Das Frauenbild der AfD – nein, danke

Ein Beitrag über die politische Heimatlosigkeit hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Anabel Schunke möchte weder vom Islam und seinen Anhängern ganz direkt und unmittelbar in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, noch implizit von der AfD. Eine Fortsetzung der Debatte.

© Thomas Lohnes/Getty Images

Kaum ein Beitrag auf auf TE so viele Leserbriefe provoziert, übrigens sowohl zustimmende wie ablehnende, wie „Parteien, ihr habt mich heimatlos gemacht.“    Insbesondere um die AfD ging es dabei, deren Programm eher am Rande vorkam. Aber es zeigt, welche Hoffnungen auf diese Partei gerichtet sind. Deshalb soll die Debatte fortgesetzt werden.

Parteiprogramme: Wieviel sind sie wert?

Nun ist es  bei einer jungen Partei natürlich immer so eine Sache mit dem Parteiprogramm. Davon abgesehen, dass sich die AfD bis jetzt nur ein Grundsatzprogramm gegeben hat, um die grobe Fahrtrichtung zu bestimmen, braucht es für ein solches Programm in der Regel mehrere Jahre, bis daraus etwas Handfestes wird; und ob sie die Partei daran hält, ist dann mehr als fraglich. Vieles, was das Grundsatzprogramm der AfD formuliert, ist also zunächst Sache der Interpretation. Dennoch muss man sagen, dass auch die Parteiprogramme anderer großer Parteien nicht viel konkreter werden, dass auch sie geprägt sind von den üblichen Phrasen, die zum jeweiligen politischen Lager passen und eigentlich nicht viel aussagen. Bei allen Programmen geht es also in erster Linie darum, zwischen den Zeilen zu lesen. Worthülsen zu entlarven und die Bedeutung bestimmter Phrasen richtig einzuordnen.

Immer wieder wurde mir in den letzten Monaten vorgeworfen, zu kritisch mit der AfD zu sein. Es ist schier verblüffend, wie schnell Menschen wieder bedingungsloses Vertrauen in eine Partei setzen, wenn sie sich doch zeitgleich von den anderen Parteien nur noch verschaukelt fühlen. Meiner Meinung nach sollte gerade das kritischer, vorsichtiger im Umgang mit Parteien machen. Wenn die SPD beispielsweise gleich zu Anfang ihres Regierungsprogramms von einem neuen sozialen Gleichgewicht in Deutschland spricht, dann würde auch kaum einer auf die Idee kommen, dass man wirklich gerechtere Politik für den kleinen Mann erwarten darf. Man ist zurecht skeptisch und auch wenn die AfD im Gegensatz zu den anderen Parteien noch nicht allzu viel Gelegenheit hatte, Vertrauen in der realen Politik zu verspielen, sollte man auch hier Vorsicht in Bezug auf einzelne Punkte und Formulierungen im Programm walten lassen. Mögen sie auch noch so allgemein gehalten sein.

Ich habe in diesem Zusammenhang von meinem Problem mit der Familienpolitik der AfD gesprochen. Erscheint die AfD im Umgang mit dem politischen Islam und der hiesigen Asylpolitik die einzig wirkliche Opposition zur Regierung zu sein, tue ich mich mit der Familienpolitik dieser Partei so schwer, dass dies einen der Hauptfaktoren darstellt, weshalb sie für mich – und im übrigen für viele andere Frauen – nicht wählbar ist. Dies ist jedoch mitnichten nur dem Umstand geschuldet, dass ich Frau bin, sondern vor allem der Tatsache, dass ich Liberale bin und dass sich in der Familienpolitik der AfD ein zutiefst antiliberaler Charakter verbirgt.

AfD-Programm Famile antiliberal

Spricht die AfD von Wertschätzung und Schutz der traditionellen Familie, hört sich das für die meisten zunächst gut und alles andere als verwerflich an. Back to basics quasi und weg von dieser komplizierten, verideologisierten Welt, in der Frau nicht Frau und Mann nicht Mann sein soll. Und prinzipiell ist auch nichts gegen die Stärkung der Familie zu sagen, wenn sie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für BEIDE Geschlechter umfasst. Im Programm heißt es, dass staatliche Institutionen zu sehr in das Erziehungsrecht der Eltern eingriffen. Als treibende Ideologie hinter dieser Beeinflussung hat man in konservativen Kreisen das sogenannte Gender Mainstreaming als Ursache jedweder geschlechterspezifischen „Verwerfung“ der letzten Jahrzehnte ausgemacht. So würde Gendermainstreaming die „Stigmatisierung der traditionellen Geschlechterrollen“ antreiben und dafür sorgen, dass Frauen in dieser Gesellschaft nur geschätzt würden, wenn sie am Erwerbsleben teilnehmen, nicht aber, wenn sie „nur“ Mutter und Hausfrau sind.

Diese angebliche „Diskriminierung der Vollzeit-Mutter“ ist der AfD sogar einen ganzen Extrapunkt wert, in dem sich zeigt, dass es in erster Linie eben nicht um eine gesellschaftliche Gleichstellung und Anerkennung des Lebensmodells der Mutter und Hausfrau geht, sondern um eine angestrebte Rückbesinnung der Frau hin zu diesem Lebensmodell, von dessen Ketten sie sich vor nicht allzu langer Zeit erst befreit hat.

Wenn die AfD schreibt, dass Eltern kleiner Kinder „der gesellschaftliche, finanzielle und arbeitsmarktliche Druck zur doppelten Berufstätigkeit“ zu nehmen sei, dann meint sie damit nicht mitnichten den Mann, sondern vor allem die Frau. Hinter der allgemeinen Formulierung verbirgt sich nach genauerem Hinsehen das Argument, das ich immer auch von vielen konservativ eingestellten Männern in der Diskussion zu hören bekomme: „Es muss finanziell möglich sein, dass die Frau nicht arbeiten MUSS.“ Dahinter verborgen, die grundsätzliche Ansicht, dass Frauen ja eigentlich nur arbeiten, wenn es die finanzielle Lage erfordert und ansonsten am liebsten nur Mutter und Hausfrau wären. Die Erkenntnis, dass viele, vor allem, aber nicht nur akademisch gebildete Frauen, es heute genauso wie Männer als elementaren Bestandteil ihrer Selbstverwirklichung ansehen, auch beruflichen Erfolg zu haben, dass sie gerne tun, was sie tun, ist in diesen Kreisen noch nicht angekommen oder ist eben auf die zunehmende Verwirrung der Geschlechter durch das böse Gendermainstreaming zurückzuführen.

Für Frau im Beruf ist Gender Mainstreaming irrelevant

Das Gendermainstreaming für den weiblichen Anspruch auf berufliche Selbstbestimmung verantwortlich zu machen, ist Unsinn. Bewegungen für die weibliche Selbstbestimmung, Anspruch auf eigene Selbstverwirklichung neben der Mutter und Hausfrauenrolle gab es viel früher als das verhasste Gendermainstreaming. Darüber hinaus zeigt sich, dass viele AfD-Wähler und sonstige Kritiker des „Gender-Wahnsinns“ selbst gar nicht in Berührung mit dem kommen, was angeblich an den Schulen und Unis so pausenlos propagiert wird. Das Gendermainstreaming dient in diesem Zusammenhang als ominöses Gespenst, was man selbst zwar noch nie wirklich gesehen hat, was aber eben Schuld an allem ist.

Die Wahrheit ist, dass man, sofern man nicht gerade Gender Studies studiert, mit dem ominösen Gender-Mainstreaming als junger Mensch kaum etwas zu tun hat. In meiner Schulzeit war das jedenfalls kein Thema. Weder auf meinem ersten noch zweiten Bildungsweg. Meine Eltern sind auch keine verschrobenen Linken, die mich nach den Vorgaben des Gendermainstreaming erzogen hätten, auch an der Uni werde ich zumindest in meinen Studienfächern weitgehend damit verschont. Da stellt sich dann schon die Frage, wie ich zu einer Frau werden konnte, der die berufliche Selbstverwirklichung so wichtig ist und die sich für sich nicht vorstellen kann, „nur“ Mutter und Hausfrau zu sein. Vielleicht ist die Antwort aber auch ganz einfach.

Vielleicht wollen junge Frauen, seitdem sie Männern auch rechtlich vollends gleichgestellt sind, nachdem es keine gesetzlichen Einschränkungen der freien Selbstbestimmung der Frau mehr gibt, schlicht eben auch oft das Gleiche wie Männer. Womöglich hätten sie es schon vorher gewollt, wenn sie nicht in ihren Rechten so lange beschnitten worden wären. Vielleicht ist die Auflösung tradierter Rollenbilder, die die AfD als Problem sieht, am Ende nur die Konsequenz aus der Befreiung der Frau und rechtlichen Gleichstellung und nicht die Konsequenz aus einem entfesselten Gendermainstreaming, von dem man im Alltag selbst als Studentin kaum etwas mitbekommt.

Ja, Frauen sollten Wahlfreiheit haben. Sie sollten alles sein dürfen, was sie wollen und es sollte respektiert werden. Dazu gehört auch das Modell der Mutter und Hausfrau. Wer das aber einseitig als Ideal propagiert und darin die Lösung aller Probleme sieht, baut einen immensen Druck auf Frauen auf und raubt ihnen so vor allem die freie Selbstbestimmung. Darüber hinaus wird verkannt, dass das Modell der Hausfrau und Mutter historisch gesehen ganz lange den Hauptgrund für die Unfreiheit der Frau darstellte. Dass die Ehe, die Beschränkung ihrer Aufgabe auf Haushalt und Kinder bis ins 20. Jahrhundert hinein ganz oft ein persönliches Gefängnis für die Frau darstellte und sie in ihren Möglichkeiten limitierte.

Der Käfig Hausfrau & Mutter ist keine Wahlfreiheit

Die „tatsächliche Wahlfreiheit“, die die AfD nach eigenen Angaben hier anspricht, offenbart sich vor allem als angestrebte Zurückdrängung der Frau in eben dieses Gefängnis. Familienfreundliche Politik heißt bei der AfD in erster Linie Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen, die angeblich durch das omnipräsente Gendermainstreaming zerstört worden sind, und damit die Rückbesinnung der Frau auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Nur wenn die Frau ihre Ansprüche auf berufliche Selbstverwirklichung wieder zurücknimmt, wenn sie wieder stärker an das klassische Rollenmodell herangeführt und das Hausfrau und Mutter-Dasein ihr wieder schmackhafter gemacht wird, so die Überzeugung der AfD, wird der demographische Wandel einzudämmen sein. Letztlich liegt es also in der Verantwortung der Frau „im Sinne der Gesellschaft“ zu agieren und nicht etwa in der Politik, für beide Geschlechter eine optimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen.

Was als Förderung der Wahlfreiheit für junge Familien und insbesondere Frauen daherkommt, offenbart sich als eklatanter Eingriff in die freie Selbstbestimmung der Frau. Der gesellschaftliche Erhalt wird an der Bereitschaft der Frau zur Einschränkung der eigenen individuellen Freiheit festgemacht. Dabei propagiert man einerseits die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit durchaus positiven Ansätzen wie etwa einem an international geforderten Standards ausgerichteten Betreuungsschlüssel für Krippen, möchte deutlich machen, dass Kinder die Zukunft und kein karrierehemmender Ballast sind, andererseits soll es für die „gesunde, psychische Entwicklung“ eines Kindes unerlässlich sein, eine verlässliche Bezugsperson zu haben, sprich eine Mutter, die nicht am Erwerbsleben teilnimmt.

Systematisch wertet man hier die berufstätige Mutter ab, die am Ende vielleicht sogar noch verantwortlich für psychische Schäden des Kindes, für mangelnde Bildung und Beziehungsfähigkeit ist. Wer einen solchen Druck aufbaut, muss sich am Ende nicht wundern, dass sich gerade junge Frauen diesem Druck entziehen und gegen Kinder entscheiden. So ist die Familienpolitik der AfD letztlich alles andere als familienfördernd. Angestrebt wird stattdessen ein Anachronismus, der nicht einfach wieder herzustellen ist. Junge Frauen werden sich nicht wieder zurückentwickeln. Akademikerinnen erst recht nicht. Die Entwicklung tendiert eher dazu, dass Frauen immer mehr Wert auf ihre berufliche Selbstverwirklichung und Gleichstellung legen. Ziel einer effektiven Familienpolitik müsste es daher sein, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere für Frauen durch eine an die Lebenswirklichkeit angepasste Politik herzustellen, statt den Ist-Zustand rückwärtsgewandt und mit bürgerlicher Nostalgie zu bejammern. Frauen, das zeigen nicht zuletzt die Umfrageergebnisse der AfD in der weiblichen Wählerschaft, werden sich nicht mehr in ihrer Freiheit einschränken lassen.

In diesem Zusammenhang sei jedoch bei aller negativer Kritik auch erwähnt, dass die AfD auch einige gute Lösungsvorschläge parat hält. Selbst wenn sie das traditionelle Bild der Mutter und Hausfrau stärken will, fordert sie zumindest vage formuliert eine generell bessere Betreuung, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gewährleistet wird.

AfD-Familienprogramm widersprüchlich

Doch auch sonst widerspricht sich die AfD immer wieder in Bezug auf die angestrebten Ziele in der Familienpolitik. Wird auf der einen Seite beklagt, dass sich staatliche Institutionen zu sehr in das elterliche Erziehungsrecht eingriffen, möchte sich die AfD selbst sehr stark in das Familienleben der Menschen einmischen. Scheidungen soll durch „finanzielle Hilfe“ und „Beratung in Krisensituationen“ entgegengewirkt werden. Liest man sich ältere AfD-Programme, z.B. das für Baden-Württemberg durch, wird ersichtlich, was dies bedeutet. So sollen Scheidungen damit ebenso wie Abtreibungen systematisch erschwert werden. Mit individueller Selbstbestimmung hat auch das wenig zu tun. Auch hier sieht man den gesamtgesellschaftlichen Plan, nachdem vor allem die Ehe zwischen Mann und Frau und die Rolle der Frau als Mutter staatlich zu fördern und nicht allein eine Privatangelegenheit der Menschen sei. Hier erteilt man allen anderen Lebensmodellen eine Absage und erklärt die Ehe, die traditionelle Familie zum einzigen Modell, in dem sich Kinder vernünftig entfalten können. Und zur Not müssen die Menschen eben ein wenig zu ihrem Glück gezwungen werden.

Der Absatz, der sich hinter der harmlos und freundlich formulierten Überschrift „Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene“ verbirgt, bildet den Kern der zutiefst antiliberalen Familienpolitik der AfD. Auf 700.000 Lebendgeburten kämen in Deutschland pro Jahr ca. 100.000 Abtreibungen. Dabei läge eine medizinische oder kriminologische Indikation nur bei 3-4% vor. In allen anderen Fällen, so heißt es, würde der Schwangeren eine Bescheinigung aus „sozialen Gründen“ ausgestellt. Dabei stelle ein Schwangerschaftsabbruch eine einschneidende Erfahrung dar, die mit „langanhaltenden Schuldgefühlen, psychosomatischen Beschwerden oder depressiven Reaktionen“ einhergehen könne.

Ohne bestreiten zu wollen, dass dies sicherlich der Fall sein kann, beleuchtet die AfD insbesondere dieses Thema sehr einseitig. Daneben verbirgt sich hinter dem Verweis auf die geringe Quote von medizinischer und kriminologischer Indikation die Ansicht, dass Abtreibung generell eigentlich nur bei Vergewaltigung oder Gefahr für Leib und Leben der Frau und des Kindes zu entschuldigen sei und es ansonsten keine hinreichenden Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch gäbe. Damit outet sich die AfD als Partei von Abtreibungsgegnern, die anscheinend ein ähnlich restriktives Abtreibungsgesetz wie in Polen anstrebt, wo es Frauen in der Tat nur nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für Leib und Leben erlaubt ist, einen Abbruch vornehmen zu lassen.

Dabei verkennt man, dass gerade ein solches restriktives Abtreibungsgesetz zur Stigmatisierung von Frauen führt und sie bisweilen einem noch stärkeren psychischen Druck aussetzt, als es durch eine durchgeführte Abtreibung der Fall sein kann. Darüber hinaus suggeriert der Absatz, dass es in Deutschland einfach wäre, eine Abtreibung durchzuführen und die Abtreibung generell „bagatellisiert“ würde. Ich habe mich gefragt, ob dies wirklich der Fall ist und überraschende Antworten gefunden. Ich möchte damit zeigen, dass das schlichtweg nicht stimmt und dass eine zusätzliche Erschwerung von Abtreibungen einen zutiefst illiberalen Eingriff in das Leben der Frau darstellt.

Deutschland besitzt im europäischen Vergleich das komplizierteste Gesetz zu Abtreibungen. Nach Paragraph 218 StGB ist Abtreibung in Deutschland bis heute verboten, bleibt jedoch unter Erfüllung gewisser Auflagen straffrei. Das Gesetz stammt aus Bismarcks Zeiten und wurde immer wieder modifiziert. Zu den erwähnten Auflagen gehört neben bestimmten einzuhaltenden Fristen vor allem die sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung, nach deren Absolvierung sich die Frau eine Bescheinigung ausstellen lassen muss. Ohne all das ist eine Abtreibung in Deutschland nicht straffrei möglich.

Allein das Abtreibung hierzulande offiziell immer noch als Straftatbestand gilt und theoretisch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belegt werden kann, offenbart, dass Abtreibungen in Deutschland alles andere als „bagatellisiert“ werden. Zugleich bedeutet dieser Umstand, dass man Frauen suggeriert, etwas Unrechtes zu tun und die Abtreibung damit zu einer noch stärkeren Gewissensfrage erklärt, als es ohnehin schon der Fall ist. Eine restriktivere Haltung zum Thema Abtreibung würde in diesem Zusammenhang das Gewissenstigma ähnlich wie in Polen, wo Frauen, die abtreiben, zu Menschen ohne Gewissen und Moral gestempelt werden, noch weiter verstärken. Die Moralisierung des Diskurses würde sukzessive zunehmen. Auch dies, und nicht wie von der AfD einseitig behauptet, die Abtreibung, kann erhebliche psychische Konsequenzen mit sich bringen.

Diese psychischen Konsequenzen durch den Druck und das auferlegte schlechte Gewissen sind darüber hinaus ebenfalls Thema, wenn es um ein Mehr an „Beratungsbürokratie“ geht. Bereits jetzt darf die Schwangerschaftskonfliktberatung in ihrer Ausrichtung nicht ergebnisoffen sein. Dies geht auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1993 zurück, dass den Embryo zum Rechtsubjekt erklärt und damit dafür gesorgt hat, dass Abtreibung de facto auf deutschem Boden nie Recht sein kann. Deshalb müssen die Beratungen rechtlich verpflichtend darauf ausgelegt sein, die Frauen davon zu überzeugen, nicht abzutreiben. Darüber hinaus verbergen sich hinter vielen Beratungsstellen kirchliche Träger, denen es umso mehr ein Anliegen ist, Frauen von der Schwangerschaft und dem Muttersein zu überzeugen. So geht es nicht nur um die Gefahr einer zunehmenden Moralisierung des Diskurses und einem damit einhergehenden noch stärkeren Gewissensstigma, sondern letztlich auch um die Trennung von Kirche und Staat, die hier nicht adäquat vollzogen wird. Die knallharten Pro-Life-Aktivisten tun dann noch ihr Übriges, um die Situation für die verzweifelte Frau zunehmend unerträglicher zu machen.

Denn das ist es. Eine Frau, die ungewollt schwanger wird, befindet sich ohnehin in einer für sie schwierigen, sie womöglich an den Rande der Verzweiflung bringende Situation. Denn es geht um nicht weniger als ihren gesamten Lebensplan, ihre Träume und Wünsche, die hier zur Disposition gestellt werden. Natürlich kann sich die Entscheidung für das Kind auch in solchen Fällen als am Ende richtig erweisen, es muss aber nicht so sein. Und das hat dann nicht nur Konsequenzen für die unfreiwillige Mutter, sondern auch für das ungewollte Kind, welches vielleicht sein Leben lang zu spüren bekommen wird, dass es nicht gewollt war. All dies sollte bedacht werden, wenn die Entscheidung für ein Kind vorschnell als einfache Angelegenheit abgetan wird, die selbstverständlich ist.

Recht auf individuelle Selbstbestimmung

Jeder Mensch ist anders, hat unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Auch Frauen gebühr dieses Recht auf individuelle Selbstbestimmung und es geht auch nicht dadurch verloren, dass wir gebären können und es einen demographischen Wandel gibt. Schwangerschaften können auch trotz Verhütung passieren. Es gibt keine 100%ige Sicherheit. Und so sollte die Frau – ungeachtet ihrer individuellen Gründe für einen Abbruch – diese Möglichkeit haben. Es ist schlicht ihre ganz persönliche Entscheidung, in die sich der Staat nicht noch weiter einzumischen hat. Das heißt nicht, dass man Abtreibungen bagatellisiert oder sie gar als legitime Verhütungsmethode betrachtet, wie aus manch einer Ecke unterstellt. Es denkt lediglich das liberale Gebot von der freien Selbstbestimmung zu Ende. Eine Bagatellisierung ist sowohl aufgrund der rechtlichen als auch aus ärztlicher Lage ohnehin nicht möglich.

Ratlos
Parteien - ihr habt mich politisch heimatlos gemacht
Zwangsläufig ergibt sich daraus die Frage, wie weit wir im zweifelhaften „Dienste der Gesellschaft“ angesichts des demographischen Wandels gehen wollen. Wieso sehen wir es immer noch als selbstverständlich an, dass Staat und Gesellschaft Zugriff auf das Leben einer Frau und ihren Körper haben? Gerade die rechtliche Fokussierung auf den Embryo ist es, die für eine Projizierung aller möglichen Aspekte sorgt. Die Frau wird vollkommen aus dem Bild genommen. Es wird keine Rücksicht auf ihre Lebensumstände, was SIE vom Leben will, genommen. Das ist es, was mich so stört und was in dieser Diskussion immer zu kurz kommt, obwohl es um Kernfragen des Liberalismus geht, den wir doch alle immer zu verteidigen behaupten. Denn wer die wirkliche wirtschaftliche Unabhängigkeit und vor allem rechtliche Gleichstellung der Frau haben will, muss akzeptieren, dass die Frau selbst über ihren Körper entscheidet. Und das umfasst eben in letzter Konsequenz auch den Aspekt des Schwangerschaftsabbruchs.

Deshalb ist es eben keine kleine zu vernachlässigende Sache für mich als Frau, wenn die AfD sich in dieser Art und Weise zu solchen Themen positioniert. Dabei hatte ich noch nie eine Abtreibung und habe auch in absehbarer Zeit nicht vor, die Abtreibung bei mir als Verhütungsmethode einzuführen. Es geht schlicht um grundsätzliche und ganz essentielle liberale Grundwerte, die ich nicht einfach mit Füßen treten kann.

Dass Abtreibung immer noch als Straftatbestand im StGB steht, zeigt die gesellschaftliche Missbilligung. Damit sorgt die gesetzliche Regelung nicht zuletzt dafür, dass das Thema kaum öffentlich diskutiert und sogar tabuisiert wird. Dies führt dazu, dass Informationen und Hilfe im Internet nur sehr schwer zu bekommen sind. Oft stößt die Frau zunächst auf die Seiten der Pro-Life-Fraktion, die sie zusätzlich verstören. Auch in Deutschland führen immer weniger Ärzte Abtreibungen durch. Schlicht, weil es sich als nicht lukrativ erweist und man zudem nicht damit werben kann und eher noch kritisiert wird. Die Krankenkasse zahlt nur im Falle einer kriminologischen oder medizinischen Indikation. Daneben bedeuten Beratung und einzuhaltende Fristen einen erheblichen Aufwand und psychische Belastung für die ungewollt Schwangere. Führt man sich all dies vor Augen, kommt es einer Verhöhnung der Betroffenen gleich, wenn man sie als leichtfertig hinstellt und der Gesellschaft eine Bagatellisierung von Abtreibungen unterstellt.

Auch sollte bedacht werden, dass Frauen, die die Schwangerschaft ablehnen, die verzweifelt ob ihrer eigenen Lage sind, egal wie restriktiv die Gesetzgebung aussah, immer Mittel und Wege gefunden haben, abzutreiben. Nicht wenige von ihnen haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Dies gilt es zu bedenken, bevor man Frauen Gedankenlosigkeit und der Gesellschaft Verharmlosung unterstellt und sich deshalb für einen restriktiveren Umgang mit dem Thema ausspricht.

Ja, die AfD ist eine junge Partei, die sich noch entwickeln muss. Wesentliche Grundzüge des Kurses werden jedoch zunehmend klar und offenbaren das rückwärtsgewandte, illiberale Verständnis gegenüber Frau und Mann, dass ich insbesondere als junge selbstbewusste Frau beim besten Willen nicht unterstützen kann. Für Frauen wie mich geht es hier nicht um Kleinigkeiten, sondern um essentielle Fragen in der Gleichberechtigung von Frau und Mann, bei denen ich nicht bereit bin, Kompromisse einzugehen. Weder möchte ich vom Islam und seinen Anhängern ganz direkt und unmittelbar in meiner Freiheit eingeschränkt werden, noch implizit von der AfD. Nichts davon ist für mich verhandelbar.

Will die AfD auch bei jungen Wählern und insbesondere Frauen punkten, muss sie von diesen Inhalten abrücken. Bis dahin wird sie für mich auch und gerade wegen der Familienpolitik unwählbar bleiben und die politische Heimatlosigkeit setzt sich fort.

Vielen Dank für die zustimmenden, aber auch für die kritischen Zuschriften dazu und vor allem für den in der Sache harten, im Ton aber fairen Umgang.

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Kommentare ( 237 )

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