VHS: Wissen ist Macht

Volkserziehung zu skeptischer Grundhaltung und Selber-Denken würde auch so manche politische Verführung erschweren. Mehr gesunde Skepsis, mehr Freiheit. Populäre Glaubenschaften sprechen eine andere Sprache.

Grundsätzlich hab ich sehr viel Sympathie für die zu tiefst aufklärerische Idee der Volkshochschulen (VHS) und fraglos großen Respekt vor dem mannigfaltigen haupt-, neben- und ehrenamtlichen Engagement rund um diese Einrichtung. Der Gedanke, dass Freiheit nicht nur Abwesenheit von Zwang bedeutet, sondern auch die Befähigung zur individuellen Entfaltung, ist nach meinem Dafürhalten tragend für unsere Kultur und das freiheitlich demokratische System.

Um wirklich frei zu sein, muss man den Verführungen, die in einer offenen Gesellschaft naturgemäß zahllos vorkommen, skeptisch entgegentreten können. Skeptisch wie Karl Popper es verstanden hat: prüfend erwägen. Versuchen einen Blick hinter Fassaden zu werfen, um schöngefärbte Konsum-, Politik- oder Heils- und Glaubensangebote bloßstellen zu können.

Nach meiner Erfahrung wird da an Volkshochschulen in Deutschland wirklich gute Arbeit geleistet. Zum Beispiel durch viele weltöffnende Sprachkurse oder als Anschlusshelfer in die digitale Welt und allein schon, weil in Volkshochschulen ganz generell Denken und Lernen gefördert wird. Wahrscheinlich die wichtigsten Kulturtugenden.

Bei allem Wohlwollen also gegenüber der VHS-Idee und ihrer Verwirklichung in Deutschland, musste ich doch sehr schmunzeln, als ich jüngst eine Plakatwerbung der Volkshochschulen sah. »vorher: meinen – nachher: wissen« stand da als Slogan. Richtig, bravo, das ist genau die Idee der Aufklärung, dass sich die Menschen nicht mehr so leicht jeden Bären aufbinden lassen.

In der bundesweiten VHS-Realität schaut es mit dem Verständnis von Meinen und Wissen dann aber doch ein wenig anders aus. Blättert man einmal durch die verschiedenen Programme, trifft man auf äußerst erstaunliche Angebote. Zugegeben, oft ein wenig versteckt und ganz gewiss auch nicht schwerpunktmäßig, deswegen aber nicht minder bedenklich:

Die VHS Mainz bietet unter der Kategorie „Neue Wege (Psychologie, Kommunikation, Astrologie, Esoterik)“ den Kurs „NLP – Grundlagen, Techniken, Strategien“ an. Durch das Neurolinguistische Programmieren soll man Klarheit über seine Werte, Glaubensätze und Ziele bekommen. Versprochen wird „maximale Motivation“ aus der „Lebenszielarbeit“, um nicht mehr und nicht weniger als „künftige Aufgaben und schwierige Situationen erfolgreich zu meistern“. Trotz anhaltend großem Interesse an NLP fehlt aber bisher jeder nachvollziehbare, stichhaltige wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit. In der psychologischen Forschung und Lehre kommt NLP allenfalls als Beispiel für Pseudowissenschaften vor.

Bei der VHS Frankfurt können Sie „System- und Familienaufstellungen“ nicht nur kennenlernen sondern machen lassen. Es wird unterstellt, dass „viele“ Probleme ihre Ursachen in „Verstrickungen“ mit der Herkunftsfamilie haben. „Möglicherweise haben wir unbewusst Gefühle oder Lebensentwürfe von anderen Familienmitgliedern übernommen.“ Im Kurs soll zwar angeblich auch die kritische Einschätzung gelehrt werden, aber man bekommt auch die Möglichkeit eigene Themen „aufzustellen“. Tatsächlich wird in der psychotherapeutisch anerkannten Systemischen Familientherapie auch mit Aufstellungen zur Veranschaulichung von Lösungswegen gearbeitet. Aber als Hilfsmittel, nicht als Therapie. Und nicht, um unterbewusste, sondern um ganz konkrete Wechselwirkungen des sozialen Kontextes zu veranschaulichen.

In Allershausen können Sie sich an der VHS „Die Arbeit mit Reiki und der katathym-imaginativen Psychotherapie“ ansehen. Auch hier soll „vieles“ gelöst werden, denn „vielen Krankheiten liegen Blockaden zugrunde“. Namentlich „Glaubenssätze aus der Kindheit“ blockieren uns, wenn nicht sogar unterbewusst gespeicherte Erfahrungen und Erinnerungen unserer Vorfahren. Man muss sich aber keine Sorgen machen, die Kursleiterin weiß zu demonstrieren, wie sie mit bloßen Händen elektromagnetische Felder aufbauen kann, die blockierte Energiebahnen lösen. Mehr als etwas wohltuende Wirkung aus vielleicht gläubiger Erwartungshaltung und ein wenig Placebo-Effekt ist allerdings von solcher Quacksalberei nicht zu erwarten.

Eine nicht ganz ernste Analyse
Funktionskleidung - Signal in Zeiten des Umbruchs?
Dies nur eine kleine Auswahl. Populäre Glaubenschaften wie Homöopathie, Schüßler-Salze oder Kinesiologie sind sowieso wie überall auch in den Volkshochschulen allgegenwärtig. Ohne dass zu diesen Heilsmethoden über den Placebo-Effekt hinaus medizinische Evidenz vorhanden wäre. Dazu kommt noch, dass sich viele Aura-, Chakra- und Sonstwie-Wunderheiler hinter unauffälligen Yoga oder Qi Gong oder Ähnlichem Kursen verstecken. An der VHS Herzogenaurach macht das Reikistudio Sylvia Hellmold die „Tai Chi Qi Gong Gesundheitsübungen“, an der VHS Bad Dürkheim bietet die schamanische Heilerin Jutta Kramme unter dem Titel „Entspannung und Harmonie für Körper, Geist und Seele“ Meditationsarbeit. Die Yogalehrerin Ursula Katharina Huber der VHS Traunstein betitelt sich selbst als Visionssucheleiterin und bietet auf ihrer eigenen Homepage auch Parawissenschaften wie Geomantie, Radiästhesie oder den schamanischen Medizinkreis an. Und und und. Ich schätze, derart werden Sie fast bei jeder VHS fündig werden. Da fürchte ich wenig Wissen. Wenig Aufklärung. Viel Meinen und Glauben.

Wirklich erschreckend ist aber, dass Kurse à la „Wie und woran erkenne ich wertlose (und teure) Alternativmedizin“, „Wie schütze ich mich vor fragwürdigen Lebenswegberatern“ oder „Warum die Wünschelrute wirklich wackelt“ eher fehlen – ein paar Ausnahmen zum Beispiel auf Initiative der ehrenwerten Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (gwup) ausgenommen.

Mehr Volkserziehung zur skeptischen Grundhaltung und zum Selber-Denken würde sicher auch so manche politische Verführung erschweren. Mehr gesunde Skepsis, mehr Freiheit.

Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, incipe. – Wer anfängt, hat schon halb gehandelt: Traue dich, Weisheit zu erlangen. Fang an! (Horaz: Epistulae 20 v. Chr.)

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Kommentare

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  • Mausi

    Ich habe mir das jetzt mal durchgelesen. Dieser Heilpraktiker scheint etwas vernünftiger zu sein als die meisten seiner Zunft, verbreitet aber einen ähnlichen Quark zum Thema Säure und Base. Als ich dann noch „Schlacken“ gelesen habe, musste ich dann leider aufhören zu lesen.
    Das, was da im Ärzteblatt steht, stimmt ja, hat aber mit der naturheilkundlichen Auffassung von Säure-Basen nichts zu tun.
    Alle genannten Krankheiten sind nicht durch eine Übersäuerung entstanden, sie können zu einer Übersäuerung führen (oder auch zu einer Alkalose). Diese Übersäuerung ist immer ärztlich/notärztlich zu behandeln, denn sonst droht dem Patienten der Tod. Die Naturheilkunde zäumt das Pferd von hinten auf, denn sie ist der Meinung, dass alle Krankheiten, einschließlich Krebs, durch Übersäuerung verursacht würden. Das stimmt aber nicht. Bestimmte Krankheiten ziehen eine Übersäuerung nach sich.

    Das Ärzteblatt hat vollkommen Recht, dass bei bestimmten Patienten mit bestimmten Krankheiten und bestimmten Medikamenten der Säure-Basen-Haushalt des Körpers genauer angeschaut werden muss.

    Säuren und Basen haben viel mit dem Kalium-Natrium-Haushalt zu tun. Diuretika z. B. haben darauf direkten Einfluss. Die Verstoffwechslung erfolgt über die Nieren, die Haut und die Atemorgane. Wenn mit Nieren oder Lungen etwas nicht in Ordnung ist, dann kann eine Übersäuerung entstehen.
    Eine Übersäuerung ist auch kein schleichender Prozess, der uns vergiftet und sich in Cellulite bemerkbar macht, wie der Heilpraktiker von der verlinkten Seite meinte, sondern ein lebensbedrohlicher Zustand. Und Warburg hat dazu gar nichts herausgefunden.

    Warburg hat nie behauptet, dass Übersäuerung Krebs verursachen würde, das ist ein weitverbreiteter Mythos. Warburg fand im Umfeld der Tumorzellen erhöhte Laktatwerte, die auf eine Milchsäuregärung zurückzuführen waren. Die Milchsäuregärung findet anaerob, unter Ausschluss von Sauerstoff, statt. Das entscheidende, was Warburg herausfand, war, dass die Krebszellen sehr viel Glucose verstoffwechseln. Sein Schluss war, dass ich Krebszellen von Zucker ernähren und dass die Ursache des Problems in den Mitochondrien zu finden sei. Mit den Säuren hat das alles nichts zu tun. Die bei der Vergärung anfallenden Säuren schaffen allenfalls das richtige Millieu für die Krebszelle, aber sind nicht zuerst da.

    Die Warburg-Hypothese konnte lange nicht bewiesen werden, mittlerweile gibt es aber erste Ansätze, die darauf ausgerichtet sind, in den Glucosehaushalt der Krebszellen einzugreifen.

    Wie gesagt, das Ganze mit einer Übersäuerung in Verbindung zu bringen, ist eine grobe Fehlinterpretation von Warburgs-Thesen.

    Ich empfehle Ihnen den Text „Die Geschichte der Basenkost“ von Udo Pollmer, erschienen auf der Seite des Deutschlandfunks. Wer die Geschichte dahinter kennt, dem wird ein Licht aufgehen.

  • Kaoya

    Das ist nicht komisch, da sowohl Homöopathie als als auch die Erwärmung durch CO2 unbewisen sind. Dann erklären Sie doch die Wirkung von CO2. Es gibt bis heute keinen wissenschaftlich nachgestellten Versuch, der die CO2-Wirkung beweist. Ist doch komisch, oder? Man kann Raketen zum Pluto schicken aber keinen Cersuch für CO2 nachstellen. Das einzige, was die Scharlatane vom IPCC und vom PIK machen, ist ex post eine Wirkung des CO2 annehmen und dann ihre Klimamodelle manipulieren. Wen nSie sich ein wenig einlesen statt blind dem Mainstream folgen, werden Sie genug Daten darüber finden, dass sich in der Erdgeschichte erst das Klima erwärmt hat und dann der CO2-Anteil stieg.

    • Sagittarius A *

      Ich glaube wir sprechen mehr oder minder alle vom Gleichen und jeder hat so seine Sichtweisen und auch Lücken. 🙂
      Ohne Treibhausgase hätte dieser Planet eine Durchschnittstemperatur von MINUS 18 Grad. Die Erwärmung durch Treibhausgase ist sehr wohl belegt.
      Interessant, dass Sie andere Erdzeitalter ansprechen. Im Jura lag der CO2 Anteil beim FÜNFFACHEN des heutigen Co2. Und dem Ökosystem ging es gut.

  • Martin Lederer

    Früher fand ich die Esoteriker (meist Frauen) mit ihren Slpeens ganz unterhaltsam. Harmlose „Spinner“, die das Leben etwas auflockern.
    Aber ich fürchte, dass das so ziemlich die selben Typen sind, die bei der Willkommenskultur an vorderster Front waren und noch sind.

    Selber bekommen die nichts auf die Reihe, aber als Manövriermasse, die irgendwo mitlaufen, sind die ideal.

  • Sagittarius A *

    Verstehe ! Sonstiges Zeug. Sie argumentieren nicht sonderlich wissenschaftlich oder fundiert. Da scheint „der Berg der Wissenschaft“ doch eher aus Meinung zu bestehen.
    Genau diese pauschale Voreingenommenheit, die einem das sich Beschäftigen mit der Sache erspart, meinte ich auch mit meinem Beitrag.

    PS: Mein Kommentar bezog sich AUSSCHLIEßLICH auf die Säure Basen Balance.

    • Kaoya

      Bei Wissenschaftlichkeit geht es auch um Nachweisbarkeit und Falsifikation. In keiner ernsthaften Studie konnte die Wirkung der Homöopathie nachgewiesen werden.

  • mathilda

    Nicht ganz:
    zum Beispiel:
    „Früher“ hat man z.B. (Rücken-) Schmerzen mangels geeigneter Dartstellungsmöglichkeit schnell mal auf auf die Knochen oder „Ursache unbekannt“ geschoben.
    Heute kann man Faszien darstellen und weiß, dass häufig z.B. Verklebungen die Ursache sind. Sensible Osteopathen konnten das vor der Möglichkeit der Ultraschalldarstellung schon tasten, wurden aber – bestenfalls – von der Wissenschaft belächelt.
    Leider nicht von mir: „Wissenschaft ist wie eine Straßenlaterne. Sie macht immer nur einen kleinen Teil sichtbar.“