Von Malthus zum Ökologismus: Pessimismus

Die Angst vor dem Bevölkerungswachstum war und ist unbegründet. Sie beruht nicht auf Fakten, sondern auf einer antihumanistischen Weltanschauung.

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By NASA Earth Observatory [Public domain], via Wikimedia Commons

Eine Ikone unserer Zeit ist die Satellitenbild-Komposition „earth at night“, die als Posterdruck in vielen Wohnungen und Büros die Wände schmückt. Auf der aus vielen Einzelaufnahmen zusammengesetzten und nachbearbeiteten Collage markieren tiefdunkle Blautöne in unterschiedlicher Schattierung die Umrisse der Kontinente, überlagert von den gelben Flecken künstlicher Lichtquellen. Manche bewerten diese Darstellung als Beleg für die Dynamik, mit der sich die Menschheit über den gesamten Planeten ausgebreitet hat. Manche wiederum schaudern, denn sie sehen rücksichtslose Naturzerstörung und vergleichen das Muster der leuchtenden Punkte mit dem Wachstum von Bakterienkulturen in Nährlösungen. Beide Auffassungen können in den Bereich der Sentimentalitäten verbannt werden, denn sie halten einer rationalen Betrachtung nicht stand.

Tatsächlich zeigt das Bild lediglich, wie wüst und leer die Erde noch immer ist. Für die Ozeane gilt das ohnehin, aber auch die Landflächen sind bei Nacht fast vollständig in Dunkelheit getaucht. Nach 200.000 Jahren Existenz, nach 10.000 Jahren Landwirtschaft, nach 250 Jahren industrieller Revolution findet sich der Homo Sapiens nach wie vor hauptsächlich in den mittleren Breiten der Nordhalbkugel, begrenzt auf die Küstenregionen und Landstriche entlang der großen Ströme. Die Zivilisationskompatibilität der Wildnis ist definitionsgemäß äußerst gering, und trotz all seiner technischen Meisterleistungen, von der Mondlandung über die Kernspaltung bis hin zur Manipulation der Erbinformation, ist es dem Menschen nicht gelungen, sich über die Gebiete mit für ihn halbwegs akzeptablen Bedingungen hinaus auszubreiten. Und so verbleiben die eisigen Regionen an den Polen, verbleiben Tundra und Taiga, verbleiben Dschungel, Wüsten und Hochgebirge weitgehend unberührt und ungenutzt. Das wird sich auch vorerst nicht ändern. Weil es sich nicht ändern muss.

Der derzeit genutzte Raum genügt für die etwa 7,4 Milliarden Erdenbürger vollkommen. Wäre die Bevölkerungsdichte mit 230 Einwohnern pro Quadratkilometer überall so hoch, wie hierzulande, könnte sich die gesamte menschliche Population in Afrika bequem einrichten. Nord- und Südamerika, Asien, Australien und Europa würden schlicht nicht gebraucht. Nimmt die Zahl der Menschen weiter zu, stellt dies also kein Problem dar. Platz ist genug vorhanden und mit der Umwandlung gefährlicher und feindlicher Umgebungen in solche, in denen ein angenehmes Leben möglich ist, kennen wir uns aus. Zumindest auf diesem Planeten. Allerdings verlangsamt sich die Zunahme der Weltbevölkerung. Das folgende Diagramm beruht auf Daten von Max C. Rosers Webseite „Our World in Data“ und zeigt die Entwicklung der Menschheit von 1700 (etwa 600 Millionen) bis heute (etwa 7,4 Milliarden), an die sich eine Projektion der UNO anschließt, die bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu 11,2 Milliarden führt, wenn jede Frau im globalen Durchschnitt zwei Kinder zur Welt bringt. Und danach folgt dann bald auch das Maximum. Wahrscheinlich wird die Menschheit in der Mitte des 22. Jahrhunderts ihren mengenmäßigen Zenit überschreiten, noch unterhalb von 12 Milliarden Individuen. Die Bevölkerungsexplosion des 20. Jahrhunderts, durch eine Verdreifachung der Weltbevölkerung gekennzeichnet, ist lange vorbei. Das jährliche Bevölkerungswachstum erreichte in den 1960er Jahren mit über zwei Prozent sein Maximum, es fiel seitdem auf die Hälfte und sinkt weiter.

Als Thomas Robert Malthus im Jahr 1798 seine Vorstellungen von der Bevölkerungsfalle veröffentlichte, lag die Anzahl seiner Zeitgenossen bei ungefähr einer Milliarde. Er prognostizierte damals in zwei berühmt gewordenen Essays massive Schwierigkeiten für eine weiter zunehmende Population, da Fortschritte in der Produktivität, insbesondere bei der Herstellung von Nahrungsmitteln, mit der Vermehrungsrate der Menschheit nicht mithalten könnten. Malthus irrte sich damit so vollständig, wie kaum ein anderer Gelehrter jemals zuvor oder danach.

Nein, es gibt kein Problem mit der Versorgung von sieben Milliarden Menschen und es wird auch keines geben, wenn noch vier bis fünf Milliarden hinzukommen. Zu Malthus Zeiten lebten 95% der Bevölkerung in extremer Armut, heute sind es weniger als 10%. Brauchbare Daten über die Ernährungssituation liegen aus dem 18. Jahrhundert nicht vor, aber nach Einschätzungen der Welternährungsorganisation FAO ist die Zahl der unterernährten Menschen von 37% im Jahr 1970 auf 11% in der Gegenwart gefallen. Ob man die Lebenserwartung betrachtet oder die Kindersterblichkeit, ob man die Versorgung mit sauberem Trinkwasser untersucht oder die medizinische Versorgung, in allen diesen Bereichen hat es enorme Fortschritte gegeben. Zu Malthus Zeiten verfügte niemand über einen Zugang zu Elektrizität, heute sind es sechs Milliarden. Noch ist nicht alles gut, aber es wird in jeder Hinsicht immer besser. Die Aussichten für die Zukunft sind positiv. Seit den 1960er Jahren hat sich die Landfläche, die zur Ernährung einer Person benötigt wird, um fast 70% verringert, und dieser durch den technischen Fortschritt bedingte Produktivitätszuwachs hält an. Zur weiteren Ertragssteigerung trägt auch der düngende Effekt des Anstiegs der Kohlendioxid-Konzentration in der Erdatmosphäre bei, den man mittels neuer, gentechnisch optimierter Sorten besonders effektiv ausnutzen könnte. Die Erwärmung der bodennahen Luftschichten äußert sich bereits in einer nachweisbaren Verlängerung der Vegetationsperioden und bahnt der Agrarwirtschaft den Weg in den Norden. Manch ein Klimaforscher erwartet gar eine günstigere Verteilung der Niederschläge, selbst Regionen wie die Sahara könnten wieder ergrünen. Und was hindert uns, die Verbindung zwischen der Nahrungsmittelproduktion und fruchtbarem Land endgültig zu kappen? Pflanzen gedeihen auch in einer Nährlösung unter künstlichem Licht, für ein Steak bedarf es keines Rindes, die biotechnisch gesteuerte Vermehrung einer Muskelzelle genügt.

Malthus zwang sich zur Blindheit

Malthus hätte all dies vorhersehen können, denn die industrielle Revolution veränderte  Großbritannien zu seiner Zeit bereits erheblich. Er hätte ahnen müssen, wie Mechanisierung und Automatisierung Tierzucht und Ackerbau verändern. Er hätte über Kunstdünger ebenso spekulieren können, wie über eine fortschreitende, von motorisierten Fahrzeugen aller Art getragene Globalisierung, die über den Austausch von Ideen und Gütern Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten schafft. Er hätte erkennen müssen, in welchem Umfang der Übergang vom Primärenergieträger Holz auf den Primärenergieträger Kohle den Landverbrauch reduziert. Die Details wären ihm natürlich verborgen geblieben, aber die Trends, die den prinzipiellen Verlauf der Zukunft steuern würden, lagen offen vor ihm. Malthus jedoch wollte all dies nicht wahrnehmen, er zwang sich zur Blindheit, weil sein Menschenbild ihm nichts anderes gestattete.

Denn tatsächlich lagen nicht Fakten und rationale Überlegungen seiner Untergangsprophezeiung zugrunde, sondern ein moralisches Werturteil über den Menschen selbst. In dem er nicht mehr als einen Schmarotzer erkennen mochte, einen egoistischen Mitesser, der nur auf Kosten anderer lebt. Er glaubte an einen Zyklus, in dem zwangsläufig all die vielen überzähligen, nicht mehr zu versorgenden Menschen durch Hunger und Seuchen dahingerafft würden, was die Populationsgröße zunächst auf ein erträgliches Maß zurückführe, bevor sie dann wieder zu steigen beginne, um erneut in die Bevölkerungsfalle zu laufen. Die von ihm vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen beinhalteten eine strikte Geburtenkontrolle durch Enthaltsamkeit und späte Heirat.

Malthus Ideen sind bis heute populär. Er befruchtete britische Regierungen im 19. Jahrhundert, die bei großen Hungersnöten in Irland und in Indien nicht die erforderlichen Hilfsmaßnahmen ergriffen, weil sie in diesen eine notwendige Bereinigung der Überbevölkerung erkannten. Er war der eigentliche geistige Pate der Eugenik-Bewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Zwangssterilisationen warb, um die Vermehrung als „unwert“ erachteter Individuen zu verhindern, was in Indien seit den 1970er Jahren zum Alltag gehört. Die zwischen 1979 und 2015 geltende chinesische „Ein-Kind-Politik“ stellte ein weiteres, durch neo-malthusianische Ideologen induziertes staatliches Verbrechen an der Bevölkerung dar. Von den Eugenikern führen direkte personelle und ideelle Verbindungen zu den Ursprüngen der modernen Umweltbewegung, wie Matt Ridley in seinem Buch „The Evolution of Everything“ belegt. Durch Malthus inspirierte Machwerke wie „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis Meadows et al. oder „Die Bevölkerungsbombe“ von Paul Ehrlich bilden bis heute die dogmatische Grundlage des Ökologismus, der uns mit kruden Ideen über „Klimaschutz“ und „Energiewende“ genau deswegen quält, weil er es für notwendig hält, den Menschen in dessen Menge und Möglichkeiten zu begrenzen.

Statisches Denken ist Stillstand
Das Märchen von den Grenzen des Wachstums
Wie sehr solche Vorstellungen nicht nur bei wissenschaftlichen und politischen Eliten, sondern auch in der breiten Bevölkerung verbreitet sind, kann man an den Kommentaren zu meiner Kolumne über den Mythos der Ressourchenknappheit erkennen. Mein Hinweis auf für alle sinnvollen Planungszeiträume als unlimitiert anzusehende physische Rohstoffe inspirierte viele Beiträge, die die Zahl der Menschen und deren weiteren Anstieg problematisierten und als eigentliche Ursache zu erwartender Katastrophen benannten. Worin sich eine zutiefst antihumanistische Argumentation verbirgt. Es kann, um einen berühmten Satz des Ökonomen Julian Simon zu zitieren, etwas nicht stimmen mit einer Ideologie, die in jedem Baby ein Problem erkennt. Der Mensch ist eben nicht nur Konsument, sondern auch Konstrukteur. Er erschafft und gestaltet, er baut, produziert und handelt. Jedes Neugeborene ist zuallererst eine Quelle für neue Ideen, für neue Lösungen, für neue Möglichkeiten. Das Ziel darf nicht sein, dieses Potential versiegen zu lassen. Es sind vielmehr Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Menschen auf diesem Planeten ihre Kreativität auch einsetzen können. In dieser Hinsicht liegt noch einiges im Argen, keine Frage, aber die Menschheit ist auf einem guten Weg. Weil wir immer mehr werden und damit auch immer mehr Erfinder und Entwickler im Austausch mit immer mehr Kunden und Nutzern daran arbeiten können, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dies ist, was Malthus und seine Nachfolger völlig falsch eingeschätzt haben: den menschlichen Erfindungsgeist und seine Fähigkeit und seinen Willen zur Kooperation. Daher stellen weder die gegenwärtige Bevölkerungsgröße, noch ihr zu erwartender Anstieg in den kommenden Jahrzehnten ein Problem dar. Schwierig wird es erst, wenn die Zahl der Menschen zu stagnieren oder gar zu sinken beginnt. Dagegen sollten wir wirklich etwas machen.

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