Vom Schäm-Fetischismus „unserer Deutschen“

Was habe ich mich in der letzten Woche amüsiert über das Cover des SPIEGEL – „Unsere Griechen“ titelte es mir da entgegen. Gut. Nach ihren eigenen SPIEGEL-Maßstäben ist das Rassismus, klärte mich mein geschätzter Kollege Fritz Goergen auf. Dann ist das natürlich etwas ungeschickt in die Ismus-Falle getappt, und aus dem Grund muss sich an diesem Punkt der SPIEGEL auch einige Kritik gefallen lassen. Sei’s drum.

So schreibt der SPIEGEL denn auch nach den ersten Empörungswellen:

Karikaturen spielen mit Schwächen und Peinlichkeiten und überzeichnen Klischees und bleiben doch satirisch humorvoll, auch in Krisenzeiten.

Der aktuelle SPIEGEL-Titel wird in manchen sozialen Netzwerken beschimpft. Er sei hetzerisch, heißt es, mindestens respektlos. Schauen Sie sich auf unserem Titelbild bitte nicht nur den Griechen, sondern auch den Deutschen an. Welche der beiden Figuren ist Ihnen sympathischer?

Achten Sie bitte auf die Details, die Blicke der zwei Tänzer, die Körpersprache, die Kleidung. Viele Deutsche verstehen Griechenland und seine Handlungen, zuletzt die Volksabstimmung, nicht. Vielleicht liegt das an den Griechen, vielleicht an der griechischen Regierung, vielleicht liegt es aber auch an den Deutschen oder jedenfalls daran, dass es in Deutschland ein schiefes Griechenland-Bild gibt.

Ich war das erste Mal seit vielen Jahren wirklich wieder gespannt auf einen SPIEGEL. Die Ankündigung „Annäherung an ein seltsames Volk“ interessierte mich aufrichtig. Wer bin ich, meine beiden Hälften? Und wenn ja, in den Augen des Spiegels?

Wer ist hier genau das seltsame Volk?

Da tanzen zwei Figuren, so, wie es aussieht, ihren Namen. Der rechte, offensichtlich der sonnenverwöhnte Grieche, tanzt diesen ziemlich schwungvoll und entspannt aus der Hüfte. Der links mitgezerrte blasse Pummel, klar der hässliche Deutsche, wirkt völlig verkrampft und bringt darum höchstens einen eckigen Einsilber wie „Horst“ raus.

Ja, der Spiegel hat recht: „Achten Sie bitte auf die Details.“ Schauen Sie doch mal genau hin da – diese Nuancen! Welche der beiden Figuren finden Sie netter? Na, kommen Sie. Sie wollen es doch auch.

Wer mag schon den blassen, dicken, knauserigen, spassfreien Onkel da auf der linken Seite. Na, also… Sehen Sie? Geht doch. Und wir weisen auch darauf hin, dass Horst seinen Namen auch noch extra unsympathisch tanzt.

Als Deutscher würde ich mich ja eher unangenehm berührt fühlen, dass der Stereotyp des Landsmanns, Ausgabe „Plump, blass und bräsig“ aus der Schublade gezogen wird. In der Schublade drüber war es noch der junge, schlanke, offene Fussball-Feierfreund Kevin, der ein toller Gastgeber während der WM war. Der hätte aber neben Panayotis auf dem Titel eben nicht ganz so kontrastreich ausgesehen. Man hat die beiden mal Probe gelegt. Hat nicht ausgesehen. Keiner hat’s verstanden. „Ja, is denn schon wieder WM?!“

Da wäre dann ein Deutscher zu sehen gewesen, der auch mal Spaß versteht. Der mit allen feiert, eine Riesenparty ausrichtet und sich des Lebens freut, und wenn es auf Malle ist. Der lange Zeit fünfe gerade sein lassen kann. Aber da will das Runde eben nicht ins Eckige passen. Also doch wieder Horst, der fette Geizknochen. Nun hat aber selbst die super einfache Tatsache, dass die Deutschen da echt wieder mal richtig mies bei wegkommen, trotzdem die härtesten Schäm-Fetischisten nicht davon abgehalten, sich ganz füuuuuurchterlich zu schämen und andere zum Schämen aufzufordern. Die bessere Hälfte muss sich jetzt wohl schämen.

Was ist ein Schäm-Fetischismus?

Journalisten und Politiker schämten sich eilig, wie kann man nur, entschuldigten sich bei den Griechen. Immer wieder mahnten Menschen: „Jetzt schämt euch mal, ihr da beim Spiegel!“ Ja, so geht das ja auch nicht. Bei Ausschwitz-Vergleichen der griechischen Tageszeitung Nea Dimokratia nicht die Finger an die Tastatur kriegen -aber angesichts der geradezu ins Auge springenden Herabsetzung von Horst einfach nur die eine dunkelhäutige Figur neben ihm tanzen sehen, das genügt, um gleich den nächsten Skandal zu wittern.

Dann bei Schäubles aufgetauchten Vorschlägen zu einem temporären Grexit eilten sich andere zu schreiben, dass das hier aber gar „nicht ihr Land“ wäre, dass man sich schämen würde, Deutscher zu sein.

Muss man auch erst mal drauf kommen. Entweder man ist Bürger eines Landes – oder man ist es nicht. Ist die Staatsbürgerschaft imaginär? Kann man die morgens nach dem Aufstehen anziehen – oder lässt sie sich auch abduschen? In einem Moment noch gefeiert wegen der Potzblitz-Idee, die GEZ-Gebühren doch per Barzahlung zu entrichten, im nächsten Moment schon Vorzeige-Schäm-Fetischist:

„Ich entschuldige mich beim griechischen Volk für die hartherzige, kolonialistische Behandlung durch Deutschland. Ich bin zutiefst beschämt darüber, was der deutsche Finanzminister mit der Unterstützung der Bundeskanzlerin und des SPD-Chefs zu Papier gebracht hat.“

schreibt Norbert Häring auf seiner Webseite und verlinkt auf Sven Kindler von den Grünen, der schreibt, dass Schäuble mit seinem Vorschlag zum temporären Grexit den Bundestag belogen hat und die Verfassung brechen würde.

Warum fühlen sich Menschen veranlasst sich für die Handlungen anderer Menschen zu schämen? Die Scham darüber offen zu kommunizieren, sie herzuzeigen? Die Steigerung und das Nonplusultra dabei: Sich so sehr für die Handlung anderer zu schämen, dass man sich für seine Herkunft und seine Existenz entschuldigt. Gleichzeitig findet damit aber auch eine eigene moralische Überhöhung statt, man wertet den anderen ob dieser beschämenden Handlung ab.

Man ist ein Guter in der eigenen Erniedrigung. Denn niemand, hört ihr? NIEMAND ist so super in Selbstqual wie der dicke, fette, pickelige Deutsche. Sich so darzustellen UND sich zu schämen ist schon eine gewaltige Kunst.

Ich möchte dem Spiegel an dieser Stelle widersprechen. Es gibt in Deutschland vor allem ein schiefes Bild: Das, welches große Teile der Politik und die Medien bereitwillig und gerne von Deutschland und den Deutschen zeichnen und suggerieren. Meine bessere Hälfte jedenfalls.

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Kommentare ( 11 )

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