Zwei Tage vor dem Bundesparteitag der CDU hielt der Bundeskanzler in Trier seine Aschermittwochsrede. Friedrich Merz setzte dabei den Ton für das Superwahljahr 2026: Der freien Meinungsäußerung geht es an den Kragen, die Brandmauer wird bis aufs Letzte verteidigt. Die Zeit der guten Laune wird endgültig zu Grabe getragen.
picture alliance/dpa | Harald Tittel
Es war nicht alles besser in der Vergangenheit, aber eines kann man zugeben, ohne unserer Gegenwart Unrecht zu tun: Vieles war authentischer, ehrlicher, es wurde mit offenem Visier gestritten. Das galt insbesondere für die deutsche Politik. Der politische Aschermittwoch stand einmal sinnbildlich für den Aufbruch in das politische Jahr – ein emotionales Amalgam für Parteifreunde und eine Rückbindung an die Wähler.
Politiker wie Franz Josef Strauß verstanden es, die bierselige Atmosphäre dieser quasi fortgesetzten Karnevalszeit wie ein rhetorisches Trampolin zu nutzen. In ihren Reden verschmolzen sie mit dem Publikum zu einer Einheit, die willens war, sich dem politischen Gegner zu stellen, gesellschaftliche Probleme offen anzusprechen und kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Man katapultierte sich gleichsam hinein in einen echten politischen Wettbewerb der Ideen.
Auf den Punkt gebracht, dekretierte der Kanzler apodiktisch: Die Politik der offenen Grenzen wird fortgesetzt, die Wirtschaft brauche Arbeitskräfte. Erinnern Sie sich noch an die Stadtbild-Debatte, die Friedrich Merz vor wenigen Monaten lostrat? Vom Kontrollverlust, von der sichtbaren Verwahrlosung deutscher Städte und der brandgefährlichen Islamisierung des Landes ist inzwischen keine Rede mehr. Im Grunde war sie es wohl auch nie. Was blieb, war ein Merzscher Zungenstolperer – umgehend neutralisiert vom linientreuen Multikulti-Journalismus.
Und weiter im Takt. Der Kampf um den Bestand der Brandmauer sei existenziell, so Merz. Und wer immer noch glaubt, das Internet sei der Raum freier Rede, dürfte spätestens seit gestern mit dieser Bundesregierung abgeschlossen haben.
Merz ist kein Repräsentant einer freien Gesellschaft; er inszeniert sich als Funktionär eines politischen Apparates, der technokratisch verwaltet, dekretiert, lenkt und sanktioniert, was ihm nicht in den Kram passt. Dass er seine Rede ausgerechnet mit dem Hinweis auf seine Wehrdienstzeit begann, mit einem schlechten Scherz über seine Schussfreudigkeit und Ziellindifferenz – ausgerechnet am Ende des Karnevals, einer früher in Deutschland als unbeschwert empfundenen Zeit –, ist unappetitlich, passt aber ins Bild.
Oder anders gesagt: Für all jene, die den Karneval verabscheuen, war diese Rede Wasser auf die Mühlen der schlechten Laune. Deshalb: genug davon.
Nächste Gelegenheit
Bereits am Freitag bietet sich Friedrich Merz die Gelegenheit, seinen Albtraumvisionen einer ökologistisch-multikulturellen Gesellschaft neue Varianten hinzuzufügen. Dann kommen die Delegierten der CDU zu ihrem 38. Bundesparteitag in der Stuttgarter Messe zusammen. Ein letzter Versuch, vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg Wähler zu mobilisieren – und zugleich den Ton zu setzen für die bevorstehenden Landtagswahlen im Superwahljahr 2026.
Die ritualisierten Medienspiele des Kanzlers nähren den Verdacht, im Wahlkampfjahr setze man bewusst auf den TikTok-Effekt. Das politische Reiz-Reaktionsschema wirkt auffallend eindimensional – als kalkuliere man mit einer Wählerschaft, deren Aufmerksamkeit sich auf die flüchtige Sekundenerregung eines Kurzvideos reduziert hat.
Nur in diesem Modus lässt sich das Trugbild einer Reformpolitik fortschreiben. Denn in einem Staatswesen, in dem der Wohlfahrtsstaat bürokratisches Eigenleben entwickelt hat, die Verschuldung entgleitet und Zuwanderung als kulturelle Diversität etikettiert wird, erscheint gestaltende Politik kaum noch möglich.
Im Kern bleiben der Politik zwei Wege: Entweder man setzt den eingeschlagenen Kurs konsequent fort und arbeitet mit den Partnerparteien links im Parlament am fortgesetzten Ausbau eines deutschen Hyperstaats. Oder man wählt den radikalen Ansatz des Argentiniers Javier Milei: die bestehenden Strukturen kurzerhand aufzulösen und in jene Staaten zurückzukehren, die durch eigene Grenzkontrolle, einen auf die Beitragszahler fokussierten Sozialstaat und einen Minimalstaat geprägt sind – ein Staat, der sich auf die Kernaufgaben innerer und äußerer Sicherheit beschränkt und sich sonst nicht in das Leben seiner Bürger einmischt. All dies jedoch sind Themen, die auf dem CDU-Parteitag naturgemäß keine Rolle spielen werden.
Blaupause Bürgergeld
Die deutsche Politik – und das wird auch der Parteitag der CDU zeigen – hat sich dem selbst geschaffenen restriktiven Handlungsrahmen unterworfen. Sie zeigt keinerlei Bereitschaft, die neue ökonomische Lage anzuerkennen. Der Wohlfahrtsstaat müsste beschnitten werden. Was die CDU stattdessen liefert, sind Pseudo-Reformen, die den Status quo einfrieren sollen, koste es, was es wolle.
Das beste Beispiel hierfür bot die Debatte um das Bürgergeld. Sie steht stilbildend für den deutschen Weg überhaupt. Ein Problem wird identifiziert – in diesem Falle ein gleich mehrfach geschichtetes. Da ist zum einen die Auflösung des Leistungsanreizes durch den überdehnten Leistungskatalog des Sozialsystems. Zum anderen die offenkundige Problematik der sperrangelweit offenstehenden Grenzen eines Landes, das seine Wohlfahrtsstaatlichkeit wie Kamelle im Karneval in der Welt verteilt.
Gerade darin liegt die Fatalität dieser Simulation von Reformpolitik: Sie wurde jedermann einsichtig, öffentlich exerziert – und verfing offenkundig bei großen Teilen der Bevölkerung nicht einmal negativ. In welchem Stadium ist eine Gesellschaft angekommen, in der ein politischer Taschenspielertrick genügt, um sich fundamentale Probleme vom Hals zu schaffen? In welchem intellektuellen Zustand befindet sich ein Gemeinwesen, das offenkundig gescheiterte Politik mithilfe einer Ressentiment-Debatte – etwa über Erbschaftsteuern und den sozialen Neid – neu rahmt, die Emotionen der Bürger schürt und sich auf diese Weise ungestraft aus der Reformklemme windet?
Die Zivilgesellschaft macht es Politikern wie Friedrich Merz allzu leicht. Das gesellschaftliche Immunsystem wirkt sediert, gehemmt, ja paralysiert – ausgerechnet in dem Moment, in dem fundamentale Grundrechte wie die Meinungsfreiheit unter Druck geraten.
Dass Parteitage wie der bevorstehende Bundesparteitag der CDU zu affirmativen, selbstreferenziellen Bestätigungsveranstaltungen geraten können, ist nichts Neues. Dass jedoch keinerlei Kritik an der schleichenden Abwicklung unserer zivilisatorischen Werte laut wird, ist schändlich.





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Nach den neuesten Umfragen kann die AfD in SA und MV die absolute Mehrheit erreichen. In den westlichen Ländern sollte die AfD mit sozialkonservativen Parteien koalieren.
https://jlt343.wordpress.com
Wie regelmäßig beschreibt der Autor den Auftritt des Bundeskanzlers mit bemerkenswerter sprachlicher Luzidität authentisch.
Doch wo bleibt das Gute, wie Erich Kästner zu fragen pflegte?
Jenes enthielt die Reaktion des Publikums, als Herr Merz hypothetisch danach fragte, was in fünf Jahren sei, wenn er noch immer den Bundeskanzler stelle.
Das darauf unmittelbar einsetzende herzerfrischende Gelächter gab dem Redner eine Antwort, deren spontane Ursprünglichkeit bei dem politischen Zuhörerkreis selten ist und Herrn Merz offenkundig irritierte.
Leider scheint der Bundeskanzler jegliche Fähigkeit zur Reflexion abgelegt zu haben.
Er wirkt lächerlich in seiner gekünstelten, hysteriformen Aufgeregtheit bei seinen Reden die nichts an der zu verantwortenden, verfahrenen Situation des Landes ändern. Man hat den Eindruck, daß er unter maximalem Druck und sogar Angst steht, seine fragile, gequält errungene Machtposition zu verlieren. Aber um die Menschen, die er dem Eid entsprechend vor Schaden bewahren sollte, geht es ihm offensichtlich nicht.
Da war mir sogar Scholz noch lieber, der in seinen seltenen emotionslosen Bla-Bla Reden einschläfernd wirkte; keine leeren Versprechungen machte und sie somit auch nicht brechen konnte.
Ich wage mal eine Prognose:
Am Freitag wird Merz verkünden, daß die Lockerung der Schuldenbremse ein schlimmer Fehler war, daß allerdings nicht er, sondern „Social Media“ dafür verantwortlich ist, vor allem die AfD mit ihren TikTok- Videos und daß man deshalb beides verbieten muß.
Der Mann ist ein Sicherheitsrisiko auf zwei Beinen, deren Besonderheit darin besteht, daß sie beim Lügen immer länger werden.
Man fühlt sich so ohnmächtig….sowohl dem Regierungshandeln als auch dem breiten Desinteresse einem Großteil der Bevölkerung gegenüber!
„Oder man wählt den radikalen Ansatz des Argentiniers Javier Milei: die bestehenden Strukturen kurzerhand aufzulösen und in jene Staaten zurückzukehren, die durch eigene Grenzkontrolle, einen auf die Beitragszahler fokussierten Sozialstaat und einen Minimalstaat geprägt sind – ein Staat, der sich auf die Kernaufgaben innerer und äußerer Sicherheit beschränkt und sich sonst nicht in das Leben seiner Bürger einmischt.“ Unser aller Traum. Ein Blick auf die aktuellen Schlagzeilen reicht, um ihn in sekundenschnelle platzen zu lassen.
Zusammengefasst: Die CDU mit ihrem Blackrock-Kanzler setzt alles daran, den Kampf gegen den Bürger fortzusetzen. Parallelen zum Ukrainekrieg sind hier durch aus erkennbar.
Wer die Freiheit von Jacques Baud nicht verteidigt, ist kein Demokrat.
Biden Selenski und Nuland gehören auf die Sanktionsliste. Baud nicht.
Wer nichts dagegen tut, dass Jacques Baud politisch verfolgt wird,
der macht aus einer Demokratie einen Staat der totalitären Widerlinge.
Es sieht so aus, dass es den Micheln wieder einmal „gelungen“ ist, eine in jeder Hinsicht , vor allem natürlich psychologisch, “ interessante“ Figur zum Amt des Kanzlers zu verhelfen. Das, was hier zutreffend beschieben wird, dürfte nichts anderes als eine Entwicklung markieren, die in der Person angelegt ist und nun auch getriggert wird. Diese Trigger führen bei Personen mit gewissen charakterlichen Eigenschaften in eine Art Spirale mit sehr gefährlichen Folgen. Erst recht, wenn ihnen die Bewunderung im Inland fehlt, es aber im Ausland einige Gleichgesinnte an der Macht gibt. Bei der Zensur wird es nicht bleiben. Sie ist „nur“… Mehr
> In welchem intellektuellen Zustand befindet sich ein Gemeinwesen, das offenkundig gescheiterte Politik mithilfe einer Ressentiment-Debatte – etwa über Erbschaftsteuern und den sozialen Neid – neu rahmt, die Emotionen der Bürger schürt und sich auf diese Weise ungestraft aus der Reformklemme windet? Und jetzt mal was kritisches über Trump… nö, da hagelt es sofort rote Daumen. Dann braucht man sich nicht zu wundern, dass auch die übrigen Michels nix kritisch betrachten, bloß jede Ansage aus der Glotze bejubeln. > zum einen durch die Kürzung von Programmen und eine Verschärfung der Sanktionen, zum anderen durch die Ausweisung jener illegalen Migranten, die… Mehr