Contes Auftritt auf Schloss Meseberg glich einer Unterwerfung

Wer den Ton angibt in der Beziehung zwischen Kanzlerin Merkel und dem italienischen Premier Conte, wurde bei ihrem jüngsten Treffen einmal mehr sichtbar.

imago Images/photothek

Wie die beiden da zu Tisch saßen unterm aufgespannten Pavillon im Park von Schloss Meseberg in Brandenburg, konnten Erinnerungen wach werden an die Bilder des Thekengesprächs, als „Giuseppi“ Conte damals die Kanzlerin um Rat fragte, am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos (TE berichtete).

Dort startete der smarte wie aalglatte Conte seine Charme-Offensive, und die Kanzlerin fühlte sich durchaus geschmeichelt, so gefragt zu sein, und lehnte Contes Einladung zum „Caffé“ (Espresso) natürlich nicht ab. So standen sie ganz unkompliziert am Tresen einer Bar.

Beide, die Deutsche und der Italiener, führten ungezwungen, aber nicht ganz unbeobachtet einen politischen Smalltalk zur Lage vor den nächsten Wahlen in Italien, wo Conte einst noch mit der Lega und den Fünfsternen regierte, und zur Europa-Wahl generell.

Den Ton konnte man damals schwach vom Handy-Video entnehmen, aber auch Lippenleser hatten keine Mühe herauszudechiffrieren, wie devot, sich aber zugleich krampfhaft locker gebend, Giuseppe Conte die Kanzlerin um Rat fragte, was man denn tun könne, die „Rechtspopulisten“ um Matteo Salvini doch irgendwie klein zu halten.

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Der Rest ist bekannt. Salvinis Lega legte mit 34 Prozent einen Riesenerfolg hin, und bis heute richten Deutschland sowie weite Teile der EU ihre Politik eigentlich nur darauf aus, die Souveränisten um Salvini kleinzuhalten – in ganz Europa. Doch die wählenden Polen setzten jüngst ein ganz eigenes Zeichen.

Im Park von Schloss Meseberg unterhielten sich die phlegmatische Deutsche und der italienische Premier erst ein Stündchen nur für sich, ehe sie gemeinsam vor die Presse traten.

Die Bundeskanzlerin, ganz die EU-Anführerin, zu der sie viele erklären, lobte zwar gleich zu Beginn die Italiener in tutti für ihre eiserne Disziplin, die Massenquarantäne und den Lockdown (weit härter als in Deutschland) durchgezogen zu haben, aber nur, um danach gleich klarzustellen, dass die Bundesrepublik als Hauptgeldgeber in der EU auch die Kontrolle innehaben würde, damit die Coronahilfen auch richtig eingesetzt würden.

Und Giuseppe Conte, dem das Wasser, auch wenn er sich das nicht anmerken lassen möchte, in Italien bis zum Halse steht, knickte beim Besuch in Deutschland dann auch ein. In Italien warten immer noch Millionen von Bürgern auf einen italienischen „Wumms“, denn bis dato mussten die meisten mit Miniüberweisungen eher darben, etliche Betriebe stehen vor der Insolvenz, oder stecken bereits mittendrin.

Und nun möchte Premier Conte für die möglichen Euro-Milliarden auch fast alle Zugeständnisse an die EU um Merkel und Ursula von der Leyen machen.

Dass Italien von der Pandemie ohne eigenes Verschulden getroffen wurde, sei allen klar, und die Konditionen für den Erhalt der Aufbauhilfen aus dem Recovery-Fund müssten auch umsetzbar sein, unterstrich Conte. Das Gespräch mit Angela Merkel sei diffizil aber stets auf Augenhöhe gewesen, wie auch die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano vermeldete.

Angela Merkel wiederum hob die Idee des Zusammenhalts in Europa hervor, von dem aber während der ärgsten Wochen in der Pandemie nichts zu spüren war.

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Immerhin, Giuseppe Conte nutzte das Treffen auch dazu, der Kanzlerin einen Brief der Hinterbliebenen vom Thyssen-Krupp-Unglück in Turin zu übergeben. Darin appellieren die Eltern und Familien der Verunglückten nach einem Großbrand auf dem Firmengelände des Stahlwerks, anno 2007, die zwei deutschen Manager sollten ihre Strafen auch wirklich und nicht im offenen Vollzug (mit Tagesfreizügigkeit; nur abends müssten sie ins Gefängnis, und um Entschädigungen geht es wohl auch noch) antreten, was bisher nicht geschah. Und das nach so vielen Jahren.

Dass die Kanzlerin Conte aber vor der Mini-PK die Richtung vorgegeben habe, wurde schnell deutlich sichtbar, meint Il Giornale. Premier Giuseppe Conte schließe seine Europatournee eher enttäuschend bis nichtssagend ab. Es sei eine Tour, bei der der Ministerpräsident eher davon profitierte, wenig erreichen zu können, denn außer Streicheleinheiten (für sein Ego), gab es nicht die erhofften finanzielen Segnungen. Nein, hart gehen die Beobachter mit Conte ins Gericht, seine Reise diente nur dazu, das Bündnis mit Merkel zu stärken.

Die Bilder aus Meseberg würden quasi eine vollständige Übereinstimmung zwischen den beiden Führern zeigen. Conte als Leader der Südeuropäer gebe sich der deutschen Regierung gegenüber sehr unkritisch.

Jedes Wort von Contes, so resümmiert Il Giornale, diente dazu, öffentlich die Loyalität gegenüber dem deutschen (oder deutsch-französischen) Projekt und die Notwendigkeit der Freundschaft mit der Kanzlerin sowie der deutschen EU-Führung zu demonstrieren. Diese Pressekonferenz glich eher einer Kapitulation.

Das Treffen ergab keine konkreten Antworten auf den europäischen Plan für Italien. Auch Merkel scheute sich, einen Hilfe- oder Zeitplan vorzugeben. Stattdessen gab Giuseppe Conte zu Protokoll, dass es doch selbstverständlich sei, für die zu erhaltenden Hilfen auch Rechenschaft abzugeben.

Das war dann die ganze devote Nummer des Premiers, ganz nach dem Geschmack der EU, mögliche Zauderer und Kritiker doch noch umzustimmen. Die italienische Opposition dagegen sagt ganz klar Nein zu einem Finanzierungsdiktat der EU, als Coronahilfe deklariert.

Nicht nur die regierungskritische italienische Presse konnte dem Auftritt des Premiers wenig abgewinnen. Selbst die linksliberale La Repubblica erwähnte dann schon lieber im Vorspann die Briefübergabe Contes für die betroffenen Familien des Thyssen-Krupp-Unglücks vor über zwölf Jahren. Wenigstens einen Erfolg brauchte der Premier schließlich auf seiner Reise.

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Kommentare ( 31 )

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Ralph Martin
4 Monate her

Wer genau hat Conte nochmal gewählt?
Ah, stimmt ja.
Er wurde nicht vom Bürger gewählt, sondern bestimmt.
So eine Art Putin, oder Kim oder Maduro.

RauerMan
4 Monate her

Der „Wumms“ für Italien könnte zu einem „Rumms“ für ein überfordertes Deutschland werden. Von Geldgeschenken und Schuldenschnitten können wir nicht leben. Das „Argument“, daß wir von Exporten leben stimmt nur, wenn diese Leistungen auch bezahlt werden. Alle halten die Hand, wenn auch über den Umweg EU auf, Corona wird als Überdeckmäntelchen mißbraucht, das Nächstemal wird ein neues Ereignis herhalten. In den vielen unterschiedlichen Ländern auch nur annähernd gleiche Lebensbedingungen herzustellen ist vorsaussehbare Träumerei und wird zur Zeit mit Geld-Orgien, welche unsere Nachfahren bitter zu spüren bekommen, überdeckt.Länder wie die sog. „Sparsamen Vier“ sind da realistischer, zu hoffen ist, daß die… Mehr

miristuebel
4 Monate her
Antworten an  RauerMan

Merkel wird soviel Geld in diese Länder pumpen wie es nur möglich ist. Der Grund ist, dass die EU die Achillesferse der links-grünen Politik ist. Sie weiss genau, kommen Salvini Le Pen und Co an die Macht ist Deutschland handlungsunfähig. Links-Grün wäre damit gescheitert.

Hannibal Murkle
4 Monate her

Wie es scheint, aus strengen Reformvorgaben wird nix – von der EU-Kommission geplant sind lasche Allgemeinheiten, wie es sie bereits seit Jahren (wirkungslos) gibt. Sowas kann Conte problemlos akzeptieren – weiter wie bisher machen und Geld kassieren:

https://www.welt.de/wirtschaft/article211607227/EU-Corona-Hilfen-Europa-zahlt-fuer-den-Reformstau-in-Suedeuropa.html

Reinhard Peda
4 Monate her

„Jedes Wort von Contes, so resümmiert Il Giornale, diente dazu, öffentlich die Loyalität gegenüber dem deutschen (oder deutsch-französischen) Projekt und die Notwendigkeit der Freundschaft mit der Kanzlerin sowie der deutschen EU-Führung zu demonstrieren. Diese Pressekonferenz glich eher einer Kapitulation.“

Erinnert mich irgendwie an Hitler und Mussolini. War damals zu einem späteren Zeitpunkt auch nicht anders.

Nibelung
4 Monate her

Die Italiener sind die nächsten die der EU entlaufen, das ist heute schon vorprogrammiert, denn aus ihrer aussichtslosen Hochverschuldung werden sie auch mit Hilfe der EU nicht mehr herauskommen und es bedarf nur noch der Hilfe eines Vollstreckers und der derzeitige Amtsinhaber ist ja wendig genug um das noch innerhalb seiner Amtsperiode zu verhindern. Die nächsten, die eine andere Gangart einfordern, werden die Visegrad-Staaten sein, unterstützt von den anderen rechten Gruppen innerhalb der EU und da taucht nun die Frage auf, inwieweit es sich ein deutscher Kanzler überhaupt noch leisten kann eine vermittelnde Rolle einzunehmen, das geht granatenmäßig schief, weil… Mehr

Fulbert
4 Monate her

Espresso? Charme? Ich fühle mich an eine alte Werbung erinnert. Wenn es um die Target-Salden und die Begleichung sonstiger Verpflichtungen geht, wird der freundliche Italiener eines Tages mit entwaffnender Offenheit den Deutschen eingestehen: „Isch abe ga keine Guthaben“

miristuebel
4 Monate her

Ich finde dieses Treffen sehr gut! Gibt es doch Salvini die Bilder um ordentlich Salz in den verletzten Stolz der Italiener zu schütten. Conte als Merkels Schoßhündchen. Als Sahnehäubchen wird Conte Merkels williger Helfer beim Thema Migration. Auch dies hilft Salvini.
Es bleibt spannend.

zaungast
4 Monate her

Was soll der arme Pepe denn anderes tun? Es ist anzunehmen, dass die eiserne Kanzlerin Neuwahlen auf Teufel komm raus verhindern will – und da ist es sinnvoll, nicht den ungezogenen Buben zu spielen. Das Loch ohne Boden Italien wird im Frühjahr nochmal nachgefüllt. Sollte die „Unterwerfung“ des Signore Conte vielleicht doch eine Art machiavellistische Taktik sein?

birgitschlattmann
4 Monate her

Ich bin mir nicht sicher,was die stolzen Italiener sein wollen.Eine Nation,oder eine Gesellschaft,die der dolce vita unterliegt,bis zum Zusammenbruch.

WandererX
4 Monate her

Widerspruch Überschrift Unterwerfung – dann später das angeblich devote Verhalten von Conte. Was eigentlich? Besser gesagt: Italiens Staat ist ein schlechter Witz und nicht auf Augenhöhe mit dem von Deutschland, aber dennoch gibt es bei den italienischen Milliadären kaum Bereitschaft, in ihrem Land gross zu investieren, weil die Rendite aus deren sicht zu gering wäre, denn das Land schrumpft in der Bevölkerung, statt zu wachsen, weshalb sich das Investieren nicht so recht lohnt: Das ist doch das Problem! Und das bleibt auch hier unbesprochen.