Einmal Baerbock – Habeck und zurück

Landen die Grünen bei der Bundestagswahl auf Platz drei, verdankten sie es ihrem Spin Doctor Kellner noch mehr als Baerbock und Habeck, was alle Drei auf andere Plätze verwiese als ihre heutigen.

IMAGO / Metodi Popow
Robert Habeck und Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen

Zwei Wochen lang schwieg Robert Habeck zur Serie der Berichte über Annalena Baerbock. Dann sprach die Süddeutsche mit ihm. Was sie unter dem Titel: Das war kein Glanzstück festhielt, ist im Moment die einzige Quelle, aus der nun andere Medien wie BILD vorneweg die Worte des Co-Vorsitzenden zitieren und interpretieren.

Für BILD ist es ein Klartext-Interview
 über Baerbocks Fehler. Die ZEIT titelt: Habeck schließt Kandidatenwechsel aus. Das ist auch der Tenor bei den anderen. Und mehr interessiert sie alle nicht als die Frage, wer ist Kandidat.

Ich zitiere aus der SüZ, wie Habeck der Idee widersprach, „noch einmal neu in den Wahlkampf zu starten“:

»“Wir brauchen keinen Neustart. Wir müssen zu den Dingen zurückkehren, die uns in die Situation gebracht haben, überhaupt erst eine Kanzlerkandidatin zu benennen.“ Dazu gehöre neben einer klaren Definiton der eigenen Ziele eine werbende Sprache und eine einladende Kommunikation, die nicht besserwisserisch daherkomme. „Wir sagen ja nicht, dass wir jede Antwort gefunden haben. Aber wir haben Antworten“, sagte Habeck.«

Oh, Oh, da würde Habeck seinem Verein eine Aufgabe zumuten, der dieser nur unter Aufgabe des kollektiven und singulären Seelenlebens der heutigen Grünen nachkommen könnte, was selbstverständlich nicht geschehen wird.

„Wir müssen zu den Dingen zurückkehren, die uns in die Situation gebracht haben, überhaupt erst eine Kanzlerkandidatin zu benennen.“

„… zu den Dingen zurückkehren …“ – Welche „Dinge“?

„… die uns in die Situation gebracht haben …“ – „Dinge“ handeln nicht, bringen niemanden in Situationen.

„… überhaupt erst eine Kanzlerkandidatin zu benennen.“ – Oha.

„… überhaupt erst“ – Da rutschte Robert Habeck raus, was er immer empfinden dürfte, aber garantiert nie aussprechen wollte.

„… überhaupt erst“ – Also ursprünglich gar nicht und dann erst später.

Diese Obergrünen haben eine derartige Angst, etwas zu sagen, was „falsch“ ankommen könnte – bei den Medien, dass sie nicht halbwegs geradeaus reden können. Verklemmt.

Nein, ich will nicht darauf hinaus, dass die Grünen ursprünglich nicht Baerbock, sondern Habeck zum Kanzlerkandidaten ausrufen wollten, sondern dass drinnen im Führungszirkel der Grünen Habeck zu denen gehört, die die Kunstfigur des Kanzlerkandidaten gar nicht inszenieren wollten.

Wer das unbedingt wollte und sich gegen Habeck durchsetzte, soll der ehrgeizige Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter Michael Kellner sein, der Spin Doctor der Grünen. Seine Erwartungen an den PR-Effekt der Kunstfigur Kanzlerkandidat haben die meisten Medien übererfüllt. Wer weiß, wie weit das getragen hätte, wäre da nicht die Serie der Unrichtigkeiten und Unaufrichtigkeiten der Person Baerbock dazwischen gekommen – mit der bisherigen Krönung ihres zusammengeflickten Buches. Neben Baerbock selbst hat das auch den Spin Doctor beschädigt, denn er hat offensichtlich verabsäumt, die Kanzlerkandidatin mit Personendaten ohne Blößen ins Rennen zu schicken – hat also das Einmaleins des öffentlichen Auftritts vernachlässigt.

Kommunikationsprofi Hasso Mansfeld erklärte das Kommunikationsdesaster der Grünen in einem Interview.

Mansfeld: „Ich denke, das Buch ist – oder besser war – ein ganz zentraler Baustein der Wahlkampfstrategie von Baerbock. Mit diesem Buch, der ganz persönlichen Agenda von Annalena Baerbock, so das Kalkül, bestimme sie, über das grüne Parteiprogramm hinaus, den Bundestagswahlkampf. Mit dem Umgang mit ihrer Plagiatsaffäre ist die Strategie komplett gescheitert. Hinzu kommt, dass die Grünen in ihrer Medienarbeit über eine lange Zeit keine Frustrationstoleranz haben entwickeln können. Es wurde ihnen immer leicht gemacht. Jetzt bei dem heftigem Gegenwind reagieren sie wie das antiautoritär erzogene Kind, das die erste Erfahrung mit der Lebensrealität macht.“

Mit „keine Frustrationstoleranz“ und „reagieren sie wie das antiautoritär erzogene Kind“ benennt Mansfeld, was ich zu Beginn die unlösbare Aufgabenstellung von Habeck nannte: die Aufgabe des kollektiven und singulären Seelenlebens der heutigen Grünen. Baerbock ist ein Muster dieser verwöhnten Generation, denen jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wurde mit dem Ergebnis, dass sie selbst mit keinem halbwegs größeren Problem umgehen, geschweige denn fertig werden können. Die Zahl der inzwischen äußerlich erwachsenen Kinder, die ich selbst so aufwachsen sah, ist groß. Die meisten Eltern oder Väter und Mütter allein, die ihre Kinder so verwöhnt und verzärtelt haben, wussten nicht, was sie anrichteten.

In seinem Interview sagt Mansfeld auch: „Die Grünen sind hervorragende Wahlkämpfer, ihre große Stärke ist die überaus motivierte Basis. Die sehen doch auch, was los ist. Das Schlimmste, was passieren kann, wäre, wenn die jetzt die Lust verlieren, Wahlkampf vor Ort zu machen, weil sie immer nur auf die fehlende Erklärung ihrer Kanzlerkandidatin angesprochen werden.“

Wir werden sehen, wie sehr oder wenig diese Gefahr für die Grünen wirksam wird. Mittlerweile meldet der neueste Demoskopiepegel Gleichstand für Grüne und SPD mit je 17 Prozent. Landeten die Grünen bei der Bundestagswahl auf Platz drei, verdankten sie es ihrem Spin Doctor Kellner noch mehr als Baerbock und Habeck, was alle Drei auf andere Plätze verwiese als ihre heutigen.

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Kommentare ( 118 )

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118 Comments
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19 Tage her

Bin schon sehr froh, dass die Grünen eine nun entlarvte, ziemlich dumme, üble, steuerhinterziehende Hochstaplerin gekürt haben, was viel über die Partei aussagt. Diese Maßstäbe sollten aber auch endlich auf die Gesamtpolitik der Grünen misstrauisch angewendet werden. Die gesamte Klimaangst ist lückenlos auf Konjunktiven aufgebaut, mit „könnte“ „vielleicht“ “wahrscheinlich usw. Alle grünen weltweiten „wissenschaftlichen“ Klimaexperten haben Baerbock – Niveau. Noch nie hat ein einigermaßen seriöser Wissenschaftler (schon gar nicht Merkels Wahrheitministerium: das PKI in Potdam!) mit herkömmlicher Wissenschaftlichkeit auch nur annähernd bewiesen, dass eine CO-2-Steigergerung von 0,037 auf 0.039 Prozent (Steigerung der letzten 50 Jahre) auch nur für die geringste… Mehr

Peter Ge.
24 Tage her

A. Bärbock „kommt“ vom Völkerrrecht und…geht hoffentlich bald in die Wüste, zur Läuterung.
Und die Marx Brothers kommen aus der Oper.
Und Robert Habeck schaltet sich den Strom ab und bleibt bei seinen Hünern und Schweinen. Daaas, nenne ich Grün! Macht weiter so!

Hannibal Murkle
24 Tage her

„… „Wir sagen ja nicht, dass wir jede Antwort gefunden haben. Aber wir haben Antworten“, sagte Habeck.« …“

Auch Antworten auf Fragen nach Verwicklungen der Grünen mit der Klimaindustrie, für die so massiv geframt wird?

https://www.tichyseinblick.de/meinungen/gretas-milliardaere-millionen-fuer-den-klimaaufstand/

Iso
24 Tage her

Die Antworten der Günen, auf die Fragen der Zeit sind doch nur dumm. Eine davon heißt, noch mehr Sozialismus.

Felicitas21
24 Tage her

Der grösste Schock für die Grünen dürfte noch nicht einmal Baerbocks Versagen sein, sondern dass auf einmal diverse Medien sie samt Spitzenkandidatin kritisieren. Dies sind die bisher so gehätschelten und hoch gelobten Grünen einfach nicht gewöhnt. Deshalb agiert die Parteispitze eher hilflos herum. Während die überzeugten Anhänger in den sozialen Medien sich zusammenrotten und verbales Feuer eröffnen gegen alles und jeden, der ihre Gesinnung nicht teilt.

jorgos48
24 Tage her
Antworten an  Felicitas21

Die richtige Haltung und Gesinnung ist bei diesen Brüder:innen wichtig. “ Ich komm von der Partei, die Gesinnung prüfen!” So ein Spruch vom Vater aus “ Großdeutschen” Zeiten. Passt wieder! Braun-Rot-Grün, das ist deutsche Kontinuität.

Nix fuer ungut
24 Tage her

Sie wird es nicht werden und das rote Lager schafft es auch nicht zur Mehrheit.

J. Werner
24 Tage her

Zum Glück ist Herr Kellner Koch und nicht Kellner, und so kocht er uns heute einen „Baerbock“ solange bis er durch ist… Gott bewahre uns vor Spindoktoren im allgemeinen. Aber Herrn Kellner nehme ich davon aus, den kann man dafür nur liebhaben. Bleiben Sie dran! Es lohnt sich, auch noch ein wenig mehr Holz aufs Feuer zu legen…Ein schönes Vorbild ist auch Herr Krischer, nomen est omen.! Bitte mehr Fanatismus, mehr Verbots – und Gebotsandrohungen, persönliche Beleidigungen und Beleidigtsein, wenn man ertappt wird bei Mogeleien. Bitte unbedingt durchhalten! Die Richtung stimmt, die Partei hat immer recht… Nur, das Volk ist… Mehr

Hesta
24 Tage her

Der heutige Presseclub war zum Haare raufen. So viel ungerechtfertigte Parteinahme für Baerbock, man muß es gesehen haben. Ihre gesamten Unzulänglichkeiten wurden entschuldigt und der Zuschaer regelrecht zum Narren gehalten. Herrn Maaßens Behauptungen haben sich wieder einmal bewahrheitet. Es ist nur noch zum Heulen.

Monika Medel
24 Tage her
Antworten an  Hesta

Der absolute Brüller war diese Spiegel-Frau die Baerbock wiederholt als „die Denkerin“ bezeichnete. Tja, nur eben mit viel Pech beim Denken.

Andreas aus E.
24 Tage her
Antworten an  Monika Medel

Ich konnte die Sendung leider nicht wahrnehmen, aber ich nehme an, daß mit „Denkerin“ jene Millisekunden gemeint sind, während der Frau Dr. Baerbock mal nicht plappert.

Hesta
24 Tage her
Antworten an  Monika Medel

Da sieht man, wie weit der Spiegel sich vom sog. Qualitätsmedium entfernt hat. Schmierblatt.

jorgos48
24 Tage her
Antworten an  Monika Medel

Ist es schnöde Absicht vom “ SPIEGEL”? Oder finden dort immer mehr Doofweiber eine Anstellung? Die F-Quote muss doch erfüllt werden.

Felicitas21
24 Tage her
Antworten an  Hesta

Das Staatsfernsehen halt mitsamt ihren links- grünen Pressevertretern. Gut, dass ich mir das heute erspart habe.

Hesta
24 Tage her
Antworten an  Felicitas21

Ich sage nur Haare sträubend. Für wie dumm werden wir gehalten?

Felicitas21
24 Tage her

Nun haben wir uns alle wieder lieb und vergessen diesen ganzen “ Kokolores“. Lasst uns gemeinsam das Weltklima retten, die Wirtschaft reformieren, unsere Renten sichern, den armen Flüchtlingen helfen, die Muslime als unsere Brüder umarmen und ganz wichtig: Zusammenstehen im Kampf gegen Rechts. Für ein gemeinsames
neues Europa unter Führung der EU.😇🤗

Monika Medel
25 Tage her

Ja, die Unantastbaren jammern. Dabei geht es ihnen noch viel zu gut.