Lernen aus der Corona-Krise

Die Corona-Krise ist schlimm, die Reaktionen weltweit eine Mischung von Adäquatem und Übertriebenem. Das müssen Freunde der Freiheit kritisch und unaufgeregt erforschen, rückblickend richtige Fragen stellen, befriedigende Antworten finden, beste Schlüsse ziehen und mit der notwendigen Mischung von Selbstbewusstsein und Demut kommunizieren. Von Robert Nef.

© Sharosh Rajasekher

Als Liberaler habe ich in vielen Beiträgen die Maxime vertreten, die Politik solle nach einer antiken ärztlichen Maxime «in erster Linie nicht schaden», auf Latein «primum nil nocere». Bei genauerer Betrachtung ist diese generelle Anweisung doch zu simpel. Wer entscheidet, muss in vielen Fällen auch etwas riskieren und: «Wer allzu viel bedenkt wird wenig leisten» (Schiller). Man kann ein komplexes Verhalten nie durch eine einzige Maxime «steuern», und mein Hinweis auf das Primat der Schadensvermeidung bzw. Schadensminderung ist wohl deshalb zu eindimensional.

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Es gibt nämlich in der antiken Medizin noch einen anderen, entgegengesetzten Grundsatz: «Quod medicamenta non sanant, ferrum sanat, et quod ferrum non sanat, ignis sanat» (Was Medikamente nicht heilen, heilt das Messer, und was das Messer nicht heilt, heilt das Feuer). Bei den Corona-Maßnahmen hat die Politik weltweit tatsächlich einen wahren generellen und ungezielten Feuersturm entfacht. Dabei ist viel Krankmachendes gestoppt, aber auch viel Gesundes mitverbrannt worden. Zudem, auch das sei hier eingestanden, bzw. ergänzt: Medizinische Vergleiche sind manchmal hilfreich, aber wer meint, der Staat bzw. die Wirtschaft seien wie natürliche Organismen, übersieht, dass drin auch viel «Kultur» steckt, die man nicht durch Wiederherstellung eines Urzustandes «verbessern» kann.

Das ist der Irrtum der sturen Konservativen und jener Naturrechtler, die den Begriff Natur allzu biologisch deuten. In der «Natur des Menschen» steckt eben recht viel kulturelle Überlieferung. Der Mensch ist nicht, was er «isst», sondern das Resultat einer jahrtausendealten Überlieferungskette, deren Fortsetzung wir nicht kennen.

Alarmstufe Rot
Wie zur Wiedererringung der Freiheit nach Corona?
Ich sehe den Politiker und den Unternehmer weder als Handwerker und Ingenieur, der etwas herstellt und betreibt, noch als Arzt, der etwas heilt, sondern eher als Gärtner (Voltaire: «Il faut cultiver notre jardin»). Und beim Kultivieren muss man auch Experimentieren und Risiken eingehen und vor allem: beobachten, lernen und noch einmal lernen. Der Wettbewerb ist seinem Wesen nach kein «Kampf ums Überleben», sondern ein Lern- und Adaptationsprozess an die Umwelt (die eben längst keine «Natur» mehr ist), an die Mitwelt und an die Nachwelt.

Die Corona-Krise ist schlimm, die Reaktionen weltweit wahrscheinlich eine Mischung von Adäquatem und Übertriebenem, und das müssen wir jetzt als Freunde der Freiheit kritisch und unaufgeregt erforschen, rückblickend die richtigen Fragen stellen, die befriedigenden Antworten finden, die besten Schlüsse ziehen und dann mit der notwendigen Mischung von Selbstbewusstsein und Demut kommunizieren. Dies soll ohne Anklagen und Aggressionen auf jene erfolgen, die Vieles falsch gemacht haben, aber eben ohne das Wissen, über das man stets erst hinterher verfügt. Hätten wir, die jetzt nachträglich viele Punkte kritisieren, denn alles «richtig gemacht»? Es geht jetzt, frei nach Jacob Burckhardt, nicht darum, aus der Geschichte «klug für das nächstemal, sondern ein bisschen weiser für immer» zu werden.


Robert Nef ist konsequent liberales Schweizer Urgestein.

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Kommentare ( 15 )

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Gisela Fimiani
4 Jahre her

Ich bin sehr fürs experimentieren, zumal wir alle (sog. Experten inklusive) nicht „wissen“. Zum Experiment gehört aber die kritische Einstellung. Wenn sich etwas als falsch oder fehlerhaft herausstellt, muß das Experiment abgebrochen werden. Nur so können wir lernen. Kritik und Selbstkritik machen lernfähig. Unsere politischen Eliten mögen weder Kritik, noch sind sie mit Selbstkritik begabt. Diese „Wissenden“ sind keine Lernenden mehr. Nicht die Fehler sind ihnen vorzuwerfen. Diese nicht einzugestehen macht sie aber gefährlich. Wenn Eitelkeit jede Demut verhindert, wird der Schaden unermeßlich. Das gilt nicht nur für die Corona-, sondern für jede Krise.

Talleyrand
4 Jahre her

Die Strategie, oder besser die Taktik der Verantwortlichen ist durchsichtig: Wir verlängern die Maßnahmen so lange, bis wir vordergründig plausibel behaupten können, das Verschwinden des Virus sei ausschließlich Folge unserer erlesenen Regierungs- und Mediendenkleistung mit konsequenter Durchsetzung durch das weltberühmte Merkelsche Korona Gambit mit multiplen Bauernopfern. Dass sich das Virus sich über dasselbe zu Tode gelacht hat, geht im allgemeinen Jubel unter, die heilige Angela hat gesiegt. Es ist nicht mehr da, auch nicht als zweite Welle. Nächstes Jahr werden wir dann fleißig impfen. Nur wird da dummerweise schon ein mutiertes Virus erscheinen, gegen das Impfen nicht hilft. Viren sind… Mehr

Birgit
4 Jahre her

Erst RÜCKBLICKEND die richtigen Fragen stellen? Ich verstehe nicht, dass alle noch so ruhig diese alles vernichtenden ‚Maßnahmen‘ zulassen. Corona ist und war nie die Pest! Das ist doch schon seit Wochen klar und China ging bereits ‚back to normal‘, als der Rest der Welt – trotzdem – anfing, alle Schotten dicht zu machen. Und das, obwohl zig intern. Fachleute davon abraten, weil letztlich nur eine ‚gesunde‘ Durchseuchung zu wirklichem Schutz durch natürliche (!), körpereigene Immunität führt. U. a. das offene Schweden hat das mit annähernd denselben auf- und abfallenden Zahlen bewiesen und wird – meine Vermutung – wegen der… Mehr

KoelnerJeck
4 Jahre her

Man könnte sich auch mal wieder mit Hayek und seinem Thema Verteilung von Wissen in der Gesellschaft befassen. Wissen ist subjektiv und dezentral. Zentrale Lenkung funktioniert nicht, weil der zentrale Planer unmöglich auf die dezentralen Informationen zugreifen kann, denn diese dezentralen Informationen liegen in nicht artikulierbarer Form vor. Das Thema von Hayek lautet „Anmaßung von Wissen“
Vgl. : https://www.misesde.org/2020/04/zur-zukunft-der-freiheit-in-zeiten-der-krise/

azaziel
4 Jahre her

Evolution laesst Schlechtes untergehen und Gutes vervielfacht sich. Das ist kein Kampf von jedem gegen jeden. Wir lernen aus unseren eigenen Fehlern und unserer Mitmenschen und machen es besser. Aber wir muessen Versuch und Irrtum zulassen und wir muessen bereit sein zu lernen!

Manche lernen NIE! ….. Flickenteppich verhindern, Standardisieren, Vorschreiben, Harmonisieren, Normieren, Vereinheitlichen ….

Talleyrand
4 Jahre her

Die Corona Krise ist medizinisch gesehen nicht „schlimm“ oder abgeschwächt „nicht schlimmer“ als eine heftige Grippewelle. Schlimm ist der Lerneffekt der Polit- und Medienriege. Gelernt hat diese Minderheit nun, wie man auf einfache Weise die überwiegende Mehrheit der Ahnungslosen erfolgreich an der Nase herumführen kann auch ohne gleich eine Diktatur einrichten zu müssen. Bin gespannt, wann und zu welchem Zweck der nächste pseudowissenschaftliche Popanz vorgeführt wird. Ich nenne das Popanz, weil in dieser Corona „Krise“ den Leuten Zahlen und Zahlenvergleiche eingetrichtert werden, die ihnen in einer einfachen Mathematikprüfung ein gnadenloses „durchgefallen“ einbrächte. Kein Mensch auf dieser Erde weiß, wieviel symptomfreie… Mehr

azaziel
4 Jahre her
Antworten an  Talleyrand

Aktueller Stand nach https://www.worldometers.info/coronavirus/#countries

Deutschland Faelle insgesamt 134.753, Faelle pro 1 Mio Einwohner 1.608
Schweden Faelle insgesamt 11.927, Faelle pro 1 Mio Einwohner 1.181

Es ist noch zu frueh fuer Lob, aber Tadel ist voellig daneben!

Die Schweden werden auch nicht fuer ihren Erfolg getadelt sondern, dass sie sich erdreisten e sanders zu machen, freiheitlicher!
Chapeau Talleyrand!

Talleyrand
4 Jahre her
Antworten an  azaziel
Katharsis
4 Jahre her

Wir haben keine Corona- Krise, sondern vielmehr eine breit ausgelegt Regierungskrise in allen Bereichen. Die Versäumnisse gehen nahezu nahtlos ineinander über – Verantwortung will hingegen, wie üblich, niemand übernehmen. Es wird sich ins Koma diskutiert und debattiert – wenn keiner mehr weiter weiß, bilden wir halt einen Arbeitskreis -, halbseidene Entscheidung unter Beratung von noch halbseideneren eratern und Akteuren getroffen, die den deutschen Polit- Dilettanten weitgehend nach dem Mund reden, und Entscheidungen und Empfehlungen, die gestern noch aktuell waren, werden heute schon wieder als falsch und teilweise angeblich schädlich widerrufen und verworfen. Mein persönliches Fazit: Kein Mensch weiß, was er… Mehr

Marc Hofmann
4 Jahre her

Das ist KEINE Corona Krise sonderen ein Versagen unserer Demokratie…ein Versagen der Regierung und derer die diese Regierung seit 15 Jahren immer wieder gewählt haben…und heute immer noch der Meinung sind, dass die Merkel Regierung alles im Griff hat…so wird aus Demokratie eine Diktatur…Blind und Gehorsam dem politischen Führer folgend….wir Deutschen haben und wollten schon nichts aus dem National Sozialismus, dem DDR Sozialismus und jetzt unter Merkel auch nicht aus dem Grünen Sozialismus etwas lernen…weil die Deutsche Mentalität es nicht zulässt…Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten…was interssiert mich mein Geschwätz von gestern…damit sind die Politiker schon immer beim Deutschen Bürger und Wähler… Mehr

karel
4 Jahre her

Corona und Merkel….. Stand heute:

CNN empfiehlt Trump die Kanzlerin als Vorbild.
Das Merkel-Deutschland hat nach Israel weltweit die 2.beste Corona-Bilanz.

Hoffen wir, daß Deutschland auch ökonomisch in der Spur bleibt.
Meine Zweifel tragen den Namen Scholz. Der Erfahrung der letzten 70 Jahre.

M.Friedland
4 Jahre her
Antworten an  karel

Was ist an Deutschlands „Bilanz“ die zweitbeste der Welt? Was wird da bilanziert?

Anton
4 Jahre her

Ich stimme zu, dass die Corona-Krise schlimm ist. Allerdings ist Corona primär eine politische und keine medizinsche Krise. Ich stimme ebenfalls zu, dass die Reaktionen weltweit wahrscheinlich eine Mischung von Adäquatem und Übertriebenem sind. Dies liegt aber auch daran, dass nicht alle Länder in gleichem Ausmaß von dem Virus betroffen sind. Ich stimme auch zu, dass wir auf Aggressionen gegen jene verzichten sollten, die Vieles falsch gemacht haben. Ich stimme aber nicht zu, dass wir auf Anklagen von jenen verzichten sollten, die Vieles falsch gemacht haben. Die deutsche Bundesregierung (und leider auch einige Autoren und Leser hier bei Tichys Einblick)… Mehr