Zehn Prozent der Wahlberechtigten sind mit Friedrich Merz zufrieden oder sehr zufrieden. Das zeigt der neueste „Deutschlandtrend“. Zehn Prozent. Das sind historisch wenige – und doch noch verblüffend viele. Wer sind diese Leute?
IMAGO / Chris Emil Janßen
Friedrich Merz ist ungefähr so beliebt wie eine kaputte Kaffeemaschine am Vormittag. Der Bundeskanzler hat ein in der Geschichte der Bundesrepublik einmalig niedriges Zustimmungsniveau erreicht.
Nur noch jeder Zehnte findet, dass der CDU-Chef einen guten Job macht. „Nur noch so wenige?“, stöhnen sie im Konrad-Adenauer-Haus. Doch ein anderer Gedanke erscheint plausibler:
Was, so viele noch?
Zum Wohle unseres Landes lohnt sich ein Blick auf dieses Milieu der letzten Getreuen des Merz. Wer sind diese Leute? Und welchen Einfluss haben sie auf unser Land?
Die neue Deutschland AG
Wer die politische Mechanik der Bundesrepublik besser verstehen will, sollte einen Blick in eine Aktiengesellschaft werfen.
Für wichtige Satzungsänderungen verlangt unser Aktienrecht grundsätzlich eine Mehrheit von drei Vierteln des vertretenen Grundkapitals. Zum Blockieren genügt also ein Viertel – wenn alle Aktionäre kommen. Es kommen aber immer nur sehr wenige. Deshalb reicht so gut wie immer eine kleine Minderheit, um den Kurs des gesamten Unternehmens zu bestimmen.
In jedem Fall reicht sie, um einen neuen Kurs zu verhindern.
Organisation schlägt Masse. Eine Minderheit, die ihre Stimmen bündelt, ihren Einfluss im Aufsichtsrat sichert und das Management stützt, gewinnt Macht weit über ihre tatsächlichen Besitzanteile hinaus. Sie muss keine neue Strategie entwickeln. Es genügt, jede andere zu verhindern.
Politik funktioniert ganz ähnlich. Wenige Anhänger reichen einem Kanzler nicht, um etwas Eigenes aufzubauen. Aber sie reichen, um alles Andere zu verhindern (und alle Anderen – die Konkurrenten nämlich).
Psychogramm eines Fanclubs
Das verbliebene Merz-Gefolge im politischen Betrieb selbst ist nicht so interessant. Das sind Leute wie Julia Klöckner und Philipp Amthor, deren Karrieren praktisch direkt am Kanzler hängen.
Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘.
Wesentlich spannender sind die zehn Prozent aus dem „Deutschlandtrend“ der ARD. „Das können nur Echsenmenschen sein“, schrieb kürzlich ein Kollege. Er meinte das scherzhaft. Vermutlich. Doch gestatten Sie, lieber Leser, mir eine andere Vermutung:
Es ist noch viel schlimmer.
Der gesellschaftliche Rest-Fanclub von Friedrich Merz besteht aus Abbildern der prägendsten Eigenschaften des Bundeskanzlers. Es ist ein Spiegelkabinett seiner Persönlichkeit, und darin stehen fünf Figuren.
Der Arrogante
Er verwechselt gesellschaftliche Stellung mit politischer Urteilskraft, Bildung mit Charakter und Einkommen mit Arbeit. Sein Weltbild kennt nur einen Sachkundigen (ihn selbst) und ansonsten nur Unwissende (alle anderen). Insgeheim hält er alle anderen für lästig, aber das sagt er nicht laut. Er hält ein autoritäres Machtkartell für staatspolitisch vernünftig, solange er dabei ist und weit oben steht. Die AfD verachtet er schon deshalb, weil sich in deren Wählerschaft viele Handwerker ohne Studienabschluss finden.
Der Impulsive
Er haut gerne mal plötzlich und unvermittelt auf den Tisch. Allerdings lehnt er sich danach auch wieder zurück und sagt nichts mehr. Manchmal wochenlang. Er spricht Klartext. Allerdings ist der Text heute anders als morgen, und übermorgen sagt er dann wieder etwas anderes. Er sieht Politik wie ein Feuerwerk: Lautstärke gilt als Leistung, Rauch als Ergebnis. Merz liefert ab und zu einen willkommenen, kurzen Rausch der scheinbaren Entschlossenheit. Am nächsten Morgen übernimmt dann wieder die SPD.
Der Feigling
Er hat mehr Angst als Vaterlandsliebe. Im Wortsinn. Er fürchtet sich mehr vor Beifall von der falschen Seite als vor Buhrufen von der richtigen. Er sagt ständig: „Wir müssen endlich etwas wagen“ – und wagt dann nichts. Er hat Angst vor der AfD, weil er Angst vor allem hat, was er nicht kennt. Sein höchstes Ideal ist die Ruhe im eigenen Wohnzimmer. Die Zombie-Apokalypse draußen ist ihm egal. Es soll nur bitte kein Zombie an seiner Tür klingeln.
Der Unehrliche
Er beherrscht perfekt die moralische doppelte Buchführung. Ein gebrochenes Versprechen ist ein notwendiger Kompromiss, die Preisgabe der eigenen Grundsätze ist Verantwortung, der eigene Machterhalt ist die Rettung der Demokratie. Er verlangt Verzicht, aber immer nur von den anderen. Seine Prinzipien sind biegsam wie ein Gartenschlauch. Sie führen zuverlässig dorthin, wo die eigenen Interessen bewässert werden.
Der Rückwärtsgewandte
Er hält das Deutschland von gestern für das einzig denkbare Deutschland von morgen. Er wählt CDU, schon immer. Dann hängt er ein Bild des Kanzlers auf, schon immer. Dann erwartet er ein Wirtschaftswunder, schon immer. Er trägt kein Feuer weiter, sondern bewacht die Asche. Er hat teure neue Möbel, aber er lebt seit vielen Jahren in derselben Altbauwohnung.
Wenn man ein Psychogramm von Friedrich Merz aufmalen wollte, dann würde es ziemlich genau so aussehen. Und die zehn Prozent verbliebene Merz-Fans sehen auch genau so aus (abgesehen vielleicht von ein paar Echsenmenschen).
Im Bremserhäuschen
Diese Glaubenssätze machen Friedrich Merz aus, und sie machen seine verbliebenen Anhänger aus. Sie verhindern, dass irgendetwas vorangeht.
Das Beharrungsvermögen ist von allen politischen Geschäftsmodellen das ruinöseste. Man hält am Personal fest, das den Aufbruch verhindert, und nennt die Verteidigung des Stillstands „Stabilität“. Man redet unablässig von Zukunft. Gemeint ist in Wahrheit aber nur die Verlängerung der eigenen Gegenwart. Das heißt im Merz-Lager „Generationengerechtigkeit“:
Die Rechnung zahlen andere, später.
In Wahrheit hat die Methode Merz viel mehr Anhänger als die zehn Prozent aus dem ARD-„Deutschlandtrend“. Viele Menschen verachten einzelne Entscheidungen des Bundeskanzlers geradezu – und teilen trotzdem seine politische Grundhaltung: Die altvertrauten Parteien sollen unter sich bleiben, der Staat soll weiter verteilen, die eigene Stellung soll unangetastet bleiben. Wir fahren gegen die Wand, aber wir wollen auf keinen Fall einen anderen Fahrer.
So entsteht die politische Sperrminorität der Bundesrepublik: durch das Bündnis der Übersättigten mit den Feiglingen.
Demokratie ist wie ein Fahrrad. Sie braucht Bewegung; im Stillstand kippt sie um. Die Bewegung in der Demokratie ist der Machtwechsel. Doch genau den wollen Friedrich Merz und seine Gleichgesinnten gerade mit buchstäblich allen Mitteln verhindern.
Unternehmensliquidation
Deutschland ist wie ein Unternehmen, das schon lange keine neuen Produkte mehr entwickelt und nur noch von den Rücklagen sowie von neuen Schulden lebt.
Doch die Manager befassen sich ausschließlich damit, ihre eigenen Positionen zu sichern und ihre Mitarbeiterstäbe zu vergrößern. Sie kommen damit durch, weil sie eine ausreichend starke und organisierte Aktionärsminderheit hinter sich haben. Am Ende geht ein solches Unternehmen immer pleite. Immer. Konkurrenten ersteigern die letzten brauchbaren Teile, schlucken den Rest und streichen den Namen vom Markt.
Auch den Minderheitsaktionären mit dem großen Beharrungsvermögen bleibt dann: nichts mehr.


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