Rodelspaß und Polizei: Die Zerreißprobe zwischen Ratio und Emotion

Alles könnte so schön sein, wenn auf dem Hügel, auf dem sich Familien mit ihren Kindern ausgelassen tummeln, nicht plötzlich eine große Anzahl Polizisten wie aus dem Nichts auftauchen würden. Die anwesenden Personen werden des Platzes verwiesen. Natürlich ist auch die Frage berechtigt, was das mit den einzelnen Polizeibeamten macht, wenn Kinder vertrieben werden.

picture alliance/dpa | Henning Kaiser

Das Wetter lacht, Ski und Rodel gut. Alles könnte so schön sein, wenn auf dem Hügel, auf dem sich Familien mit ihren Kindern ausgelassen tummeln, nicht plötzlich eine große Anzahl Polizisten wie aus dem Nichts auftauchen würden. Die anwesenden Sport- und Spaßfreunde werden allesamt des Platzes verwiesen. Anschließend wird die unschuldig-idyllische kleine Geländeerhebung im Stadtpark mit Flatterband abgesperrt. Eine reale Ansteckungsgefahr bestand nicht, so führen die Rodelverbote zu einem großen Unverständnis und lauten Unmut. Trotzdem setzt die Polizei die Platzverweise konsequent durch. Gnade gibt es keine.

Natürlich ist auch die Frage berechtigt, was das mit den einzelnen Polizeibeamten macht, wenn Kinder vertrieben werden. Es gibt dafür verschiedene Bewältigungsstrategien. Die einen nehmen es nicht so genau. Sie kontrollieren im Park keine Personen, sind nur anwesend, weil sie diese übertriebenen Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten selbst nicht akzeptieren. „Dienst nach Vorschrift“ ist auch, dass man nur das sieht, was man wahrnehmen will. Diese Taktik des Wegsehens ist spätestens dann hinfällig, wenn Polizeibeamte in größeren Gruppen zusammengefasst werden, um in den Einsatz zu gehen.

Gruppendynamische Prozesse ermöglichen dann keine Ausnahmen mehr. Andere wittern ihre Chance, Kinder und deren Eltern mit Nachdruck zu vertreiben und bei einem Widerspruch ein Verwarngeld auszusprechen oder eine Anzeige aufzunehmen. Mancherorts ist der der beste Polizist, der die meisten Verwarngelder ausspricht.

Das Beförderungssystem bevorteilt vor allem den angepassten Beamten, die ihrem Vorgesetzten jeden Wunsch im vorauseilenden Gehorsam mit besonderem Engagement und Nachdruck von den Augen ablesen. Und dann gibt es noch die sozial kalten Polizeibeamten, die nicht das geringste Problem damit haben, knallhart aufzutreten und durchzuziehen. Schnell haben sie es von ihrer Verwaltung gelernt, dass man sich gut hinter irgendwelchen Paragraphen verstecken kann, wenn die soziale Inkompetenz obsiegt und dabei Takt und Feingefühl, sowie der Humanismus auf der Strecke bleibt. Der Anteil der Macht- und Hierarchiemenschen ist im Polizeiberuf deutlich größer, als in einem beliebigen privaten Unternehmen. Würde man diese Personen dort einsetzen, kämen ihnen die innerbetrieblichen Konflikte vor, wie die Auseinandersetzung kleiner Ballettmädchen um das neueste Spitzenkleidchen.

Dilemma zwischen dem Beruf und der eigene Familie

Andere haben es schwerer. Wer selbst eine Familie mit kleinen Kindern hat, weiß um die inneren Konflikte seines Berufes. Wenn die Kinder zu Hause quengeln, weil sie mit Papa und Mama in den verschneiten Wald oder Park fahren wollen, beginnt der intuitive Zerreißprobe der eigenen Seele. Wohlverhaltenspflicht gegen Vernunft lautet der Wettkampf zwischen Rationalität und Emotion. Dann verstößt Polizeikommissar Schulze-Lindemann ebenso privat gegen die Corona-Regeln, wie Otto Normalbürger, den man gestern noch dafür abgestraft hat. Der einzige Unterschied, es wird nicht dort gerodelt, wo vorher abgestraft wurde.

Geschichten aus dem Lockdown
Wer tröstet Kinder, denen man das Rodeln verbietet?
Natürlich kann man diesen Widerspruch zeitweise löschen bzw. in altbewährter Polizeiart verdrängen. Aber irgendwann wird sich das Unterbewusstsein melden und versuchen, über das Bewusstsein die Oberhand zu bekommen. Dann ergeht es Polizeibeamten auch nicht anders, als Menschen die jeden Tag, um sich zu verdingen, einer Arbeit nachgehen müssen, die sie innerlich ablehnen. Früher oder später wird das Konsequenzen bei denen haben, die diesen Zwiespalt nicht bewältigen können. Bei dem einen dauert es länger, bei dem anderen geht es schneller. Nicht jeder hat die Courage, deshalb zu kündigen, um seine eigene psychische Gesundheit zu schützen.

Sich gegen die Durchsetzung der Corona-Repressionen aufzulehnen, gar zu remonstrieren, ist keine bewährte Strategie, die zum langfristigen Erfolg führt. Diese kurzfristige Erleichterung vergrößert nur das innere Elend, denn dann kommen neben dem ertragbaren Karrierestopp und der schlechten Beurteilung, die im öffentlichen Dienst altbewährte Ausgrenzung und die dienstliche und soziale Isolation dazu. Mit ähnlichen Konsequenzen, wie das gerade massenhaft durch den Lockdown bei anderen Personen noch furchtbarer verursacht wird. Vorgesetzte und Kameraden sorgen dafür, dass solche Beamte bekämpft werden. Die Herabsetzung und Separation missliebiger Beamter ist ein notwendiges Führungsinstrument, um abseits der Legalität Erziehungsmaßnahmen gegen Erwachsene die gleichzeitig Unterstellte sind, durchzusetzen. Nicht gut für Beamte, die wirtschaftlich abhängig und deren Kinder noch nicht selbstständig sind. Die Chance sich dagegen zu wehren stehen in einer Organisation mit Korpsgeist sehr schlecht. Da zeigt man besser weder Betroffenheit noch Schwächen, wenn sich nicht das Rudel Wölfe darauf stürzen soll.

Der Druck auf die Beamten lastet somit „unsichtbar“ im Raum und sich dagegen aufzulehnen, erfordert sehr viel Mut bis hin zur Selbstaufgabe. Gegen den Strom zu schwimmen, hält in diesem Apparat niemand lange durch.

Wundern Sie sich also nicht, wenn nach dem nächsten Schneefall erneut Polizeibeamte aufkreuzen, die Sie und Ihre Kinder des Hügels verweisen. Ein altbewährtes System an systematisch-legalen und illegalen Abhängigkeiten ermöglicht es, Sie auch gegenüber dem inneren Willen der Beamten davonzujagen.


Christian Heimfried

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Kommentare ( 31 )

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31 Comments
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Maja Schneider
8 Monate her

Alles gut und richtig sowie durchaus nachvollziehbar, was hier in diesem Beitrag zu lesen ist, und so gibt es sehr viele sowohl im öffentlichen Dienst als auch in der Wirtschaft, die sich und ihre Gesinnung aus eben diesen Gründen nicht preisgeben und weiter gegen sich selbst arbeiten müssen. Das Schicksal so vieler nicht nur nicht nur Prominenter ist ihnen allen eine Warnung. Trotzdem hat es in Wien laut einzelner Meldungen durchaus Polizisten gegeben, die bei den friedlichen Demonstrationen am letzten Wochenende nicht so genau hingeschaut und sogar zu einem kleinen Teil mit der Bevölkerung solidarisiert haben. Es ist mehr als… Mehr

Maria Jolantos
8 Monate her

Das Ansehen der Polizei bei der Bevölkerung leidet durch solche Einsätze massiv. Gerade den Bevölkerungsgruppen, die bisher Wohlwollen oder/und Verständnis für die Beamten gezeigt haben, stößt die Duldung von Dealeraktivität parallel zur Verfolgung von Rodlern sauer auf.
Ich kann mich jedoch des Eindrucks nicht verwehren, dass genau dies gewollt ist. Eine Polizei ohne Rückhalt in der Bevölkerung ist nichts mehr als eine Söldnertrupee, die einzig vom Wohlwollen der Herrschenden abhängt.

H. Priess
8 Monate her

Früher habe ich die Polizeipolizisten mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen heute überkommt mich eher Widerwille. Vielleicht liegt es daran, daß ich diese, früher als Freund und Helfer bezeichnete Trachtentruppe, jetzt eher mit Bedrohung, Gewalt gegen mündige Bürger, Bevormundung, Staatsmacht ausstrahlende Erfüllungsgehilfen assoziiere? Wenn auf einem leeren Bahnhof, außer sechs gelangweilten Polizisten, einer extra auf mich zu kommt um mich aufzufordern den Gesichtslumpen auch über die Nase zu ziehen, konnte ich den Gedanken: Jetzt ist ihm sicher einer abgegangen, nicht unterdrücken. Einen Kindergeburtstag mit 30 Kindern und Erwachsene durch das SEK zu stürmen muß die Polizisten mit ungeheurer Genugtuung erfüllt haben.… Mehr

Sagen was ist
8 Monate her
Antworten an  H. Priess

Der frühere Aussenmini JF als wahrer Visionär:

Der hat schon als Berufsjugendlicher Polizisten verprügelt.

Aus diesem edlen Holz sind nicht viele Politiker geschnitzt.

Sonst kämen mehr weiter auf der Leiter.

Ehre wem Ehre gebührt.

Oliver Koenig
8 Monate her

Wenn bei wärmeren Temperaturen wieder die Partyszene randaliert und die Polizisten vermöbelt, dürfte sich das Mitgefühl der Bevölkerung, anders als letzten Sommer, in sehr engen Grenzen halten.

Sonny
8 Monate her

KEINE ANSTECKUNGSGEFAHR.
Es geht also in Wirklichkeit nur um die Demonstration der Staatsmacht.
Eine böse, ganz ganz dunkle Zeit, in der wir leben.

Manfred_Hbg
8 Monate her

UND -wie grad auf Teletext gelesen habe- in Amsterdam lieferten sich trotz Versammlungsverbot und ohne Maske Hausbewohner und die Polizei eine lustige Schneeballschlacht.

In Mutti’s Dummland undenkbar! Hier, im besten Deutschland, das wir jemals hatten, vergraulen und verbieten unsere Polizisten lieber kleinen Kindern das Rodeln UND knien sich lieber den linken Zeitgeist folgend folgsam und rückgradlos nieder um einen Straftäter wie Floyd zu huldigen. Armes Deutschland!

Wolfgang Richter
8 Monate her

Irgendwie scheinen inzwischen einige Parameter in dieser Gesellschaft völlig aus dem Lot. „Bewaffnete Verwaltung“ hatte früher mal ein anderes Verständnis von „Aufgabe“ statt Büttel irgendwelcher Politdarsteller, deren wirre Vorstellungen umzusetzen, zumal wenn bei eigentlich gefordertem Selbstdenken mindestens Zweifel an deren Rechtsstaatlichkeit erkennbar sind. Remonstrationspflicht wird wohl nicht mehr gelehrt.

Dieter Blume
8 Monate her

Polizisten habe ich bisher, mit wenigen Ausnahmen, als Freund und Helfer angesehen. Als ehemaliger Zeitsoldat habe ich geschworen, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Natürlich dachte ich dabei an äußere Feinde und nicht daran, dass die deutsche Polizei das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes einmal mit Füßen treten wird. Sie rammen ein Schild in den Schnee „Maskenpflicht“. Wer sich nicht daran hält, wird erkennungsdienstlich behandelt und angezeigt. Andersdenkende werden als Coronaleugner, Rechtsextreme und Nazis diffamiert. Die Polizei sollte eigentlich das Demonstrationsrecht schützen. Stattdessen werden friedliche Demonstranten mit Wasserwerfern angegriffen und wer nicht freiwillig… Mehr

thinkSelf
8 Monate her

Man fragt sich ja immer, wie sich totalitäre Systeme halten können, denn meistens gibt es gar nicht genug überzeugte Anhänger um eine Mehrheit in Schach zu halten. Der Artikel beschreibt die Mechanismen aber sehr schön. Und es sollte keiner erwarten, dass das anders wird, wenn nur die Schraube weiter angezogen wird. Das beeindruckendste Beispiel für dieses Verhalten war das Reserve Polizeibataillon 101 das hinter der russischen Front wütete. Die Mitglieder stammten im wesentlichen aus dem weltmännischen Hamburg, waren in der Mehrheit keine Anhänger der nationalsozialistischen Partei und auch sonst nicht durch brutales oder asoziales Verhalten aufgefallen. Das besondere an der… Mehr

Manfred_Hbg
8 Monate her
Antworten an  thinkSelf

Zitat: „Die richten sich (……) schlicht danach was die soziale Gruppe tut in die sie eingebunden sind“

> Genau das bekommt man heute doch auch oftmals bei Gerichtsverhandlungen und in Urteilen zu hören, die sog. „Gruppendynamik“!

Zwar geht es hier dann um einen anderen Personenkreis, dennoch macht es hier bzgl der „Gruppendynamik“ keinen Unterschied ob es zB die Kleinkinder im Kindergarten, die Straftäter oder die Polizeibeamten sind. Sie alle sind bis auf die genannten einzelenen Ausnahmen(starke Persönlichkeiten) einer „Gruppendynamik“ ausgesetzt.

Monika B.
8 Monate her

Die Polizei wird wohl kaum den ganzen Tag dort Wache schieben.
Also, wenn die weg sind, einfach wieder kommen. Flatterband ist keine unüberwindbare Grenze.
Strafe würde ich in 10 Euro Schritten zahlen. Erste Mahnung…..10 Euro Überweisen.
Zweite Mahnung….10 Euro überweisen und immer so weiter, bis denen die Haare zu berge stehen. 😀

Manfred_Hbg
8 Monate her
Antworten an  Monika B.

Tja, das kleine Problemchen ist hier jedoch nur, dass die Polizei dutch die sog (länderbezogen n) Sondergesetzte die Möglichkeit haben, einen sog. Platzverweis auszusprechen welcher dann 24 St. Gültigkeit hat. UND einen Verstoß gegen diesen Platzverweis, kann dann auch in der Zelle enden!

Wie es sich hier dann jedoch mit den Kindern oder den unter 14-Jährigen verhält – ob dann auch die eingesperrt(wohl nicht) oder wohin auch immer verbracht werden, dass weiß ich i.M jedoch nicht zu sagen. Aber der Erwachsene kann hier auf jeden Fall in einer Zelle landen!