Von Blankenese bis hinter Wuppertal: Wahlkampf Polonäse

Der Wähler wird schon unruhig. Kommt nun zur Inkompetenz auch noch Streiterei hinzu? Gemach, gemach. Die meisten Sprüche kennen Sie schon, und ernst gemeint ist eh nichts. Jetzt geht sie los, die Wahlkampf-Polonäse.

© Adam Berry/Getty Images

Das Sturmgeschütz der Sozialdemokratie Spiegel hat die Wahlkampfhandlungen aufgenommen und einen ersten Schuss abgefeuert. Großes Interview mit Super-Siggi. Tiefsympathisch und fit wie ein Turnschuh – ok, Turnschuh haben sie nicht geschrieben, aber sinngemäß – hat Sigmar Gabriel in einem Cafe in Goslar den Hofberichterstatter zum Gespräch empfangen. Das Menschliche zuerst: Seinem Mathelehrer, der auch im Cafe saß, habe Siggi kurz Hallo gesagt, ja, er ist doch ganz der Alte geblieben, trotz Bodyguards und Superwichtig. Und auch das mit der Magenverkleinerung legt er offen auf den Tisch. Über die Berichte ist er unglücklich, (H)Illary lässt grüßen. Warum er den Spiegel aber in einem Cafe empfängt? Hat er Torte bestellt? Wir wissen es nicht, denn wir wollten für den Blödsinn nicht auch noch Geld ausgeben für die Bezahlschranke und zitieren im Folgenden aus sekundären Quellen, und da kam kein Kuchen vor.

Der Empörungsindustrielle Komplex zeigt Schwächen

Die Zeit zitiert aus dem Interview mit dem Ober-Sozi: „Salafistische Moscheen müssen verboten, die Gemeinden aufgelöst und die Prediger ausgewiesen werden, und zwar so bald wie möglich.“ Auch wolle er dafür sorgen, „dass Stadtteile nicht verwahrlosen, Dörfer nicht verkommen und Menschen sich nicht immer mehr radikalisieren“.

Wir hielten kurz den Atem an, lauschten auf ein anschwellendes Geheul der Betroffenheitskleriker, hofften auf einen „Rassist“- und „Hetzer“-Shitstorm, auf Ermahnungen seitens der Genossen: Nichts! Da spricht ihr Chefprediger in der Sprache von „Pack“ und AfD, und es herrscht Schweigen im helldeutschen Walde? Der Empörungsindustrielle Komplex zeigt Schwächen.

Auf Leserbriefseiten und Facebook wird der Glücklose Gabriel mit Spott überzogen, den man mit dem Kolumnisten Broder so zusammenfassen kann: „Die AfD hat einen neuen Spitzenkandidaten!“ Die SPD hat noch keinen, da kratzen auch zwei andere an der Tür.

Noch ganz in der alten „Gut gegen Rechts“-Umlaufbahn trudelt Genosse Schulz durch den Polit-Orbit. In der Süddeutschen durfte er gerade wieder sein Standard-Programm funken: Rechtspopulisten hätten seine schöne EU kaputt gemacht, Zerstörer überall, denen muss eine Antwort gegeben werden, und zwar „nicht durch fein ziselierte Argumente. Auf einen groben Klotz gehört manchmal auch ein grober Keil“. Dass der Keil eher unter als auf den Klotz gehört – wollen wir dem Meister der fein ziselierten Worte an dieser Stelle nachsehen und stellen fest:

Holzklotz und Holzkopf trommeln also mächtig los, denn jetzt geht sie los, die Wahlkampf-Polonäse, von Blankenese bis hinter Wuppertal. Da will sich auch die Union nicht lumpen lassen. Thomas de Maizière präsentiert ganz großes Kino: Länder-Verfassungsschutz eindampfen, oder gleich auflösen, alle Macht nach Berlin. Die Details können wir uns allerdings sparen, das Projekt bleibt selbstverständlich chancenlos, wird aber trotzdem aufgeregt medial diskutiert. Ein jeder weiß, was er seinen Herren schuldig ist!

Mächtig verkalkuliert hatte sich die Ober-Grüne Simone Peter, als sie nach der Kölner Silvesternacht mit Polizisten-Bashing die Pawlowschen Hunde rief. Aber die kamen nicht, bis auf ein paar unvermeidliche Kläffer. Ein peinlicher Fehlstart, der Cem Özdemir und Winfried Kretschmann direkt die geplante staatstragende Tour vermasselte. Also Neustart, wenn Simone jetzt erst mal die Klappe hält und Claudia Roth Talkshows meidet. Auch Kathrin Göring-Eckardt sollte von öffentlichen Auftritten absehen.

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Bei „die Linke“ (schönes Deutsch!) hat sich das Zentralkomitee auf eine Doppelstrategie verständigt. Die, wenn man es genau nimmt, einzige Populistin des Polit-Zirkus BRD, Sahra Wagenknecht, macht auf Law & Order. Katja Kipping versucht den Neo-Sozialismus, indem sie alle als „rassistische Hetzer“ beschimpft, die nicht ihrer Meinung sind.

Die FDP lässt es mit „Mehr Mut zur sozialen Marktwirtschaft“ ruhig angehen. Schade eigentlich nur, dass es die soziale Marktwirtschaft gar nicht mehr gibt. Aber vielleicht fallen ein paar Stimmen der Vergesslichen ab.

Der Wahlkampf wird eher peinlich

Die Mehrheit der Deutschen erwartet laut Umfrage einen hässlichen Wahlkampf. Das ist Quatsch, er dürfte eher peinlich werden. Denn alle Parteien haben das „Cornix cornici numquam oculos effodit“-Problem: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Und hässliche Attacken auf die AfD können wir nicht unter „Wahlkampf“ verbuchen, gegen die Blauen wird seit deren Entstehen permanent gehetzt.

Eher werden sich nun alle Spezialdemokraten der Republik als Hilfs-Sheriffs aufspielen, selbst der sanfte Olaf Scholz murmelte etwas von „härterem Vorgehen gegen Gefährder“. Was sollen sie auch tun, die rotrotgrünen Wahlkämpfer? Ihre „Flüchtlinge“ haben sich zu oft als Strauchdiebe und Wegelagerer, Vergewaltiger und Sozialbetrüger herausgestellt – und jeder Wähler weiß, dass Koalitionen, wo Rotrotgrün mitspielen, Abschiebungen unmöglich machen.

Sie könnten, wenn sie allen Mut zusammen nehmen, an Merkel ihr Mütchen kühlen, aber die von Profiwerbern mit viel Gefühl und Getätschel als Mutter Teresa der Flüchtlingskinder aufgebaute Kanzlerin hat längst alle Stimmen der Naiven im Sack. Die neudeutsche Romantik ist fest in ihrer Hand.

Also wie macht man die unfassbar erfolglosen Minister Maas, Nahles oder Siggi jenseits der Mitleidsmasche (Stammwähler!) schmackhaft? Mit welchem Slogan verkauft man Stegner und Schulz? „Erfolg durch Leistung“ scheidet aus. „Davon geht die Welt nicht unter“ wäre passend, ist aber leider kontaminiert.

Für die CSU steht am meisten auf dem Spiel, ihr Status als letzte Volkspartei. Um in Bayern gewohnt stark abzuschneiden, reicht der Job als Berliner Kulissenschieber wohl nicht aus, einer muss nach vorn auf die Bühne wagen. So dürften die Befürchtungen der Wähler nur in einem Punkt eintreffen: Untereinander könnte es hässlich werden, wenn die Partei-Heloten um die Posten rangeln.

Nein, wir wollen die AfD nicht vergessen. Vor allem, weil alle Parteien vor ihr eine Angst haben wie der mittelalterliche Christ vor dem Teufel. Allerdings: Die Schwangerschaft der Chefin scheint vom Zeitpunkt suboptimal gewählt, ein alternativer Sympathie-Träger nicht in Sicht. Und warum Alexander Gauland zu Dunya Halali beim Frühstücksfernsehen geht, erschließt sich auch keinem intelligenten Beobachter. So sind wohl eh nur 15 Prozent drin, der „Große Sprung nach vorn“ klappt frühestens 2021.

Über allem Wahlkampf-Trara bleiben zwei Große Unbekannte, die wir alle kennen. Die eine, die per Ordre de Mutti Kernkraftwerke verstummen und Grenzen verschwinden lässt. Wer weiß, ob sie nicht plötzlich „Flüchtlinge“ verschwinden lässt, genauso wie sie die hergezaubert hat.

Der andere wurde schon im US-Wahlkampf als Popanz ausprobiert: Wladimir Putin und seine Hacker-Brigaden. Wir bleiben dran.

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