Suizide in der Brandenburger Polizei

In Frankreich herrscht im Umgang mit diesem Thema eine völlig andere Fehlerkultur: Dort ist Mobbing ein eigener Straftatbestand. Suizide von Polizeibeamten werden öffentlich diskutiert, dementsprechend groß ist der Druck auf die Behördenleitungen, Missständen nachzugehen.

© Getty Images
Symbolbild

In Neuruppin soll sich vor wenigen Tagen eine junge Polizeibeamtin mit einer Waffe erschossen haben. Eine Information darüber war im Netz bereits nach wenigen Minuten wieder verschwunden. Auch ein junger Brandenburger Bereitschaftspolizist soll sich jüngst in Potsdam erschossen haben.

Die Brandenburger Polizei hat immer wieder mit Selbsttötungen ihrer eigenen Kollegen zu tun. So nahmen sich 2011, im Jahr eines umfangreichen Stellenabbaus (sog. „Polizeistrukturreform“), nach den Worten des damaligen Polizeipfarrers Sven Täuber, zwölf Polizeibeamte das Leben, darunter einige Leistungsträger. Dazu kommt im Bundesland ein traditionell hoher Krankenstand jenseits der 10 Prozent Grenze. Alle Bemühungen, diesen Stand zu senken, verliefen bisher im Sande. Da diese Zustände auch etwas mit der Führung des Apparats zu tun haben könnten, wollte man ernsthaft mit neuen Papierlagen bekämpfen. Einige Beamte mussten die Flucht in die Krankschreibung antreten, um sich von Polizeiführern nicht länger schikanieren zu lassen. Denn sonst sind schwere gesundheitliche Schäden, bei einigen bis hin zum Suizid, vorprogrammiert.

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Krankenstände und Suizide von Polizeibeamten gehören dringend an die Öffentlichkeit, einerseits weil es wichtig ist, wie mit Menschen umgegangen wird, die mit Steuergeldern bezahlt werden, andererseits weil kein Mensch „freiwillig“ aus dem Leben scheiden muss. Personen, die die Absicht hegen, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, signalisieren dieses Vorhaben meistenteils an ihre Umwelt. Arbeitsteams und Familien, in denen das menschliche Miteinander von Empathie geprägt ist, nehmen diese indirekten Hilferufe sehr wohl wahr.

In NRW nahmen sich allein seit 1990 mindesten 230 Polizeibeamte das Leben.
Üblicherweise machen es sich die Arbeitgeber im Öffentlichen Dienst damit einfach, indem sie behaupten, dass der Mitarbeiter „persönliche Probleme“ gehabt hätte. Darunter könnte man auch Mobbing verstehen, denn nur der Unterlegene hat damit ein „persönliches Problem“.

Hierzu ein folgendes Beispiel aus der Lebensrealität (Auszug dem Buch Mobbing! Ursachen, Schutz und Abhilfe) :
In der Hauptstadt nahm sich ein 61-jähriger kurz vor der Pensionierung stehender Erster Polizeihauptkommissar (EPHK) auf grausame Art und Weise sein Leben. Polizeibeamte, die ihn kannten, waren sich sicher, er wollte ein Signal setzen. Er hatte über einen längeren Zeitraum mit seinem neuen Chef, einem karrierebewussten jungen Mann aus dem höheren Dienst, erhebliche Auseinandersetzungen und fühlte sich gemobbt.

Gegenüber der Presse bestätigten viele Mitarbeiter die Vorkommnisse, jedoch wollten aus Angst vor dienstlichen Konsequenzen niemand seinen Namen zur Verfügung stellen. Der erfahrene Polizeibeamte beklagte zu Lebzeiten: «Das Menschliche fehlte völlig«. Er wurde mit Zahlen und Tabellen überhäuft, damit die »Abteilung gut dastehe«. Ein Kollege berichtete, der »altgediente« und »exzellente« Polizist habe weinend bei ihm auf dem Sofa gesessen. Er war am Ende, er wollte lieber dem Bürger dienen, anstatt »Zahlen und Statistiken schön zu schreiben«.

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Nach seiner Kritik wurde der erfahrene Beamte auf eine andere Dienststelle versetzt und zurückgestuft. Dass die Selbsttötung durch private Probleme verursacht wurde, schließen die Kollegen aus. Der bürgernahe Polizist überschüttete sich auf dem Lankwitzer Friedhof mit Benzin und zündete sich an. Die damals amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers äußerte, es handele sich um einen tragischen Suizid, »der nach bisherigen Erkenntnissen ausschließlich persönliche Gründe hat ohne dienstliche Zusammenhänge.« Koppers hat inzwischen erfolgreich Karriere zur Generalstaatsanwältin von Berlin gemacht. In ihrer Zeit als stellv. Polizeipräsidentin berichteten die Medien immer wieder über zahlreiche Führungsprobleme in der Berliner Polizei.

Dieses Szenario könnte sich ebenso in Brandenburg abspielen, hier versucht man sogar, die letzten beiden Suizide nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Mit der Strategie, Probleme unter den Teppich zu kehren, hat man seit einigen Jahren gute Erfahrung gemacht.

In Frankreich hat man im Umgang mit diesem Thema eine völlig andere Fehlerkultur. Dort ist Mobbing ein eigener Straftatbestand. Suizide von Polizeibeamten werden öffentlich diskutiert, dementsprechend groß ist der Druck auf die Behördenleitungen, Missständen nachzugehen.


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.


Steffen Meltzer, Autor von Mobbing! Ursachen, Schutz und Abhilfe

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Kommentare ( 50 )

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50 Kommentare auf "Suizide in der Brandenburger Polizei"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Wer heute noch zur Polizei geht, muss entweder direkt auf einen Parteienposten ohne Straßeneinsatz abzielen oder verrückt sein.

Junge karrieregeile Vorgesetzte sind schon lange das Problem in Deutschland. Viele von denen haben profitable Unternehmen platt gemacht! Warum sollte das im Beamtentum anders sein. Nur ist der Polizeiapparat etwas mehr als nur systemrelevant. Vielleicht sind auch diese karrieregeilen Menschen die Ursache, dass man bei den Polizisten einige Dinge etwas krasser umschreibt?

Hauptsache „Keine dienstlichen Gründe“ – dabei werden die meisten Selbstmorde von Polizisten kaum überwiegend private Gründe haben. Auch bei Lehrern trägt oft die Behörde einen gehörigen Teil an Mitschuld, denn die Fürsorgepflicht steht nur auf dem Papier.

Ein erschütternder Bericht. Mir fehlen aktuell die passenden Worte…

Ich weiß aus familiärer Erfahrung, wie die politische Führung von oben bis zum richtigen Polizeibeamten durchgreift und mit disziplinarische Mittel missbraucht, um ideologisch korrektes Verhalten zu erzwingen. Das war immer so und wird auch so bleiben, die Menschen sind so. In der Privatwirtschaft sind die Methoden andere, der Machtmissbrauch jedoch der gleiche. Und die wirtschaftliche/existenzielle Absicherung ist nicht so gut wie bei einem Beamten. Ich kenne zwei Beamte (Justiz und Bundespolizei), die mit 30 Jahren dienstunfähig ausgeschieden sind. Beide mussten sich nur noch ein Hobby suchen, das Geld kommt ja jeden Monat von alleine. Was ich damit sagen will: Wer… Mehr

Kündigen wäre besser. Man muss sich nicht selbst töten, man kann auch aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Beweise sammeln, Dienst quittieren, und dann an die Öffentlichkeit gehen – entweder über Wikileaks oder über Blogs mit größerer Reichweite. Notfalls auch Auslandspresse.

Nur in der Theorie. Letztlich haben Sie Recht – alles ist besser als die Selbsttötung, doch so sehen das die Gefährdeten nicht.

Verstehe ich alles nicht. Waren das etwa Dramaqueens? Einfach Waffe und Dienstmarke auf den Tisch des Vorgesetzten legen und mit dem Gruß des letzten sächsischen Monarchen das Zimmer verlassen. Es gibt ein Leben außerhalb der Polizei.

Ja, wäre konsequent – aber die Menschen haben Angst, vor dem Nichts zu stehen.

Der Tod ist das Mega-Nichts.

Suizide – ein schwieriges Thema. Da gibt es die todkranken Menschen , denen u.U. tatsächlich der Freitod als einziger sinnvoller Weg erscheint…und tatschlich haben viele Suizide Ihren Grund in einer Depressionserkrankung. Diese Erkrankung hat unterschiedlichste Gründe – Mobbing kann dafür eine Ursache sein. Und dann bleibt wieder die Frage: Hat der Betroffene sich „gemobbt “ gefühlt , weil er psychisch erkrankt war oder hat das Mobbing zur psychischen Erkrankung geführt. Und genau das macht das Thema oft schwer bis kaum nachvollziehbar. Dabei bestreite ich in keinerWeise , dass unsere Polizei gerade in unseren heutigen Zeit enormen Druck ausgesetzt ist. Die… Mehr
Als Polizist, der selbst mit Depressionen zu kämpfen hat, kann ich zwar nur für mich sprechen, da jeder anders reagiert / empfindet. Aber: Natürlich ist das Problem schon lange bekannt. Ursachen sind vielfältig. Überarbeitung, Überforderung, schockierende Erfahrungen, Frustration,… Was würde helfen? Arbeit auf mehrere Mitarbeiter verteilen, bessere Ausbildung/ Einarbeitung, sinnvolle Tätigkeiten, Vorgesetzte, die ZU ihren Mitarbeitern stehen… Das meiste würde Geld kosten. Einiges auch Rückgrat. Beides ist in Deutschland nur noch sehr selten zu finden, in den Behörden eher in der Häufigkeit des Bernsteinzimmers. Weiterhin: Priorität ist, dass der Innenminister/-senator gut aussieht und seine Idee von Politik umgesetzt wird. Dann… Mehr

Wir haben in unserer Psychotherapiepraxis auch Justizbeamte, Polizeibeamte und sogar Richter als Patienten. Das gibt einen Einblick in die Verhältnisse … jedenfalls in den Einzelfällen.

Sicherheit herstellen, ist ein enorm anspruchsvoller und stressiger Job. Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, sind üblicherweise bereits durch ihr Aufgabengebiet hohem körperlichen und mentalen Druck ausgesetzt. Wenn die Politik dem Sicherheitsapparat nun noch unrealistische Zielmarken vorgibt, im gleichen Atemzug den Apparat schleift und dann noch durch überaus grenzwertige politische Entscheidungen die Sicherheitslage im eigenen Land selbst gefährdet, führt dies natürlich dazu, dass die Moral der Truppe den Bach runter geht. Und wenn die Moral der Truppe zerfällt, ist jeder auf sich alleine gestellt, was den Druck auf jeden einzelnen nur noch erhöht. Verantwortlich sind in einem Beamtenapparat, der stramm… Mehr

Schreiben Sie über die Bundesregierung? Wer bitte hat in politischer Position in den letzten 15 Jahren seinen Hut genommen, Verantwortung für Missstände übernommen? Doof sind nur die, die naiv den Vorgaben der Vorgesetzten vertrauen und diese umsetzen. Cool bleiben, Dienst nach Vorschrift machen und ne Menge Yoga helfen enorm. Letztlich können die ALöcher an der Spitze den eingebrockten Mist nicht allein machen. Wenn alle Sicherheitsbeamten nicht auftauchen, die Fahrer nicht da sind und der Objektschutz ausfiele, werden auch die Grosskopferten schnell unruhig.

Zitat:“Wer bitte hat in politischer Position in den letzten 15 Jahren seinen Hut genommen, Verantwortung für Missstände übernommen?“ Freiwillig macht das keiner mehr, da haben Sie recht. Aber man kann ja nachhelfen. 😉 Zitat:“Doof sind nur die, die naiv den Vorgaben der Vorgesetzten vertrauen und diese umsetzen. Cool bleiben, Dienst nach Vorschrift machen und ne Menge Yoga helfen enorm.“ Wir haben de facto einen Ausnahmezustand, bei dem Dienst nach Vorschrift nicht zielführend ist. Zumindest wird dies langfristig die Situation so weit verschärfen, dass man am Ende immer mehr Personal brauchen wird, um die Probleme wieder aus der Welt zu schaffen.… Mehr

Bevor man sich verheizen lässt, ist eine gewisse Scheiß egal Mentalität bestens geeignet, seine Gesundheit zu schonen. Und wenn sich keiner mehr zum Personenschutz bereit erklärt (plötzliche Krankheitssymtome), ist mit dem Grossmäuligen Auftreten schnell vorbei. Garantiert.

Das wird nicht passieren. Bis dahin werden erstmal inallen anderen Bereichen Beamte abgezogen.
„Cool bleiben“ – das geht IMMER nur bis zu einer individuell verschiedenen Grenze. Wenn es dann kippt, gibt es kein halten mehr und der Betroffene kommt aus seinem Tunnel nicht aus eigener Kraft heraus.