Der neue Mensch soll her, vor allem die neue Frau

Welchen Interessen des Landes dienen Politikerinnen, deren Qualifikation aus ihrem Geschlecht zu bestehen scheint? Schlimm genug, dass auch die meisten Männer im Bundestag keinen normalen Beruf mehr vorweisen können, also darauf angewiesen sind, an ihren Posten zu kleben.

IMAGO / Emmanuele Contini

Die CDU hechelt dem Zeitgeist hinterher, statt sich der Realität zu widmen. Und in der ist alles wichtiger als die Frage, wie viele Frauen in der CDU Posten besetzen. Doch ausgerechnet zwei Postenbesetzerinnen, Anja Karliczek, CDU, Bildungsministerin, und Julia Klöckner, CDU, Landwirtschaft, fordern, die CDU müsse „verbindlich wenigstens 40 % der Posten mit Frauen besetzen“ (Karliczek). Frau Klöckner seufzt: „Natürlich sind Quoten Krücken und Brücken – die wir aber brauchen auf dem Weg zur Normalität.“ Aha. Und welche Normalität ist gemeint?

CDU-Posten für Frauen sind gewiss etwas, was die wenigsten Menschen beschäftigt – und am wenigsten womöglich jene, die einst CDU wählten, weil sie ihre stinknormalen Lebensentwürfe bei Konservativen am ehesten aufgehoben fühlten.
Normal ist im Übrigen, dass Menschen sich selbst entscheiden, ob sie mit ins Raumschiff Bundestag steigen wollen, um hernach über allen Widrigkeiten des Alltags der Mehrheit zu schweben, schwerelos, egal, welches Geschlecht (welche Hautfarbe, welche sexuellen Vorlieben) sie haben. Und wenn nun viele Frauen vernünftig genug sind, sich dieser Blase zu entziehen, und ihre Macht lieber anders ausüben – etwa, Vorsicht, Zynismus! – bei der Mannes- und Kindererziehung?

Wahrscheinlich ungewollt hat Karin Prien, die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, ebenfalls Befürworterin einer Frauenquote, ausgesprochen, woran es liegen könnte: „Auch ich kenne keine Frau, die sich jetzt für den Parteivorsitz bewerben will.“ Wenn das so ist, dass keine will: Muss man sie dann zwingen?

Der Feminismus, den unterstützen zu müssen viele Politikerinnen mittlerweile glauben, besaß diese Schwachstelle von Anfang an: Was viele Frauen wollen, hat diese Überfrauen nie interessiert. Im Gegenteil: Von sich selbst allzu überzeugte Feministinnen glaubten immer schon, besser zu wissen, was Frauen wollen sollen. Was schert uns die Wirklichkeit? Der neue Mensch muss her, vor allem die neue Frau.

Man darf vermuten, dass manch konservativer CDU-Politiker weit besser weiß, was (viele) Frauen wollen – ganz einfach, weil er seiner eigenen Frau regelmäßig zuhört. Das unterscheidet ihn von den Berufsfeministinnen, die glauben, ihr Lebensentwurf sei der einzig wahre und richtige.

Die Abwertung anderer Lebensvorstellungen war übrigens in den Anfangszeiten der Grünen besonders ausgeprägt. „Mütter“ kamen da nicht vor, und wenn, dann wurden sie eher bekämpft als unterstützt. Das „Müttermanifest“ einiger grüner Frauen von 1987 forderte ein neues Emanzipationsbild ein: „Es ist an der Zeit für eine neue Frauenbewegung, eine Bewegung, die die Wirklichkeit, die Wünsche und Hoffnungen von Müttern mit Kindern ebenso konsequent und nachdrücklich vertritt wie die Interessen kinderloser Frauen.“ Selbstverständlich? Um Himmelswillen! Das wurde gerade von den Feministinnen in der Partei harsch abgebügelt, da sie hier ein Frauenbild mutmaßten, das zu bekämpfen sei. Das Müttermanifest enthielt offenbar zu viel Wirklichkeitssinn.

Auch auf dem Höhepunkt von Coronalockdowns ertönte wieder die Warnung vor dem „reaktionären“ Frauenbild. Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger fürchtete sich vor einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“, die sie darin sah, dass Frauen sich in der Krise wieder mehr um ihre Kinder kümmerten (und auf Facebook auffällig häufig Rezepte tauschten).

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Während im 19. Jahrhundert der Stolz sozialdemokratischer Männer darin bestand, dass ihre Frauen nicht lohnarbeiten mussten, ist Hausfrau heute geradezu ein Schimpfwort geworden. Lieber sich auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten lassen, schon wegen der Rente? „Hausfrauen haben kaum noch Aussicht auf Respekt in der neo-protestantischen Arbeitskultur, auch und gerade bei ihren Schwestern“, konstatiert der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck, kein Parteigänger der CDU. Die Frage liegt eigentlich nahe: Ist die Weigerung, alle menschlichen Ressourcen dem „kapitalistischen Verwertungszusammenhang“ zu überantworten, nicht weit kapitalismuskritischer als die Verächter von Hausfrauenehe und spießbürgerlicher, überholter, reaktionärer Kleinfamilie?

Kurz: Welchen Fraueninteressen dient es, dass nun auch in der CDU nach Quotenfrauen gerufen wird? Und welchen Interessen des Landes dienen Politikerinnen, deren Qualifikation aus ihrem Geschlecht zu bestehen scheint? Schlimm genug, dass auch die meisten Männer im Bundestag keinen normalen Beruf mehr vorweisen können, also darauf angewiesen sind, an ihren Posten zu kleben.


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