Europa steht ziemlich sicher vor einem harten Energiewinter: Die Gasspeicher sind deutlich schlechter gefüllt als in früheren Jahren, und die Gas-Preise steigen gefährlich schnell. Die europäische Energieregulierungsagentur ACER warnt vor einer möglichen Versorgungslücke.
IMAGO / Richard Wareham
Sollte es nicht gelingen, zusätzliche Gasmengen zu beschaffen, könnten die EU-Staaten gezwungen sein, den Verbrauch deutlich einzuschränken – selbst verpflichtende Sparmaßnahmen werden in einem aktuellen Bericht der Regulierungsbehörde als mögliche Reaktion auf Engpässe genannt.
Besonders angespannt ist die Lage in Deutschland: Während Italien seine Gasspeicher bereits zu etwa 91 Prozent gefüllt hat, liegen die deutschen Reserven Ende Oktober bei lediglich 62 Prozent. Damit startet Europas größte Volkswirtschaft mit einem erheblichen Nachteil in die Heizsaison. Zum Vergleich: Im Oktober 2020 waren Deutschlands Gasspeicher zu 94,27 Prozent gefüllt, im Oktober des Vorjahres zu 75,15 Prozent (alle Daten von AGSI+)
Die neuen Daten aus dem ACER-Marktbericht sind alarmierend: Europa benötigt im Basisszenario für den kommenden Winter etwa 900 Terawattstunden Flüssigerdgas (LNG), um den Verbrauch des vergangenen Winters zu decken und die Speicher anschließend auf einem vergleichbaren Niveau zu halten. Das entspricht ungefähr 78 Milliarden Kubikmetern Erdgas. In den vergangenen fünf Wintern wurden durchschnittlich nur 662 Terawattstunden LNG in die europäischen Gasnetze eingespeist. Selbst der bisherige Höchstwert von 812 Terawattstunden liegt deutlich unter dem nun errechneten Bedarf. Die EU müsste also erheblich mehr Flüssigerdgas beschaffen als bisher.
Bis zu 33 Milliarden Euro an Mehrkosten
Doch genau hier liegt das Problem: Im Sommer 2026 gingen die europäischen LNG-Importe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14 Prozent zurück, gleichzeitig verschärfte der Krieg im Nahen Osten die Situation auf den internationalen Energiemärkten. Aus Katar erreichten während des Sommers praktisch keine nennenswerten LNG-Mengen mehr die EU. Die Blockaden und Angriffe auf Tanker an der Straße von Hormus und der Wettbewerb mit asiatischen Importeuren trieben die Preise weiter nach oben. Nach Berechnungen von ACER verursachte der Nahostkonflikt zusätzliche europäische Gasimportkosten von 18 bis 33 Milliarden Euro – bei unveränderter Gasmenge.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Brüssel bereits eine europaweite Gassparpflicht beschlossen hätte, die Behörde beschreibt vielmehr mögliche Maßnahmen für den Fall, dass Angebot und Nachfrage nicht mehr ausreichend ausgeglichen werden können.
Wie ernst die Lage werden könnte, zeigt eine zusätzliche Untersuchung des europäischen Gasnetzbetreiberverbandes ENTSOG: Bei einem kalten Winter und begrenzten LNG-Lieferungen könnten rechnerisch bis zu zwölf Prozent des europäischen Gasbedarfs nicht durch das verfügbare Angebot gedeckt werden, sofern keine entsprechenden Verbrauchsanpassungen erfolgen. Das entspricht einer Energiemenge von 437 Terawattstunden beziehungsweise etwa 40 Milliarden Kubikmetern Erdgas.
Beim deutschen Gasspeicher Rehden ist die Situation besonders dramatisch: Die größte Speicheranlage des Landes war am 21. Oktober lediglich zu 18 Prozent gefüllt. Dabei geht es nicht nur um die vorhandene Gasmenge: Je stärker sich ein Speicher leert, desto geringer kann auch seine tägliche Entnahmeleistung werden. Während längerer Kälteperioden könnte das zu zusätzlichen Schwierigkeiten führen.

EU verbietet Import von russischem Gas ab Januar komplett
Russland deckt trotz der europäischen Sanktionen weiterhin etwa elf Prozent des gesamten EU-Gasbedarfs. Der Anteil russischen Flüssigerdgases an den LNG-Importen lag zuletzt bei etwa 14 Prozent. Ab Januar 2027 sollen die langfristigen russischen LNG-Lieferverträge auslaufen beziehungsweise von einem EU-Importverbot erfasst werden. Damit wächst der Druck, zusätzliche Lieferanten zu finden. Die Hoffnung richtet sich vor allem auf die USA. Allerdings konkurriert Europa mit asiatischen Abnehmern um dieselben LNG-Tanker.
Etwa 30 Prozent der europäischen LNG-Einfuhren werden kurzfristig über den Spotmarkt beschafft. Dort entscheidet häufig der höchste gebotene Preis über die Lieferung. Die Folge: Tanker können auf See ihre Route ändern und statt europäischer Häfen beispielsweise Ziele in Asien anlaufen.
EU-Spitze beschwichtigt
Trotz der angespannten Lage sieht die EU-Kommission derzeit keinen Anlass, eine unmittelbare Versorgungskrise auszurufen. Brüssel verweist auf die seit 2022 deutlich ausgebaute LNG-Infrastruktur, neue Lieferwege und einen insgesamt gesunkenen Gasverbrauch. Nach Angaben der Kommission ist das europäische Versorgungssystem grundsätzlich in der Lage, auch mit niedrigeren Speicherständen durch den Winter zu kommen. Allerdings hängt diese Einschätzung wesentlich davon ab, dass zusätzliche LNG-Mengen tatsächlich verfügbar sind.
Für die europäische Wirtschaft wäre eine Gas-Krise eine zusätzliche Belastung. Schon jetzt verteuern die gestiegenen Gaspreise die Energieversorgung zahlreicher Unternehmen. Auch alle privaten Gaskunden müssen damit rechnen, dass sich die höheren Großhandelspreise mit etwas Verzögerung auf ihre Rechnungen auswirken.





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