Nach dem schriftlichen Dividieren wurden nun auch Goethe, Schiller und Lessing entsorgt. Berlins Gymnasien kapitulieren vor den eigenen Aufgaben und unterrichten Klassiker in „leichter Sprache“. Das Abitur schrumpft zur betreuten Lesehilfe.
picture alliance / imageBROKER | Oliver Brandt
Schon wieder „Bildungs“-Land Berlin! Gerade erst scheiterte dort im letzten Moment der regierungsamtliche Plan, die Geschichte der DDR als verpflichtenden Bestandteil aus dem Geschichtsunterricht der gymnasialen Oberstufe zu streichen und den ohnehin vorhandenen historischen Analphabetismus junger Leute weiter zu fördern.
Nun erfährt man, dass in Berlin sogar immer mehr Gymnasien vor der Lektüre deutscher Klassiker kapitulieren. Die epochemachenden Werke eines Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Büchner, Fontane, Mann usw. gibt es verstärkt nur noch in „vereinfachter Sprache“, gekürzt und mit Bildern. Selbst an Gymnasien, die Namen dieser Autoren tragen. Man begründet diese Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik mit der Überforderung der Schüler und mit hohen Migrantenanteilen. Na dann! Ist der nächste Schritt Lessings „Nathan“ als Comic?
Das Angebot an Bändchen mit „vereinfachten“ Klassikern existiert seit Jahrzehnten. Der Cornelsen-Verlag hat hier bereits 2003 eine Marktlücke entdeckt und eine umfangreiche Reihe mit dem paradoxen Titel „Einfach klassisch“ aufgelegt. Etwa mit Schillers „Wilhelm Tell“ (light) oder „Faust“ (light). „Mit behutsamen Kürzungen und sprachlichen Vereinfachungen“ soll die „Einfach-klassisch„-Reihe frustrierten Schülern das Verständnis von klassischer Literatur erleichtern. So schreibt es der Cornelsen-Verlag; das würde „nachhaltig die Lesemotivation“ steigern. Man kann nur hoffen, dass solche „Klassiker“ nicht seit mehr als zwanzig Jahren auch die Basis literarischer Bildung heute tätiger Deutschlehrer waren.
Im Jahr 2006 ist der „Focus“ auf den Zug „Klassiker light“ aufgesprungen. Eine Zeit lang produzierte das Magazin montags Klassiker unter dem Titel „get Abstract – compressed knowledge“. Die „Buddenbrooks“ etwa oder die „Odyssee“ werden darin von jeweils rund 700 Originalseiten auf 22 Westentaschenseiten komprimiert. Und wem das noch zu viel ist, der kann sich mit eineinhalb Seiten „Take-aways“ begnügen und damit renommieren. Thomas Mann und Homer „super-light“ sozusagen für den „small talk“.
Zurück ins Jahr 2026: Nicht ganz uninteressant ist, dass die Cornelsen-Reihe vor allem für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert worden war. Jetzt also steht die Reihe in den Gymnasien an. Womit unwillentlich aber verräterisch ein Beweis dafür geliefert wird, dass „gymnasiale“ Bildung nicht mehr das ist, was sie einmal war und was sie sein sollte.
Gegenüber dem „Tagesspiegel“ bestätigt eine Deutschlehrerin eines Berliner Gymnasiums: „Wir haben aus der Reihe des Cornelsen-Verlages die Ausgaben von ‚Nathan der Weise‘, ‚Faust I‘, ‚Frühlings Erwachen‘, ‚Jugend ohne Gott‘, ‚Kabale und Liebe‘ und ‚Romeo und Julia‘ im Deutscharchiv jeweils als Klassensatz vorrätig.“
Diese „light“-Praxis hat durchaus Kritiker auf den Plan gerufen. Die frühere Berliner Referatsleiterin in der Bildungsverwaltung, Christiane Sauerbaum-Thieme, sagte dem „Tagesspiegel“: „Ein Gespenst geht um im Berliner Deutschunterricht: Literatur in einfacher Sprache“. Es bestehe die „Tendenz zur Auszugskunde“, was bedeute, dass Literatur nur „häppchenweise“ gelesen werde. Der „Lehrer des Jahres 2013“, Robert Radecke-Rauh, erklärte, er finde es zwar „nachvollziehbar“, wenn Lehrkräfte auf vereinfachte Varianten zurückgriffen, um den inhaltlichen Zugang zu erleichtern. „Aber wenn wir damit beginnen, literarische Texte in einfache Sprache zu überführen, rauben wir den Klassikern ihre ästhetische Substanz und den Gymnasien ihren Anspruch, die Hochschulreife zu erwerben“, so Radecke-Rauh. In der Musik komme schließlich auch niemand auf die Idee „Mozarts Opern in simple Klänge zu verwandeln“.
Aber es ist zu befürchten, dass sich die Befürworter von „Klassiker light“ durchsetzen. Christian Plein vom „Fachverband Deutsch“ sagte etwa: „In Zeiten, in denen viele Jugendliche – besonders mit Migrationshintergrund – das Lesen nur bedingt oder kaum beherrschen, ist es tatsächlich unverzichtbar, ihnen komplexere Texte durch einfache Sprache nahezubringen.“
Seit Jahrzehnten „pädagogische“ Sünden wider Sprache und Literatur
Die „Klassiker in leichter Sprache“ sind nicht der einzige Kniefall vor der seit Jahren um sich greifenden Spaßpädagogik. Es irrt, wer meint, „pädagogischer“ Minimalismus sei Ergebnis der jüngsten Zeit. Nein, der Kahlschlag wurde schon vor vier Jahrzehnten eingeleitet. Gerade im Deutschunterricht hat eine Furie des Verschwindens gewirkt. Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Helmut Fuhrmann benennt das in seinem 1993 erschienenen Buch mit dem Titel „Die Furie des Verschwindens – Literaturunterricht und Literaturtradition“ so drastisch. Unter anderem schreibt Fuhrmann damals: „Alles spricht vom Waldsterben und vom Ozonloch; es wird Zeit, dass man auch vom Klassikersterben und vom Traditionsloch zu sprechen beginnt.“
Der Abbau von Ansprüchen an den schulischen Sprach- und Literaturunterricht setzt sich jedenfalls seit den 1970er Jahren Jahr für Jahr kontinuierlich fort. Erster Beleg: Kaum eine andere Kulturnation der Welt stattet ihre Sprache schulisch mit so wenig Stunden aus wie die deutsche. Ganze 16 Prozent macht der Deutschunterricht zwischen der ersten und zehnten Klasse aus. In höheren Jahrgangsstufen begnügt man sich zum Teil – und dies selbst in Gymnasien – mit nur drei Deutschstunden pro Woche.
Zweiter Beleg: Einen halbwegs verbindlichen Lektüre-Kanon gibt es ohnehin nicht mehr. Gerade hier hat die »Furie des Verschwindens« gewütet. Entrümpelung heißt das pädagogisch korrekt, wie wenn herausragende Werke der deutschen Literatur Gerümpel seien; und die Entrümpler geben sich kinderfreundlich, weil man ja den Kleinen doch bitte nicht zu viel zumuten dürfe.
Dritter Beleg: Der in den meisten deutschen Ländern qua Lehrplan ausgewiesene Grundwortschatz, das heißt der Wortschatz („Schatz“?), den Schüler am Ende der vierten Grundschulklasse aktiv beherrschen sollen, wurde von 1.100 Wörtern zu Beginn der 1990er Jahre auf mittlerweile nur noch 700 bis 800 Wörter heruntergefahren. Boshafte Anmerkung: Hundeforscher haben herausgefunden, dass Hunde bei entsprechendem Training mehr als 1.000 Wörter verstehen können, also immerhin einen passiven Wortschatz von 1.000 Wörtern haben können.
Vierter Beleg: Die Schüler müssen kaum noch etwas schreiben. Die Flut an Kopien, mit denen Schüler tagtäglich zugeschüttet werden, statt sie schreiben zu lassen, ist Alltag. Alltag ist auch, dass »Textanalyse« im Deutschunterricht oft genug aus einer mikrochirurgischen Analyse kopierter halbseitiger Textauszüge samt maximal zwei Spiegelstrichen Ordner- bzw. Hefteintrag besteht. Und selbst bei sogenannten Leistungserhebungen, also Tests, ist das Schreiben ganzer Sätze obsolet geworden.
Wie man es vom PISA-Testmodus kennt, haben die Schüler in nahezu allen Fächern einschließlich des Faches Deutsch Lückentexte zuzustöpseln und Multiple-Choice-Antwortoptionen anzukreuzen. Diktate gelten mittlerweile ohnehin schon als mittelalterliche Igittigitt-Folterinstrumente – vor allem, wenn sie auch noch benotet würden. Und wichtiger als die gesprochene – möglichst frei gesprochene Rede – scheint bereits in unteren Klassenstufen die Präsentationskompetenz. PPPP – Power-Point-Presentation-Pest ist epidemisch angesagt. Spötter sagen dazu: betreutes Lesen.
Fünfter, sechster und siebter Beleg: An den Grundschulen wurde zulasten des Deutschunterrichts ein – wie sich herausgestellt hat – völlig nutzloses Früh-Englisch eingeführt. Mehr und mehr ist zudem das Auswendiglernen von Gedichten aus der Mode gekommen. Vom großzügigen Umgang mit der Orthographie, Stichwort: Schlechtschreibdeform, ganz zu schweigen.
Genug der Auflistung. Mit einem Wort: Gerade in Sachen Sprache und Literatur wurden – politisch und „pädagogisch“ gewollt – Lehrpläne zu Leerplänen. Euphemistisch nennt man das Ergebnis den einzigen „Rohstoff“, den Deutschland hat. Man sollte es Kulturbarbarei nennen.





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
…also ich erinnere aus meiner Schulzeit die Kurzfassung von „Der Erlkönig“:
Vater und Kind reiten im Wind,
kommt ein Mann,- quatscht sie an,
ob er Bubi haben kann.
Vater verneint,
Kind weint.
Nächsten Tag ist große Not:
Vater besoffen, Kind ist tot.
Als nächtes dann:
Mathe light 3 + 2 = zwischen 4 und 6
Wurzel aus 9 = geht nicht der Boden ist gefroren
Textverständnis nicht erwünscht, denn wer sprachliche Mittel identifizieren, Texte analysieren und womöglich hinterfragen kann, der kann womöglich nicht nur die Halbwahrheiten und Lügen der Politiker durchschauen, sondern das dann auch noch kommunizieren.
Kein Wunder also, dass unser Bildungssystem, und nicht zuletzt auch der Deutschunterricht, systematisch demontiert werden.
Wer will denn schon mündige Bürger? Unsere herrschende Kaste sicherlich nicht.
Bildung soll wieder zum Privileg derer werden, die sich teure Privatschulen leisten können.
In diesem Land kommen einem nur noch die Tränen. Jetzt wird sogar das Leseniveau an den Gymnasien an migrantischen Sprachdefiziten ausgerichnet, weil die sonst benachteiligt werden könnten. Einfach irre! Aber aus Sicht der Links-Grünen Gleichmacher natürlich nur konsequent! Vermutlich werden die in Kürze auch arabische Werke für den Lehrplan an deutschen Schulen fordern! Die perfekte Unterwerfung aller Orten, sie schreitet voran! Über Deutschlands Absturz muss sich niemand mehr wundern!
Zitat 1: „Man begründet diese Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik mit der Überforderung der Schüler “ > Na, wirklich nur „Überforderung der Schüler“? Oder doch nicht auch „Überforderung der heutigen Lehrerschaft“? _ _ _ _ _ _ Zitat 2: „Der Cornelsen-Verlag hat hier bereits 2003 (….) eine umfangreiche Reihe mit dem paradoxen Titel „Einfach klassisch“ aufgelegt. Etwa mit Schillers „Wilhelm Tell“ (light) oder „Faust“ (light). „Mit behutsamen Kürzungen und sprachlichen Vereinfachungen“ soll die „Einfach-klassisch„-Reihe frustrierten Schülern das Verständnis von klassischer Literatur erleichtern.“ > Mhh, vielleicht wäre es hier ja mit Blick auf die „frustrierten Schüler“ hilfreicher gewesen, wenn man ihnen hier dann… Mehr
Nur weiter so:
Wer neugierig ist, Spaß an den Klassikern hat und
sich bilden will, wird freiwillig und gerne die Originale lesen.
Wer die Deutsche Sprache nicht lernen will soll dumm bleiben.
Die Arbeitgeber werden bei den Bewerbern später
schon von selber herausfinden, wer Ahnung und wer nur Abi hat.
Wenn sie schlau sind.
Das Land Berlin steht nicht als Teil fürs Ganze [Deutschland]; und welche von den 95 Berliner Gymnasien nun eine weitere ‚Hilfe‘ (neben professionellen Lektürehilfen) in Form ‚einfacher Sprache‘ anbieten, bleibt wohl pragmatisch jeweils ihnen überlassen. Da wir nun in einer hocharbeitsteiligen, rechtlich geregelten und verwalteten Gesellschaft leben, ist ein Textverständis von Gebrauchstexten wichtiger als die Lektüre deutscher Klassiker. Oberstufenschüler mit Leistungskurs Deutsch entscheiden sich dafür, weil sie meinen, Deutsch gut zu verstehen. Aufgrund vieler verschiedener Gymnasien [öffentliche, private] macht sich ohnehin das Bildungsparadox bemerkbar, dass Schüler mit Abitur nicht wesentlich bessere Berufschancen haben, da eben viele andere auch ein Abitur… Mehr
Es geht um die Reifeprüfung. Nicht um die Züchtung von Fachidioten.
Das kleine Einmaleins nebst Alphabet sollte also bereits vor dem Besuch eines Gymnasiums erfolgreich erlernt worden sein.
Hier ist nix mehr hocharbeitsteilig – hier ist shithole Berlin. Infrastruktur im A..h. Zustände an berliner Schulen? Warum wohl werkeln da so viele sog Quereinsteiger, die auf Kinder und Jugendliche losgelassen werden? Würd mich nicht wundern, wenn von diesen Schwachmaten die Idee kam. Berlin hat schon lange fertig. Elite Elite. In Berlin sind das jetzt Grünrote Sozen, die sind die Elite. Die sich immer gegen Elite ausgetobt haben, als sie jung waren. Randaliert, Steine geschmissen, Hausbesetzer, heute Hausbesitzer, früher Terrorhelfer, heute Terror ausüben, so tickt Elite heute. Klassiker sollen nicht mehr wichtig sein? Meine Fresse, man kann sich auch selbst… Mehr
Es gibt diese Metapher, daß jemand gleichzeitig beim Fahren Gas gibt und bremst. Das ist im Autorennsport übrigens eine verbreitete Fahrweise, um das Fahrzeug im Grenzbereich und hohem Tempo besser zu kontrollieren.
Berlin hingegen steht bildungsmäßig still am Straßenrand auf der Bremse, gibt im Leerlauf Vollgas und wundert sich, warum es nicht vorangeht, obwohl ihm die anderen Bundesländer (Bundesfinanzausgkeich) ständig kostenlos den Tank füllen.
Fairerweise muss man dazu sagen, dass natürlich die deutsche Sprache und deutsche Kultur mit den Deutschen verschwindet. Rein rational gesehen: wenn es an einer Schule so gut wie gar keine Deutschen mehr gibt, warum wäre dann dort die deutsche Sprache und deutsche Kultur wichtig? Und da in absehbarer Zeit komplette Stadtteile und irgendwann auch komplette Städte einen Deutschenanteil von 0% haben werden, wozu dann die deutsche Sprache beherrschen? Integration, geschweige denn Assimilation, war nie das Ziel. Ziel war und ist die Auslöschung alles Deutschen. Und dazu gehört natürlich auch die deutsche Sprache. Konzepte wie „Hochschulreife“ werden in Zukunft keinerlei Sinn… Mehr
Da viele nicht einmal ihre Muttersprache schriftlich nennenswert beherrschen, wäre eine Reduktion auf eine Zeichensprache wie emojis nur konsequent. „Faust 1“ in emojis wäre sicher interessant, auch vielleicht umgearbeitet mit Shaytan als nächtlichem Bewohner der oberen Nase und Gretchen als Sklavenmädchen. Eine Alternative wären „graphic novels“. Dass die ehemals Einheimischen (=künftigen dhimmis) Arabisch lernen sollen, wurde bereits 2015 von Vertretern der „Intelligenz“ gefordert. Es wäre auch in der Hinsicht hilfreich, als der Bestand an genuin arabischer Literatur im Vergleich zur irgendeiner westlichen ganz außerordentlich übersichtlich ist. Erinnern Sie sich noch an den jungen „shooting star“ der Literatur namens Helene Hegemann,… Mehr
Vielleicht überlebt dann Deutsch als Fremdsprache z.B. in Osteuropa oder Ostasien. Nicht weil Deutschland noch wichtig wäre. Sondern weil deutsches Kulturgut vergangener Zeiten. einfach zum Bildungskanon gehört
Wie ja auch Putin bei seiner Rede im Deutschen Bundestag Lessing und Humboldt erwähnte.
„Der Abbau von Ansprüchen an den schulischen Sprach- und Literaturunterricht setzt sich jedenfalls seit den 1970er Jahren Jahr für Jahr kontinuierlich fort.“ Kann ich so als ehemaliger DDR-Bürger für das Gebiet der ehemaligen DDR bis zum Beitritt zur BRD nicht bestätigen, das scheint ein exklusives Problem der westlichen Trizone zu sein, welches nur nach dem Beitritt der SBZ in den Osten exportiert wurde bzw wird und deshalb auch erst im Osten langsam nach dem Beitritt wirksam wird.