Für mediale Erregung marschieren sie sofort los. Für die wirklichen Opfer von Gewalt, Terror und importierter Brutalität erscheinen sie nicht. Das ist keine Moral. Das ist eine schäbige, politisch kuratierte Doppelmoral. Von Daniela Seidel.
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Der Fall Ulmen/Fernandes, der eigentlich nur ein peinlicher Rosenkrieg zwischen zwei einigermaßen entgrenzten Selbstdarstellen hätte bleiben sollen, schlägt hohe gesellschaftliche und politische Wellen. Wenig überraschend, dass die üblichen Verdächtigen auch hier ihre Chance gekommen sahen, zu zahlreichen, schon zur reflexhaften Gewohnheit mutierten „Spontan“-Demonstrationen aufzurufen. Noch weniger überraschend, wie viele diesem Ruf ein weiteres mal bereitwillig folgten, um gratismutig ihrer Solidarität Ausdruck zu verleihen und bei der Gelegenheit auch noch „Nazis raus!“ zu rufen, wenn man denn schon mal da ist.
Für den zunehmend fassungslosen Betrachter immerhin amüsanter Nebeneffekt war dabei ein Phänomen, welches sich schon bei der Black Lives Matter- Bewegung emergent herausbildete: während sich dort weiße Menschen ihrer Privilegien schämten und Schwarzen servil die Füße küssten, zeigten Männer auf den jüngsten Demonstrationen nicht weniger hündische Unterwerfungsgesten und bezichtigten sich gegenseitig der Täterschaft.
— Vadim Derksen (@realDerksen) March 28, 2026
Welche sich schon allein daraus konstituiert, mit dem falschen Chromosomensatz das Licht dieser immer verrückter werdenden Welt erblickt zu haben. Ob nun ausgerechnet auf derartigen Veranstaltungen überproportional viele Männer anwesend sind, die zwar auf jedem Weg mit ihrem Lastenrad mehr Schutzkleidung tragen als ein Spaceshuttle-Pilot, aber dennoch einen Hang zu schweren Sexualstraftaten und Gewaltverbrechen haben, lassen wir jetzt mal dahingestellt.
Einziger Lichtblick bei diesem Schaulaufen der Selbstgerechten, Flagellanten und Berufsempörten war der Hamburger DJ und Produzent Jan Leyk, der ein Pappschild mit der Aufschrift „Wo wart ihr – bei Ece S., Ann-Marie K., Aileen, Leonie- und all den anderen?“ durch die sich indigniert abwendende Menge trug. Eine so simple wie berechtigte Frage, legt sie doch mit chirurgischer Präzision den Finger in die klaffende Wunde der scheinheiligen Betroffenheit und offenkundigen Doppelmoral.
Auch der Vater der in Brokstedt von einem staatenlosen, mehrfach vorbestraften Palästinenser bestialisch ermordeten, siebzehnjährigen Ann-Marie, Michael Kyrath, wiederholte dies in einem vielbeachteten Tweet und rief für den 25.04.2026 zu einer Trauerwache in Dresden auf.
Ja, wo waren sie? Die, die bei jeder Form der echten oder eingebildeten Ungerechtigkeit, bei jeder angeblichen Bedrohung von rechts, durch das Patriachat im Allgemeinen oder den bösen alten weißen Mann im Besonderen in Scharen auf die Straße strömen – aber bei realer Gewalt durch diejenigen, für deren millionenfache, unkontrollierte Aufnahme sie sich gerade noch mächtig ins Zeug legten, nicht mal mit der Wimper zucken. Nun, das liegt nahezu auf der Hand.
Doch es gibt noch eine weitere Frage, deren Beantwortung sich weit schwieriger gestaltet:
Wo waren wir? Warum organisieren sich die Menschen nicht, die sich um die öffentliche Sicherheit in diesem Lande fürchten und die echten Opfer aufrichtig betrauen? Wie viele von uns werden tatsächlich nach Dresden kommen, um dort ein Zeichen zu setzen?
Seien wir realistisch- das ganze wird nicht einen Bruchteil des Zulaufes erfahren, der der Sache angemessen wäre oder sich mit den Gutmensch-Aufläufen zahlenmäßig messen lassen könnte.
Doch warum ist das so? Woher kommt diese, inzwischen fast schon traditionell zu nennende Schieflage, die auf den ersten Blick beinah wie moralische Inkonsistenz wirkt. Wie kann es sein, dass eine Form des vermeintlichen Unrechts – abstrakt, digital vermittelt, technisch aufgeladen – Massendemonstrationen, Sprechchöre, Plakate, nahezu rauschartige Zustände erzeugt. Die andere – konkret, körperlich, blutig, im Zweifel tödlich – vielleicht noch zu wütenden X-Postings, aber noch häufiger zu stummer Verzweiflung und zu kaum zu mehr als der sprichwörtlichen, geballten Faust in der Tasche führt?
Die naheliegende, aber zu einfache Antwort wäre: Bequemlichkeit. Womöglich sogar doch ein wenig Heuchelei. Doch das greift zu kurz. Was wir beobachten, ist weniger ein moralisches Versagen als eine Differenz in der Art und Weise, wie Milieus Wirklichkeit verarbeiten, strukturieren und öffentlich sichtbar machen.
Denn Protest folgt nicht primär der objektiven Schwere eines Problems, sondern seiner Anschlussfähigkeit. Themen wie digitale sexualisierte Gewalt lassen sich mühelos in bestehende Deutungsrahmen integrieren: Macht, Körper, Geschlecht, Technologie – das Vokabular ist vorhanden, die Netzwerke sind aktiviert, die Rollen verteilt. Man weiß, wer Opfer und wer Täter ist, wer spricht und wer klatscht. Es ist ein diskursives Heimspiel und erfordert wenig kognitive oder sonstige Auseinandersetzung.
Ganz anders verhält es sich bei Themen, die mehrere Konfliktlinien gleichzeitig berühren, wie etwa Gewaltkriminalität im Kontext von Migration. Hier zerfällt der Konsens bereits häufig schon im eigenen Lager. Hinzu kommt die soziale Kostenstruktur der Sichtbarkeit. Wer darüber öffentlich spricht, riskiert Sanktionen. Auf der öffentlich-rechtlich erwünschten Demonstration zu stehen bedeutet: niedrige Eintrittsschwelle, geringe soziale Risiken, hohe moralische Rendite, womöglich am nächsten Tag noch ein lobendes Wort vom Cheff und ein Blümchen auf dem Tisch. Wer aber nach Dresden auf die Trauerwache geht, die womöglich auch von radikalen Kräften vereinnahmt werden könnte (wobei die Berichterstattung ebenfalls ihr übriges leisten wird), könnte sich schonmal auf ein unangenehmes Gespräch in der Personalabteilung einrichten. Mindestens.
Ein weiterer Unterschied liegt in der politischen Kultur selbst. Für weite Teile des linken Spektrums ist Demonstration nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine althergebrachte Form sozialer Praxis mit entsprechender Infrastruktur. Ein Wohlfühlort der Selbstvergewisserung, der Zugehörigkeit, der moralischen Sichtbarkeit. Man zeigt nicht nur, wogegen man ist, sondern wer man ist. Die Demonstration wird zum Ritual, mit Symbolen, Wiederholungen, klaren Rollen und einer festen Liturgie. Was Émile Durkheim einst als „kollektive Erregung“ beschrieb, ist hier nicht Ausnahme, sondern ein Strukturprinzip.
Demgegenüber steht ein Milieu, das öffentlicher Inszenierung grundsätzlich (und zunehmend) skeptischer gegenübersteht. Hier wird Empörung weniger performativ ausgetragen, sondern eher internalisiert, analysiert, in Wahlentscheidungen oder Rückzugsbewegungen übersetzt. Nicht, weil das Problem als weniger gravierend empfunden würde, sondern weil die Form des Protests selbst nicht als angemessen oder wirksam erlebt wird. Man misstraut der Bühne und zieht sich ins Private zurück, oft mit verschränkten Armen. Hinzu kommt ein weiterer Faktor, nämlich das Misstrauen gegenüber selektiver Aufmerksamkeit. Wenn bestimmte Themen sofort skaliert werden, während andere (ebenso reale, ebenso brutale) kaum öffentliche Resonanz finden, entsteht der Eindruck einer kuratierten Moral. Und wer diesen Eindruck teilt, möchte sich schon aus Prinzip vor keinerlei Karren spannen lassen und beteiligt sich ungern an genau jener Dramaturgie, die er für verzerrt hält.
Last but not least lässt sich die Diskrepanz zwischen linker Demonstrationsfreude und rechter Zurückhaltung durchaus auch unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Kollektivitätsvorstellungen betrachten. Obwohl sich das rechte oder konservative Spektrum keineswegs einfach als Ansammlung atomisierter Einzelwesen versteht, im Gegenteil. Hier spielen Begriffe wie Gemeinschaft, Zusammenhalt, kulturelle Kontinuität, Familie, Loyalität, Ordnung oder nationale Identität eine wesentlich größere Rolle als im linksgrünen Dunstkreis. Wenn das rechte Spektrum aber so stark auf Zugehörigkeit Bezug nimmt – warum füllt es dann nicht ebenso selbstverständlich die Straßen?
Weil nicht entscheidend ist, ob kollektiv gedacht wird, sondern wie. Linke Milieus verstehen das Kollektiv häufig als etwas, das sich erst im Vollzug erzeugt: durch sichtbare, äußere Gemeinsamkeiten, durch geteilte Sprachcodes (je beknackter, desto besser), durch körperliche Präsenz im öffentlichen Raum. Das Kollektiv ist hier weniger eine stille, vorausgesetzte Ordnung (die erhalten, verteidigt oder wiederhergestellt werden sollte) sondern vielmehr ein schöpferischer Akt. Man schreitet geschlossen voran, man zeigt Haltung, man wird als Teil eines moralischen Zusammenhangs sichtbar. Man könnte sagen: Für dieses politische Temperament ist das Kollektiv nicht bloß Hintergrund, sondern Ereignis. Und zwar ein ausgesprochen identitätsstiftendes.
Genau darin liegt eine enorme Mobilisierungsstärke. Wer Orientierung, Halt und Sinn sucht und politisches Handeln als gemeinsame Sichtbarmachung denkt, für den ist die Demonstration fast die natürliche Form des Ausdrucks. Sie ist nicht einfach Mittel zum Zweck, sondern die Verwirklichung des persönlichen Verständnisses. Die Masse auf der Straße ist dann nicht bloß Druckmittel, sondern Selbstbeweis. Sie zeigt nicht nur, dass viele einer (ihrer) Meinung sind, sondern dass diese Meinung überhaupt eine soziale Wirklichkeit besitzt. Deshalb zünden bestimmte Themen im linken Spektrum so leicht, sobald sie an vorhandene moralische Erzählungen andocken.
Das hat weitreichende Folgen. Wer Öffentlichkeit primär als Bühne individueller Selbstvergewisserung versteht, wird sich leichter in Massenprotesten organisieren. Wer Öffentlichkeit dagegen eher als verzerrten, feindlichen oder manipulativen Raum erlebt, wird zu Straßenprotesten ein deutlich reservierteres Verhältnis haben. Das war zu Coronazeiten noch ein wenig anders, da es um unmittelbare Einschränkung der eigenen Grundrechte beziehungsweise deren Wiederherstellung ging. Und man einfach nur seine Freiheit und vom Staat in Ruhe gelassen werden wollte.
Somit ist die geringere bis nicht vorhandene Mobilisierung mitnichten ein Symptom geringerer Betroffenheit, sondern Ausdruck eines anderen politischen Stils. Man hält Demonstrationen nicht für den angemessenen Ort des politischen Ernstes, sondern eher für ein Ritual der Selbstbespiegelung. Man misstraut der Geste, dem Slogan, der in der Herde vorgetragenen Moral. Nicht selten erscheint das ganze Spektakel als etwas lächerlich-infantiles, das nicht selten in quasi-religiösen Fanatismus umkippt. Anders ausgedrückt: Demos haben mittlerweile ein gehöriges G`schmäckle.
Und nun? Werden wir es trotzdem schaffen, da über unseren Schatten zu springen und nicht zuletzt auch unseren Stolz zu überwinden?
Wir werden sehen. Zum Beispiel am 25.04.2026, ab 14 Uhr an der Frauenkirche in Dresden.

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