Lanz auf Norbert Blüms Spuren: Die Rente ist sicher!

Das Hütchenspieler-Paket, das die Rente reformieren soll, ist angeblich so töfte, dass bei Lanz streckenweise jeder Streit erlahmt. Das liegt auch daran, dass sich der Moderator genau die richtigen Jubelperser eingeladen hat. „Exakt“ die Richtigen, wie er selbst sagen würde. Message an den Zuschauer: Die Rente ist sicher! Von Brunhilde Plog

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Es ist spät geworden und das Warten hat sich nicht gelohnt. Als Lanz um Mitternacht endlich startet, ist Nachtruhe angesagt (obwohl die Sendung ja aufgezeichnet wird, wenn draußen noch lange die Sonne scheint). Es geht um das Rentenpaket, das der Kanzler der Zweiten Wahl und die Ministerin der Einheitsbraunen den Deutschen am Vormittag präsentierten. Friedrich Merz, Bärbel Bas und die Vorsitzenden der Rentenkommission (Constanze Janda und Frank-Jürgen Weise) hatten ein 33-Punkte Papier mit Empfehlungen vorgestellt.

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Kerstin Münstermann versprüht sogleich die ersten Baldrian-Duftstöße im Studio. Die Co-Chefredakteurin der Rheinischen Post ist geradezu entzückt. Das Reformpaket sei „eine große Überraschung“ und ein Konzept, „wo sich viele wiederfinden können“. So etwas habe sie noch nie erlebt. Dass jemand tatsächlich versuche, „das System vom Kopf auf die Füße zu stellen“ und Yippie-Ya-Yeah (sagt sie nicht, so klingt es aber), „der Aufschlag ist erstmal gelungen“.

Sie lobt auch CDU-Mann Pascal Reddig und die „Junge Gruppe“, deren Vorsitzender er ist. Die seien alle so „jung“ und „charismatisch“, jauchzt Münstermann, und nachdem sie ihn gebührend in die Runde eingeführt hat, darf er mit ruhig geronnener Stimme das Reformpaket im Detail schönreden. Denn er hat mit in der Kommission gesessen – übrigens nachdem er zuvor lautstark getönt hatte, dass bloß kein Politiker in der Kommission sitzen solle.

Heute dreht er den Spieß um. Denn nachdem er sich von Philipp Türmer die erste verbale Schelle eingefangen hat, pampt Reddig zurück: „Das ist der Grund, warum ich meinte, dass Politiker nicht in die Kommission sollten.“

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Dabei hat Türmer gar nicht so arg viel zu kritisieren. Er bemängelt hauptsächlich, dass der Reformplan „an einem entscheidenden Konstruktionsfehler leidet“. Wer länger einzahle, der solle auch „früher rausgehen können“. Man müsse die Zahl der Berufsjahre und die Schwere der Arbeit in Ansatz bringen. „Menschen, die hart arbeiten, leben acht Jahre kürzer“, jammert Türmer.

Die vorgezogene Rente mit 63 hat der junge Sozialist schon gar nicht mehr auf dem Zettel. Die habe „es nicht gebracht“, wie man ja gesehen habe. Für Lanz erkennbar ein übler Dämpfer in seiner Streitplanung. Türmer will nicht mitspielen? Da fragt der Moderator lieber schnell nochmal die Zahl der berühmten Dachdecker ab, die ja immer gern in die Rentendiskussion geworfen werden. Er hat die Angaben selbst gerade erst recherchiert, doch Türmer soll sie gefälligst aus dem Kopf wissen. „Es gibt 62.000 / 63.000 Dachdecker in diesem Land“, posaunt Lanz, „so!“ Was solle das denn nur immer mit diesen Dachdeckern. Türmer stimmt zu: „Es wurde immer mit dem Dachdecker begründet, aber am Ende waren es dann immer die gutbezahlten Akademiker“ Man müsse eben berücksichtigen „wie lange jemand einzahlt, und wie gesund, wie fit er ist“, denn „man sollte nicht arbeiten, bis man gesundheitlich nicht mehr kann“.

Die ganze Sendung krankt daran, dass die eigentlichen Kritiker des Rentenkonzepts gar nicht am Start sind. Stattdessen versucht Lanz, einen Kampf auf Krampf zu konstruieren. Türmer soll gefälligst die Rente mit 63 und die verdammichen Dachdecker verteidigen. Und wenn er stattdessen sagt, er wolle sowieso nicht alles zerreden, kommt Lanz bei der nächsten Konfrontationskonstruktion schon mal ins gepflegte Stammeln.

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Dafür nutzt Türmer die Chance und wirft altbewährte Juso-Kampfbegriffe in den Ring: die Reichen- und die Erbschaftssteuer. „Ich jag‘ doch nicht meiner Oma hinterher, um ihr die Cents aus dem Portemonnaie zu klauen, wenn Milliardenerben keinen Cent Steuern zahlen“, hatte Türmer im Herbst gestöhnt. Seine Parteichefs Bas und Klingbeil als „Gemeinschaft der Ohnmacht“ zu brandmarken, diesen Vorwurf aus dem Frühjahr wiederholt er heute nicht. Das Reformpaket jedoch wie Bas als „Gesamtkunstwerk“ zu bezeichnen, das sei dann doch „ein bisschen übertrieben“. Und beim Kollegen im Nebensessel, der sich erkennbar etwas zu wohl fühlt, versucht er einen Scherz: „Du bist Pascal Reddig und nicht Pablo Picasso.“ Münstermann wiederum hat „großen Respekt für Bärbel Bas, die eine gewisse Häutung erlebt hat. Das hat sie ziemlich klug gemacht.“

Während der Zuschauer noch mit den Bildern im Kopf kämpft, bleibt die Runde handzahm und tranquilierend, mit ein paar frohlockigen Strähnchen in den Haarspitzen, aber ansonsten in der Wolle gefärbt. Auf dass am Ende alle gut schlafen können. Und sich auf die Rente freuen.

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Dabei zeigt eine Grafik sehr deutlich, wie übel die Zahlen tatsächlich werden. Die Beitragssätze können eben nicht gleich bleiben, wie von Merz und Bas in der Pressekonferenz behauptet, sie steigen in wenigen Jahren vermutlich auf etwa 22 Prozent. „Was ziemlich viel ist“, konstatiert Lanz messerscharf, und Reddig sagt schließlich den wichtigsten Satz der Sendung: „Wir werden es nicht schaffen in den nächsten Jahren, dass der Beitragssatz stabil bleibt oder dass er sinkt.“

Münstermann sieht die ganze Chose dennoch positiv. Den beiden Männern ruft sie fröhlich zu: „Genau für Ihre Generation ist doch heut‘ ein guter Tag.“

Auch das langfristig angestrebte Rentenniveau von 70 Prozent des letzten Lohns kommt zur Sprache. Die Idee hat die CDU ohne Quellenangabe von der AfD übernommen. Lanz betont das genüsslich. Bereits Ende der 2040-er Jahre könne es so weit sein, raunt Reddig. Der windschnittige Moderator findet das sehr interessant. Seltsam: Bereits am 23. April hatte die AfD-Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy das AfD-Konzept bei Lanz vorgestellt und gesagt, dass die AfD in den nächsten 30 Jahren ein Rentenniveau von 70 Prozent anstrebe.

Damals fand Lanz die Idee noch völlig absurd. Hat er heute irgendwie vergessen zu erwähnen. Na egal, schlafen Sie gefälligst gut!

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Kommentare ( 3 )

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humerd
1 Stunde her

„Wir werden es nicht schaffen in den nächsten Jahren, dass der Beitragssatz stabil bleibt oder dass er sinkt.“
weil immer mehr familien- und sozialpolitische Leistungen, gesamtgesellschaftliche Aufgaben aus der Rentenkasse finanziert werden und der Bundeszuschuss die Kosten seit Jahrzehnten nicht trägt. Gleiches gilt für die gesetzliche Kranken- und Pflegekassen.
Leider berichten die Medien viel zu wenig, zu kurz darüber, wie sehr die gesetzlichen Sozialkassen geplündert werden.

November Man
1 Stunde her

Die „Rente“ ist nach wie vor der zweitgrößte Betrug in der Geschichte der Deutschen an den Deutschen.  

Franz Grossmann
1 Stunde her

Das Hauptproblem ist vor allem, dass in dieser Rentenkommission vor allem Beamte sitzen, die von den Vorschlägen selbst nicht betroffen sind, d.h. no skin in the game. Das gilt natürlich auch für die Politiker.