„Rente muss langsamer steigen“

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, hält die expansive Fiskalpolitik zum Ausgleich der Lockdown-Folgen für richtig, mahnt aber gleichzeitig „Abbaupfade“ der Kredite an. Zudem fordert er eine Berücksichtigung des demografischen Wandels bei der Gestaltung der Steuer- und Rentenpolitik.

Tichys Einblick: China hat in Asien und im Pazifikraum die größte Freihandelszone der Welt geschmiedet. Ähn­liche Abkommen in Europa scheiter­ten. Verliert Europa den Anschluss?

Gabriel Felbermayr: Das neue Abkommen, RCEP, ist nicht ganz so bahnbrechend, wie es auf den ersten Blick erscheint, weil die meisten beteiligten Länder ohnehin schon Freihandelsverträge untereinander hatten. Es füllt eher bestehende Lücken. Auch Europa hat mit wichtigen RCEP-Partnern bereits bilaterale Handelsabkommen, etwa mit Japan, Korea, Singapur oder Vietnam. Mit den anderen Ländern wird aktuell verhandelt. Der Druck steigt jetzt sicherlich. Will Europa seine weltwirtschaftlich wichtige Rolle behalten, wäre es außerdem wichtig, das CETA-Abkommen mit Kanada zu ratifizieren und das Mercosur-Abkommen nicht durch weitere Nachverhandlungen zu bremsen. Aber ganz unabhängig von Freihandelsabkommen: Europa verliert aktuell an relativer wirtschaftlicher Bedeutung. Der Brexit schrumpft die EU um ein Achtel, und in der Corona-Krise leidet der alte Kontinent deutlich mehr als die USA oder Ostasien.

2021 werden die über 55­Jährigen die Wählermehrheit stellen. Die Politik orientiert sich daran und schont die Älteren beim Thema Renten und Pen­sionen sowie bei den Leistungszusagen für Pflege und Gesundheit. Können die Jüngeren dieses Risiko tragen?

Wie stark die Haushalte nach der Corona-Pandemie konsolidiert werden müssen, ist noch nicht voll abschätzbar. Bisher zeichnet sich aber keine dramatische Ausweitung der Schuldenlast wegen Corona ab, die für künftige Generationen nicht tragbar wäre. Zudem profitieren jüngere Generationen ja auch von der Stabilisierungspolitik in der derzeitigen Krise. Die Lastenverteilung sollte später vor allem über das Steuersystem laufen und damit nach Leistungsfähigkeit. Allerdings gab es unabhängig von Corona in den vergangenen Jahren reichlich rentenpolitische Maßnahmen, die Beitrags- und Steuerzahler belastet haben. Als ersten Schritt, um hier für Ausgleich zu sorgen, sollte der Nachholfaktor in der Rentenversicherung wieder eingesetzt werden. Ganz allgemein gilt: Die Demografie bremst die wirtschaftliche Dynamik. Wenn die Belastung der jüngeren Generationen ungebremst steigt, dann wird das Land zunehmend unattraktiv für junge mobile Fachkräfte.

Die US­-Internetgiganten sind Profi­ teure der Pandemie. Zahlreiche mit­telständische Gewerbe­- und Dienst­leistungsbetriebe sterben einen stillen Tod. Der exportabhängige Fahrzeug­ und Maschinenbau verliert. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Deutschland muss wieder mehr tun, um seine Wachstumskräfte zu stärken. Wir gehören zu den alternden Gesellschaften, die durch abnehmende Risiko- und Innovationsfreude gekennzeichnet sind. Es ist eine große politische Aufgabe der nächsten Jahre, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Neben Forschungs- und Innovationsförderung kann dazu eine aktive Einwanderungspolitik beitragen, die jüngere und innovative Fachkräfte anzieht. Deutschland hat das Potenzial, in vielen Wirtschaftsbereichen weiter vorn mitzuspielen, wie es aktuell auch in der Impfstoffentwicklung und Medizinausrüstung sichtbar wird. Aber wir müssen den Wandel auch zulassen.

In der Pandemie dominiert eine exzes­sive Kreditaufnahme …

… die ich nicht erkennen kann. Der Staat hat angemessen auf einen beispiellosen Einbruch der Wirtschaftsleistung reagiert. Die Alternative wäre ja gewesen, die Zerstörung von Wirtschaftsstrukturen hinzunehmen und damit künftige Wachstumsmöglichkeiten zu zerstören. Sowohl auf deutscher als auch auf europäischer Ebene ist es aber notwendig, Abbaupfade für die jetzt aufgelaufenen Kredite festzulegen.

Grundsätzlich: Wie zuverlässig kön­nen Konjunkturprognosen sein?

Prognosen bieten einen Orientierungsrahmen für politische Entscheidungen. Sie beruhen auf als wahrscheinlich angesehenen Szenarien der Wirtschaftsentwicklung. Kommt die tatsächliche Entwicklung diesen Szenarien nahe, treffen auch die Prognosen gut.

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Kommentare ( 43 )

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Koeki171
5 Stunden her

Derzeit geistert vermehrt eine Nullrunde für Rentner in 2021 durch Presse und Politik. Als ehemaliger Beschäftigter im öD erhalte ich Rente, mein beamteter Kollege Pension. Dessen Bezüge profitieren von den Einkommenserhöhungen für die Beamten. In Hessen sind das ab 1.1.2021 1,4%. Somit entfernen sich die Pensionen immer weiter von den Renten. Schön wäre, wenn das auch mal thematisiert würde.

Roland Mueller
5 Stunden her

Die bescheidene Rentenerhöhung hat die Krankenkasse umgehend zum Anlass genommen, den Beitrag zu erhöhen, so das von der Erhöhung nur ein paar Erbsen für mich übrig bleiben. Das dürfte nicht einmal der Inflationsausgleich sein. Übrigens wäre ich heute Millionär, wenn ich die in fünfzig Jahren eingezahlten Beträge selbst angelegt hätte. Nein Herr Felbermayr, es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, die bescheidenen Erhöhungen noch weiter zu kürzen. Die Rentner sind nicht daran schuld, das seit Jahrzehnten die Beiträge für die Rentenversicherung von den Politikern zweckentfremdet ausgegeben wurden. Es gibt unzählige andere Ansatzpunkte, um sinnvoll zu sparen. Zum Beispiel verschlingen die hirnrissige Weltrettung… Mehr

Frank_ie
6 Stunden her

Die EU wird mehr und mehr zu einer DDR-light werden. Dass „Der Westen“ dann nur noch in Ostasien stattfindet ist absehbar, wenn man die gleichzeitige Verbl und ödung der USA betrachtet.

USE
6 Stunden her

Die „Eckrente“ wird durch deutschlandweiten Durchschnittslohn und theoretisch angenommene komplette durchgezahlte Beitragsdauer berechnet. Also ein rein theoretischer Wert. Die „Durchschnittsrente“ bildet den Durchschnitt der derzeit tatsächlich! gezahlten Renten ab. Es liegen mehrere hundert Euro zwischen verbreiteter Vision und Lebenswirklichkeit. Nicht zu reden von den EU-Rentnern, denen ohne Abwehrmöglichkeit 10% vom eh schon bescheidenen Rentenbetrag abgezogen wird (hier extra Dank an Frau Nahles von der SPD, der Partei der Arbeiter). Und: Die Rente wird wohl größtenteils wieder im Inland ausgegeben. Verdienste und Zuwendungen von „noch nicht so lange hier Lebenden“ werden in das Ausland transferiert. Fragen Sie mal einen Schalterbeamten bei… Mehr

Erwin Obermaier
6 Stunden her

Ich bin doch etwas schockiert. Bevor man sich überlegt, ob man an die Rentner geht um den Staatshaushalt zu konsolidieren, da sollte man doch mal überlegen, wohin die jetzigen Steuereinnahmen denn gehen. Wenn man die Schwachsinnsausgaben des Staates mal beseitigt hat und dann fehlt noch was, dann gerne!

Thorsten
7 Stunden her

Die Weichen wurden falsch gestellt, den Sommer über wäre Zeit für „Digitalisierung“ gewesen, es wurde aber über „Rassismus“ parliert.
Die politische Ausrichtung dieses Institutes ist bekannt. Vermutlich nicht allen Foristen, die denken dass hier ein Fachmann vom Formate eines Dr.Sinn doziert, hier aber nur eine „Sprechpuppe“ der SPD-nahen Stiftung.

PS: nicht mal genug Impfstoff können diese „Politdarsteller“ ordern …

Wilhelm Roepke
8 Stunden her

Abbaupfade für Deutschland? Völlig falsch in einer Zeit unbegrenzten Gelddruckens. Lieber Dr Daniel Stelter folgen und mitverschulden für das Maximum an Infrastruktur. Dann ist nach dem Kollaps des Euro wenigstens was übrig, was man brauchen kann. Alternativ Dexit, dann kann er seine Abbaupfade machen und mit dem Schweizer Franken gleichziehen.

RMPetersen
8 Stunden her

Mit fehlt:

a. Reduzierung der Steuerlast auf Arbeit.
b. Besteuerung der hier zB von Amazon und Google erreichten Gewinne.

Thorsten
7 Stunden her
Antworten an  RMPetersen

a. nicht möglich, dass Merkels Fehler finanziert werden müssen
b. das wird die USA schon verhindern

Erwin Obermaier
6 Stunden her
Antworten an  RMPetersen

Na ja, die Steuern werden halt in Irland bezahlt. Soviel zu: Wir müssen dies im europäischen Rahmen lösen.

Gerhard Doering
9 Stunden her

Kompliment an die Foristen. Kleine Anmerkung: Deutschland hat 200 Professuren für Genderwissenschaften und solange diese am falschen Ende forschen sind es brotlose Künste.Die machen dabei keine Schulden,das Geld ist futsch,die verblöden das Volk .Das ist Forschung mit vorgaben jenseits natürlicher Evolution.Da kommt dann in etwa sowas heraus wie als wenn ich mir bei einem schwulen Schneider eine Jacke anfertigen lassen will und diese nie fertig wird weil er immer nur meinen Schritt vermisst. Oder es fragt ein kleines Mädchen beim Zoobesuch den Wärter ob das Walross welches sie sieht männlich oder weiblich ist,worauf dieser gendergerecht antwortet das diese Frage nur… Mehr

Tichyfan
10 Stunden her

Ich kann viel von G. Felbermayr nicht nachvolziehen.Vor allem die Hochqualifizierten kehren Deutschland den Rücken. Im vergangenen Jahr 2019 verließen 270.000 Bürger Deutschland, überdurchschnittlich viele mit Hochschulabschluss. Naja…… immerhin kommen ja genug Leute aus dem Ausland nach…ausserdem hat Deutschland ja schon ca 200 Professuren für Gender“wissenschaften“, zwar nur 191 für Pharmazie, aber dafür gibt es inzwischen (seit 2020) 6 Professuren für Fahrrad-Lehrstühle und in Pforzheim sogar eine Professur mit Lehstuhl für Luxus. „Mit jedem Ingenieur, der Deutschland verlässt, geht ein Stück Wohlstand mit. Mit jedem Ungebildeten, der nach Deutschland kommt, kommt ein Stück Armut mit.“ (Helmut Schmidt) Dagegen hat sich die Grüne… Mehr

Old-Man
9 Stunden her
Antworten an  Tichyfan

Sehr zutreffend ihre Worte!!.