Sie werden geframed: von Ihrer ARD

Mit einem geheim gehaltenen Sprachreglungs-Katalog will die Senderfamilie die öffentliche Stimmung beeinflussen. Interessant ist, unter welcher Intendantin das „Framing Manual“ entstand. - TE berichtete mehrfach über das ARD-Framing, Alexander Wendt zeigt die Herkunft auf. Nun nach Tagen steigen andere Medien ein.

CHRIS YOUNG/AFP/Getty Images
A man looks at Rene Magritte's 'La Reproduction' painting at the 'Surreal Things' exhibition

Die ARD besitzt neuerdings ein so genanntes „Framing Manual“ mit dem Titel „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“, im Auftrag des Senderverbundes verfasst von der Linguistin Elisabeth Wehling.

Wehling, Jahrgang 1981, forscht nach eigenen Angaben unter anderem zu „Sexismus im zeitgenössischen Film, und Rassismus“ („sexism in temporary movie culture, and racism“), sie schreibt in Spiegel Online, Huffington Post und Konkret und saß in der Jury des Deutschen Reporterpreises, vergeben von dem „Reporterforum“, das ganz wesentlich dazu beitrug, Claas Relotius mit Preisen zu versorgen.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Wehling vor kurzem Tump-Wähler zu Amerikanern, die sich in ihrer Hirnstruktur grundsätzlich von anderen unterscheiden:

„Der wird Stimmen ernten von Menschen, die sowieso von ihrer Ideologie her schon im Bereich des eher rechten politischen Spektrums sich bewegen, das ist vollkommen klar, denn von denen wissen wir unter anderem auch, dass sie eine größere Amygdala haben, also einen größeren Bereich im Gehirn, der Angst und Stress und Aggression berechnet.“

Framing bedeutet im semantisch-politischen Zusammenhang so viel wie: Begriffen einen Bedeutungsrahmen geben – was ohnehin jeder tut, der redet und schreibt. Es erzeugt eben fallweise unterschiedliche Bilder, ob jemand beispielsweise von Migranten spricht, oder generell jeden, der die Grenze überschreitet und um Asyl bittet, als Flüchtling bezeichnet. Ob ein Berichterstatter von „Mob“ spricht oder von „Aktivisten“. Oder ob jemand über die Gehirnstrukturen von Trump- beziehungsweise Obama-Wählern spekuliert.

Außerdem existiert im Englischen noch eine andere Bedeutung von Framing – dazu später.

Im Fall des Framing Manual geht es um die ARD selbst, um das Bild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Etwa zehn Prozent der Haushalte zahlen trotz Androhung erheblicher rechtlicher Folgen keinen GEZ-Beitrag, sehr viel mehr sehen die monatliche Gebühr von 17,50 Euro kritisch und unzeitgemäß. Die öffentlichen-rechtlichen Anstalten möchten allerdings nicht nur dringend den Geldfluss erhalten, sondern spätestens ab 2021 sogar eine Erhöhung durchsetzen. Der von Wehling verfasste interne Leitfaden rät im ersten Schritt, alle Kritiker des GEZ-Zahlungssystems als Antidemokraten („demokratiefern“) zu markieren:

„Einige Mitglieder unserer Gesellschaft halten sich nicht an unsere generationenverbindende, demokratische Entscheidung zum gemeinsamen, freien Rundfunk ARD. Sie stellen damit die Verbindlichkeit demokratischer Entscheidungen infrage, sie verhalten sich demokratiefern.“

Bemerkenswert ist, dass der Begriff des autonomen Bürgers in dem ARD-Manual nirgends auftaucht, sondern durch die Wendung „Mitglieder unserer Gesellschaft“ ersetzt wird – was sich in Geist und Inhalt an die DDR-Formulierung „unsere Menschen“ anlehnt. Im zweiten Schritt gibt die Broschüre Hinweise, wie ARD-Mitarbeiter „ihren Mitbürgern“ die Wichtigkeit des öffentlich-rechtlichen Funks schmackhaft und Kritiker („Gegner“) niedermachen sollen – nämlich in erster Linie mit Moral:

„Wenn Sie Ihren Mitbürgern die Aufgaben und Ziele der ARD begreifbar machen und sie gegen die orchestrierten Angriffe von Gegnern verteidigen wollen, dann sollte Ihre Kommunikation nicht in Form reiner Faktenargumente daher kommen, sondern immer auf moralische Frames aufgebaut sein, die jenen Fakten, die Sie als wichtig erachten, Dringlichkeit verleihen und sie aus Ihrer Sicht – nicht jener der Gegner – interpretieren.“

Und weiter:

„Wer maximale Framing-Effekte hervorrufen will, der muss in seiner Kommunikation also auf moralische Kohärenz achten. […] Wenn eine Institution auf diese Weise moralisch kohärent kommuniziert, so zeigen empirische Studien, führt das zu Vertrauen bei den Mitbürgern. […] Das so geschaffene Vertrauen und die so vermittelte Integrität führen zu einer generellen und langfristigen Aufwertung der und Anbindung an die Institution in den Köpfen der Menschen.“

Was dagegen – genau so wie der Begriff Bürger – noch nicht einmal andeutungsweise auftaucht, ist eine argumentative Auseinandersetzung mit der Kritik an ARD und ZDF. Etwa an der Einseitigkeit, die sich an der Einladungspolitik der vier wichtigen Talkshows messen lässt. Im vergangenen Jahr rangierte Robert Habeck, Chef der mit der kleinsten Fraktion im Bundestag vertretenen Partei, mit 13 Einladungen ganz oben im Ranking. Politiker der größten Oppositionsfraktion, der AfD, brachten es auf drei Auftritte. Oder an der als Einzelinterview getarnten distanzlosen Stichwortdarreichung für Angela Merkel oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Wer in Kritikern generell demokratieferne Gegner sieht, der kommt folgerichtig nicht auf die Idee, irgendetwas an ihren Ansichten könnte diskussionswürdig sein.

Stattdessen empfiehlt Wehling der ARD ein diskussionslenkendes wording: Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, so das Manual, sollen „Gemeinwohlmedien“ genannt werden, die gegenüber privaten Medien („kapitalistischen Heuschrecken“) wahre Unabhängigkeit genießen. Als Motto der Gemeinwohl-Sender empfiehlt das Manual die Behauptung: „Wir sind deins“.

In einem Interview mit dem Branchendienst MEEDIA erklärte ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab, unter wessen Verantwortung die Idee zu dem „Framing Manual“ entstand:

„MEEDIA: Aber wer hat das Manual konkret in Auftrag gegeben?

Pfab: Wir haben während des Vorsitzes des MDR unter Intendantin Karola Wille angefangen, uns damit zu befassen.“

Karola Wille amtierte von Januar 2016 bis Dezember 2017 turnusgemäß als ARD-Intendantin. Bei der ARD-Frau, erst Juristische Direktorin des Mitteldeutschen Rundfunks und seit 2011 Intendantin des Senders, handelt es sich um eine sehr interessante Führungskraft. Als sie 1991 als Justitiarin zum gerade gegründeten MDR kam, lag schon eine Karriere als SED-Genossin und Juristin hinter ihr. Sie promovierte 1984 an der Universität Jena zum Thema „Der Rechtsverkehr in Strafsachen zwischen der DDR und anderen sozialistischen Staaten unter besonderer Berücksichtigung der Übernahme der Strafverfolgung“. In ihrer Doktorarbeit kam übrigens auch der Begriff Rahmen vor:

„Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen.“

Von Jena wechselte sie an die Universität Leipzig, wo sie Medienrecht lehrte. Dort schrieb sie unter anderem zusammen mit einem Staatssicherheitsoffizier im besonderen Einsatz eine Zusammenfassung der „Internationalen Konferenz zu aktuellen Fragen des Revanchismus in der BRD“, in der es unter anderem hieß: „Im politischen und ideologischen Arsenal der aggressivsten und reaktionärsten Kräfte des Monopolkapitals nimmt der Revanchismus einen gewichtigen Platz ein.“

Nach dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft wechselte sie kurz in die Leipziger Stadtverwaltung und von dort in den frisch gegründeten Mitteldeutschen Rundfunk. Für ihre Rolle in der DDR benutzte sie die gleiche Formel wie die meisten ehemaligen Funktionäre, die sich darauf beriefen, nur ein kleiner Teil eines Apparats gewesen zu sein. In einem Interview mit der ZEIT sagte Wille 2012:

„Natürlich tut mir im Nachgang vieles leid, das in der DDR passiert ist. Ich persönlich muss mich aber auch fragen: Hast du etwas konkret zu verantworten, hast du als Juristin einem Menschen persönlich geschadet? Und da kann ich nur sagen: Nein, das habe ich nicht.“

Auch im Fall des „Framing Manuals“ kann Wille natürlich darauf verweisen, nicht die Autorin gewesen zu sein. Und ARD-Generalsekretärin Pfab betont, kein ARD-Mitarbeiter müsse sich nach dem Neusprech-Leitfaden richten, er sei selbstverständlich nur eine Anregung.

Obwohl das Manual aus der Gegenwart stammt, steht es für die gleiche binäre Weltsicht wie die Schriften Willes aus der Zeit vor 1990: Hier das durch Moral gerechtfertigte Denksystem, dort der antagonistische Gegner, dessen Argumente per se nichts taugen können.

Bisher will die ARD das „Framing Manual“ nicht veröffentlichen, obwohl es von Gebührengeldern bezahlt wurde. So weit reicht „Wir sind deins“ eben nicht.

To frame bedeutet im Englischen übrigens so viel wie hereinlegen. Einen Trickbetrüger nennt man Framing artist.


Der Beitrag von Alexander Wendt ist zuerst bei PUBLICO erschienen.


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Kommentare ( 116 )

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Habe ich schon oft geschrieben und tlws. große Schelte geerntet. Wir sind seit 1989 in entscheidenden Positionen unterwandert worden von überzeugten DDR-Funktionären, die auf naive und völlig überforderte westdeutsche Wohlfühlpolitiker trafen. Das Ende dieser Geschichte ist leicht vorauszusehen und wird nicht anders ausgehen als 1989. Es dauert wahrscheinlich aber insgesamt auch ca. 40 Jahre.

Der wichtigste Satz des Artikels steht am Ende. Er beinhaltet die Quintessenz alles Gesagten und spiegelt die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit:

>>>“To frame bedeutet im Englischen übrigens so viel wie hereinlegen. Einen Trickbetrüger nennt man Framing artist.“<<<

Und wie nennt man jetzt die ARD und ihre Genossen im Geiste?

Who framed Roger Rabbit?

Interessant zu wissen, dass es immerhin schon rund 10% aller Haushalte sind, die keine GEZ zahlen. D.h. Zahlungsverweigerung lohnt sich. Wenn jeder so denken würde, würde keiner zahlen und dann würde das System zusammenbrechen. Die Justiz kann unmöglich alle Zahlungspflichtigen verfolgen. Ich denke, es genügt schon wenn 20% nicht zahlen, auch das wäre schon eine beträchtliche Anzahl. Problem ist, dass es zu viele brave Zahler gibt, es müssten sich einfach alle weigern.

Irgendwo habe ich mal aufgeschnappt, dass bereits um die 10% an Dissidenten als kritische Masse ausreichen, um einen Systemumsturz auszulösen zu können.

Dann sind’s wohl weniger, die nicht zahlen, denn von einem Systemumsturz merke ich weit und breit nichts.

Hey AfD, ihr steht doch der GEZ-Plage und dem OER reichlich skeptisch gegenueber – und die dissen euch wo es geht.

Warum verlangt ihr nicht Eintritt von dem OER-Voegeln, wenn die bei euren Pressenkonferenzen auftauchen – und zwar nur von denen. Der Betrag? 17.50Euro pro Person, egal ob die zuhoert oder nicht. Barzahlung geht nicht.

Das sollte einen Effekt haben.

Wenn die Wehling tatsächlich 120.000 Euro für den vorgelegten Schrieb bekam, wahrscheinlich + 19% MwSt., zussätzlich noch teuer für die „Workshops“ bezahlt werden musste, sind 17.50 Euro als Eintritt für GEZ Berichter zu wenig.

„To frame bedeutet im Englischen übrigens so viel wie hereinlegen. Einen Trickbetrüger nennt man Framing artist.“ Zitat Dr.Wille „…Ich persönlich muss mich aber auch fragen: Hast du etwas konkret zu verantworten, hast du als Juristin einem Menschen persönlich geschadet? Und da kann ich nur sagen: Nein, das habe ich nicht.“ Woher wohl kommt mir diese „EntDDRifizierung“der ehemaligen ARD-Intendantin und DDR-Juristin Dr. Karola Wille nur zu bekannt vor …?! „Anhaltspunkte dafür, dass Frau K. im Rahmen ihrer inoffiziellen Kooperation mit dem MfS in den Jahren 1974 bis 1982 Dritten Nachteile zugefügt hat, ergeben sich im Ergebnis des Aktenstudiums, anderer Überlieferungen und… Mehr

ARD schaue ich seit „2015“ nicht mehr, allerhöchstens den Wetterbericht NACH der Tagesschau. Selbst den versuche ich zu vermeiden, denn bei n-tv kommt er ein paar Minuten früher.

Dieses „Zwangsfernsehen“ gehört abgeschafft. Das „Framing“ ist doch nur die Spitze des Eisberges. Man braucht sich nur die Verwaltungsräte oder das Programm anschauen.

Es gibt wohl unter den so genannten Medienvertreterinnen und Sprachwissenschaftlerinnen auch heute noch so einige Lenie Riefenstahls.

Der war nicht schlecht!

wie tief die alte Garde in den GEZ-ÖRR Medien Einzug gehalten hat, kann man neben der Dame im ARD Vorsitz auch bei der FDJ Freundin und SED Genossin Illner von der KM-Uni zu Leipzig deutlich sehen. Die alten Weisen, vorgetragen von den hübschen Gesichtern der vergangenen Republik treiben einem kalte Schauer über den Rücken. Eine VEra Lengsfeld, die über die wirklichen Zustände des A&B Paradieses berichten könnte, kommt im GEZ-ÖRR nicht vor. Damit kann ARD&ZDF auch ein Statement abgeben, Danke

„Der wird Stimmen ernten von Menschen, die sowieso von ihrer Ideologie her schon im Bereich des eher rechten politischen Spektrums sich bewegen, das ist vollkommen klar, denn von denen wissen wir unter anderem auch, dass sie eine größere Amygdala haben, also einen größeren Bereich im Gehirn, der Angst und Stress und Aggression berechnet.“ Herzlichen Glückwunsch Frau Wehling, mit dieser Aussage sind sie Favoritin für den Hauptgewinn im diesjährigen Rassismus-Wettbewerb. Hatten die Nazis so ähnlich nicht ihre Rassenlehre begründet und „Untermenschen“ definiert ? Die ARD reagiert zunehmend empfindlich, um nicht zu sagen hysterisch auf die sich änderenden Rahmenbedingungen. Ganz nach rotgrüner… Mehr

Die Parallelen zur Nazi-Zeit werden immer unheimlicher. Die Nazi-Diktatur ist auch nicht am Tage der Machtergreifung entstanden, sondern schrittweise.

Stichwort: Gleichschaltung der Medien, Diffamierungen, Entfernung unliebsamer Personen, Schlägertrupps, blinde Justiz ….

„Als Motto der Gemeinwohl-Sender empfiehlt das Manual die Behauptung: „Wir sind deins“.“ Das erinnert mich ganz fatal an den Slogan der Berliner Polizei „Da für dich“. Der Bürger wird hier ungefragt angekumpelt, wird geduzt, als ob er ein kleines Kind wäre, das an die Hand genommen werden muss. Das ist kein Verhältnis auf Augenhöhe. Im Falle der Polizei ist dies besonders perfide. Wenn ich einen Polizisten nun duzen würde, könnte der mir dafür eine Rechnung schreiben. Dass der Bürger von oben herab geduzt wird, das erinnert fatal an feudalistische Zeiten, in denen die Obrigkeit den Bürger als Untertanen sah, der… Mehr

ARD –> Ihr schafft das schon-, bloß ohne mich. Ick zappe wech!
Haben Sie auch schon wechjezappt? Das mit der Zwangssteuer klären wir dann später.