Warentest: Hass im Test – Noten für Tweets und Facebook-Postings?

Nicht mehr nur der Haarfön bekommt Noten, auch die Gesinnung: Stiftung Warentest macht mit bei Jagd auf Abweichler vom Heiko-Maas-Kurs. Erhalten wir bald alle Noten für unser Denken und Schreiben?

Screenshot: Facebook, Stiftung Warentest

Ist die angesehene Stiftung Warentest Opfer des eigenen Anspruchs geworden? Demontiert sie ihren über Jahrzehnte erarbeiteten integren Ruf gerade in atemberaubenden Tempo? Was ist passiert?

Fakt ist zunächst: Kurz nach einer Warnmeldung über Bittermandeln mit Blausäure bei Aldi-Süd mutierten die edlen Verbraucherschützer mit selbstdefinierten Auftrag  via Facebook und Twitter binnen Stunden hin zu einer politischen Organisation, einer Art selbsternannte Strafverfolgungsbehörde, die sich als eigentlich neutrale Verbraucherschutzorganisation ohne Not aufgerufen fühlte, ihre Verbraucher beispielsweise darauf hinzuweisen, dass man für Hass-Kommentare im Netz empfindliche Strafen bekommen kann.

Was dahinter steckt? Heiko Maas jedenfalls, der heimliche Twitter-König der Bundesregierung und erwiesene Fachmann für Guerilla-Selbstvermarktung, spendete Beifall dafür und bedankt sich bei der über 50 Jahre alte Verbraucherorganisation für diese doch höchst merkwürdige Form der Verbraucherempfehlung und lupenreinen Kompetenzüberschreitung.

„Merkel steinigen“ steht da? Und das kostet 2.000 Euro Strafe, weiß Stiftung Warentest? Ist das dann eine 5? Und „Ziegen f…..“ eine 6? Da muss sich einer wie Böhmermann wohl demnächst warm anziehen, wenn die Warenschützer erst einmal auf ihn aufmerksam geworden sind. Darf er dann noch im ZDF auftreten, wenn er eine schlechte Note von Warentest kassiert hat? Alles wegen Hass und politischer Korrektheit, über die Heiko Maas bestimmt.

Neue Aufgaben für Stiftung Warentest

Was kommt als nächstes? Ein Aufruf, diese oder jene positiv gestestete Partei zu wählen oder zukünftig ein Bataillon von Solidaritätsadressen via Twitter an den nächstbesten Goodwill-Politiker, der dann die Sehr-gut-Plakette der Stiftung Politikertest in der nächsten Talksshow stolz und deutlich sichtbar am Revers tragen darf? Politiker im Test und ausgezeichnet nach dem mindestens bei der deutschen Industrie so gefürchtet-berüchtigten Schulnotenprinzip von 1-6? Womöglich die nächsten Testberichte alternativ auch noch in Arabisch?

Jeder kennt ja die Verbraucherorganisation „Stiftung Warentest“. Als ein Mittel, den Verbraucher mündiger zu machen, gründete Bundeskanzler Ludwig Erhard vor 52 Jahren die Stiftung Warentest – übrigens gegen heftigen Widerstand der Industrie. „Wohlstand für Alle“ bedeutete für ihn: Vorfahrt für den Konsumenten und die Peitsche Wettbewerb für die Produzenten. Und so gingen die Warentester 1964 an den Start, um den guten und bösen Deutschen gute und sehr gute Ratschläge zu geben, welches Produkt etwas taugt und welches weniger. Natürlich sollte so auch die Warenindustrie angehalten werden, wertige Produkte zu entwickeln und anzubieten.

Seitdem mauserte sich die Organisation zum gefürchteten Königsmacher der bundesdeutschen Warenwelt. Wer gut oder sehr gut abschneidet, schmückt seine Produkte gerne mit Testergebnis plus Siegel der Stiftung. Nun arbeitet Stiftung Warentest zwar im staatlichen Auftrag und wird auch aus Steuermitteln gefördert (10% des Budgets). Dennoch muss man seit Juli 2013 bis zu 25.000 Euro zahlen, will man seine Produkte mit so einer Plakette schmücken.

So weit, so lukrativ, auch wenn der grundehrliche Erhard sich bei dieser Art von linker Geschäftemacherei in seinem Tegernseer Grab umdrehen würde. Nun ist, was gut läuft, nicht zu beanstanden. Mittlerweile konkurriert „Öko-Test“ (eine lukrative Beteiligung der SPD mit Briefkasten in Hongkong) mit der Stiftung Warentest. Man hat sich darauf spezialisiert, bestimmte nachhaltigere Kriterien anzulegen. Aber hier wurde eher eine neue Nische besetzt, als dass es zu einer spürbaren Verdrängung gekommen wäre.

Der Schritt von der Warenwelt in die Geisteswelt

Der Mai 2016 könnte jetzt für die Stiftung Warentest zur Zäsur werden. Denn nichts ist so vergänglich, wie der gute Ruf von gestern. Volkswagen mit seinem Umweltskandal bekäme demnach aktuell im neuen Guter-Leumund-Test allenfalls eine 4, ein ausreichend, und der reumütige ADAC beispielsweise kann wohl nie mehr mit einem astreinen sehr gut rechnen, irgendwas bleibt ja immer hängen.

Nun ist so eine merkwürdig aktivistische Positionierung im Eifer des Gefechts auf Twitter und Facebook von ein paar deutlich überengagierten Mitarbeitern noch kein Beinbruch. Aber es belegt zumindest eine deutliche Kompetenzüberschreitung, die via Shitstorm schnell zu etwas heranreifen kann, das nachhaltiger wirkt, als es den Damen und Herren der Stiftung lieb sein kann. Gesinnungsprüfung ist nicht so simpel wie eine Staubsauger-Saugprüfung und im übrigen: Sollten hierzulande nicht wenigstens die Gedanken frei sein? Dabei denken die Warentester vermutlich nur an Schillerlocken und nicht an die Freiheitsode. Aber der Horizont ist eben begrenzt.

Schaut man hier ganz weit über den Tellerrand, dann offenbart sich exemplarisch sogar ein viel weitreichenderes Problem mit diesen schnelllebigen neuen sozialen Medien. Dann könnte man sogar zurückblicken bis hin zu Angela Merkels zunächst harmlos gemeinten liebevollen Selfies mit Asylbewerbern, die dann aber via Facebook und Twitter verbreitet in einigen arabischen Ländern Hoffnungen geweckt haben, die die Bundesregierung in den letzten Monaten in einem enormen Kraftakt wieder verzweifelt bemüht ist zu revidieren.

Also liebe Stiftung Warentest – nichts passiert. Die Jungs und Mädels bei Euch an den Rechnern hatten wohl vor dem Wochenende schon so etwas wie eine Prosecco-Laune und haben private Haltungen mit dem Auftrag Ihres Arbeitgebers verwechselt. Shit happens. Shitstorm happens. Aber passt da in Zukunft ein bisschen besser auf, was die Teilzeitstudenten da hinten im Büro so aushecken. Schaut doch lieber nochmal genauer, warum ich diesen verdammten Smoothie Maker der Marke XY nach 5 Tagen wegschmeißen musste, weil ich ihn statt der erlaubten 60 Sekunden zwei Minuten habe laufen lassen. Ich habe nämlich gerade so einen Hass auf den Hersteller, dass ich denen am liebsten eine saftige Beleidigung twittern und facebooken würde. Aber leider habe ich keine Accounts. Manchmal auch besser so, oder?

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