„Sozialistische Regelungswut“: KBV-Chef Gassen rechnet mit SPD-Plänen für Facharzttermine ab

„Das ist Bullshit“: Andreas Gassen rechnet mit der Politik ab: Statt das völlig kaputte Kassensystem zu sanieren, verspreche die SPD nun auch noch Wunschtermine per Gesetz. Das sei blanker Unsinn und führe am Ende zu noch längeren Wartezeiten.

IMAGO - Collage: TE

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat ausgesprochen, was im Berliner Politikbetrieb kaum noch einer sagt. Der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch fordert einen gesetzlichen Anspruch auf schnelle Facharzttermine. Andreas Gassen hält genau diesen Vorstoß für politischen Unsinn. Nicht Wahlkampffristen dürften über Termine entscheiden, sondern allein die medizinische Notwendigkeit.

Gassen greift die Forderung deshalb mit seltener Deutlichkeit an. Was da aus der Politik komme, sei „sozialistische Regelungswut“. Noch klarer wird er mit seinem Urteil, der Vorschlag sei „schlicht Bullshit“. Der Satz ist deshalb so hart, weil er den Kern trifft. Die Politik verspricht Versorgung, die das System in dieser Form gar nicht leisten kann, und tarnt diesen Bluff als soziale Gerechtigkeit. Genau daran arbeitet sich Gassen ab. Miersch will eine Frist setzen, binnen derer gesetzlich Versicherte einen Facharzttermin erhalten sollen. Dazu kommt die Drohung eines Bonus-Malus-Systems bei der Vergütung von Ärzten. Wer zu wenige Termine anbiete, dessen Budget solle sinken. Das ist der alte Reflex dieser Politik. Erst setzt sie den Praxen finanzielle Grenzen, dann beschwert sie sich über Knappheit und am Ende will sie den Mangel mit neuen Sanktionen verwalten.

Gassen wirft der Politik vor, Fristen nicht nach Dringlichkeit, sondern aus Wählerappeasement zu setzen. Das ist der entscheidende Punkt. Die Regierung sagt den Versicherten nicht, was medizinisch nötig und was aufschiebbar ist. Sie sagt ihnen lieber das, was sich gut anhört. So wird aus Gesundheitspolitik eine Beruhigungspille für verärgerte Beitragszahler. Dabei beschreibt Gassen das eigentliche Problem brutal nüchtern. Der medizinische Bedarf müsse über Termine entscheiden und nicht der gefühlte Bedarf. Denn der sei faktisch nicht zu stillen. Kaum werde ein Patient behandelt, warte schon der nächste und halte seinen eigenen Fall selbstverständlich ebenfalls für dringend. Genau deshalb brauche ein funktionierendes System klare Prioritäten und keine politische Simulation von Gleichbehandlung.

Diese Unterscheidung spricht kaum noch jemand offen aus, weil sie unpopulär ist. Gassen tut es trotzdem. Wirklich dringende Fälle müssten innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen behandelt werden. Das sei selbstverständlich. Der große Rest könne medizinisch auch Wochen oder Monate warten. Wer seit drei Jahren Rückenschmerzen habe, müsse nicht morgen untersucht werden. Das ist kein Zynismus, sondern die schlichte Wahrheit eines Systems mit knappen Ressourcen. Gerade deshalb sei das von der Koalition geplante Primärarztsystem zwar grundsätzlich richtig, aber nur unter einer Bedingung. Es müsse endlich sauber definiert werden, was wirklich dringend ist. Nach Gassens Einschätzung betrifft das nur einen kleinen Prozentsatz aller Termine. Ohne diese Ehrlichkeit wird auch das nächste Reformmodell scheitern, weil es wieder denselben Fehler macht und jeden Fall politisch zum Notfall hochstuft.

Die nackten Zahlen sprechen ohnehin gegen die Illusion der schnellen Lösung. Schon jetzt warten gesetzlich Versicherte im Durchschnitt deutlich länger auf einen Facharzttermin als noch vor wenigen Jahren. Und Gassen warnt, dass es noch schlimmer werden könnte. Wenn die Politik den Kürzungsvorschlägen der Kommission folgt, müssten Patienten sich schon bald auf 50 Tage und mehr einstellen. Besonders scharf fällt sein Angriff auf die Logik hinter diesen Kürzungen aus. Kommission und Bundesrechnungshof stellen in Frage, ob Zuschläge für vermittelte Termine den Versicherten überhaupt etwas gebracht hätten. Gassen widerspricht direkt. Gerade weil diese Zuschläge existierten, hätten Fachärzte zusätzliche Termine angeboten. Wer diesen Anreiz streicht, spart nicht an Überfluss, sondern kappt Versorgung.

Noch drastischer wird das mit seinem Hinweis auf den bestehenden Kostendeckel. Schon heute würden 40 Millionen Facharzttermine nicht vergütet. Fielen nun auch noch Zuschläge weg, würden die Praxen nur noch jene Termine anbieten, die tatsächlich bezahlt werden. Etwa jeder elfte Termin würde verschwinden. Patienten würden das binnen weniger Wochen merken. So sieht die Realität hinter den Versprechen aus, mit denen sich dieselbe Politik als Schutzmacht der Kassenpatienten inszeniert.

Gassen benennt damit das Grundübel dieses Systems. Die Politik produziert Knappheit, deckelt Leistungen, kürzt Anreize und tut anschließend so, als ließe sich der Schaden mit einem neuen Rechtsanspruch kaschieren. Genau das ist der Betrug an den Versicherten. Ein Gesetz schafft keinen Termin. Es schafft nur neue Erwartungen, die auf ein System treffen, das der Staat selbst an die Wand gefahren hat.

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Kommentare ( 5 )

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epigone
24 Minuten her

Die SPD und ihr Personal kann getrost in die Kategorie „geistig ein klein wenig behindert“ einsortiert werden. Eine Analogie: In Paragraph 24 SGB VIII ist klar geregelt, dass man seit Herbst 2013 einen Anspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz hat. Und wie sieht die Realität aus? Wachsen Kindergartenplätze und ähnliches auf den Bäumen? Natürlich nicht – wir haben einen massiven Mangel! So ist das eben, wenn Schwachsinnige, Dumme und Berufs- und Bildungsversager einen Staat leiten. Die verwechseln dann schon mal leicht ihre Fantasien und ihre kranke linke Ideologie mit der Realität. Eigentlich ein Fall für die Psychatrie. Im Falle von zusätzlichen Facharztterminen… Mehr

roffmann
39 Minuten her

Die Terminvermittlungsfirmen , bieten oft nur für „Privatpatienten“ an und das so geschickt , dass der Kunde das oft nicht merkt und ihm die Rechnung dann auch über ein ausgelagertes System präsentiert wird. Eine richtig üble Masche von der sich seröse Praxen wieder verabschiedet haben. Andererseits sollte der Kunde von nicht wahrgenommenen und nicht rechtzeitig abgesagten Terminen zur Kasse gebeten werden ! Dazu sagt der“ Gesetzmachenwollende“ wieder nix .

Last edited 36 Minuten her by roffmann
Wilhelm Roepke
52 Minuten her

Was soll die Regierung denn machen? Zugeben, dass 50 Jahre falsche Politik jetzt ihren Preis fordern? Dass die AFD mit den Folgen der Migration für das Gesundheitssystem recht hatte? Dass die Leute zu wenig Kinder kriegen? Dass die Alterung der Gesellschaft durchschlägt?

Das wollen weder die Mehrheit der Wähler noch die Mainstreammedien hören. Das müssen beide schon zuerst kapieren.

CaTo23
26 Minuten her
Antworten an  Wilhelm Roepke

Ganz einfach, der Bund zahlt viel zu wenig für die in der GKV versicherten Bürgergeldempfänger. Das Defizit vom 9 Millarden überlässt die Politik allein den Versicherten in der GKV. Ebenso die vermurkste Krankenhausreform, dafür dürfen auch nur gesetzlich Versicherte bezahlen, obwohl auch privat Versicherte Krankenhäuser nutzen. Warum erhalten Migranten, ob nun legal oder illegal im Land, sofort uneingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem ohne je einen Cent in das System eingezahlt zu haben?
Soviel dazu was die Regierung ändern könnte.

verblichene Rose
1 Stunde her

„Wer seit drei Jahren Rückenschmerzen habe, müsse nicht morgen untersucht werden.“  Das stimmt zwar auch, ist aber genau so ein Bullshit! Wenn nicht sogar an Zynismus kaum noch zu übertreffen! Denn das sagt nicht weniger als: „…derjenige kann die Schmerzen auch noch weiter ertragen, schliesslich ging es ja bisher auch mit Schmerzen…“ Nun, ich habe tatsächlich „gelernt“ mit meinen Rückenschmerzen zu leben. Aber bestimmt nicht, weil ich mir den Arztbesuch nur noch nicht „gönnen“ wollte… Ich rate Herrn Gassen daher einfach mal, einen unverbindlichen Arzttermin zu vereinbaren. Noch bevor er überhaupt sagen könnte, wo er versichert ist, wird er nämlich… Mehr