Frankreichs Haushaltsdefizit schockt selbst die Pessimisten

Die französische Regierung meldete am Dienstagmorgen ein bedrohliches Haushaltsdefizit. Nach aktuellen Berechnungen weist der Haushalt im ersten Halbjahr ein deutlich höheres Defizit auf als ursprünglich geplant.

picture alliance / SIPA | Eric TSCHAEN/POOL

Ein weiterer Tiefpunkt der europäischen Stabilitätspolitik: Frankreich, tragende Säule des Eurosystems, positioniert sich mit Nachdruck als heißer Kandidat und möglicher Auslöser einer kommenden Euro-Finanzkrise.

Nach Angaben des französischen Finanzministeriums betrug das Haushaltsdefizit des französischen Zentralstaates bis Ende Juni rund 107 Milliarden Euro. Das sind unfassbare Zahlen – ein um 14,4 Prozent höheres Defizit, als es die Regierung ursprünglich geplant hatte.

Zieht die Regierung keinen fiskalischen Wellenbrecher ein und geschieht kein ökonomisches Wunder, könnte das Defizit auf Ebene des Zentralstaates in diesem Jahr auf etwa sechs Prozent steigen. Nicht einkalkuliert sind dabei die Lücken im Sozialetat, in den Kommunen und Regionen, die noch einmal einen erheblichen Anteil am französischen Defizit ausmachen. Womöglich wird die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU am Jahresende ein gesamtstaatliches Defizit von etwa acht Prozent aufweisen.

Sämtliche Haushaltspläne wären damit hinfällig. Bereits im vergangenen Jahr kalkulierte die Regierung mit einem Defizit von fünf Prozent – eigentlich ein Wert, der angesichts der einst definierten Maastricht-Kriterien ein Defizitverfahren hätte auslösen müssen. Doch der Euro-Schuldenklub hat sich längst jeglicher fiskalischer Fesseln entledigt.

Die Ursache liegt nicht nur auf der Einnahmenseite. Zwar stiegen die Staatseinnahmen zuletzt um rund 3,7 Prozent. Gleichzeitig erhöhten sich die Ausgaben jedoch um 5,4 Prozent. Der Staat wächst schneller als die wirtschaftliche Basis, die ihn finanzieren soll.

Trotz Steuererhöhungen und zäher Verhandlungen über Ausgabenkürzungen ist es Regierungschef Sébastien Lecornu nicht gelungen, die Schuldenspirale seines Landes auch nur annähernd abzubremsen.

Die französische Haushaltspolitik ist nicht mehr ernst zu nehmen. Prognosen aus Paris besitzen mittlerweile die Halbwertszeit der in immer kürzeren Abständen gescheiterten französischen Regierungschefs.

Das Schauspiel, das Paris der Welt bietet, wird Folgen haben. Der Schuldenkampf der Grande Nation betrifft längst nicht mehr nur Frankreich selbst, sondern das gesamte Eurosystem und die Europäische Union.

Immer deutlicher wird, dass die europäische Politik der vergangenen Jahre zu einem dramatischen Verlust an ökonomischer Dynamik und Produktivität beigetragen hat. Hinzu kommen in Frankreich ein zähes politisches Patt, ein Präsident ohne Volk sowie die fortschreitende Desintegration einer Gesellschaft, die mit einer Staatsquote von 57 Prozent einen der größten Wohlfahrtsstaaten der Welt unterhält, um die sozialen Risse im Land zu kaschieren.

Auch Frankreich folgt dem deutschen Modell und konstruiert sich per Kredit eine eigene Staatswirtschaft, die die nicht endende Produktivitätskrise überwinden soll. Es ist bemerkenswert, dass sich dieser Glaube an die heilende Kraft der Zentralplanung überall in der EU wiederfindet. Lernt niemand mehr die fundamentalen Lektionen aus der Geschichte?

Je mehr Kapital aus den produktiven Bereichen der Wirtschaft in den Aufbau einer politischen Wirtschaft umgeleitet wird, desto ärmer wird die Bevölkerung. So einfach ist das mit dem Sozialismus.

Wir kennen dieses Muster aus Deutschland: Der Staat frisst sich gewissermaßen selbst. Je größer die Schäden werden, die eine wachsende Staatswirtschaft im produktiven Bereich der Gesellschaft verursacht, desto höher fallen am Ende auch die Steuerlasten und die Belastungen durch Inflation aus.

Dieser Logik folgend erhöhte Frankreich in den vergangenen zwölf Monaten mehrere Steuern. Regierungschef Sébastien Lecornu verlagerte zusätzliche Belastungen vor allem auf Unternehmen und Bezieher höherer Einkommen.

Die Sonderabgabe für große Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro wurde verlängert und soll dem Staat rund 7,3 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen bringen. Hinzu kommt eine verlängerte Sondersteuer für hohe Einkommen, die etwa 650 Millionen Euro einbringen soll. Weitere Maßnahmen ergänzen das Steuerpaket. Insgesamt sollen die zusätzlichen Einnahmen den französischen Haushalt um rund neun Milliarden Euro entlasten.

Doch selbst dieser fiskalische Kraftakt steht in keinem Verhältnis zur Dimension des Haushaltsproblems. Steuererhöhungen sind Symptombekämpfung – sie lösen nicht die strukturelle Krise des französischen Sozialstaates.

Es gibt keine ernsthaften Bemühungen, die Migrationskrise zu lösen, keine grundlegende Reform der Sozialprogramme und keine Strategie, durch Entlastungen der Mittelschicht neue wirtschaftliche Dynamik zu erzeugen.

Frankreich wirkt wie ein Autounfall in Zeitlupe. Jeder sieht den Crash kommen, doch niemand bringt noch die Kraft auf, den Aufprall wenigstens abzufedern.

Was folgt, sollte der Anleihenmarkt den Daumen über die französische Kreditwürdigkeit senken?

Die Ratingagenturen haben bereits Warnsignale gesendet. Fitch senkte die Kreditwürdigkeit Frankreichs von AA− auf A+ und verwies auf die wachsende Schuldenlast, die politische Unsicherheit und die fehlende Perspektive einer nachhaltigen Stabilisierung der Staatsfinanzen.

Wir erleben das Wetterleuchten am Horizont einer heraufziehenden neuen Euro-Schuldenkrise. Im Rückblick müssen wir feststellen: Es fiel der Politik über lange Zeit zu leicht, das Fiat-Kreditgeldsystem und die in den politischen Prozess integrierte, regelrecht unterworfene EZB zu nutzen, um die Illusion politischer Machbarkeit aufrechtzuerhalten. Ganz gleich, wo in der EU: Die Politik hält die Illusion aufrecht, dass dem Wohlfahrtssystem keine Grenze gesetzt ist, solange nur der Kreditstrom nicht versiegt. Niemand hinterfragt mehr die politische Strategie, die zu dem ökonomischen Desaster führte. Doch dürften die ruhigen Zeiten mit Blick auf die steigenden Zinsen an den Anleihenmärkten bald vorbei sein.

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Kommentare ( 71 )

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AlNamrood
10 Tage her

Das ist jetzt nicht unbedingt neu oder überraschend.
Ich vermute, die Franzosen werden erstmal gegen die Regierung protestieren und streiken. Das hilft der Wirtschaft bestimmt.

Mausi
7 Tage her

Auch Frankreich folgt dem deutschen Modell: Falsch herum. D folgt Frankreich. Französischer Wirtschaftssozialismus ist das Ziel mindestens für D, wenn nicht sogar für die gesamte EU. D muss zusätzlich noch zusehen, dass sein Wohlstand verschwindet. Sonst hält der Euro nicht. Daher verpulvert D ja auch, anstatt echte Werte zu schaffen. Und nachdem das Bildungssystem auf Null heruntergefahren wird, wird D auf absehbare Zeit nichts mehr zu sagen haben. Bleibt noch abzuwarten, wie sich die EU unter dem staatswirtschaftlichen Vorreiter Frankreich entwickelt.

Last edited 7 Tage her by Mausi
Sokrates
7 Tage her

Nachdem Frankreich fast immer die Maastricht-Kriterien gebrochen hat, dürfen wir dann wohl die DM wieder einführen.

Jetzt bin ich mal ein bisschen böse:
Soll der Elysee zuerst seine Goldreserven verhökern, und Elsass-Lothringen kann er auch zu Geld machen. So heruntergewirtschaftet wie das mittlerweile ist, würde ich 100k EUR dafür springen lassen und das berüchtigte Zigeunerlager in Straßburg nebst EU-Trabantenstadt räumen lassen.

Memphrite
10 Tage her

Egal ob EU, GB, Japan, Südkorea oder USA. Überall wachsen die Schulden.
Besonders der heiße Krieg gegen Russland und Iran, sowie der Wirtschaftskrieg gegen China frisst durch die erhöhten Energiekosten immer höhere Defizite in die maroden westlichen Schuldenökonomien.

Rene 1962
10 Tage her

Wie Konradin schon hier schrieb. Frankreich hat noch Gold für 250 Mrd.
Das können die verkaufen. Hat GB auch getan. Letztens Russland. Das drückt sicherlich den Preis. Irgendwann ist aber auch da Schluss. Russland hat aber den Vorteil gegenüber FR und GB, das sie an der Quelle sitzen.

Phil
10 Tage her

Was es über den Französischen Staat zu sagen gibt, hat bereits Frédéric Bastiat vor rund 180 Jahren gesagt, seither hat sich weder im Geist der Franzosen noch der Politiker auch nur das Geringste verändert.
https://www.bastiat.de/der-staat/

amendewirdallesgut
9 Tage her
Antworten an  Phil

Eine der besten Leseempfehlungen und Zusammenfassungen der letzten Zeit , eigentlich verpflichtendes Allgemeinwissen , danke für diesen Link . Habe jedoch auch heute gelesen , dass ideologisierte Hirne bei diesen Texten nicht die Bereiche aktivieren die für Logik zuständig sind sondern stattdessen sofort die Areale für Angriff und Flucht einschalten. Wenn Sie die Franzosen so einschätzen wie ich dann wissen Sie was folgt …..

Michael Palusch
10 Tage her

Ei der Daus! 14 Milliarden, und das auch noch für das eigene Land!
Wenn der Fritze dem Wolodomyr mit 14 Milliarden käme, könnter er sich aber von ihm und dem unverschämten Makaiev was anhören!

Ecke
10 Tage her

Herr Kolbe, es ist zu befürchten, dass bereits unser Untergang ausgehackt wurde, und zwar in Form von Eurobonds. Das würde auch die wahnsinnige Verschuldung von Schlandland erklären und Fritzes Führungsanspruch, auf den er so penibel beharrt.

Konradin
10 Tage her

Frankreich hat mit über 2.400 Tonnen die zweitgrößten Goldreserven Europas. Das entspricht einem Gegenwert von aktuell rund 250 Milliarden Euro. Zudem staatliche Unternehmensbeteiligungen (die darüber hinaus in den letzten 2,3 Jahren enorm an Wert gewonnen haben) im Wert von aktuell ca. 200 Milliarden Euro. Desweiteren plant die Grande-Pleite-Nation eine massive Erhöhung ihrer Verteidigungsausgaben. Den Bau eines mehr prestigeträchtigen als militärisch nützlichen Flugzeugträger für über 10 Milliarden Euro (Kosten werden vermutlich noch auf 12 – 15 Milliarden Euro ansteigen) sowie vier neuer strategischer Atom-U-Boote der Invicible-Klasse inklusive. Die Kosten allein für diese vier Mega-U-Boote dürften bis Mitte der 2030er Jahre auf… Mehr

Kaltverformer
10 Tage her

Wenn die Märkte erkennen, auf welches Budgetdesaster Frankreich zurast dann wird wohl Deutschland mit seinen Target-2-Schulden auch mehr in den Fokus gerückt werden und die Zinsenlast für das „Sondervermögen“ (irre, wie die Systemmedien freiwillig diesen Begriff geschluckt und verbreitet haben) wird exorbitant steigen.
Spätestens dann wird der liebe Fritzi den Scholz machen und von nix gewusst haben wollen.

Metric
10 Tage her

Einfach schnell einen Krieg führen, dann wuppt das wieder. Haben immer alle so gemacht. Schon wieder gegen Deutschland wäre heutzutage allerdings peinlich, also gegen Russland. Ist zwar sportlich, weil Paris dazu Verbündete braucht und die Briten unter Farage abspringen werden, aber die Boches lassen sich auf jeden Fall verheizen, sind ja auch näher dran und machen das gerne. Außerdem hält man sie so vom Arbeiten und Exportieren ab.