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Die Inflation kommt aus der Flasche

Die Folgen des Abwertungs - Wettlaufs

THEMA:

Die großen Wirtschaftsnationen handeln mehr gegen- als miteinander, indem sie ihre Währungen schwächen. Für die Abkehr von dieser Geldpolitik ist es bereits zu spät. Wahrscheinlich kennen  Sie das, wenn schon nicht aus eigener Erfahrung, dann zumindest aus Slapstickfilmen: Der Inhalt einer Remouladen- oder Ketchupflasche will zunächst trotz heftigen Schüttelns nicht herauskommen – bis sich auf einmal ein ganzer Schwall über Ihren Teller ergießt, oder falls Sie Pech haben, über Ihren Anzug.

Das Ketchup-Theorem der Inflation

Mit der Inflation ist es ähnlich: Erst bleibt sie moderat, schlimmstenfalls gefühlt erscheint sie höher, während offiziell nach wie vor die Null vor dem Komma steht. Doch dann schiebt sich die Eins vor das Komma, die Zwei lässt nicht mehr lange auf sich warten, und schwuppdiwupp geht es weiter rauf.

Aktueller Anlass, dieses für die kommenden Jahre zu erwartende Szenario näher unter die Lupe zu nehmen, ist die Abwertung der chinesischen Währung Yuan, offiziell Renminbi genannt (Kürzel im internationalen Handel: RMB). Was beabsichtigt Chinas Regierung bzw. Zentralbank mit ihr? Zweifellos eine Stimulanz für die eigene Exportwirtschaft. Dadurch folgt sie – fürs Erste in einem kleinen Schritt – dem Beispiel Japans, wo mit der Yen-Abwertung bereits ein großer Schritt unternommen wurde. Das Ganze hat mit Begriffen wie Abwertungswettlauf oder Währungskrieg bereits Einzug in die Medien gehalten.

Wir werden China zu spüren bekommen

Längst mischt dabei auch die EZB mit, indem sie beschloss, von März 2015 bis September 2016 über 1,1 Billionen Euro an Schuldpapieren aufzukaufen. Diese Entscheidung ließ im Frühjahr den Euro gegen den Dollar schwach werden. Da bleibt der US-Notenbank Fed nichts anderes übrig, als die ursprünglich geplante Zinserhöhung auf die lange Bank zu schieben und gegebenenfalls erst gar nicht zu vollziehen, denn sie würde den Dollar gegenüber den anderen großen Währungen noch mehr stärken und die amerikanische Wirtschaft damit schwächen.

Machen wir uns nichts vor, China wird den Yuan weiter abzuwerten versuchen, und den anderen Wirtschaftsgroßmächten wird nichts anderes übrig bleiben, als ihre Währungen ebenfalls schwach zu halten. Die Folgen, auch und gerade für Deutschland, sind absehbar: Was den chinesischen Exporten nützt, schadet den Importen. Das bedeutet in der Konsequenz: Ob VW, Audi, BMW oder Daimler, ob deutsche Maschinenbauer oder europäische Lebensmittelkonzerne, sie alle werden die chinesische Abwertungspolitik zu spüren bekommen.

Internationale Verflechtung

Chinas Regierung ist wild entschlossen, das Wachstum zu forcieren. Dazu gehören neben der Yuan-Abwertung auch Stützungskäufe am Aktienmarkt und niedrige Zinsen. Um Letztere unten zu halten und weiter zu drücken, dazu bedarf es einer größeren Geldschwemme. Die wird allein schon deshalb nicht lange auf sich warten lassen, weil die Regierung ein besonders großes Interesse daran haben muss, den Rückgang der Immobilienpreise umzukehren. Das dürfte ihren Handlangern in der Zentralbank denn auch gelingen.

Wenn früher jemand auf die Bedeutungslosigkeit eines Ereignisses hinweisen wollte, sagte er, es sei so, als wenn in China ein Sack Reis umkippt. Wie die Zeiten sich doch geändert haben: Kaum sprachen sich die möglichen negativen Folgen der ersten Yuan-Abwertung, der kurz darauf die zweite folgt, für die deutsche Wirtschaft herum, begannen die deutschen Aktienkurse statt des chinesischen Sacks Reis umzukippen. Was ein Mal mehr offenbart, wie sehr die Finanzmärkte international verflochten sind.

Jagd auf alles, was die Kaufkraft erhält

Diese Verflechtung hat natürlich eine gewisse Interdependenz zur Folge, die sich so auswirkt: Schwächst du Chinese deine Währung, schwäche ich Europäer meine; und wenn du deine noch einmal schwächst, rufe ich meinen großen Bruder, den Amerikaner, zu Hilfe. Der wird dir dann schon gehörig den Marsch blasen, indem er dir unfaire Handelspraktiken und die Verletzung von Menschenrechten vorwirft. So etwas hat es in anderer, überwiegend verschärfter Form ja in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben. Die Abwertungen damals: 1933 und 1934 USA, 1935 Italien, Schweiz und Belgien, 1936 Frankreich, 1937 Japan und Russland, 1938 wieder Frankreich. Wobei an der zweimaligen amerikanischen Abwertung bemerkenswert war, dass sie gegen Gold stattfand. Das heißt, es handelte sich um die Aufwertung des Goldes. Begleitet wurde sie vom Goldverbot für Privatleute.

Was haben Politiker und Zentralbanker aus den 30er Jahren gelernt? Zumindest so viel, dass sie sich besser abstimmen. Aber reicht das, um den Verfall der Währungen aufzuhalten? Zweifel sind angebracht, zeigt doch bereits das Debakel um Griechenland, alles andere als der Finanznabel der Welt, wie schwierig die Abstimmung sein kann. Auf globaler Ebene wird sie nicht gerade einfacher. Also werden die großen Währungsblöcke in nächster Zeit eher gegen- als miteinander agieren, das heißt, ihre Währungen abwerten, was das Zeug hält. Dadurch muss deren Kaufkraft zwangsläufig schwinden. Bislang haben davon erst Anleihen, dann Aktien und Immobilien profitiert. Doch was geschieht, sobald Remoulade oder Ketchup mit einem gewaltigen Blop aus der Flasche springen? Dann erfasst die Inflation neben Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs auch Gold und Silber als Wertstabilisatoren, dann erweitert sich der Abwertungswettlauf zur Jagd auf alles, was die Kaufkraft dauerhaft zu erhalten verspricht. Zeithorizont: weniger als fünf Jahre.

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