anderem Rüstungsunternehmen und Drohnen-Hersteller. Welch ein Zufall. Er lobt en passant noch die alte Bundesregierung – also seinen Ex-Chef Olaf Scholz – für die Verfolgung der Nord Stream-Attentäter. Die Ermittler hätten eine „unglaublich tolle Arbeit gemacht“.

Jeder Zuschauer mit halbwegs gesundem Menschenverstand schaltet spätestens jetzt ab. Was danach passiert, erzählen wir Ihnen deshalb hier:

Nico Lange legt das Gesicht in Falten (was ihm naturgemäß nicht schwerfällt) und fordert Deutschland und die NATO auf, mal ein bisschen die Muskeln spielen zu lassen. Man könne Putin doch zeigen, dass er sich nicht alles erlauben kann. Zum Beispiel mit Übungen direkt an der Grenze zu Russland. Lange: „Wer ist eigentlich bei uns mit dieser Chuzpe ausgestattet, da hinzufahren und zu sagen: Wir wissen, was ihr vorhabt. Macht das nicht?“ Er stellt Deutschland als politischen Lauch dar, weil „der allgemeine Tonfall der deutschen Debatte im Umgang mit russischen Bedrohungen eigentlich immer einer der Beruhigung und Beschwichtigung war.“ Die Äußerungen des Kanzlers („Sie werden dafür bezahlen“) und des Außenministers Johann „What a Fool“ Wadephul („Russland wird immer unser Gegner bleiben“) hat Lange ganz offensichtlich verschlafen.

Es ist der Moment gekommen, da sogar Bellizist Schmidt unruhig in seinem Sessel herumrutscht. „Also das finde ich ein bisschen…“ setzt er an, doch Lange labert noch kurz mit einer Floskel zu Ende. Schmidt erinnert an die „massive Aufrüstung“. Deutschland habe beschlossen, dass man sich „unendlich verschulden“ könne, „für Cyber, für Nachrichtendienste, für die Ukraine und für die Bundeswehr“, und das sei gut so. Der Schuldenberg sei zwar „nicht unendlich, aber in einer Dimension, die sich kaum einer hätte vorstellen können. Wir werden jetzt in Zukunft bis 2029 154 Milliarden jedes Jahr nur für die Verteidigung ausgeben. Das sind 90 Milliarden Euro mehr jedes Jahr. Das wird uns noch sehr viele Probleme bereiten im Haushalt.“

Den dritten Gast hätten wir fast vergessen. Hanna Notte, erklärte Putin-Gegnerin. Sie ist Direktorin des Eurasien-Programms am James Martin Center for Nonproliferation Studies (CNS) und Senior Associate am CSIS und Kennan Institute. So beeindruckend das klingt, so unscheinbar sitzt sie da. Notte, Typ Gouvernante von der traurigen Gestalt, stößt wacker in dasselbe Kriegshorn wie ihre Mitstreiter. Russland wolle „in den nicht freundlichen Staaten unsere wunden Punkte finden, um uns zu schwächen.“ Und mit den nicht freundlichen Staaten sei vor allem Deutschland gemeint. Da es eine „wachsende Verflechtung unserer Rüstungsindustrie mit der Ukraine“ gebe, sei es für die Russen „auch nur Fair Game“, Deutschland anzugreifen.

Kurz kommt noch das fast schon legendäre „Waffendepot bei Berlin“ aufs Tapet, jene zwei verrosteten, im Wald verbuddelten Handfeuerwaffen. Und für noch eine weitere Volte ist Notte gut. Miosga fragt, ob der Drohnenvorfall nicht vielleicht auch etwas mit den anstehenden Landtagswahlen zu tun haben könnte. „Das spielt sicherlich eine Rolle“, sagt Notte. Daran könnte Russland ganz sicher auch ein Interesse haben. Bingo – wäre das auch geklärt.

Einmal heißgelaufen, dreht die Runde nun völlig frei. Lange fordert eine „kinetische Reaktion“ Deutschlands. Schmidt stellt fest: „Der Instrumentenkasten der hybriden Kriegsführung ist unerschöpflich.“ Die Russen würden sich auch genau anschauen, wie der Iran gegen die USA vorgeht. Außerdem mache Putin sowieso immer weiter, „denn es gibt ja keinen friedlichen Diktatoren-Ruhestand“.

Lange kommt nochmal mit Physik und Kinetik um die Ecke: Russland habe „aufgrund der Sanktionen die ja wirken, und aufgrund kinetischer Sanktionen, die die Ukraine überbringt gegen Raffinerien und Einrichtungen, die dem Ölexport dienen, schon Probleme. Und wenn man da die Probleme mit ‘nem externen Schock vergrößern kann, dann sorgt man ja nicht nur für Überraschung, sondern vielleicht auch für Prozesse der Denkanstöße, und darum geht’s doch.“

Denkanstöße, so wichtig. Aber eben nicht bei Miosga.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen