Aufstieg und Niedergang von Zivilisationen

Marcel Zhu zeigt uns mit der 3.700-jährige Geschichte des Reichs der Mitte wiederholte Muster, aus denen sich die Ursachen für den Aufstieg und Niedergang von Kulturen erkennen lassen: die auch heute ihre Wirkung entfalten.

© China Photos/Getty Images

Mehr als zweitausend Jahre dominierten die römisch-christliche und die chinesische Kultur parallel die bekannten Welten an den beiden Enden des Eurasischen Kontinents. Während die chinesische Zivilisation im Laufe des 16/17. Jahrhunderts von der westlichen Welt überholt wurde, entwickelt sich der Westen seit der Industriellen Revolution zu einem kulturellen Vorbild und Maßstab für die ganze Welt. Reste der einst glanzvollen chinesischen Zivilisation existierten nur noch in einzelnen Ländern Ostasiens, die sie gesellschaftlich wie kulturell prägen. Die ostasiatische kulturelle Tradition in Kombination mit westlicher Technologie, Rechtsstaatlichkeit und Aufklärung verhalfen einigen ostasiatischen Ländern rasch zu einem Platz unter den entwickelten Staaten. Es ist kein Zufall, dass nahezu alle Staaten der Welt, die bislang den Sprung in eine moderne Industriegesellschaft geschafft haben, entweder  dem europäischen oder dem fernöstlichen Kulturraum angehören.

Vor diesem Hintergrund ist eine nähere Betrachtung der Entwicklung dieser beiden Zivilisationen hilfreich, um der heutigen Zeit Aufschluss über den Aufstieg und Niedergang der Zivilisation zu geben. Da die Geschichte der europäische Zivilisation hierzulande hinreichend bekannt sein dürfte, wird in diesem Beitrag die chinesische Zivilisation betrachtet, um daraus Lehren für die heutige Zeit zu ziehen.

Prolog

Vor mehr als 5.000 Jahren trennten sich die Wege von zwei Gruppen des sino-tibetischen Urvolks. Ein Teil dieses Volks beschloss, ins tibetische Hochland zu ziehen. Aus diesen wurden die Vorfahren des tibetischen Volkes und der Qiang. Die anderen zogen gen Osten und ließen sich schließlich in einem Land nieder, welches  sie später „Zhongtu“ oder „Zhongguo“ nannten: Die Mittlere Erde oder das Reich der Mitte. Aus diesen wurden wiederum die Vorfahren der Chinesen: Stämme, die sich „Xia“ (Schia) nannten.

Ursprünglich umfasste dieses „Reich der Mitte“ nur einen Bruchteil der heutigen kernchinesischen Provinz Henan und Teile der umliegenden Provinzen. Nach mehreren Jahrtausenden chinesischer Expansionen entstand 2.000 Jahre vor unserer Zeit ein Großreich in Ostasien, dessen Grenze im Osten bis zum Pazifik reichte, im Norden in die mongolische Steppen hinein und im Süden bis in die Urwälder in Vietnam. Im Westen drangen die Chinesen mit ihren indogermanischen Verbündeten der Westterritorien bis an die Grenze Persiens, als der chinesische General Ban Chao zum ersten Mal von Rom hörte.

I. Gründung des Ersten Chinesischen Kaiserreiches

Die moderne offizielle chinesische Geschichtsschreibung spricht von 5.000 Jahren chinesischer Geschichte. Doch damit sind auch die Zeiten der chinesischen Ur-Zeit eingeschlossen, die eindeutig der Welt der Mythen und Sagen zugeordnet sind. Archäologisch nachweisbar existierte das erste chinesische Königtum mit der ersten Form der chinesischen Schriftzeichen (die Orakel-Schrift) vor rund 3.700 Jahren. Rund tausend Jahren lang hielten die Könige der ersten chinesischen Dynastien ein Feudalsystem aufrecht, indem das Königtum die politische wie militärische Oberhand behielt, den Feudalherren aber gleichzeitig die volle Autonomie eingeräumt wurde. Mit dem Fall der Hauptstadt und der Königsresidenz an die „Westbarbaren“ im Jahr 771 v. Chr. brach die Autorität des Königtums in sich zusammen, welches sich bis dato als den „Sohn des Himmels“ betrachtet hatte und auch so angesehen wurde. Fortan konkurrierten die feudalen Adelshäuser um die Vorherrschaft im Reich der Mitte, bis schließlich sämtliche Königreiche der Xia (Chinesen) im 3. Jh. v. Chr. von der überwältigenden Streitmacht eines Millionenheeres des aufstrebenden „schwarzen“ Imperiums Qin (Tschin) aus dem Westen Chinas erobert wurde. Die Feudalstrukturen der eroberten Reiche wurden durch einen zentralen Verwaltungsapparat der Kommandanturen ersetzt, der dem Kaiser direkt unterstellt war. Dies war die Geburtsstunde des chinesischen Kaisertums.

Die Qin, ursprünglich eine chinesische Grafschaft an der Westperipherie, welche durch die Rückeroberungen der an die „Westbarbaren“ verlorenen Gebiete groß wurde, hatten ein militaristisches Staatssystem errichtet, indem Adelstitel und Land an die militärischen Leistungen im Krieg gekoppelt wurden. Hunderttausende Armbrüste und Lanzen wurden nach genau vorgefertigtem Muster in Serienfertigung produziert, bei denen die Namen der Schmieden zur Nachkontrolle auf die Waffen eingraviert wurden. Schwerter und andere Waffen der Qin waren verchromt: Eine Technik, die in Europa erst im Jahre 1920 als Patent angemeldet wurde. Die Klingen, die später als Grabbeigaben des Ersten Kaisers gefunden wurden, waren daher nach über 2.000 Jahren kaum korrodiert. Die Schlachtformationen der Qin kann man heute übrigens bei der akribisch abgebildeten Terrakotta-Armee nahe der alten Kaiserstadt Xi´an bestaunen.

Das Imperium Qin, welches alle chinesische Staaten unterwarf und im Süden an die Grenze der den Chinesen bis dahin unbekannten Welt der tropischen Regionen vorstieß, war nur von kurzer Dauer. Aufgrund seiner drakonischen Gesetzesgebung, seiner Brutalität auf den Eroberungsfeldzügen und seiner Ausschöpfung der Landesresourcen durch Großprojekte wie den Bau der Großen Mauer oder der Kaisergrabstätte (für die jeweils hunderttausende Arbeiter zwangsrekrutiert werden mussten), brachen kurz nach dem Tode des Ersten Kaisers Aufstände der Zwangsarbeiter und der ehemaligen Adligen der unterworfenen Staaten aus. Die Kaiserdynastie wurde innerhalb von 20 Jahren von Aufständen zertrümmert.

Nach Jahrzehnten der Kämpfe gelang es schließlich dem König von Han, alle  chinesischen Staaten wieder zu vereinen und das Kaiserreich von Han zu gründen. Die Kaiser der Han ergänzten das legalistische Herrschaftssystem der Qin durch ein konfuzianisches Moralsystem. Im Laufe der folgenden vier Jahrhunderte expandierte das Han-Reich um weitere Gebiete: den Norden Koreas, Nordvietnam und Teile der sogenannten Westterritorien (die damals mehrheitlich von indo-germanischen Völkern bewohnt wurden). Nach langen und verlustreichen Kriegen bezwangen die Han sogar das Steppenreich der Xiongnu, die den Großteil der ostasiatische Steppe  von der Manschurei bis  Zentralasien kontrollierten.

Die besiegten Xiongnu wurden in zwei Teile abgespalten: Die Süd-Xiongnu wurden chinesisches Protektorat und Teile südlich der chinesischen Mauer ins Chinesische Reich umgesiedelt. Die Nord-Xiongnu flohen vor chinesischen Angriffen nach Zentralasien. Ihre Spuren verloren sich nahe des Flusses Syrdarja im heutigen Kasachstan. Einer Theorie zufolge zogen die Nord-Xiongnu weiter Richtung Westen und tauchten irgendwann im Verbund mit weiteren Steppenvölkern als „Hunnen“ in Europa auf, die dann als die „Geißel Gottes“ die Germanen weiter westwärts vertrieben und das Ende des Weströmischen Reiches einleiteten.

Parallel zur „Pax Romana“ im antiken Europa herrschte also während der Han-Dynastie die „Pax Sinica“ in Ostasien. Das Reich der Mitte mit seiner Kultur, Schrift, Staatssystem und Gewändern wurde zum Vorbild für die damals bekannte Welt auf der östlichen Hemisphäre des Eurasischen Kontinents. Die Xia wurden fortan von den Nachbarvölkern Chinas als „Han“ bezeichnet. Diese Bezeichnung übernahmen die  Xia später als ihre eigene.

II. Der Zusammenbruch des Nordens und die Verlagerung der Zivilisation

In der Blütezeit der Han-Dynastie bildeten Bauern, die selbst Land besaßen, das Rückgrat des Han-Reiches. Sie stellten nicht nur die Soldaten des Reiches, sondern zahlten auch die meisten Steuern. Im Laufe der späteren Han-Zeit gerieten jedoch immer mehr Bauern wirtschaftlich in die Abhängigkeit von Großgrundbesitzern und arbeiteten daraufhin als hochverschuldete Pächter auf deren Gütern. Im Laufe der Zeit wurden die Großgrundbesitzer immer mächtiger und vereinnahmten immer mehr Land von den ärmeren Bauern, was das Elend der Bauern weiter verschlimmerte.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. versank das Reich der Mitte im Bürgerkrieg, der mehrere Dynastien überdauern und rund hundert Jahre andauern sollte. Von den endlosen Bürgerkriegen war das Reich personell wie materiell ausgezehrt. Die zuvor von den Chinesen unterworfenen und ins chinesische Reichsgebiet umgesiedelten Stämme der Süd-Xiongnu sahen ihre Chance zur Machtergreifung gekommen und versetzten dem Chinesische Reich durch eine Rebellion einen tödlichen Schlag. Im Laufe der Rebellion eroberten sie die chinesische Hauptstadt und besetzten große Teile Nordchinas.

Der Zusammenbruch des Nordens löste eine Völkerwanderung epochalen Ausmaßes aus. Hunderttausende Chinesen flohen vor dem Xiongnu-Sturm in den Süden des Reiches, der im Vergleich zum Norden noch unterentwickelt war und zu großen Teilen aus Kolonien der angesiedelten Chinesen bestand. Erst die massive Einwanderung von Nordchinesen veränderte das wirtschaftliche und kulturelle Gewicht des Südens. Infolge der massiven Zuwanderung der Nordchinesen verlagerte sich der Kernbereich der chinesischen Zivilisation vom Nordchina in den Süden des Landes. Nordchinesische Einwanderer brachten nicht nur ihre fortschrittlichere Technik mit, sondern auch ihre Sprache und Kultur.  So weisen alle heutigen südchinesischen Sprachen (oder politisch korrekt in China: Dialekte) eine viel größere Ähnlichkeit mit der altchinesischen Sprache auf, wie sie in der Antike in Nordchina gesprochen wurde, als das heutige Hochchinesisch Mandarin aus dem heutigen Nordchina, welches ständig dem Einfluss der mongolischen und mandschurischen Sprachen der Eroberer aus den Steppen ausgesetzt war und typische Merkmale des Altchinesischen wie „eintretende Töne“ verloren hat.

Während sich der Süden Chinas in den nächsten drei Jahrhunderten in chinesischer Hand befand und weitgehend von den Verwüstungen der Eroberungskriege verschont blieb, gründeten fünf Völker aus der Steppe und aus Zentralasien sechzehn Kaiser- und Königreiche auf dem nordchinesischen Boden.

Es war eine dunkle Epoche, in der sich unzählige Völker gegenseitig bekriegten.  Chinesische Frauen, die von Steppenvölkern „Zweibeinige Schafe“ genannt und in manchen Kriegen als Nahrungsvorräte verzehrt wurden, oder Völkermorde des chinesischstämmigen Generals Ran Min am herrschenden Volk der Jie  (Altchinesisch: Kiat / Zentralasiaten), bei denen allein in der Stadt Yecheng zweihunderttausend Jie jeglichen Alters massakriert wurden, zeugen von der Brutalität jenes Zeitalters.

Während die chinesische Zivilisation im Süden des Landes weitgehend intakt blieb,  gingen die Fremdherrscher des Nordens nach den anfänglichen Verwüstungen der chinesischen Kultur zur Kooperation mit den chinesischen Adelshäusern über, um ihre Herrschaft zu festigen. So übernahmen die herrschenden Tuoba schrittweise – und nicht ohne massive Gegenwehr der traditionsbewussten Tuoba-Fürsten – chinesische Nachnamen, Sprache und Gebräuche. Gleichzeitig gewannen einheimische nordchinesische Adelshäuser im Staate der proto-mongolischen Tuoba militärisch und politisch immer weiter an Einfluss, bis sie das Tuoba-Reich schließlich übernehmen konnten.

Der kulturelle  und politische Grundstein für den Aufstieg des zweiten Chinesischen Imperiums war gelegt.

III. Vom Zweiten Imperium bis zur Mongolenherrschaft

Im Jahr 589 n. Chr. wurde das Reich der Mitte unter dem Banner des han-chinesischen Adelshauses Yang der Sui-Dynastie aus dem Norden vereint.  Der  Kaiser der Sui ließ den großen Kaiserkanal bauen, der sich über 2.700 Kilometer erstreckte und den reichen Süden mit dem politischen Zentrum im Norden verband.  Und er schuf eine Beamtenprüfung, der auch Gelehrten aus dem einfachen Volke  den Zugang zum höheren Beamtentum verschaffte. Daraus entstand der „chinesische Traum“, der vom Frühmittelalter der europäischen Zeitrechnung noch bis 1905 andauern sollte: Der Traum des Aufstiegs vom einfachen Bauern durch Bildung bis zum Amt des Reichskanzlers – dem zweitmächtigsten Mann der den Chinesen bekannten Welt.

Doch die Sui-Dynastie führte ebenfalls Kriege, vier Feldzüge nacheinander gegen das koreanische Großreich Goguryeo. Die verlustreichen Kriege gegen Goguryeo forderten allein auf chinesischer Seite hunderttausende Tote. Die militärischen Niederlagen in Korea sowie die andauernde Großprojekte, die hunderttausende Menschenleben verschlangen, lösten zahlreiche Rebellionen seitens der Bauern und Adligen aus. 29 Jahre später wurde die Sui-Dynastie durch die Tang-Dynastie der Han-chinesischen Adelsfamilie Li ersetzt.

Die Tang-Zeit ging in die Geschichte ein als das goldene Zeitalter der chinesischen Expansion und der chinesischen Kultur. Die Hauptstadt Chang´an (Langer Frieden) zählte auf dem Höhepunkt der Tang-Dynastie eine Million Einwohner innerhalb der Stadtmauer und war die größte Stadt der damaligen Welt. Ein Zehntel der Bewohner Chang´ans waren Ausländer, die meist über die Seidenstraße nach China gekommen waren: Christen, Perser, Zentralasiaten und Araber. So ging der Glanz der chinesischen Hauptstadt in die Reiseberichte in Sogdien, Arabien und Byzanz ein als die Stadt „Khumdan“.

Das Chinesische Reich erreichte zur Zeit der Tang-Dynastie die größte territoriale Ausdehnung der Geschichte. Die Chinesen reklamierten ihren Herrschaftsanspruch in den West-Territorien entlang der Seidenstraße für sich und erreichten mit der Vernichtung des Westtürkischen Reiches den Höhepunkt der territorialen Expansion in den Westen. Im Zuge der Auflösung des westtürkischen Reichs durch die Chinesen wanderten türkische Stämme Richtung Westen und sollten dann später als Osmanen den Untergang des Oströmischen Reichs besiegeln.

Doch die wachsende Armut der Bauern und die Landkonzentration in die Hände von wenigen Großgrundbesitzern führten zum Kollaps der bis dahin staatstragenden Wehrpflichtarmee. Daraufhin wurde die Wehrpflichtarmee durch ein Söldnerheer ersetzt, welches ständig den jeweiligen Militärgouverneuren unterstellt war. Schließlich wurden aus einer ursprünglichen „Staatsarmee“ des Tang-Reiches eine „private Armee“ der Militärgouverneure, deren Loyalität in erster Linie dem jeweiligen Befehlshaber galt.

Die chinesische Expansion in Zentralasien wurde mit der militärischen Niederlage in der Schlacht am Talas durch das muslimische Abbasiden-Kalifat zerschmettert, in der die im chinesischen Heer kämpfenden Karluken zu den Muslimen überliefen.  Chinesische Gefangene sollen jedoch die Technik der Papierherstellung auf diesem Wege in die islamische Welt gebracht haben.

Noch bevor der Kaiser von China seine Truppen erneut gegen das Kalifat zusammenziehen konnte, brach im Reich eine Rebellion des sogdisch-chinesischen Militärgouverneurs An lushan gegen die chinesische Kaiserkrone aus. Diese fügte dem Reich einen derart vernichtenden materiellen wie menschlichen Verlust zu, dass sich das Reich nie mehr davon erholt hat. Millionen Menschen wurden durch die Raubzüge der Kriegsparteien getötet und ganze Landstriche der chinesischen Kernprovinzen verwüstet. Das Kaiserhaus geriet in immer größere Abhängigkeit von den anderen Militärgouverneuren, die zwar den Aufstand von An Lushan niederschlagen konnten, aber gleichzeitig die Autorität des Kaiserhauses untergruben. Der Untergang der Tang war die Folge.

Die darauffolgende chinesische Song-Dynastie schaffte einen Großteil der Machtbefugnisse der Generäle ab. Fortan wurden die kaiserlichen Armeen von den zivilen konfuzianischen Beamten strengstens kontrolliert und geführt. Gleichzeitig fiel die gesellschaftliche Stellung von Soldaten ins Bodenlose. Die regulären Armee bestand aus einem von der Zentralregierung kontrollierten Söldnerheer .

Die Song-Dynastie war für China eine Zeit der kulturellen Blüte und Erfindungen. Um das Jahr 1078 produzierten die Chinesen soviel Stahl wie in England zu Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert. Das Papiergeld wurde erfunden – mit den dazugehörigen ersten Inflationen der Weltgeschichte. Gleichzeitig erhielten Gelehrte einen beispiellosen rechtlichen, gesellschaftlichen wie politischen Status. Körperliche Folterstrafen oder gar Todesstrafen für zivile Beamten, die sich aus Gelehrten rekrutierten, wurden abgeschafft. Kanzler erhielten umfangreiche Machtbefugnisse, sodass sie in der späteren Süd-Song-Dynastie noch mächtiger wurden als der Kaiser selbst. Darüber hinaus wurden zahlreiche staatliche wie zivile Wohlfahrts-Einrichtungen gebaut, um Bedürftigen zu helfen.

Man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Song-Dynastie zur wohlhabendsten, liberalsten und auch humansten Zeit des Alten Chinas zählt.

Das chinesische Militär freilich verlor wegen des geringen Ansehens seiner Soldaten (=staatliche Söldner),  der militärisch unerfahrenen Gelehrten als Heeresführer und dem Verlust der Zuchtgebiete für Pferde im Norden (an die Kitan) und Nordwesten (an die Tanguten) an Schlagkraft.

Von Anfang an war das militärisch schwache Reich der Song beständig einer massiven Bedrohung von Außen ausgesetzt – zunächst durch die Kitan (Das Reich der Groß-Liao), dann durch die Jurchen (Das Reich der Groß-Jin) und schließlich durch die Mongolen (Das Großmongolische Reich der Groß-Yuan). Statt sich mit den Reichen der Steppenvölker militärisch auseinanderzusetzen, praktizierten die Herrscher der Song lieber eine Politik der Kompromisse und Entspannung gegenüber den Nordvölkern, um sie zu besänftigen.

Die Chinesen zahlten den Nordreichen enorme Summen an Tributen, in der Hoffnung, ihnen die Aggression nehmen zu können. Obwohl diese Taktik zum Teil recht erfolgreich war (etwa Nord-Song gegenüber den Kitan und Süd-Song gegenüber den Jurchen), endete das chinesische Reich letztendlich in einer totalen Unterwerfung durch die Mongolen. Es war das erste Mal, dass das gesamte Chinesische Reich von einem Steppenvolk unterworfen wurde. Die Unterwerfung Chinas brachte gleichzeitig die Politik der Tributzahlungen gegenüber den Steppenvölkern bei den chinesischen Intellektuellen in Verruf.

Mit der Vernichtung der Song durch die Mongolen endete in China eine Ära der politischen Liberalität und des beispiellosen wirtschaftlichen Wohlstands. Die Mongolischen Kaiser der Yuan unterteilten die gesamten Bewohner des Reiches in vier Kasten: 1. Mongolen. 2. Semu (Zentralasiaten, Araber, Christen, etc.), 3. Nord-Han (Bewohner Nordchinas) und 4. Süd-Han (Bewohner Südchinas). Dem mongolischen Reichsgesetz entsprechend musste ein Han-Chinese mit seinem Leben bezahlen, falls er einen Mongolen totschlug. Ein Semu oder gar ein Mongole brauchte für den Totschlag eines Chinesen nur eine Entschädigung zu zahlen.

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Kommentare

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  • Missing Link

    Aha, im 3. Stock links geht die Tür auf und heraus schaut die allwissende „Eur.Opa“.

    „Jeder weiß schon genug“…..so, ist das auch eine Lebensweisheit von „uns-Oma“?

    „Längst ist doch alles gesagt, was zu sagen ist, nur noch nicht von Allen…“
    „Wem das Herz voll, dem geht der Mund über“, und warum haben Sie 143 Kommentare geschrieben?

    „allein hier: Wer liest dies alles?“
    Jeder liest, was ihn interessiert.

    „Nein. – Es ist nicht
    das Wissen, das uns mangelt.“
    Uns? Weiter oben schreiben Sie: „>> die Geschichte lehrt auch, dass Diejenigen, die so sprachen, mit WIR immer die – ANDEREN – gemeint hatten.“

    „Was fehlt, ist der Mut, zu verstehen, was wir wissen….daraus die Schlussfolgerungen zu ziehen und es zu tun.“
    „Mut zeiget auch der Mameluck…“ schrieb Schiller.
    Nein, nein, woran es in unserer Gesellschaft mangelt ist das von Kant geforderte „Sapere aude“.
    Ja, ja, aus dem 3. Stock links kommen nach wie vor nur schillernde Seifenblasen.

    • 3. Stock links

      zu die Lebensweisheiten von Uns-Oma gehörte auch: „Je länger die auf die Schul´geh´n, desto dümmer wer´n Die!“…das hat sie zu Eur-Opa gesagt und damit hat sie uns gemeint, als Kinder…peinlich, gell..!?

  • Marcel Börger

    Danke für das Mehr an Fleisch!

    Ich bin nicht überall Ihrer Meinung.

    Es wissen noch lange nicht alle genug, m.M.n und ich glaube, dass es viele Mitleser gibt, die nicht selbst schreiben.
    Das kommentieren dient m.E. primär dem Feedback geben, gegenüber dem Author eines Beitrages, manchmal der Ergänzung von Aspekten aus einer Analogie der Schwarmintelligenz heraus und nicht zuletzt der eigenen Sortierung der Gedanken und Argumente, vielleicht der Rückversicherung oder einem Wir-Gefühl iS. eines Echoraumes, mit allen möglichen Vor- und Nachteilen, Chancen/Risiken.

    Ich denke, hier ist einer der wenigen Blogs aus dem politischen Bereich, dessen Kommentarfunktion dem alten Gedanken des Forum publico sehr nahe kommt, eigentlich der einzige derart, denn ich kenne und daher auch sehr schätze.

    Wir alle hier sind Teil eines sehr ungewöhnlichen Projektes, in dem aus einem Internetblog ein Printjournal wurde und Leserbeiträge aus dem Blog auch ihren Widerhall im Print finden und zwar nicht irgendwo auf der vorletzten Seite bei Leserbriefen, sondern bei den jeweiligen Beiträgen.
    Das finde ich auch sehr spannend und kenne es von keinem anderen Print-Blog, wenn ich diesen Hybrid mal so nennen darf.

    Spannend fände ich, zu erfahren, welche Schussfolgerungen Sie für sich gezogen haben und zu welcher Handlungsoption Sie für sich gelangt sind?
    Sie sind der Auffassung, alles sei geschrieben und das Wissen um „alles“ (zumindest alle hier diskutierten Probleme der Gegenwartspolitik, ihrer Gesichter und Personen) sei vollständig, dennoch schreiben Sie selbst auch hier – das erklärt sich nicht von alleine, könnte ein Widerspruch in sich sein.

    Sicher wird für Einige gerade das Schreiben von Kommentaren oder Beiträgen, die Konsequenz aus Einsichten oder Bedürfnissen sein, also der nächste Schritt nach dem sammeln und überlegen von Erfahrungen und Informationen.
    Andere gehen auf die Straße, in Parteien, einige werden radikal und greifen zu den Waffen oder Mollis oder kombinieren alles beliebig, je nach Möglichkeit, Alter, Charakter, Temperament, persönlicher Verfassung usw.usw.

    Sie schreiben zum Geschriebenen, also eine Art Metaschreib und haben sich dazu einen artifiziellen Avatar nebst prosaischen Stil gewählt, was völlig in Ordnung geht. Das gibt Ihnen ein Alleinstellungsmerkmal hier, macht neugierig, provoziert vielleicht auch. Politik ist für uns Germanen bekanntlich eine bierernste Sache, solange nicht genug Bier im Kopf ist.

    Da ich bezüglich Gedanken und Argumente stets neugierig bin, freue ich mich über alles in diese Richtung, was ich mit meinen Mitteln und geistiger Ausstattung nachvollziehen kann. Ich gesteh erneut, dass mir zu höheren Stufen der Abstraktion in Kunst der Zugang nicht leicht fällt. Schreiben Sie doch mal aus dem 2. Stock Mitte;-)

    Beste Grüße

    • 3. Stock links

      Warum ich „auch“ hier schreibe sei verraten:

      …Oma hätte es Tagebuch genannt. Aufzeichnungen werden chronologisch archiviert, um vielleicht später zu sehen: „Warum es so kommen musste, wie es kam..“.. begonnen bei Tichy´s Blog Chefsache, anno dunnemals.

  • Ralf Pöhling

    Ein hochinteressanter Artikel, Herr Zhu.
    Ihr Fazit teile ich voll und ganz.

  • 3. Stock links

    kicknrush – kein
    Mensch hindert Sie – daran – am besten zur rush hour!

    • Marcel Börger

      Sie pflegen eine etwas kryptische Kommentar-Prosa, vielleicht ist sie mir auch nur zu hoch?

      Wenn Sie dem einen oder anderen Ansatz etwas mehr Fleisch auf die Rippen packen könnten, würde ich evt. eher durchblicken, was Sie meinen könnten.

      Nicht bös gemeint, bin einfach nur neugierig und gleichzeitig etwas frustriert, den hingeworfenen Fetzen keinen rechten Sinn entnehmen zu können.
      Wenn dies allerdings eine Kunstform darstellt, dann ok, bin in dieser Moderne nicht hinreichend bewandert.

      No hate

      • Missing Link

        Sehen Sie, Herr Börger, ich bin wesentlich weniger freundlich als Sie. 😉

      • Marcel Börger

        Sie böser, Sie! 😉

  • Marcel Zhu

    Sehr geehrter Herr Börger,

    vielen Dank für Ihren sehr aufschlussreichen Kommentar! Ich kann Ihre Feststellungen über Deutschland nur unterschreiben. Auf dieses Thema bezüglich der deutschen Geschichte und Identität werde ich in einem kommenden Beitrag noch mal eingehen.

    Bezüglich der Identitätsprobleme in China möchte ich noch etwas präzisieren:

    Das heutige chinesische Nationalbewusstsein schwankt zwischen einem Minderwertigkeitskomplex (gegenüber dem Westen und verdeckt auch gegenüber Japan) einerseits und einem überhöhten Nationalismus andererseits. Beide sind auf eine fehlende kulturelle Kontinuität und ein normales Selbstbewusstsein der eigenen Identität zurückzuführen.

    Auf der einen Seite sind traditionelle Tugenden und Werte in der heutigen chinesischen Gesellschaft kaum vorhanden. Ebenso erhalten kulturelle Traditionen nicht annährend die gleiche Wertschätzung wie etwa in Japan. Vieles, was den westlichen Lebensstil ausmacht, wird sowohl heute von den Eliten und als auch von der Mehrheit der Bevölkerung, bewundert und nachgeeifert. Die heutigen Chinesen wollen am liebsten so sein und so leben wie Europäer, ja am liebsten so aussehen wie Europäer (denn europäisches Aussehen gilt als Schönheitsideal). Es gibt gar Unternehmen, die Europäischstämmige nur für wegen ihres europäischen Aussehens einstellen, um nur in den Konferenzen da zu sein, um möglichst international und modern zu wirken.

    Gleichzeitig jedoch werden Erinnerungen an die Niederlagen im 19. Jh. gegen die westlichen Großmächte (etwa der Opiumkrieg oder der Boxer-Krieg) täglich in den Schulen bzw. in der Öffentlichkeit aufrechterhalten, als wären sie erst gestern passiert. In Deutschland würde sich kaum ein Schüler daran erinnern, wie etwa der preußisch-französische Krieg im 19. Jh. abgelaufen war. In China hingegen weiss jedes Kind von den Niederlagen Chinas gegenüber den westlichen Großmächten. Daher kommt auch die emotionale Verletzbarkeit und Sensibilität von heutigen Chinesen gegenüber jeglicher Kritik aus dem Westen an China.

    Sie sehen hier den Widerspruch. Denn zu Zeiten der militärischen Niederlagen Chinas gegenüber dem Westen herrschte ein Herrschaftsssystem in China, welches mindestens genauso brutal, wenn sogar noch rücksichtsloser, gegen die eigene Bevölkerung (vornehmlich die Han, aber auch gegen Minderheiten) vorging und die Han-Chinesen vor allem als Untertanen betrachtet hat. Man denke nur an die Schrifteninquisitionen, die von mehreren Kaisern der Mandschu durchgeführt wurden, bei denen tausende kritische chinesische Intellektuelle hingerichtet oder verfolgt wurden (und viele Angehörige in die Mandschurei geschickt wurden, um sich den Mandschu Grenzsoldalten als Sklaven anzudienen). Bei der Mandschu-Eroberung Chinas war ein Bevölkerungsschwund von ca. 10 Millionen Menschen in China zu verzeichnen (der teilweise natürlich auch auf das Konto von Rebellen ging). Als die Qing die Hauptstadt der Taiping-Rebellen, Nanking, im späten 19. Jh zurückeroberten, brachten sie fast sämtliche Bewohner der Stadt um. Die Briten, die im Opiumkrieg Qing-Kriegsschiffe vor der Küste zerstörten, wurden von der chinesischen Bevölkerung emotionslos zur Kenntnis genommen. ich denke, dies spiegelte die tatsächliche Lage von damals wieder: Für die Mehrheit des einfachen Volkes der Chinesen stellten die Qing wie westliche Kolonialherren Unterdrücker bzw. Herrscher dar. Ein Widerstand wurde erst dann geleistet, als die Briten in China anfingen, die Dörfer auszuplündern.

    Doch diese historische Realität wird in China nicht mehr aufgeklärt. Dies rührt daher, da die mandschurische Qing-Dynastie inzwischen als eine ganz normale chinesische Dynastie offiziell dargestellt wird und dargestellt werden muss (weil sonst die historische Kontinuität der heutigen chinesischen Staatsgebiete etwa in der Mongolei, Xinjiang oder Tibet in Frage gestellt ist).

    Sie sehen also, in China ist das Problem der Identitätsprobleme weniger die Unterdrückung eines nationalen Bewusstseins, sondern die politisch gewollte Verzerrung der Geschichte zugunsten der heutigen politischen Bedürfnisse in China sowie die mangelnde Fortführung, Pflege und Wiederentdeckung der positiven kulturellen Eigenarten und Traditionen, die es im alten China (besonders vor der Qing oder Yuan-Dynastie) reichlich gab.

    Mit freundlichen Grüßen

    • Marcel Börger

      Vielen Dank für Ihre interessanten Ergänzungen, Herr Zhu!

      Ich entwickle eine Ahnung, auf welch wunderbaren, historischen Schatz Sie zugreifen können, dank Ihrer Wurzeln mit so langer und wechselvoller Geschichte. Wirklich sehr inspirierend.

      Ich bin sehr neugierig auf Ihren nächsten Beitrag, ebenso wie mir Ihre vorherigen außerordentlich gut gefallen haben.

      Beste Grüße

  • Heinz Stiller

    Herr Zhu, Ihre Artikel lese ich immer mit absolutem Genuss. Kompliment auch für diesen hier!
    Ich möchte nur einige kleine Ergänzungen anbringen. Ich persönlich bin der Meinung, dass man aus Geschichte sehr viel lernen kann – sicher ändern sich äussere Umstände, aber die Menschen bleiben im wesentlichen die gleichen. Aus den ersten politologischen Abhandlungen der Inder (Kautilya, Artha-Shastra) und der Chinesen (Sunzi, Vom Kriege) lassen sich zeitlos gültige Grundregeln der Politik und des menschlichen Handelns ableiten. Das Mandala-Prinzip (Dein Nachbar kann Dich bedrohen; der – weiter entfernte – Nachbar Deines Nachbarn ist Dein potentieller Verbündeter) lässt sich eins-zu-eins in hergebrachte westliche Geopolitik übertragen.
    Die Analogien zwischen chinesischer und westlicher (z.B. byzantinischer) Geschichte sind frappierend. Es geht bis in oberflächlich aussehende Zufälligkeiten. Die Schlacht am Talas, die Sie erwähnen, wurde verloren, weil man sich auf Verbündete (Karluken) verliess, die nicht zur eigenen Gruppe i.w.S. gehörten, und die man zuvor schwer gekränkt hatte.
    Die entscheidende Schlacht der Byzantiner gegen die expandierenden muslimischen Araber (Jarmuk, 636) ging u.a. deshalb verloren, weil die Ghassaniden (christliche Araber, die mit Byzanz verbündet waren, aber vom Kaiser vor den Kopf gestossen worden waren) mitten in der Schlacht die Seite wechselten.
    Merke: Wer seine Verbündeten nicht pflegt, kann sich auf Ihre Loyalität nicht verlassen.
    Aber wichtiger sind natürlich andere Aspekte. Sie schreiben, dass die Mandschu den eroberten Chinesen zahlenmässig weit unterlegen waren. Dies ist eine häufig vorkommende Situation von Eroberern. Es trifft auf die Westgoten in Spanien zu, auf die Vandalen in Nordafrika, auf die Araber in den von ihnen im 7. Jahrhundert besetzten Gebieten, die Engländer in Indien, und auf viele andere.
    Sie kann durch verschiedene Faktoren ermöglicht werden. Zum einen durch den organisatorischen Vorteil der kleineren Zahl: Eine kleinere, in sich geschlossene und entschlossene Gruppe mit effektiver Führung, einheitlicher Ideologie und überlegener Technik und Organisation wird einer grossen, evtl. rückständigen, in sich zerstrittenen Masse ohne Selbstbehauptungswillen immer überlegen sein.
    Kleinere Gegner nicht ernst zu nehmen, nur weil sie zahlenmässig unterlegen sind, ist also einfach nur dumm.
    Ihr Argument vom Verteidigungswillen (Song-Dynastie) trifft ebenso auf den Westen zu. Die römischen Armeen verloren etwa ab dem 3. nachchristlichen Jahrhundert massiv an Schlagkraft, nicht nur, weil ihre Gegner technisch aufholten, sondern weil die eigene Bevölkerung kaum mehr bereit war, in der Armee zu dienen – wenn sie es tat, dann mit geringer Kampfkraft (Vegetius spricht in seinem ‚De re militari‘ diese Verweichlichung an). Man verliess sich statt dessen auf Söldner, vor allem auf germanische.
    Die exzessiven steuerlichen Belastungen der gross-syrischen und nordafrikanischen Gebiete von Byzanz führten (mit anderen Faktoren) dazu, dass die dortigen Bevölkerungen den muslimischen Eroberern im 7. Jhdt. keinen grossen Widerstand entgegenzusetzen gewillt waren – die Araber versprachen niedrigere Steuern (trotz der Ungläubigensteuer ‚Dschizya‘).
    Nach einer rund zwanzigjährigen Besetzung durch Persien sah man auch keinen grossen Unterschied mehr zwischen der eigenen Regierung in Byzanz und der Regierung durch neue Eroberer – heute würde man von „Äquidistanz“ sprechen.
    Zudem wurde die byzantinische Bevölkerung durch anhaltende, erbitterte religiöse (christologische) Meinungsverschiedenheiten gespalten. Dies traf zwar auch im Prinzip auf die Araber zur Zeit der Ridda-Kriege zu, aber diese beendeten die meisten ihrer Streitigkeiten gewöhnlich recht schnell mit dem Mittel der Gewalt.
    – Was aber besonders faszinierend ist, sind Prozesse, wie sie der amerikanische klassische Ethnologe Alfred Kroeber beschreibt: mit seinem Begriff der „cultural fatigue“ spricht er die Müdigkeit einer alten Kultur an, der ihre Rituale und Mühen einfach „zuviel“ werden. Sie gibt sich selbst auf und begibt sich in die Arme von etwas Neuem, das von aussen kommt (Kroeber bezog sich auf die Aufgabe des Tabu-Systems im vorkolonialen Hawaii).
    – Unser deutscher Oswald Spengler hat ausgerechnet die Aufklärung mit ihrem radikalen Rationalismus für Verfallserscheinungen des Westens mit-verantwortlich gemacht. Der ubiquitäre Skeptizismus führe schliesslich zum Anzweifeln und zur Erosion aller Werte.
    Was er für die späte weströmische Gesellschaft diagnostiziert hat, nämlich die Hinwendung der herrschenden Klasse zu bizarren Sekten-Dogmen, hat er für unsere heutige Gesellschaft nicht mehr sehen können: Wir erfahren heute als offensichtliche Reaktion auf den Rationalismus die Hinwendung zu einer Art festen Sektenglaubens, dem drittweltistischen, grünen, universalpazifistischen Gutmenschentum. Und auch dieser Irrsinn nimmt von einer Elite Besitz: von unserer aktuellen.
    Es ist eine Form des Kulturdefätismus in seiner extremsten Ausprägung. Schon die Andeutung der Relevanz einer europäischen „Leitkultur“ (damals durch den syrisch-deutschen Politologen Bassam Tibi) wurde als faschistoid verleumdet.
    – Zum Thema möchte ich noch zwei Bücher empfehlen, deren Aussagen zwar kontrovers und teilweise wiedersprüchlich, aber dennoch intellektuell fruchtbar sind. Mark Steyn’s ‚America Alone‘ bietet eine Fülle von Details zur westlichen Selbstaufgabe, auch wenn man mit seinen Schlüssen nicht konform gehen muss. David P. Goldman (der unter dem Pseudonym ‚Spengler‘ in der ‚Asia Times‘ schreibt) leistet mit seinem Buch ‚How Civilizations Die – and Why Islam is Dying Too‘ eine mehr als notwendige Ergänzung zu Sarrazin.
    – Zum Schluss: Ihre chinesische Gesellschaft (die ich kenne, weil ich – angeheirateter – Teil einer chinesischen Grossfamilie bin) hat unserer europäischen eines voraus: sie gibt nicht ALLE ihre Kultureigenheiten auf.
    Der chinesische ‚Familiarismus‘ wäre hier zu nennen. Edward Banfield (‚The Moral Basis of a Backward Society‘, 1958) hat dies in seinem Klassiker herausgearbeitet.
    Er beschreibt am Beispiel Süditalien die Grossfamilie als Nukleus und letzte Fall-Back-Position einer Gesellschaft, der fast alle sonstigen kulturellen Eigenheiten abhanden gekommen sind. In China und in Italien ist sie für Korruption, aber auch für sozialpsychologischen Halt und als Ersatz für kaum vorhandene Sozialsysteme zuständig.
    Sie bietet auch den letzten Anker für einen Begriff von „wir“ gegenüber „den anderen“, wenn auch auf sozial kleinräumigem Niveau.
    Wir in Mitteleuropa haben nicht einmal mehr dies.

    • Marcel Börger

      Sehr guter Kommentar mit vielen interessanten Anregungen!
      Vielen Dank, Herr Stiller!

      Beste Grüße

    • Marcel Zhu

      Lieber Herr Stiller,

      vielen Dank für Ihre lehrreichen Aufführungen und für Ihre Buchhinweise!
      Zu dem Punkt der Unterwerfung eines größeren Staats durch eine kleinere Volksgruppe lässt sich noch sagen, dass diese Frage viele Chinesen über Jahrhunderte beschäftigt hat. Wie konnte es sein, dass ein so großer Staat wie das Kaiserreich China immer wieder von einer zahlenmäßig kleineren Gruppe unterwerfen werden konnte.

      Am Beispiel der Unterwerfung Chinas durch die Mandschu: Die Zahl der im Jahr 1644 in China eingefallenen Mandschu-Armee betrug höchstens etwa 100.000. Die Zahl der gesamten Angehörigen des Mandschu-Volkes dürfte damals keine Million betragen haben. China zählte damals aber fast 100 Millionen Einwohner.

      Mein Erklärungsversuch:

      1) Die mangelnde Kampfkraft der chinesischen Armee. Wie erwähnt verlor die gesellschaftliche Stellung von Soldaten in China seit der Song-Dynastie ins Bodenlose. Zu Anfang der Ming-Dynastie wurde das Ansehen von Kriegern noch erhöht (aufgrund der Kriege gegen Mongolen). Doch im späten 16. Jh. waren Soldaten im Reich der Mitte wieder im Tiefpunkt ihrer gesellschaftlichen Stellung. Ein Beispiel: Ein Krieger musste vor einem zivilen (konfuzianischen) Beamten gleichen Ranges niederknien. Krieger wurden von den zivilen Beamten gleichen Ranges wie Lakaie herumkommandiert. Der Großteil der Elite Chinas ging die Laufbahn eines zivilen Beamten ein und verachtete das Soldantum zutiefst. Wie konnte man von so solchen Soldaten erwarten, die ständig sozialer Ächtung ausgesetzt waren, dass sie tapfer gegen einfallende Steppenkrieger kämpfen sollten?

      Die Mandschu stellten hingegen die damals schlafkräftigste Armee Ostasiens und verfügten zudem seit dem Übertritt mehrerer Ming-Generäle über Truppen, die mit modernen Kanonen und Musketen bewaffenet waren.

      2) Das absurde Steuern- und Abgabenwesen im Kaiserreich China der Ming. Die konfuzianischen Beamten genossen zahlreiche Privilegien. Wer eine Beamtenprüfung bestand, brauchte keine Steuern mehr bezahlen. Dies führte dazu, dass aus Gelehrten schnell Großgrundbesitzer wurden, die über zahlreiche Pächter verfügten. Ein Großteil des Landbesitzes und der Reichtümer fielen so auf die Konfuzianischen Gelehrten, die keinerlei Steuern zahlen mussten. Folglich hatte der chinesische Staat sehr oft knappe Einnahmen, obwohl der Süden des Landes vor Reichtum nur so strotzte.

      Der chinesische Staat konnte aber diese Steuernprivilegien der konfuzianischen Grundbesitzer nicht abschaffen, weil der gesamte Staatsapparat in den Händen eben jener Konfuzianer befand. Die Kaiser der Ming waren gegenüber diesem Beamtenapparat nahezu machtslos.

      Folglich musste der chinesische Staat seine Steuern auf die ärmsten der Armen: auf die einfachen Bauern erheben. Anfang des 17. Jh. war Ostasien jedoch extremer Kälte ausgesetzt (kälteresistente Nahrungen wie Kartoffeln waren damals noch nicht in China verbreitet). Die schlechten Ernten zusammen mit hoher Abgabenlast führten zwangsläufig zu Aufständen, die das Reich ins Chaos stürzten.

      3) die zahlreichen chinesischen Truppenverbände, die auf der Seite der Mandschu kämpften. Ohne diese wäre die Eroberung Chinas nicht möglich gewesen. Nach dem Fall der chinesischen Hauptstadt Peking an die Bauernrebellen im Jahre 1644 schlug etwa die chinesische Garnison (die damals beste ausgerüstete Armee des Reiches) an der chinesischen Mauer (vor der Mandschurei) auf die Seite der Mandschu, um angeblich an den Rebellen für den Tod des Kaisers durch die Rebellen zu rächen. In Wirklichkeit haben die Mandschu dem chinesischen Befehlshaber der Garnision einen Königstitel und eine ganze Provinz als Lehn versprochen. Dieser General gilt übrigens bis heute in China als Synonym für „Verräter“.

      4) Wie erwähnt war das Kaiserreich China nach dem Tode des Kaisers in Peking zerstritten. Ein Teil Chinas war von Bauernrebellen besetzt. Ein Bündnis mit ihnen war für das Reich der Ming, welches den Süden noch kontrollierte, nicht möglich (da die Rebellen für den Tod des Kaisers verantwortlich gemacht wurden). Andererseits wurden die Mandschu von den Ming unterschätzt. Die meisten Chinesen glaubten damals nicht, dass die Mandschu in der Lage wären, über China zu herrschen. Die Rebellen wurden hingegen als eine größere Bedrohung für die Ming wahrgenommen.

      Zudem gab es mehrere Thronanwärter im Reich der Ming, deren Anhänger sich gegenseitig bekämpften und misstrauten.

      So konnten die Mandschu eine chinesische Provinz nach der anderen unterwerfen.

      Mit freundlichen Grüßen

  • Marcel Zhu

    Sehr geehrte Frau Friedrich,

    bezüglich diesem Thema weise ich auf eine internationale genetische wissenschaftliche Untersuchung hin, die eine genetische Mutation der tibetischen Bevölkerung nach der Trennung der chinesisch-tibetischen Ur-Bevölkerung festgestellt hat, die den Tibetern ermöglicht haben soll, auf dem Hochland besser zurechtzukommen (1).

    Die Verwandtschaft der tibetischen und chinesischen Sprache ist seit mehr als hundert Jahren in der Wissenschaft bekannt. Nicht zuletzt gehören Chinesisch und Tibetisch zu der sogenannten „Sino-Tibetischen“ Sprachfamilie.

    Mit freundlichen Grüßen

    (1)
    https://www.theguardian.com/science/2010/jul/02/mutation-gene-tibetans-altitude

  • tommy

    Sehr interessanter Artikel, danke. Herr Zhu ist ja meines Wissens noch recht jung, seine Kenntnisse sind aber bereits beeindruckend.

  • Franz

    Sehr geehrter Herr Zhu vielen Dank für den gut gestalteten Überblick über die chinesische Geschichte. Wenngleich mir viel davon geläufig war, so fand ich doch ihr Resümee hinsichtlich der kulturellen Gebrochenheit Chinas neu und sehr überzeugend. Was Ihre Ausführungen zur Staatsführung betrifft, so kann ich diese nahezu 100%ig nachvollziehen. Vielen Dank.