Wirecard erschüttert das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland

Zahlungsdienstleister Wirecard steht nach seinem Bilanzskandal vor der Pleite. Angesichts eines 1,9 Milliarden Euro großen Lochs kündigte der Konzern einen Insolvenzantrag an. Eine der größten Pleiten der Bundesrepublik, die das Vertrauen in den Finanzplatz erschüttert.

imago images / Sven Simon

Die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Zahlen von Wirecard seit Jahren testiert hatten, sprachen von einem ausgeklügelten, weltumspannenden Betrugssystem, mit dem sie, die kreditgebenden Banken und alle Anleger hinters Licht geführt worden seien. Erstmals in der mehr als 30-jährigen Geschichte des DAX kollabiert damit ein Mitglied des deutschen Leitindex. Die Aktien stürzten am Donnerstag um fast 80 Prozent auf 2,50 Euro ab. Am Freitag verbuchten sie mit 1,30 Euro ein weiteres Tagesminus in Höhe von 63 Prozent. Vor einer Woche kosteten sie noch rund 100 Euro.

„Es gibt klare Anzeichen dafür, dass das ein aufwendiger und ausgeklügelter Betrug war, in den unterschiedlichste Parteien rund um die Welt aus verschiedenen Institutionen involviert waren, mit dem Ziel der Täuschung“, erklärte die Deutschland-Tochter von EY. Solche betrügerische Absprachen, die mit hohem Aufwand und Dokumenten falsche Fährten legten, ließen sich auch mit den besten Prüfmethoden nicht aufdecken, rechtfertigte sich das Unternehmen, das zu den vier größten Wirtschaftsprüfern in Deutschland gehört. EY droht eine Klagewelle und ein massiver Reputationsschaden. Die Prüfer hatten erst bei der Prüfung der 2019er-Bilanz bemerkt, dass Bankbestätigungen zu Treuhandkonten auf den Philippinen gefälscht waren. Auf den Konten sollten 1,9 Milliarden Euro liegen – ein Viertel der Bilanzsumme.

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Erst nachdem EY vor einer Woche das Testat unter der Bilanz verweigert hatte, brach das Kartenhaus zusammen. Wirecard hatte sich jahrelang gegen Vorwürfe der Bilanzfälschung gewehrt. Die 1999 gegründete Firma hatte in den vergangenen Jahren angeblich ein rasantes Wachstumstempo hingelegt und vor knapp zwei Jahren die Commerzbank aus dem Dax verdrängt. Zu den besten Zeiten war Wirecard an der Börse fast 25 Milliarden Euro wert. Doch die Geschichte vom erfolgreichen Fintech aus Deutschland erwies sich als Illusion. „Es war schockierend zu sehen, dass zwei Drittel der Umsätze nur auf dem Papier existierten“, sagte ein Insider. „Da ist ein gesunder Kern, aber es gibt keine Chance, damit die Schulden von 3,5 Milliarden Euro zurückzuzahlen.“

Nach Angaben von Wirecard hätten die Gläubigerbanken bis Ende des Monats 1,3 Milliarden Euro an Krediten kündigen oder nicht verlängern können. Doch die Gespräche darüber wurden wegen Aussichtslosigkeit abgebrochen. „Das Geld ist weg“, hieß es bei einer Bank. „In einigen Jahren bekommen wir vielleicht ein paar Euro zurück, aber wir müssen den Kredit jetzt abschreiben.“ Ein anderer Gläubigervertreter sprach von „krimineller Energie, die jahrelang am Werk“ gewesen sei. Was von Wirecard übrig bleibt, ist offen. Wettbewerber bräuchten die Wirecard-Technologie wohl nicht – und könnten die Kunden, zu denen Firmen wie Aldi und Ikea gehören, einfach auf ihre Plattform herüberziehen.

Nach der Zustimmung der Lufthansa-Aktionäre zum geplanten staatlichen Rettungspaket kann die Airline rasch auf Milliardenhilfen zugreifen. „Das Geld aus dem Kfw-Kredit soll schnellstmöglich fließen“, sagte ein Konzernsprecher am Freitag. Der „Spiegel“ berichtete, die Regierung stelle einen Teil der insgesamt neun Milliarden Euro unmittelbar zur Verfügung. Demnach habe das Bundeswirtschaftsministerium mit der KfW arrangiert, dass die drei Milliarden Euro Kredit ab sofort fließen können. Die staatliche Förderbank und das Ministerium kommentierten dies nicht.

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Die Aktionäre hatten am Donnerstag auf einer außerordentlichen Hauptversammlung grünes Licht für das staatliche Rettungspaket gegeben und damit eine drohende Insolvenz verhindert. Das Paket besteht aus bis zu drei Milliarden Euro Kredit der KfW, 5,7 Milliarden Euro an Stillen Einlagen des Bundes sowie einem rund 300 Millionen Euro schweren, 20-prozentigen Aktienpaket. Die Airline verhandelt derzeit noch mit Gewerkschaften, um die Kosten zu senken. Mit der Flugbegleitergewerkschaft UFO hat die Lufthansa sich bereits auf ein Sparpaket verständigt. Dieses umfasst einen vierjährigen Kündigungsschutz sowie ein Einsparvolumen von über einer halben Milliarde Euro bis Ende 2023. Die Gespräche mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und mit Verdi laufen weiter. Möglicherweise werde am Wochenende weiterverhandelt. Die Piloten hatten Einsparungen von 850 Millionen Euro bis Juni 2022 angeboten.

Wegen der geplanten Verkleinerung der Flotte sieht die Lufthansa einen Personalüberhang von 22.000 Vollzeitstellen. Das entspricht rund 26.000 der etwa 138.000 Beschäftigten. Von den 763 Maschinen sind rund 600 noch am Boden. Wie andere Airlines will Lufthansa den Flugbetrieb schrittweise hochfahren und dürfte dazu kommende Woche konkretere Pläne vorlegen.

Am deutschen Aktienmarkt rutschten die Kurse der Blue Chips am Freitag kurz vor Sitzungsende markant ins Minus. Zum Handelsschluss verlor der Leitindex DAX 0,7 Prozent und schloss mit 12.089 Zählern.

In den USA sorgten wiederaufkommende Corona-Sorgen für schlechte Laune. Angesichts der dramatischen Entwicklung mit Blick auf die Corona-Neuinfektionen planen einige US-Bundesstaaten, ihre angekündigten Lockerungen erst einmal nicht umzusetzen. Dies könnte die wirtschaftliche Erholung der USA deutlich erschweren. Auch die Meldungen von der Konjunkturfront vermochten die Stimmung der Börsianer nicht aufzuhellen. So fiel zum Beispiel der Michigan-Index zum Konsumentenvertrauen etwas schwächer als erwartet aus. Der Dow Jones Industrial sackte zeitweise unter die Marke von 25.000 Punkte gedrückt. Mit einem Abschlag von 2,8 Prozent auf 25.016 Punkte ging das weltweit bekannteste Börsenbarometer aus dem Handel. Der Wochenverlust summiert sich damit auf 3,3 Prozent.

Unter den Branchen stand an diesem Tag vor allem der Bankensektor im Fokus: Nachdem die Aktien der US-Großbanken am Vortag wegen der Lockerung einiger Corona-Beschränkungen deutlich zugelegt hatten, ging es nach dem Stresstest der US-Notenbank vom Vorabend abwärts. Die Fed winkte zwar alle Banken durch und stellte ein durchaus positives Zeugnis aus, machte aber Auflagen: Zur Schonung ihrer Kapitalausstattung dürfen die größten Banken mindestens bis Ende des dritten Quartals keine Dividenden erhöhen oder eigene Aktien zurückkaufen.

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Im Dow waren die Aktien von Goldman Sachs Schlusslicht mit minus 8,7 Prozent, JPMorgan folgten am dritter Stelle mit minus 5,5 Prozent. Im S&P 100 büßten zudem die Papiere von Morgan Stanley, der Bank of New York Mellon, U.S. Bancorp, der Citigroup, der Bank of America und Wells Fargo bis zu 7,4 Prozent ein. Für die Anteilsscheine von Nike ging es im Dow nach den am Vorabend veröffentlichten Quartalszahlen um 7,6 Prozent abwärts. Der Sportartikelhersteller hatte wegen der Corona-Pandemie einen Quartalsverlust von mehr als einer Dreiviertelmilliarde US-Dollar verbucht.

Kräftige Verluste verbuchten zudem Twitter mit minus 7,4 Prozent und Facebook mit minus 8,3 Prozent, wobei die Facebook-Aktien allerdings erst am Dienstag ein Rekordhoch erreicht hatten. Der Konsumgüterriese Unilever und der Autobauer Honda gaben am Freitag bekannt, in den USA vorerst keine Werbeanzeigen mehr bei dem Online-Netzwerk und seiner Tochter Instagram zu schalten. Damit erhält eine in der Vorwoche gestartete Boykottaktion gegen die Plattform bedeutenden Zulauf.

Der marktbreite S&P 500 büßte 2,4 Prozent auf 3.009 Punkte ein. Der NASDAQ 100 sank um 2,5 Prozent auf 9.849 Zähler. Gleichwohl bleibt der Höhenflug der US-Technologiebörse spektakulär, der Index sprang während der Woche mehrfach über 10.000 Punkte: neuer Rekord, trotz Pandemie. Der scheinbare Widerspruch ist keiner, weil Virus und Lockdown fast alle Geschäftsmodelle befeuern, die mit dem Internet befasst sind, von Cloud-Diensten über Streaming-anbieter bis Onlineshops. Und solche Firmen sind überwiegend an der Nasdaq notiert. Und da Private wie Firmen mit den neuen Diensten gerade richtig warm werden, hält der digitale Boom an. Doch er treibt nicht bloß die Nasdaq — die etwa zur Hälfte aus Technologiefirmen besteht, wenn man die Marktkapitalisierung zugrunde legt. Auch im breiten US-Index S & P 500 bringen Techs ein gutes Viertel des gesamten Börsenwerts auf die Waage, im altehrwürdigen Dow Jones Industrial ist es ähnlich viel. Den Dow befeuern Apple und Microsoft, andere Techwerte wie etwa Cisco laufen hier jedoch etwas hinterher. Das große Plus der Nasdaq liegt indes darin, dass der Index die fünf Schwergewichte Amazon, Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft umfasst, sie stehen für rund 40 Prozent des Börsenwerts — im S & P 500 sind es bloß 20 Prozent. Und bisher ziehen diese Riesen Kapital an wie ein Magnet. ​

"Global Wealth Report 2020"
Wie Corona auf private Vermögen einwirkt
Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft doch härter getroffen als anfangs vermutet. So geht der Sachverständigenrat der Bundesregierung inzwischen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt hierzulande dieses Jahr um bis zu 6,5 Prozent schrumpfen könnte. Zuvor war ein Minus von 5,4 Prozent in Aussicht gestellt worden. Für den Euroraum sehen die Gutachter gar -einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von 8,5 Prozent voraus. Einziger Trost: Derzeit zeigen viele Konjunkturdaten wie der Ifo-Geschäftsklima-index dank der Lockerungsmaßnahmen wieder steil nach oben. Auch die Einkaufsmanager-indizes der Eurozone weisen auf eine V-förmige Erholung hin. Und die Gutachter halten dieses Szenario ebenfalls für am wahrscheinlichsten.

Dass Hedgefondsmanager mit der Corona-Krise richtig Geld verdienen konnten, hat Bill Ackman bewiesen. Mit seinen Wetten auf einen Kursverfall infolge der Pandemie an den Finanzmärkten hat der US-Amerikaner eigenen Angaben zufolge knapp 2,6  Milliarden US-Dollar verdient. Dass solche Wetten aber keine Einbahnstraße sind, haben seine Kollegen nun schmerzlich erleben müssen. Hatten die Geldprofis doch fleißig auf Kursverluste der Einzelhändler in den USA gesetzt und nun damit Schiffbruch erlitten. Knapp 28  Milliarden US-Dollar haben sie laut S3 Partners mit Shortpositionen gegen börsennotierte Retailer verloren, darunter viele Onlinehändler. Diese hatten sich seit dem Markttief im Frühjahr kurstechnisch aber doppelt so gut entwickelt wie der breite Markt. Ein Grund: Mit knapp 18  Prozent legten die US-Einzelhandelsumsätze im Mai gegenüber dem April überraschend stark zu. Der Aufschwung ist laut Christian Scherrmann, Volkswirt USA bei der DWS, auf die massiven Unterstützungsprogramme, wie etwa einmalige Schecks über 1200 Dollar an private Haushalte, zurückzuführen. Aber vielleicht haben die Hedgefondsprofis bald eine neue Chance, die Verluste durch neue Leerverkäufe auf die Einzelhändler auszugleichen. Denn die Hilfsmaßnahmen hätten zwar kurzfristig die Kaufkraft gestärkt, so Scherrmann, aber wie nachhaltig diese Aktion sei, müsse sich erst erweisen.

Ängste vor einer neuerlichen Corona-Welle und die negativen Konjunkturkommentare einiger Mitglieder der US-Notenbank haben dem Goldpreis neuen Schwung verliehen. Mit knapp 1.780 US-Dollar die Unze notierte das gelbe Edelmetall am Mittwoch so hoch wie seit acht Jahren nicht mehr. Und die Preise könnten weiter steigen. „Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass Gold in den nächsten zwölf Monaten den Preis von 2.000 US-Dollar pro Unze testen könnte, während sich die globale Rezession entwickelt, die Pandemie ihren Lauf nimmt und viele Unternehmen und Haushalte Schwierigkeiten haben, zur Normalität zurückzukehren“, erklärt Joe Foster, Portfoliomanager und Stratege beim ETF-Anbieter VanEck. Profitieren dürften davon die Goldminenaktien. Denn derzeit steigen die Kosten der Goldförderung nicht in dem Maß an wie die Notierungen, die Gewinne dürften daher kräftig steigen.


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15 Kommentare auf "Wirecard erschüttert das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland"

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Man könnte es so formulieren: warum soll ausgerechnet das Finanzsystem in Deutschland noch vertrauenswürdig sein, wenn mittlerweile fast alles im Land den Bach runtergeht? Ein(!) Mitarbeiter war bei der BaFin mit der Prüfung der Vorgänge um Wirecard beschäftigt, nachdem Unregelmäßigkeiten allzu offensichtlich wurden.
Passt alles wie die Faust aufs Auge zu Merkels Bananenrepublik.

„Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft doch härter getroffen als anfangs vermutet.“ So , was für Leute haben denn das anfangs vermutet? Die gleichen Leute, die sich jetzt begeistert hinter die BLM – Bewegung stellen und die Augen davor zu machen, was diese neomarxistischen Gewalttäter eigentlich vorhaben? Wire Card ist doch nur der Anfang, der Baum ist bis auf die Wurzeln verrottet. Irgendwann kann man es nicht mehr verschleiern, wenn Idioten immer mehr die Welt regieren wird der Wohlstand nicht mehr zu halten sein. Solange die Menschen nicht aufwachen und merken, was hier eigentlich gerade in der westlichen Welt passiert,… Mehr