Alarmstimmung in der Regierung Merz: „Das Reformfenster steht nicht ewig offen“

Die Regierung Friedrich Merz ist dieser Tage bemüht, Worte der Stärke im Bundestag zu sprechen. Doch die Regierungserklärung zum Jahreswirtschaftsbericht zeigt die Fakten auf. Und die Nervosität der Regierung, die selbst weiß: „Das Reformfenster steht nicht ewig offen.“

picture alliance / dts-Agentur | -

Zwei Regierungserklärungen gibt es diese Woche im Bundestag. Die erste zur Außenpolitik hält Kanzler Friedrich Merz (CDU) persönlich. In der erwähnt Merz, wie wichtig eine Erholung der deutschen Wirtschaft für die Außenpolitik sei und verspricht, sich um diese zu kümmern. Am Freitag reist er ab nach Zagreb. Dort tagen die christdemokratischen EU-Abgeordneten. Daran nimmt Merz teil.

Alles außerhalb Berlins ist dem Bundesaußenkanzler wichtiger als die Belange der Nation, der er als Regierungschef vorsteht. Die Regierungserklärung zum Jahreswirtschaftsbericht verfolgt er nur als Zuhörer. Aktiv wird er erst, wenn er sich mit europäischen Parteigängern unterhält. Merz hat gesagt, wie wichtig die wirtschaftliche Erholung ist. Tschüss. Wird schon klappen. Wird schon wer machen. Die Schere zwischen den Worten der Regierung Friedrich Merz und ihren Taten wird größer und größer und größer.

Das Thema Wirtschaft überlässt Merz Katherina Reiche, zuständige Ministerin und Parteifreundin. Sie versucht sich in Euphemismus für Anfänger: „Wir sehen wieder Licht auf der Strecke.“ Doch als Reiche weiter redet, wird deutlich, dass es sich um das Licht der entgegenkommenden Züge handelt: Nach außen verliere Deutschland Marktanteile und von innen werde der Markt ebenfalls gebremst. In den nächsten fünf Jahren drohe Deutschland den stärksten wirtschaftlichen Rückgang unter den Industrienationen zu erleben. Das sind – wohlgemerkt – die Worte der Regierung, auch wenn es nach Opposition klingt.

Aber vielleicht ist ja Reiche auch so etwas wie Opposition in der Regierung. Der Abgeordnete Enrico Komning (AfD) hat eine Idee, warum das so ist. Die Politikerin, die Erfahrung in der Wirtschaft gesammelt hat, sage zwar durchaus das Richtige. Doch er habe den Eindruck, dass sie das eben nicht durchsetzen dürfe. In der Folge rede Reiche dann davon, dass sie die Bürokratie zurückdrängen und der Wirtschaft mehr Freiheit lassen wolle. Aber der Jahreswirtschaftsbericht zeige eben auf, dass es unter Merz und Reiche immer „noch mehr Staat“ gebe.

Dieser Jahreswirtschaftsbericht geht von einem Wachstum des deutschen Bruttoinlandsproduktes von 1,0 Prozent aus. Das ist zum einen eine Korrektur der bisherigen Prognose, die ursprünglich 1,3 Prozent versprochen hatte. Zum anderen steht dieser Anstieg nicht für ein reales Wachsen der Wirtschaft. Der Anstieg kommt zum größten Teil durch die Ausgaben zustande, die von der Regierung Merz staatlich getätigt und aus der Schuldenorgie bezahlt werden. Dazu kommt der Effekt, dass es dieses Jahr mehr Arbeitstage gibt, weil mehr Feiertage aufs Wochenende fallen. Das Licht, das Reiche beschwört, ist also ein Wetterleuchten.

Reiches reale Erfolgsbilanz ist kümmerlich. Die Ministerin hat schnellere Abschreibungen ermöglicht. Das kann aber nur zu einem Effekt führen, wenn sich die dazugehörigen Investitionen lohnen. Außerdem hat die Regierung Merz eine Senkung der Körperschaftssteuer beschlossen. Die tritt aber erst 2028 in Kraft – und auch dann nur schrittweise. Die Regierung Merz ist schnell darin, Geld durch Schulden aufzunehmen, sie ist noch schneller darin, dieses Geld auszugeben für Bäume in Berlin oder Kühlschränke in Kolumbien. Doch eine Steuererleichterung für die Wirtschaft verschiebt sie um drei Jahre. Trotz aller Beteuerungen, wie wichtig eine Erholung der deutschen Wirtschaft wäre. Die Schere von Worten und Taten geht in der Regierung Merz weiter und weiter und weiter auseinander.

Ankündigungen prägen die Reden der Regierung. So auch bei Reiche: „Wir wollen zu selbsttragendem Wachstum zurückkehren.“ Damit haben Merz und Co diese Woche selbst zugegeben, dass die deutsche Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig ist, sich Arbeit hierzulande nicht lohnt und das Wachstum auf Schulden beruht und sich nicht selbst trägt. Reiches Worte vom Licht, das sich zeige, verblassen. Die Wahrheit über den verheerenden Zustand schlüpft Merz‘ Ministern immer wieder durch.

Den Ministern und Ministerinnen dämmert, wie gefährlich die Situation ist. Wie wenig sie selber ans propagierte Licht glauben. Reiche sagt zuerst: „Die nächsten Jahre sind unser Reformfenster und es steht nicht ewig offen.“ Das ist ein Alarmsignal. Dann sagt Reiche, die Regierung arbeite an den Standortfaktoren. Die ließen sich aber nicht über Nacht ändern. Die Botschaft der Regierung Merz: Die Zeit wird knapp und wir lassen uns Zeit. Die Schere spreizt sich.

„Das Gewurschtel geht auch unter Merz und Lars Klingbeil weiter“, sagt Leif-Erik Holm (AfD). Reiches Bericht, ihre Ankündigungen und Versprechen, hätten nicht mit der tatsächlichen Politik dieser Regierung zu tun. Diese wirke „ziemlich hilflos“. Etwa, wenn Reiche die Deutschen auffordere, sie müssten mehr arbeiten. Das sei in der Sache zwar nicht falsch. Aber die Deutschen müssten auch wieder mehr Lust zum Arbeiten haben, dafür bräuchten sie mehr Netto vom Brutto. „Wir wollen, dass sich Arbeit wieder lohnt.“ Das letzte Zitat stammt nicht vom Oppositionellen Holm. Sondern von der SPD-Vorsitzenden und amtierenden Arbeitsministerin, Bärbel Bas.

Holm ist es, der die Regierung Merz daran erinnert, wie sehr die Schere zwischen Wort und Tat bei ihr auseinander geht. Die Regierung sage zwar, dass sie die Wirtschaft entlasten und zu mehr Erfolg bringen wolle. Aber sie mache das Gegenteil. Sie blähe die Staatsausgaben auf Pump auf und müsse dann in der Folge Diskussionen über Steuererhöhungen führen. Oder wie zuletzt zweimal die CO2-Steuer um jeweils rund 20 Prozent erhöhen: „Das ist Gift für die Wirtschaft. Die Stimmung drehen Sie so nicht.“

Den Beweis dazu verkörpert Reiche im Bundestag. Ihre Körpersprache ist schlaff, ihre Worte leer – sie wirkt mutlos. Der Vorsitzende Jens Spahn müsse „als Einklatscher fungieren, damit seine Fraktion nicht einschläft“, hat der Vorsitzende der Grünen, Felix Banaszak beobachtet. Und selbst der schlechtesten Linken-Vorsitzenden aller Zeiten, Janine Wissler, ermöglicht Reiche es, Punkte zu sammeln. Die Wirtschaftsministerin sei schon jetzt weniger beliebt, als es ihr Vorgänger Robert Habeck (Grüne) zuletzt war. Das sei leicht zu erklären. Während Reiche von den Bürgern Verzicht fordere, treffe sie sich in Tiroler Luxusressorts mit Vertretern der Industrie. Worte und Taten. Die Schere geht in der Regierung Friedrich Merz so weit auseinander, dass es selbst Wissler bemerkt.

Die ganze Misere der Regierung zeigt Sepp Müller auf. Der gilt mit seinen 37 Jahren als Talent in der Union. Als deren Zukunft. Müller feiert die eigenen Reihen für den staatlichen, auf Schulden beruhenden Aufschwung: „Wir sind hart aufgeschlagen mit der Wirtschaft, aber wir haben das Tal erreicht.“ Jetzt gehe es den Berg hinauf. Als Vorhaben skizziert das CDU-Talent: „Wir wollen als Union die Stromsteuersenkung für alle.“

Die steht als Vorhaben im Koalitionsvertrag. Doch nachträglich hat die SPD die Senkung gecancelt. Die Sozialdemokraten wollen Steuern erhöhen, nicht senken. Deswegen will die CDU die Stromsteuersenkung für alle. Und die Christdemokraten werden das noch lange wollen können. Denn mit der SPD kommt das nicht. Worte und Taten gehen in dieser Regierung auseinander. Aber deren Verantwortliche sehen wie Reiche Licht. Geh ins Licht! Ein Satz, den der Legende nach Sterbende beim Schritt ins Jenseits hören sollen.

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Kommentare ( 52 )

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Sozia
1 Monat her

Die wichtigste Reform aktuell wäre in meinen Augen jene, dass diese nächste grauenerregend schlechte Regierung Platz macht und dass wir neu wählen dürfen. Und danach gibt es wieder eine Chance, das Blatt zu wenden. Aber wie wollen jene das Problem lösen, wenn sie grundlegender Teil des Problems sind und ständig neue schaffen? Es ist unmöglich.

moorwald
1 Monat her

Wir erleben gerade anschaulich die Aufführung des Stückes: „Wie lange kann sich eine Regierung halten, ohne die drängenden Probleme anzugehen“?
Noch ist nicht entschieden, ob eher Tragödie oder Komödie. Kommt wohl auf die Sichtweise an: Trauerspiel für die Untertanen, Possenspiel für die da oben.

C. Meyerinck
1 Monat her
Antworten an  moorwald

Mich erinnert es / er an das Märchen „Der Zauberer von Oz“.
Er propagiert sich als Quelle der Hoffnung und Macht und verspricht, alle Wünsche zu erfüllen. Bis er eines Tages zugeben muss, eigentlich gar kein echter Zauberer zu sein sondern nur ein Jahrmarktschausteller aus Kansas, den es vor Jahren in einem Heißluftballon in das Zauberland Oz verschlagen habe …

Dr. Rehmstack
1 Monat her

So richtig die Argumente hier auch sein mögen, so richtig Frau Weidel im Bundestag auch argumentierte, so richtig ist auch, daß es eine parlamentarische und auch so gewählte Mehrheit (die zwar den Volkswillen, so denn einer erkennbar artikuliert wird, nicht wieder gibt), die alles dieses tun oder besser lassen kann, was sie will, bisher droht ihr vom Souverän keine Gefahr, deshalb kann Frau Maischberger auch fragen: wie gefährlich sind Wahlen mi der implizierten Antwort, „das kriegen wir schon hin“. Nein, solange die breite Masse nicht auf begehrt, haben sie leichtes Spiel.

Sonny
1 Monat her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Das liegt aber auch hauptsächlich an der äußerst begrenzten Intelligenz der Wähler.
Und den öffentlich-rechtlichen Medien, die den intelligenzmäßig weniger Begünstigten einen Bären nach dem anderen aufbinden, nur für Hetze sorgen und alle anderen Länder nebst ihren Oberhäuptern, die einen anderen Weg gehen, lächerlich machen, beleidigen und diffamieren.
Bestes Beispiel hierzu: dieter nuhr.
Hat jemand mal kürzlich dieter nuhr (im Ersten) gesehen?
Früher gut – heute absolut unerträglich. Und von Grund auf indoktriniert im Sinne der Staatsmacht.
Darum darf er seine Sendung ja wohl auch noch machen.

Last edited 1 Monat her by Sonny
yeager
1 Monat her

Man fragt sich ja schon, warum die Regierungskoalition so unwillig ist wenigstens pragmatische Lösungswege zu gehen. CDU und SPD könnten sich ja wenigstens darauf einigen solche grüne Positionen aufzugeben die in der Bevölkerung eh keine Mehrheit haben und so die Energiewende und deren Konsequenzen mildern. Nur befinden sich beide Parteien im Dauerwahlkampfmodus. Das führt dazu, dass die SPD innerhalb der Regierungskoalition einen Oppositionskurs fährt um gegenüber der CDU an Profil zu gewinnen. Deshalb verfolgt sie grüne und linke Positionen um einen Gegensatz zur CDU aufzubauen. Die CDU verfolgt aber seit Merkel die Strategie sämtliche Standpunkte einfach aufzugeben, so dass es… Mehr

Del. Delos
1 Monat her
Antworten an  yeager

Kann sein, dass es so ist… es kann aber auch sein, dass jemand „im Hintergrund“ die Strippen zieht. Denn es ist schwer vorstellbar, dass gleich ALLE Blockparteien im Grunde die gleiche Haltung einnehmen, wenn es darum geht, Deutschland aus seiner Polit-Sackgasse zu befreien. Derartige „Fehler“ macht man doch nicht unabsichtlich. Die Folgen solcher „Politik“ sind doch selbst von Laien vorhersehbar. Hier sind Leute am Werk, die Deutschland ganz gezielt zerstören WOLLEN – anders ist das nicht mehr erklärbar. Deswegen sollten wir uns endlich mal mit der Frage befassen, WER diese Leute im Hintergrund sein könnten und WARUM sie dieses Ziel… Mehr

Siggi
1 Monat her

Wie ich gerade höre, soll es am Donnerstag zum Urteil gegen den wegen Mord-versucht’s angeklagten Typen, der sich als Frau ausgibt (Maja) fallen. Nun hat der Wadefool der Ungarische Justiz mit massiven Auswirkungen gedroht, wenn der verurteilt werden sollte. Ich hoffe, der Typ bekommt die geforderten 24 Jahre Haft. Die deutsche Regierung ist fertig und kann nut´r noch mit übelsten Mitteln und einer bis in die Knochen verlogenen, geschmierten Presse die Fakten dem Volk vorenthalten. Wer gestern die Rede von Frau Dr. Weidel im Bundestag gehört hat, weiß warum. Sie hat in allen Punkten recht. Aus einer Regierung wurde eine… Mehr

Martin Mueller
1 Monat her

Beim Reden ganz große Klasse. Nur bei den Taten hapert es doch enorm. Außer bei den Taten, die die eigene Wirtschaft und Kultur, quasi metaphorisch gesprochen, gegen die Wand fahren, werden politische Kräfte mobilisiert. Die CDU hantiert nun schon seit 1 Jahr mit der SPD herum. Die CDU sollte doch längst kapiert haben, dass es mit der SPD kein Lösen der großen Probleme geben wird. Wir brauchen ein Herumzureißen des Steuers auf vielen politischen Ebenen. Aber mit Taten, nicht mit dem Mundwerk. Der Bürokratieabbau hätte doch längst in vollen Gange sein müssen. Und es geht hier um mindestens 30% Abbau.… Mehr

Last edited 1 Monat her by Martin Mueller
Turnvater
1 Monat her
Antworten an  Martin Mueller

Beim Reden ganz große Klasse.“

Nein, noch nicht einmal das. Was ich von diesem Herren höre, ist unglaubwürdiger, durchsichtiger und schmierenkomödiantisch vorgetragener Rhetorikstandard im Deutschunterricht der 9. Klasse.

Also einer 9.Klasse alter Prägung.

Del. Delos
1 Monat her
Antworten an  Martin Mueller

Weil sie es nicht WOLLEN.

greenman
1 Monat her

In der Geschichte der Menschheit ist klar belegt, dass ein etabliertes Feudalsystem sich jeder Veränderung widersetzt.
Ob der deutsche Michel -oder Michaela -dafür seinen Hintern vom Sofa auf die Strasse bewegt, ist noch nicht zu erkennen…

Last edited 1 Monat her by greenman
hansgunther
1 Monat her

„Versuchen US-Oligarchen und der Kreml, alte russische Pipeline-Träume aufleben zu lassen und Deutschlands Infrastruktur in die Zange nehmen?“ Quelle: Internet Hier spielt die Musik, die Achse USA/RU ist keine Chimäre. Aktuell Übernahme duch US Firma von Lagerkapazitäten im Kraftstoffbereich in D, ca. 20% Anteil, u.A. mit Nato Anbindung von Stützpunkten. Verhandlungen in der Schweiz mit Gazprom.Ganz nebenbei nähert man sich der angedrohten Übernahme der früheren Gazpromaktivitäten und der Ostseepipelines in US-Hand gegen deutsche Interessen. Wer waren die Auftraggeber? Nicht die Sprenger, eventuell aus Drittländern? (PL und UA hatten monetäre Interessen am Scheitern von Nordstream.)Das, was Trump in der Ukrainefrage veranstalt… Mehr

Last edited 1 Monat her by hansgunther
Jens Frisch
1 Monat her

„In den nächsten fünf Jahren drohe Deutschland den stärksten wirtschaftlichen Rückgang unter den Industrienationen zu erleben.“
Super Nachrichten! Erst wenn der Michel den Kitt aus den Fenstern fressen muss, kommt er zur Vernunft – und wenn es hier nichts mehr zu holen gibt, ziehen auch die Heuschrecken weiter.

Rob Roy
1 Monat her

Was wir brauchen, ist keine Reform, sondern eine Rückabwicklung der Klima-, Migrations- und Wirtschaftspolitik der Merkel- und Ampelregierungen.

C. Meyerinck
1 Monat her
Antworten an  Rob Roy

Und wir brauchen ganz dringend in Flüchtlingsunterkünften, im BAMF, in den Sozial- und Arbeitsämtern mehrere Razzien im Jahr, um endlich der Korruption, Unterwanderung von NGOs / Helfershelfern (u.a. bzgl. Warnung vor Abschiebung, Hilfe zum Untertauchen) etc. Herr zu werden.