Havertz schießt. Tor! Tor! Tor! – Die Medien und der Fußball

Die Lage des deutschen Fußballs wird als Symptom für den gesellschaftlichen Niedergang empfunden. Allerdings ist er vor allem ein Symptom für den Zerfall des Journalismus. Der ist längst zu einem integralen Bestandteil dieser gigantischen Wertschöpfungsmaschine Weltmeisterschaft geworden.

picture alliance / HMB Media | Marco Bader
Kai Havertz nach dem 1:0 gegen Paraguay, 29.06.2026

Natürlich schoss bei der WM 1954 nicht Kai Havertz, sondern Helmut Rahn jenes Tor, das ihn und den Radioreporter Herbert Zimmermann unsterblich machen sollte. Sein Nachfolger im deutschen Sturm schoss leider daneben. Oder doch nicht? Wie auch immer: Jürgen Klopp, und die Journalisten in seinem Gefolge, haben immer die richtige Antwort parat. – Was, wenn das blamable Sechzehntelfinale ganz anders abgelaufen wäre? Dann sähen die Presseberichte ungefähr so aus:

„Nach einem dramatischen und kampfbetonten Spiel kam es im Sechzehntelfinale zwischen Deutschland und Paraguay zum Showdown. Deutschland hatte noch nie ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft verloren. Die gefürchtete deutsche Effizienz sollte sich wieder einmal bestätigen.

Gegen sich selbst verloren
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Zuerst trat der wiedererstarkte Kai Havertz vom FC Arsenal an, frisch gebackener englischer Meister. Er bestätigte die Erwartungen und verwandelte zielsicher links unten. Der paraguayische Torwart Orlando Gill war in die falsche Ecke gesprungen. Anschließend verschoss lediglich der zuletzt formschwache Nick Woltemade von Newcastle United. Joshua Kimmich und Jamal Musiala vom FC Bayern München verwandelten sicher, aber zu den viel besungenen Helden des Abends wurden zwei andere Spieler: Zuerst der erst spät eingewechselte Mainzer Nadiem Amiri, der seine Stürmerqualitäten mit einem hervorragend geschossenen Elfmeter unter Beweis stellte.

Aber der Held des Abends wurde Manuel Neuer. Den vierten Elfmeter hätte er gehalten, selbst wenn er nicht knapp das Tor verfehlt hätte. Den letzten und entscheidenden Elfmeter von Fabián Balbuena hielt der wohl beste Torhüter aller Zeiten bravourös.

Deutschland steht erstmals seit 2014 wieder in einem Achtelfinale.

Es war der zweite hart umkämpfte Sieg nach dem Erfolg gegen die Elfenbeinküste. Schon damals lobte die Presse den Kraftakt der Deutschen, das Spiel nach einem Rückstand noch zu drehen. Die Bild-Zeitung vergab zweimal die Note 1 für das Team: Titelreif sei das zwar noch nicht gewesen, aber das DFB-Team „zu einem Last-Minute-Sieg“ gerettet: „In unserem zweiten WM-Spiel laufen wir gegen die Ivorer lange einem Rückstand hinterher. Doch am Ende sind es die Joker, die eine Niederlage verhindern.“ Nach den hymnischen Tönen beim 7:1 Auftaktsieg gegen Curaçao erinnerte das Schlagwort im zweiten Spiel an deutsche Tugenden, die sich so anhörten: „Das war in Toronto ein hartes Stück Arbeit für die Nagelsmann-Truppe.“

Das verband sich mit der internationalen Anerkennung für das Geschick des Bundestrainers bei den Auswechslungen, etwa in der Daily Mail: „Was für ein Comeback! Julian Nagelsmann sorgte nach der Pause für die Wende und sicherte damit den Einzug in die K.o.-Runde. Sie haben Deniz Undav zu danken, der von der Bank kam und den entscheidenden Doppelpack schnürte. Wieder dort, wo sie hingehören.“

Und in Spanien sagte die Marca das, was in Deutschland jeder gerne hört: Deutschland sei eben Deutschland. Man dürfe sie niemals abschreiben.“ Auch Jürgen Klopp als Starkommentator von Magenta TV fand im Gespräch mit Johannes B. Kerner die passenden Worte. Er lobte Leon Goretzka für seinen Einsatzwillen, der den Führungstreffer der Elfenbeinküste verhinderte. Es seien, so Klopp, wahnsinnig gute Dinge dabei gewesen, die man in die nächsten Spiele mitnehmen könne. Und wenn man die auch noch besser mache, hätten die schon gezeigt, warum „wir auch ein Favorit sein können.“

Qualität des deutschen Trainerstabes

Nach diesem wieder hart erarbeiteten Sieg gegen Paraguay ist der Tenor gleich: Mit Deutschland ist wieder zu rechnen. Das Team spielt nicht immer schön, aber ist da, wenn es sein muss. So überwogen Im Spiel gegen Paraguay die Stärken über die Schwächen. Nach deren Führungstreffer ließ die Abwehr kaum noch etwas zu.

Gleichzeitig ist es extrem schwierig, gegen die kompakt verteidigenden Paraguayer ein Tor zu schießen. Es zeigte sich, warum der vermeintliche Fußball-Zwerg in der WM-Qualifikation gegen Brasilien und Argentinien gewinnen konnte. Dieses Bollwerk einzunehmen, gelang zweimal, wobei das zweite reguläre Tor von Jonathan Tah in der Verlängerung aberkannt wurde.

Deutschland ging mit einer psychologisch schwierigen Ausgangslage in das Elfmeterschießen. Jeder erwartete einen Sieg, der kurz vorher durch eine Schiedsrichterentscheidung nicht Wirklichkeit wurde. Das letzte Elfmeterschießen einer deutschen Mannschaft fand 2006 bei der Heim-WM im Viertelfinale gegen Argentinien statt. Die meisten deutschen Spieler hatten das nur als Kleinkinder erlebt. Sie gingen mit dieser Bürde am Ende souverän um.

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Gleichzeitig zeigte sich die Qualität des deutschen Trainerstabes um Julian Nagelsmann. Er rotierte und ließ von Beginn an den Goalgetter Deniz Undav vom VfB Stuttgart spielen. In der zerfahrenen ersten Halbzeit konnte er selten Akzente setzen, aber mit der Einwechslung von Musiala zeigte sich der Aufwärtstrend der vergangenen Tage. Das Traum-Duo Florian Wirtz/Jamal Musiala wird mit jedem Spieltag besser. Musiala zeigte im Spiel die nötige Härte und Einsatzwillen, bewies beim Elfmeter trotz seiner Jugend Nervenstärke. Zudem wird jetzt niemand mehr die Nominierung von Neuer bekritteln, wie das in den vergangenen Wochen der Fall war. Er glänzte mit seinem Stellungsspiel, machte mit seinen Abwürfen das Spiel schnell und hielt am Ende den entscheidenden Elfmeter.

Hat jemand etwas von Jürgen Klopp gehört? Er wird wohl weiterhin für einen Brausekonzern mit angeschlossener Fußball-Abteilung arbeiten. Die Niederlage gegen Ecuador im bedeutungslos gewordenen letzten Gruppenspiel erwies sich als Ausrutscher in einem ansonsten gut aufgestellten Kader. Im Achtelfinale geht es gegen den Top-Favoriten Frankreich. Der spielte bisher herausragend, ist bisher die mit Abstand beste Mannschaft im Turnier. Die deutsche Mannschaft hat jetzt einen Vorteil: Sie gilt als krasser Außenseiter. Aber mit einer weiteren Leistungssteigerung und der neu entdeckten deutschen Tugend namens „harte Arbeit“ hat sie Chancen, das Spiel ausgeglichen zu gestalten.

Das Vorbild ist die erste Halbzeit des Senegal in seinem Gruppenspiel gegen das französische Starensemble. Die Nation fiebert dem Spiel am kommenden Samstag um 23.00 Uhr entgegen. Nagelsmann wird an seiner bewährten Linie festhalten: Die Spieler bekommen frei, um mit ihren Familien den Kopf frei für die kommende Herausforderung zu haben. An Fitness fehlt es ihnen nicht, wie sie bewiesen haben. Der Countdown läuft.“

75 Sekunden entscheiden alles

Alles ist richtig in diesem Text, außer der Bericht über den Elfmeter von Kai Havertz. Er hat nicht nach links, sondern nach rechts geschossen: Paraguays Torhüter wehrte den schlecht geschossenen Elfmeter problemlos ab. Elfmeterschießen ist immer ein Glücksspiel mit klar festgelegten Rollen: Es wird einen Helden und einen tragischen Helden geben. Letzterer ist der Spieler, der den entscheidenden Elfmeter verschießt. In diesem Spiel war es Jonathan Tah, in diesem Szenario wäre es Fabián Balbuena gewesen, dessen Fehlschuss aber im Jubel über den Sieg gegen Deutschland längst vergessen ist.

Über den Ausgang des Spiel entschieden die 75 Sekunden dieses ersten Elfmeters. Aber sie entschieden auch über die Urteile über die Leistung der Mannschaft in diesem Turnier. Den Hosianna-Rufen nach den ersten beiden Partien folgte das „Kreuzigt sie“ nach dem blamablen Ausschieden. Dabei waren alle Schwächen dieser Mannschaft schon im Spiel gegen Curaçao zu erkennen, man hätte nur hinsehen müssen: fehlendes Tempo, Zweikampfschwäche, Fehlpässe am laufenden Band.

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Nein, wir sind nicht stolz
Die in diesem Artikel verlinkten Medienberichte sind eine zufällige Auswahl. Im Grunde schrieben alle das Gleiche, Ausnahmen gibt es immer. Die gleichen Reporter, die von der tollen Atmosphäre im deutschen Quartier in Winston-Salem, North Carolina, schwärmten, fanden nach dem Ausscheiden kritische Worte, die bis dahin von ihnen nicht zu hören waren. Über die Familientage der Nationalmannschaft wurde breit berichtet, aber niemand nahm daran Anstoß. Jetzt gelten sie als Skandal, weil Nagelsmann sogar mit Frau und Mutter angereist war. War zuerst alles gut und großartig vorbereitet, ist jetzt alles schlecht und das hatte jeder schon immer gewusst.

Kaum jemand äußerte Kritik an der vorzeitigen Vertragsverlängerung mit Nagelsmann im vorherigen Jahr bis zur Europameisterschaft 2028. Er galt als einer der wenigen Spitzenleute in der Branche, den man unbedingt langfristig binden wollte. Jetzt empört sich jeder, dass Nagelsmann auf Vertragstreue besteht, die ansonsten in jedem Bundesligaverein selbstverständlich ist. Wenn ein Trainer vorzeitig entlassen wird, muss der bisherige Arbeitgeber eine Entschädigung zahlen.

„Zum Glück stellt Nagelsmann die Mannschaft auf. Noch.“

Wäre Fußball ein gesellschaftliches Spiegelbild, müsste Frankreich in einem goldenen Zeitalter leben. Das glaubt kein Franzose, noch nicht einmal Präsident Emmanuel Macron. Aber Fußball ist das einzige Ereignis, das Massen emotional binden kann, und zwar weltweit. Deshalb wird die Lage des deutschen Fußballs bei uns als Symptom für den gesellschaftlichen Niedergang auf allen Ebenen empfunden. Allerdings ist er vor allem ein Symptom für den Zerfall des Journalismus. Der ist als „embedded journalism“ längst zu einem integralen Bestandteil dieser gigantischen Wertschöpfungsmaschine Weltmeisterschaft geworden.

Journalisten und deren Experten versuchen nur noch eins: Mit kritischer Berichterstattung nicht zum Stimmungstöter zu werden. Schließlich hat man gigantische Summen für Übertragungsrechte gezahlt, Medien bedienen mit Berichterstattung die Erwartungen des hoch emotionalisierten Publikums. Eine kurzen Blick hinter die Kulissen dieser PR-Maschine erlaubte ausgerechnet Jürgen Klopp. In einem der zahllosen Interviews bei Magenta witzelte er über den Bundestrainer: „Zum Glück stellt Nagelsmann die Mannschaft auf. Noch.“

Alle waren empört über dieses offen ausgesprochene Misstrauen. Dafür musste sich Klopp – so wortreich wie gewunden – entschuldigen, er habe das nicht so gemeint, wie er es gemeint hat. Alle Medien arbeiteten jetzt daran, ihn zum kommenden Bundestrainer zu machen. Mittlerweile gilt der sogenannte „Rücktritt“ als sicher, rechtlich gesehen muss man wohl eher von einer einvernehmlichen Beendigung des Arbeitsverhältnisses sprechen. Ansonsten wird sich nichts ändern: Klopp wird im deutschen Journalismus genug Gefolgsleute finden, Ausnahmen bestätigen die Regel. Alle wollen schließlich diese gigantische Wertschöpfungsmaschine am Laufen halten.

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Kommentare ( 4 )

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4 Comments
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Haba Orwell
43 Minuten her

> Die Lage des deutschen Fußballs wird als Symptom für den gesellschaftlichen Niedergang empfunden.

Aha. Das Rennen im Stechschritt in den Weltkrieg oder der Klima-Suizid gerade nicht – nur Fußball? Mit neuem Titel wäre hier in Schland alles paletti?

Klaus Kabel
21 Minuten her

Die Journaille wird sich, wenn Merz und Co. im Müll gelandet sind, ebenso äußeren, da sie es ja schon immer gewusst haben

Ohanse
22 Minuten her

Von mir aus kann Klopp den Job übernehmen, der ist so gut wie jeder andere. Das Grundproblem der DFB-Elf bekommt kein Trainer weg: Bei einer linksgrünen Vorfeldorganisation wie dem DFB versammeln sich nicht die Besten, sondern die, die am besten ins Schema von Mittelmaß und Unvermögen passen. Wer sich da freiwillig einsortiert, muss sich damit abfinden, über dieses Niveau nicht mehr hinauskommen zu können.

Dundee
29 Minuten her

Über jeden wird geredet. Nur nicht über Neuendorf. Sogar die offensichtlichen Schwächen des „Journalismus“ werden von „Journalisten“ an den Haaren herbei gezogen um von Neuendorf abzulenken. Mit Artikeln, die so gezwungen und ungelenk daneben sind, wie Elfmeter von Tah. Bloß nicht diesen Namen Neuendorf erwähnen. Bloß nicht bekennen, wer die ursächliche Ursache all des Murks ist. Die Treppe zu fegen ist ja gut und schön. Auch wenn’s mit dem Staubwedel gemacht wird, wie im obigen Artikel. Doch in der Mitte der Treppe mit dem Fegen zu beginnen nutzt nix, wenn der Dreck oben auf der Treppe davon unberührt bleibt. Denn… Mehr

Last edited 28 Minuten her by Dundee