Mehrsprachiger Wahlkampf im Ländle: Wenn der Genosse plötzlich Türkisch kann

Der Frontmann der Linken Jan van Aken läuft im Wahlkampf wie ein synchronisierter Clip. Türkisch, Italienisch, bald auch Arabisch. Aber Teilhabe bedeutet mehr als nur ein Kreuz auf dem Wahlzettel. Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Ansprache. Wer dauerhaft in Parallelansprache verharrt, zementiert Parallelwelten und fordert, dass sich das Gastland anpassen soll.

picture alliance/dpa | Katharina Kausche

Nicht mehr lang, bis zum 8. März, zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Die Landeshauptstadt Stuttgart, und ein paar weitere Gemeinden und Städte im Speckgürtel von Stuttgart und Mannheim oder Heilbronn und Karlsruhe geben sich die Plakatschlacht – aber auch auf Social Media, wird geprotzt, und nicht zu knapp.

Mit dabei, der Linken-Chef Jan van Aken, man könnte meinen, er sei am Stalken, so, wie er in den Kurzclips ums Eck kommt. Es soll (s)ein historischer Moment werden. Am 8. März könnte Die Linke tatsächlich erstmals in den baden-württembergischen Landtag einziehen. Sieben Prozent in den Umfragen. Das wäre eine Revolution im Kehrwochen-Format.

Und weil Revolution bekanntlich international ist, kommt der Parteivorsitzende Jan van Aken jetzt polyglott um die Ecke, zwischen parkenden Autos, mit fixierendem Blick, und parliert in verschiedenen Sprachen drauflos, dass einem schwindlig wird.

Da steht van Aken plötzlich im Straßenzug von Stuttgart-Ost, biegt um die Ecke – und spricht Türkisch. Dann Italienisch („Italienisch kommt als Türöffner bestens an“, so der Linken-Stratege). Bald wohl auch auf Arabisch. Darauf ein ‚Vallah‘ und ‚Schüschhh‘. Neues Wählerpotential soll auf der Zielgeraden akquiriert, ja, festgemacht werden. „Teure Wohnungen, verlorene Arbeitsplätze, Mieten nur für die ganz Reichen – deshalb am 8. März Die Linke wählen.“ Von der Aussprache her, würde ich ihm eine Note Drei bis Vier geben. Zu Deutsch eingefärbt, wie ein Rentner am Gardasee, der nach den „Knotschis“ (Gnocchi) noch einen „Expresso“ bestellt.

Das klingt weniger nach politischer Debatte als nach synchronisiertem Wahlwerbespot. Netflix-Politik: Wählen Sie Ihre Sprache. Ablesen tut van Aken wohl vom Schild eines Praktikanten. Ein bisschen habe er gar mit einem Sprechcoach einstudiert. Keine billige Angelegenheit, aber, eine weitere Jobbeschaffungsmaßnahme.

Jan van Aken sagte der Bild-Zeitung: „Wir haben bei vielen Gesprächen – unter anderem an den Haustüren – festgestellt, dass viele von den Menschen mit Migrationsgeschichte sich selbst nach Jahrzehnten von der Politik nicht gesehen fühlen. Ein ‚Hallo‘ auf Türkisch oder ein ‚Lassen Sie uns in Kontakt bleiben‘ auf Italienisch ist ein krasser Türöffner in die Herzen vieler Menschen, die eigentlich mit Politik nichts mehr zu tun haben wollen oder auch keine großen Erwartungen mehr haben.“ Zudem habe es mit Respekt zu tun, potenzielle Wähler in ihrer Muttersprache anzusprechen.

Simulation von Opposition
Linke wollen an das Geld der anderen und Grüne kämpfen gegen sich selbst
Man kann das begrüßen. Wer Sprachen lernt, zeigt in der Tat Respekt. Wer Menschen in ihrer Muttersprache anspricht, signalisiert Nähe. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wie könnte man auch böswillig Anderes interpretieren? Doch Wahlkampf ist eben kein Integrationskurs rückwärts. Wenn jemand seit zehn oder fünfzehn Jahren hier lebt, ist es dann wirklich progressiv, ihm subtil mitzuteilen: Deutsch kann warten – Hauptsache, das Kreuz sitzt richtig? Wobei, böse Zungen behaupten tatsächlich, die (leider) vielen Analphabeten seien das Kreuzchenmachen schon gewöhnt.

Das ist keine kulturpessimistische Spitze. Das ist eine nüchterne und natürliche Frage, die sich auch viele Gastarbeiterkinder und Erwachsene der zweiten, dritten und vierten Generation fragen. Deutschlernen war eine Selbstverständlichkeit.

Van Aken ist kein Dummkopf. Im Gegenteil. Biologe, früher Waffeninspektor, heute rhetorischer Scharfschütze im Bundestag – gern im Duett mit Heidi Reichinnek. Genau diejenige, die sich bei kritischen Fragen schon mal ihre Migränepause nimmt. Von Aken beherrscht das Pathos. Er verglich das Linken-Programm einmal mit der Bibel, und Jesus wäre heutzutage ein Linker. Darunter geht’s nimmer. Viel Moral, viele Auslegungen, ein bisschen Heilsversprechen. „Da sitzen Tausende im Dunkeln und frieren“, sagt er. Linke Politik stehe an der Seite der Menschen. So, so.

Das klingt gut. Moralisch einwandfrei. Politisch anschlussfähig. Zitate zu van Aken gibt es viele.
Aber Moral ersetzt keine Ökonomie. Und Empörung ersetzt kein Konzept.

Seit Wochen tourt die Parteispitze durchs Ländle. Am Politischen Aschermittwoch wurde van Aken nach Stuttgart geschickt, Gregor Gysi polterte in Pforzheim, bei den linken Ewiggestrigen, die Maduro auch für einen sozialistischen Heilsbringer halten. Alte Schule trifft neue Lautstärke.

Sieben Prozent – deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde. Es riecht nach historischem Einzug. Doch wer Geschichte schreiben will, sollte mehr liefern als Untertitel. Im Grunde genommen heißt das Motto: Wählt uns bitte, auch wenn ihr einen Sch… von Politik versteht. Aber für die Straßenschlachten, gegen Rechts und Pro Gaza, brauchen wir Euch gegebenenfalls auch.

Fehlt eigentlich nur noch, dass van Aken nach der italienischen Version ein „Alerta, alerta antifascista!“ anhängt – vielleicht demnächst auch auf Türkisch. Oder, ganz praktisch gedacht: Falls die Wählerin plötzlich doch den deutschen medizinischen Notdienst braucht, könnte man den Satz gleich mitliefern: „Ich glaube, ich habe eine Migräne-Attacke.“ Integration als Servicepaket.

Der eigentliche Treppenwitz ist: Niemand verlangt Assimilation. Aber Teilhabe bedeutet mehr als Wahlzettel. Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Ansprache – sie ist auch ein Schlüssel zur Verantwortung. Wer dauerhaft in Parallelansprache verharrt, zementiert Parallelwelten. Frei von jedem schlechten Gewissen. Das Gastland passt sich doch uns an! Einfach klasse.

Vielleicht wäre der mutigste Satz im Wahlkampf nicht auf Türkisch, nicht auf Italienisch, nicht auf Arabisch. Sondern auf Deutsch – und klar formuliert: Wir sprechen euch an. Und wir erwarten, dass ihr mitsprecht, sofern ihr uns versteht. Und das Beste, die Aussprache muss gar nicht perfekt sitzen.

Aber alles andere, mit Verlaub, ist kein Aufbruch. Es ist bloß gut organisierte Bequemlichkeit – sogar mit Untertiteln …

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen