Die Union zwischen den Stühlen

Ökonomie und Ökologie zu versöhnen wird die eine Jahrhundertaufgabe sein. Das Verhältnis von identitätsstiftendem Nationalstaat und transnationaler Kooperation die andere.

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Einmal mehr wurde der Wahltag zum Trauertag für die ehemaligen Volksparteien. Die SPD scheint sich aus der Geschichte zu verabschieden. Die CDU will gerne noch bleiben und blickt umso schreckstarrer auf den Erfolg der Grünen. Dabei hat sich rechts von ihr auch die AfD endgültig etabliert, wenn bundesweit diesmal nur mit mittelmäßigem Ergebnis, in Sachsen und Brandenburg aber immerhin an der Spitze. Die Union macht die Grünen dabei als den gefährlicheren Gegner aus. Angesichts der kulturellen, von weiten Teilen der Medien nach Kräften geförderten Hegemonie der Grünen und weil sie mehr Machtoptionen haben – Jamaika oder Grün-Rot-Rot – ist das aus Parteisicht verständlich.

Während rechts die Migrationsfrage die neue soziale Frage ist, entscheidet die ökologische Frage links der Mitte Wahlen. Erfolgsrezept der Grünen ist dabei, ihre Wähler in wohliger Moralität zu wiegen und sie über die Kosten und individuellen Freiheitsverluste im Unklaren zu lassen, die ein auf radikale CO2-Minimierung zielender Umbau der Wirtschaft nach sich zieht.

Die Psychologie des grünen Erfolgs
Dass die Union zwischen den Stühlen sitzt, hat mit Versäumnissen zu tun, die sich schon lange angekündigt haben. Denn dass der deutsche Nachkriegskonservatismus der Union sich erst spät ein ökologisches Feigenblatt umgehängt hat, ist evident. Eine konsistente Idee, wie Ökologie und Marktwirtschaft zu versöhnen seien, hat die Union dabei nicht gefunden. Das ist auch nicht leicht unter den Bedingungen einer wachstumsorientierten Wirtschaft. Deren unersättlicher Ressourcenverbrauch liegt notwendigerweise im Konflikt mit ressourcenschonendem Wirtschaften. Ökologie war indes, ehe sich die Linke des Themas bemächtigte, ideengeschichtlich durchaus im Konservatismus zuhause und noch in der Zwischenkriegszeit Signum konservativen Denkens. Ludwig Klages wäre da zu nennen, auch die Technikkritik Ernst und Friedrich Georg Jüngers.

Die Union setzte derweil in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren auf freie Fahrt für freie Bürger, Atomkraft und Wirtschaftswachstum. Ein konservativer Ökologe wie Herbert Gruhl wurde so aus der Union hinausgetrieben. In der jungen grünen Bewegung wiederum übernahm die Linke das Ruder und verdrängte den Mann erneut. Der konservativer Denker und Katholik Robert Spaemann war bis zu seinem Tod der Beweis, dass wachstumsskeptische Ökologie nicht mit linkem Weltbild verschwistert sein muss.

Nach der EU-Wahl
Die trügerische Euphorie vor der nächsten Krise
Rechts der Mitte hat die Union ebenfalls viel Raum gelassen. Kohl war Kanzler der Deutschen Einheit und Einiger Europas. In seiner Person vermochte er die Spannung von Nation und europäischer Einigung glaubwürdig zu versöhnen. Sein persönlicher Patriotismus überdauerte seine Amtszeit indes nicht. Unter Angela Merkel zog ein technokratisches Weltbild ein. Spätestens mit der Migrationskrise wurde der Nationalstaat auch seitens der Unionsführung zum Auslaufmodell erklärt. Die Union kann heute für diejenigen, die in Deutschland nicht nur eine gut zu verwaltende Wirtschafts- und Siedlungszone sehen, kein überzeugendes Angebot machen.

Ökonomie und Ökologie zu versöhnen wird die eine Jahrhundertaufgabe sein. Das rechte Verhältnis von identitätsstiftendem Nationalstaat und transnationaler Kooperation zu finden die andere. Wer heute Volkspartei sein will, muss auf beide Fragen eine Antwort finden und sich zügig entsprechende Flügel wachsen lassen.

Dieser Beitrag des Chefredakteurs Oliver Maksan, erschien zuerst am 29. Mai 2019 in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur.

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Kommentare ( 46 )

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Also das erste Umweltministerium hat Bayern eingeführt (1970). Und damals hat man auch noch Umweltschutz mit Sachverstand betrieben. So war zum Beispiel der Ausbau der Kernenergie ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität. Und da war Bayern durchaus Vorreiter. Das Problem ist vielmehr, dass auch gerade Merkel keine sachorientierte Umweltpolitik mehr betriebt, sondern irgendeine postfaktische Mischung aus Ideologie, Populismus und Träumerein. Angefangen hat das schon mit den „Waldsterben“. Es war damals schon ein Gewinn für die Luftqualität (und längst überfällig) dass man damals die Kraftwerke mit Entschwefelung ausgestattet hat (und später die Autos mit Kat + bleifreies Benzin). Aber bereits… Mehr
Je mehr die Ökologie in Extremismus abdriftet, desto geringer sind die Chancen, sie mit der Ökonomie zu versöhnen. Zwei Beispiele: Aktivisten fackelten letzte Woche in Köln 4 Porsche ab mit der Begründung: „Wir wollen uns mit dieser konkreten Maßnahme friedlich [sic!] für die Begrenzung der klimaschädlichen C02-Emissionen einsetzen“. Nachzulesen hier: https://www.rundschau-online.de/region/koeln/mehrere-porsche-in-ehrenfeld-angezuendet-autonome-bekennen-sich-zu-feuer-32725138 Antinatalismus, der angesichts der geringen Geburtenraten in Europa völlig sinnfrei ist, als ökologisches Programm: https://www.epochtimes.de/meinung/analyse/das-kind-als-feindbild-oekologismus-als-rechtfertigung-fuer-den-demografischen-selbstmord-a2800193.html Bemerkenswert sind dort die Thesen von dem französischen Grünen Yves Cochet: „Keine Kinder zeugen ist ein ökologischer Akt“. Statt Familien zu entlasten, plädierte er sogar für Kürzungen bei familienpolitischen Transferleistungen, für das dritte Kind… Mehr

Für den Autor besteht die Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie offenbar darin, den Naturschutz durch die gnadenlose Abholzung für Vogelschredder und den massenhaften Einsatz von giftigem Sondermüll(Solarzellen) mit Füßen zu treten. Dabei ist das wirkliche Problem der CDU ebenso wie bei der SPD die vollständige Reformunfähigkeit, der vollständige Realitätsverlust in Sachen Migration und die Umsetzung von sozialistischen Schnapsideen(Mietpreisbremse, Diskreditierung von bestimmten Berufsgruppen(z. B. Immobilienmakler) usw. zum Schaden der Bevölkerungsmehrheit. Mal ganz davon zu schweigen, das beide Parteien am Rockzipfel von dubiosen Lobbyisten aller Art hängen.

Eine freie Marktwirtschaft\Gesellschaft versöhnt beide Seiten…die ökologische und ökonomische..da braucht es keines staatlichen Eingriff. Schließt will auch der Ökonom in einer sauberen Umwelt leben..
Will frisches und sauberes Wasser und Luft…es liegt in der Natur des Menschen sich eine saubere Umwelt zu wünschen. Es bedarf hier nur des Verstand und der Vernunft einer gesellschaftlichen Führung!

Schröder hatte leider von Anfang an hinsichtlich Merkel recht: „Sie kann es nicht.“ Ich verstehe nicht, wie sie sich so lange halten konnte, warum ihre Lakaien sie so lange gewähren lassen (Dossiers? Das kennt sie ja aus ihrer Sozialisierung.), warum die regierungstreuen Medien sie so lange so vehement unterstützen, warum das Wahlvieh sie – immerhin trotz erheblicher Stimmeneinbußen – immer noch wählt. Sie ist eine moralinsaure Opportunistin, eine Intrigantin, hat keine „Visionen“, keinen Plan für die Zukunft für Deutschland (und das Schlimme ist: Es interessiert sie auch nicht!), hat sich auf den Lorbeeren ihrer Vorgänger ausgeruht, das Tafelsilber verscherbelt, hat… Mehr

Merkels Schwäche ist ihre Stärke: sie passt sich wie ein Oktopus an jedes Hindernis an und wechselt auch mal die (ausgelutschten) Bündnispartner.

PS: ohne Hilfe der CSU wäre sie niemals so weit gekommen

„Ökologie war indes, ehe sich die Linke des Themas bemächtigte, ideengeschichtlich durchaus im Konservatismus zuhause…“

Ökologie kann niemals ein „linkes“ Thema sein,
weil Linke per Definition Materialisten sind.

Könnte sich Herr Maksan auch ein bißchen konkreter zum Thema äußern? Mal ein paar Beispiele nennen? In hoffnungsvoller Erwartung…

Für einen realistischen Blick nach vorn und einer Politik, die die w i r k l i c h e n Probleme anspricht und angeht und den Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen dabei nicht aus dem Auge verliert, gibt es keine Partei in Deutschland. Und selbst wenn: Die ÖR-Medien würden solch eine Partei bis aufs Messer bekämpfen, denn dort sitzt die Wurzel allen Übels. Die einzigen Sendungen im ÖR, die ein normaler Mensch noch ohne Bauchschmerzen ertragen kann, sind „Die Sendung mit der Maus“ und „Bares für Rares“. Horst Lichter for President. Welch ein wohltuender Mensch ohne jegliche Hetzermentalität.… Mehr
„Ökonomie und Ökologie zu versöhnen wird die eine Jahrhundertaufgabe sein. Das Verhältnis von identitätsstiftendem Nationalstaat und transnationaler Kooperation die andere.“: Das sehe ich anders. The great game ist eröffnet. Der Kampf verschiedener Staaten und Gruppen um Geld, Macht, Einfluss. Regional und weltweit. Neue Player wie China, aber auch die Türkei, Iran und Indien wollen ihren Platz an der Sonne. Andere Player, vor allem in Westeuropa steigen ab. Das wird das große Spiel des nächsten Jahrhunderts sein. Umweltschutz spielt eine gewisse Rolle, weil die Menschen ab einem gewissen Wohlstand auch bessere Luft und weniger Dreck auf der Straße haben wollen. In… Mehr
Der Tag wird kommen, an dem die CDU begreifen muss, dass ihr zum Macht- und Einflusserhalt nichts anderes übrigbleibt, als mit der AfD zusammenzugehen. Die Angststarre wegen des Grünen-Wahlergebnisses ist doch nicht nur, dass auch andere „Mehrheiten“ möglich wären, es ist auch die Angst, wieviel Einfluss man in einer denkbaren machterhaltenden, aber den eigenen Einfluss stark reduzierenden Koalition mit den so erstarkten Grünen hätte. Immer auch unter der Drohung des Koalitionsbruchs, da ja auch andere Mehrheiten denk- und machbar wären. Bei der SPD war diese Gefahr nicht gegeben, denn die hätten sich mit einem Koalitionsbruch und Neuwahlen selber heftig ins… Mehr