Wenn Politiker sich aufmachen, Religionen zu reformieren

In Deutschland fürchten Islam-Kritiker um ihr Leben, währenddessen träumen etwa Seehofer und Özdemir davon, den Islam zu reformieren, wie einst Luther das Christentum – was für ein Realitätsverlust.

© John MacDougall/AFP/Getty Images
The Reichstag building, which houses the Bundestag lower house of parliament, is reflected in a puddle, in Berlin on October 5, 2017

Zieht die Masken über, werft Konfetti in die Luft, ruft Alaaf! und ruft Helau! – Freunde, freut euch, es ist der Karneval der Kulturen! Kommt lasst uns feiern, nicht lamentieren! Im Kanzleramt wacht über uns die Lady Carneval!

Zu Karneval hat der Mensch zwei Gesichter, und man fragt sich, welches das wahre Gesicht ist und welches das gespielte? Bist du wirklich der brave Bürger, der sich morgens zur Arbeit schleppt, seine Lebenszeit und seine Gesundheit opfert, um mit seinen Steuern den linken Wahn zu finanzieren?

Oder bist du eigentlich die Maske, bist du eigentlich die Nonne, der Cowboy, die Prinzessin, der charmante Bützchenkönig?

In Deutschland ist Karneval der Kulturen – Kulturen ziehen sich Masken an, und tun ganz feierlich und dann scheint doch, in der Maskerade, eine andere Realität durchzuscheinen wie die Pickel unter der weißen Schminke des Clowns.

Islam-Kritiker fürchten um ihr Leben

Alles hat seine Zeit, Sunrise, Sunset. Das Alte geht, das Neue kommt – außer im linksgrünen Deutschland, da ist es andersherum: das Neue geht und das Alte kommt. In China reden sie über Gen-Editing bei Embryos (bbc.com, 28.11.2018), die US-Armee wird mit Augmented-Reality-Headsets von Microsoft ausgestattet (bloomberg.com, 28.11.2018) – und in Deutschland schließt derweil die Cebit wegen Besucherschwund (Steingart auf focus.de, 29.11.2018: »Das Ende der Cebit ist Teil eines großen Staatsversagens«).

Doch, nicht alle Leitveranstaltungen werden abgesagt: Demnächst unterwirft sich Deutschland dem UN-Migrationspakt. Die Islam-Konferenz in Berlin ist derzeit im Rampenlicht. Wäre es despektierlich, auch da vom Karneval der Kulturen zu reden? Auf jeden Fall ist es bemerkenswert, was unter der Schminke hervorkommt. Bild.de titelt: »Deutsche Islam-Konferenz – Islam-Kritiker fürchten um ihr Leben – Anwältin Seyran Ates bei Islam-Konferenz: „Wir sind nur hier, weil uns 15 LKA-Beamte beschützen.“ (bild.de, 28.11.2018 – der Text hat Über- und Untertitel, das macht den zitierten Titel so lang.)

Welches ist der »wahre« Islam? Der Wir-sind-hier-die-Opfer-Islam von Mazyek und Chebli – oder der Islam, vor dem es 15 Personenschützer und Weihnachtsmärkte als Sicherheitszone braucht? Beides? Keines? Vielleicht, eventuell, sollten wir das klären.

Seehofer will einen Islam für Deutschland

»Meinst du das ironisch?«, fragt mein Sohn Leo mich gelegentlich. Manchmal hat er recht damit, manchmal ist es frech, denn, nein, die Anordnung »Jetzt aber ab ins Bett!« ist keineswegs ironisch gemeint.

Sie dürfen jedoch eine gewisse Ironie einrechnen, wenn ich sage: Ich bewundere Leute wie Seehofer und Özdemir für die Chuzpe, es mit den Gelehrten der islamischen Welt aufnehmen zu wollen, und als eher fachlich Außenstehende einen neuen Islam erfinden möchten.

»Seehofer will einen Islam für Deutschland« heißt es in welt.de, 28.11.2018. Özdemir gründet eine »Initiative säkularer Islam«, siehe zeit.de, 21.11.2018. Die deutsche Vice-Ausgabe zitiert Kommentare dazu: » „Die werden mit so einer Scheißmasche definitiv nicht die muslimische Bevölkerung in Deutschland erreichen können“, schreibt ein User. Ein anderer glaubt: „Islamfeinde wollen einen ‚Neuen Islam‘ gründen – was für eine Lachnummer!“« (vice.com/de, 22.11.2018).

Özdemir mag der Partei entstammen, die in Tuben gepresste Soyapampe »Wurst« nennt, und »säkularer Islam«, das klingt tatsächlich wie »vegetarisches Fleisch« – und ist ähnlich irritierend für diejenigen, die dem Original nahestehen.

Reformation ist keine Talkshow

Am 6. Juli 1415 wurde der tschechische Reformator Jan Hus auf einem Scheiterhaufen nahe der Konstanzer Stadtmauer verbrannt – und mit ihm seine Schriften. (Übrigens: der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad wurde aktuell wegen eines islamkritischen Textes auf Facebook gesperrt, siehe steinhoefel.de – das ist die »neue deutsche Meinungsfreiheit«.)

Deutsche haben als großen Reformator ihren Martin Luther, der sich eine Zeit lang auf der Wartburg verstecken musste, doch er konnte schließlich seine letzten Jahre mit Vorträgen und Mahnungen bestreiten (und seine Ausführungen etwa über den/die »Großtürken von Istanbul« würden heute wahrscheinlich zensiert). Wer, wie ich, aus Tschechien stammt, hat in Jan Hus (der vor Luther war), nicht nur einen Helden, sondern auch eine stete Mahnung gesehen, was dir passieren kann, wenn du dich weigerst, geltende Dogmen zu schlucken.

Will man wirklich einem Rückgratlosen und in Angelegenheiten des Islam erfrischend Unbedarften wie Seehofer zutrauen, »den Islam« zu transformieren? Ich bitte Sie! – Özdemir, dessen Argumentation immer wieder der notwendigen Redlichkeit entbehrt, dessen Rede geschrien daherkommt, oft spalterisch und nie einend, so einer will die Reformation einer Weltreligion betreiben? Etwas mehr Ernsthaftigkeit, bitte!

Drucke im Volk

Es könnte heute keine Reformation mehr geben. Die technischen und propagandistischen Mittel derjenigen, die in aktuelle Dogmen wie »Multikulti« investiert haben, sind weit größer als damals.

(Randnotiz: Luthers Schriften verbreiteten sich als Drucke »im Volk« – hätten Staat und Kirche damals schon den GEZ-Apparat zur Verfügung gehabt, hätten sie damals Barden und Sänger organisiert, sie hätten die Manipulierten zu Massen-Demonstrationen wie »Ungeteilt gegen die Ketzer« und »Ketzerei ist keine Meinung« aufgerufen und Kampagnen gegen »Bibelpopulisten« lanciert.)

Die Behauptung von Politikern, sie wollten von Deutschland aus den Islam reformieren, sie ist so undurchdacht, dass man nicht weiß, ob man den Kopf schütteln oder laut lachen soll. Hybris ist wenig spannend, eher nur traurig, wenn der Übermütige allzu realitätsfremd wirkt.

Karneval der Kulturen

Es ist der Karneval der Kulturen, und im Karneval weiß man nicht, ob die Maske das wahre Gesicht ist, oder ob es die Falten und Poren darunter sind.

Welchen Islam sollte die Politik also ernst nehmen? Denjenigen, gegen den es Bodyguards und Straßensperren braucht? Den undurchdachten »säkularen«, den sich selbsterklärte Reformer als Schlagwort ausdenken? Den »moderaten« Islam von den Millionen anderen Muslimen, für die es nicht selten eine Beleidigung darstellt, ihnen zu sagen, ihr Islam sei »moderat«, irgendwie lauwarm, gewissermaßen nicht 100%, es gäbe also noch einen intensiveren Islam.

Eine meiner Denkregeln lautet: Wenn etwas und sein Gegenteil beide einen Sinn zu ergeben scheinen, dann haben wir wahrscheinlich das Problem nicht verstanden. Daran angelehnt wage ich die These: Es steht dem demokratischen Staat oder einzelnen Politikern nicht zu, eine Religion reformieren zu wollen – was ja immer in die Erfindung neuer Untergruppen mündet. Nach der Anglikanischen Kirche den Deutschen Islam? Spannend.

Es ist einfach: Der Gesetzgeber hat klare Regeln fürs Zusammenleben zu setzen, die jenseits von Dogmatiken und Glaubenssätzen stattfinden. Der aufgeklärte Staat sollte eine Äquidistanz zu allen Parteien halten. Es ist nicht der Job von Politikern, von Amtswegen als Religionsgründer aufzutreten – sie machen sich lächerlich, vollständig lächerlich, und bis sie fertig sind, ramponieren sie das letzte Ansehen der Demokratie.

Es ist der Karneval der Kulturen, und während die Jecken tanzen und die Masken an- und abgezogen werden, stünde es einer klugen Politik gut zu Gesicht, dezent im Hintergrund zu bleiben, und mit starker Hand dazwischen zu gehen, wenn ein Jecker es übertreibt.

Aber, ach, ich sagte: »kluge Politik«. Während ich diesen Text schreibe, sehe ich, wie die CDU im Bundestag bei der Debatte zur Unterwerfung unter den Migrationspakt die letzte Scham ablegt und die FDP, die einst schon im Ton einen Unterschied machen wollte, nun offen populistisch herumpöbelt (sinngemäß etwa: ey, Weidel, bist du nicht auch Migrantin aus der Schweiz?! Haha!). Ach, Land der Dichter und Denker, was ist aus dir geworden!

Ich weiß nicht genau, wie es Ihnen geht, doch es gibt Weniges, nach dem ich mich so sehnen würde, wie nach kluger Politik statt Mitläufertum ohne erkennbare Skrupel.

»Am Aschermittwoch ist alles vorbei«, singt man in Köln – hoffen wir nur, dass dieser Karneval nicht auch mit Asche und Kreuzen endet, lasst uns lieber mit Jupp Schmitz den alten Karnevalsschlager anstimmen: »Es ist noch Suppe da! Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Ich stifte eine Runde für den ganzen Saal!«


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

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Kommentare ( 60 )

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Eberhard
5 Jahre her

Wenn Politiker Religionen reformieren wollen, ist es vorbei mit Trennung von Kirche und Staat. Statt bei den heimischen Kirchen diese Trennung wirklich zielgerichtet umzusetzen, findet durch dem im letzten Jahrhundert erst erfolgten größeren Zugang des Islam, eine Zurücksetzung bereits erzielter Erfolge statt. Solange Religionen sich nicht einmal selber soweit reformieren, das zumindest die Menschenrechte erst einmal voll mit dem Glauben vereinbar, sollten sie sich erst mal darum kümmern. Dazu gehört zumindest die volle Gleichstellung der Frauen und Männern. Der einzige Gewinner der heutigen Situation, durch zunehmenden Islam, ist der Klerus unsere heimischen Kirchen. Wird doch das Verhältnis von Gläubigen zu… Mehr

Machtnix
5 Jahre her

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Und die Frage: ,,Welchen Islam sollte die Politik also ernst nehmen?‘‘ ist irrelevant. Die Politiker und Verfassungsorgane sollten unser Grundgesetz ernst nehmen und achten, dann würde sich diese Frage gar nicht stellen.

ErwinLoewe
5 Jahre her

Ein Katholik beschließt, den Islam zu reformieren. Amen.

country boy
5 Jahre her

„Islam-Kritiker fürchten um ihr Leben“

Ich frage mich nur, wo unsere Urenkel in 100 Jahren einmal um politisches Asyl nachsuchen können, wenn sie den Islam kritisieren wollen. In der Türkei? Saudi-Arabien? Iran?

linda levante
5 Jahre her

Kluger Artikel, a la bonheur. Versteckt hinter der Maske des Jokers, demaskiert er das Auftreten einer Weltreligion, als einen absurden Karneval. „Kölle Allah“.

Wer bin ich? Bin ich gut oder bin ich böse?

Und weil Du böse bist, reformiere ich Dich jetzt. Wie naiv. Naiver geht es nicht mehr.

Nach der Reformation besteht das „Heilige Buch des Islams“ nur noch aus Einführung und Inhaltsverzeichnis.

Muslime töten, wenn ihr Prophet „beleidigt“ (kritisiert) wird, ie dulden keine Kritik am Islam, und Herr Seehofer will ein paar Suren streichen. Na dann, viel Spaß.

Fluffi
5 Jahre her

Auch ich sehne mich nach kluger und weitsichtiger Politik für Deutschland Herr Wegner.
Aber die Realität sieht leider anders aus.Boris Pistorius, NRW Innenminister, will ein Punktesystem zur Registrierung von schwerkriminellenMigrannten damit auch ja nur Schwerverbrecher eventuell vielleicht irgendwann abgeschobrn werden können, Seehofer (Rückgradlos wie Sie ihn richtig beschreiben) und Özdemir wollen den Islam für Deutschland neu erfinden oder zumindest reformieren!
Meine Frage ist, ist ihr geistiger Horizont wirklich so beschränkt oder wollen sie die Menschen nur verdummen?
Am Ende spielt es keine Rolle,diese uns regeirenden „Eliten“ führen Deutschland in den Untergang.

Cethegus
5 Jahre her

Marshall-Plan für Afrika-Bekämpfung von Fluchtursachen-Eine Islamisierung findet nicht statt-Illegale Migration beenden und nun noch eine Reformation des Islam

Die Worthülsen, die den Wahnsinn der Abwicklung unsereres einstmals schönen stabilen
Landes begleiten dürften inzwischen schon Bibliotheken füllen!

Spart euch das Gelaber ihr Verräter, wir haben euch lange durchschaut!

HRR
5 Jahre her

Zweiter Versuch! Der Macht- und Größenwahn deutscher „Eliten“ bescherte Deutschland zwei Weltkriege mit unglaublicher (Selbst-) Zerstörungswut. Der Macht- und Größenwahn der zeitgeistigen deutschen „Gutmeinenden“ in den „Eliten“, aber auch in einem nicht unerheblichen Teil des mit links-grünem Gedankengut indoktrinierten Volk, wird es ein drittes Mal gelingen, Deutschland in einem Ausmaß zu schaden, dass es sich, bedingt durch die deutlich erkennbaren Tendenzen zur gesellschaftlichen Auflösung und der tribalistischen Durchmischung der Gesellschaft, davon nicht mehr erholen wird – ganz im Sinne der links-grünen Doktrin „Deutschland verrecke“! Zu der Vermessenheit, zu unterstellen, eine sogenannte Religion mit weltweitem Geltungsanspruch könne eingedeutscht bzw. europäisiert werden,… Mehr

Sonny
5 Jahre her

Dabei wäre es ganz einfach: sch…egal, Religion ist Privatsache und gehört nicht ins öffentliche Leben. Auch deren Symbole haben im täglichen Miteinander nichts verloren. Und nach Deutschland kommen dürfen nur diejenigen, die einen gültigen Arbeitsvertrag vorweisen können. Nur wer fünf Jahre ununterbrochen in D eine bezahlte Vollzeitstelle nachgewiesen hat, darf dauerhaft bleiben. Alle anderen müssen raus oder werden an der Grenze abgewiesen. Und schon ist die Gerechtigkeit wieder hergestellt.

Gabriele Kremmel
5 Jahre her

Wer in dem garantiert barrierefreien Zugang zu den Sozialsystemen der Welt ein probates Mittel sieht, Migration in das Land mit den höchsten Standards einzudämmen wird auch glauben, dass er die Weltreligion mit dem erklärtesten Ausbreitungswillen und dem striktesten Reformverbot durch nette Worte mal eben kurz reformieren kann. Man fragt sich mit Recht: werden unsere Politiker durch mächtige Denkbarrieren behindert (wer sie wohl aufgestellt haben mag?) oder führt die dünne Luft in den hohen Ämtern zu schweren Realtitätsverlusten und Wahnvorstellungen? Ich finde keinen Begriff, der sie treffend beschreibt, diese Mischung aus Ignoranz, Verdummung (alles glauben, was türkische Islamverbände einem auftischen), Anmaßung… Mehr