Kurse steigen trotz schwacher Konjunkturzahlen

US Banken mit Gewinnplus, Disney springt um zwölf Prozent nach Ankündigung von neuem Streamingdienst, Volkswagen und Bayer mit Schwierigkeiten, Marktkapitalisierung in Hongkong überholt Tokio.

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Kein harter Brexit, kein Börsencrash. Das Worst-Case-Szenario bleibt nach der Verlängerung der Frist durch die EU einstweilen aus. Anleger konzentrieren sich auf Themen wie die US-Zinspolitik. Aus den Protokollen der letzten Fed-Sitzungen ist herauszulesen: Die Notenbank will nichts an den Erwartungen der Marktteilnehmer ändern. Kurs halten ist angesagt, sprich: keine Zinserhöhung in Sicht. Das stabilisiert die Börsen. Schließlich kokeln genug Brandherde vor sich hin: der Handelskonflikt zwischen den USA und China etwa. Hier gab es zuletzt klare Zeichen einer Annäherung. Das ist beim aufflackernden Zollstreit zwischen den USA und Europa nicht der Fall. Im Gegenteil. Seit dem Treffen zwischen EU-Kommissionspräsident Juncker und US-Präsident Trump im vergangenen Sommer herrschte Waffenstillstand. Doch jetzt scheint der Konflikt, ausgelöst durch den Streit um Subventionen für Flugzeugbauer, hochzukochen. Das wäre Gift für den DAX, wie auch die laut Regierungsprognose wohl sehr schwache deutsche Konjunktur im laufenden Jahr. Der Leitindex notiert dennoch über der 200-Tage-Linie.​

Der DAX hat sich am Freitag gleichwohl von seiner stärkeren Seite gezeigt. Der deutsche Leitindex schloss 0,5 Prozent im Plus bei 12.000 Punkten. Der Verlauf der Bilanzsaison dürfte Experten zufolge in den kommenden Wochen den Ton an den Börsen angeben. „Es geht um die Frage, ob die Kursgewinne des ersten Quartals gerechtfertigt waren“, fassten die Analysten des Vermögensverwalters Marcard, Stein & Co zusammen. Der Dax hatte in den ersten drei Monaten 9,2 Prozent gewonnen. In Kontrast dazu seien die Konjunkturdaten weiterhin enttäuschend: „Die weltweiten Wachstumsprognosen wurden in der Breite von allen führenden Wirtschaftsinstituten nach unten revidiert und auch die Zentralbanken warnen vor Abwärtsrisiken.“ Die Gewinnerwartungen der Analysten sehen ebenfalls pessimistischer als noch Ende vorigen Jahres aus.

Zweimal hat Bayer bereits in Prozessen um angebliche Krebsrisiken von Produkten der Tochter Monsanto Schlappen einstecken müssen – nun soll der Agrarchemie- und Pharmakonzern nach dem Willen eines US-Richters nach einer gütlichen Einigung mit Klägern suchen. Schlechte Nachrichten gab es von Volkswagen. Der Konzern hat wegen der schwächelnden Automärkte in China und Südamerika erneut weniger Autos ausgeliefert. Weltweit waren es im März 998.900 Fahrzeuge – 4,3 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

Starke Quartalszahlen der Wall-Street-Bank JPMorgan und ein Rekordhoch bei den Aktien von Walt Disney trieben am Freitag den Dow Jones Industrial an. Der New Yorker Leitindex gewann ein Prozent auf 26.412 Punkte. Auf Wochensicht machte er damit sein bisheriges Minus fast komplett wett. Die Disney-Aktien waren durchweg an der Dow-Spitze und schlossen 11,5 Prozent höher. Der breit gefasste S&P 500 legte um 0,7 Prozent auf 2.907 Punkte zu und nähert sich damit seinem Höchststand bei knapp 2.941 Punkten aus dem September 2018. Für den technologielastigen Auswahlindex NASDAQ 100 ging es um 0,4 Prozent auf 7.628 Punkte nach oben. Hier fehlen nur etwas mehr als 70 Zähler zu einer neuen Bestmarke.

Eine im März stärker als erwartet eingetrübte Stimmung der US-Verbraucher tat der Freude der Aktienanleger kaum Abbruch. Das von der Universität Michigan erhobene Konsumklima war auf 96,9 Punkte gefallen, während Volkswirte nur mit einem Rückgang auf 98,2 Punkte gerechnet hatten. Der Index ist ein Indikator für das Kaufverhalten der amerikanischen Verbraucher.

Star des Tages waren die Papiere von Walt Disney, die mit 130,9 Dollar den höchsten Kurs ihrer Geschichte erreichten. Der Unterhaltungsriese will nun auch im Video-Streaming-Geschäft mitmischen und bringt in den USA einen eigenen Dienst zum Kampfpreis an den Start. Disney+ soll 6,99 Dollar im Monat kosten und wäre damit billiger als das günstigste Abo des Rivalen Netflix. Netflix-Papiere verloren 4,5 Prozent.

Analysten waren von dem neuen Disney-Angebot angetan. Disney+ überzeuge, schrieb etwa Steven Cahall von der RBC in einer Studie. Die Konzernziele für das Wachstum der Abonnentenzahlen lägen deutlich über den Erwartungen.

Die größte der US-Banken, JPMorgan, legte als erstes gewichtiges Unternehmen in den Vereinigten Staaten den Geschäftsbericht für das erste Quartal vor und überzeugte die Investoren. JPMorgan hat einen Überschuss von etwas mehr als neun Milliarden Dollar erzielt. Das Wall-Street-Haus habe seine Schätzungen in fast allen Belangen übertroffen, kommentierte RBC-Analyst Gerard Cassidy. JPMorgan-Aktien gewannen 4,7 Prozent und zogen auch die Papiere von Goldman Sachs um 2,5 Prozent nach oben.

Die Anteile des Chemiekonzerns Dow Inc stiegen um 6,2 Prozent auf 58,3 Dollar und waren damit der zweitbeste Wert im US-Leitindex. Analyst Vincent Andrews von Morgan Stanley erhöhte bei unverändertem „Overweight“-Votum sein Kursziel von 61 auf 62 Dollar und verwies auf niedrigere Ethan-Preise. Das Chance-Risiko-Profil sei nach wie vor ausgesprochen vorteilhaft. Die Dividende sichere den Kurs nach unten ab.

In einer milliardenschweren Transaktion will der Ölkonzern Chevron den Ölförderer Anadarko Petroleum übernehmen. Dessen Aktienkurs sprang um 32 Prozent nach oben. Die Papiere von Chevron verloren indes 4,9 Prozent. Chevron will 65 US-Dollar je Anadarko-Papier auf den Tisch legen, womit das Unternehmen mit 33 Milliarden Dollar bewertet wäre.

Bei dem nach zwei Flugzeugabstürzen massiv in der Kritik stehenden US-Flugzeugbauer Boeing laufen die Bemühungen um eine Wiederzulassung der Krisenjets vom Typ 737 Max auf Hochtouren. Es seien bereits 96 Flüge mit einer Flugzeit von insgesamt über 159 Stunden zum Testen eines Updates der umstrittenen Steuerungssoftware MCAS absolviert worden, hatte Boeing-Chef Dennis Muilenburg am Donnerstag gesagt. Die Boeing-Aktien knüpften am Freitag mit plus 2,6 Prozent an ihre Erholung vom Vortag an.

Ein sensationelles Börsendebüt feierten die Aktionäre von Jumia. Der afrikanische Online-Händler – ein Start Up der Berliner Rocket Internet – sammelte beim Börsengang in New York 196 Millionen Dollar ein. Jumia platzierte die Aktien zu 14,50 Dollar das Stück. Der erste Kurs lag mit 18,95 Dollar schon deutlich darüber, der Schlusskurs mit 25,46 Dollar erst recht.

Die Wachstumsperspektiven der Weltwirtschaft haben sich nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) weiter stark eingetrübt. In seinem neuen Konjunkturbericht schraubt der IWF seine Prognose für das globale Wachstum herunter: Für 2019 soll es nur noch einen Zuwachs der Weltwirtschaft von 3,3 Prozent geben, das sind 0,2 Prozentpunkte weniger als noch im Januar angenommen. Hart trifft der Abschwung auch Deutschland. Noch im vergangenen Sommer sagten die IWF-Ökonomen der Bundesrepublik für 2019 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,1 Prozent voraus. In der jetzigen neuen Schätzung sind es gerade noch 0,8 Prozent, die Aussichten für 2020 sind mit plus 1,4 Prozent zwar wieder besser, aber auch nicht gerade berauschend. Einen Tipp, wie Deutschlands Wirtschaft an Tempo gewinnen kann, hat der IWF auch. Der Währungsfonds fordert Deutschland unmissverständlich auf, mehr Geld zu investieren. „Wir argumentieren, dass eine expansivere Fiskalpolitik in Deutschland willkommen wäre“, sagte Vitor Gaspar, Direktor für Fiskalpolitik beim IWF. Ob es tatsächlich vernünftig wäre, nur aufgrund der sehr niedrigen Finanzierungskosten die öffentliche Ausgaben zu forcieren, ist dagegen fraglich. Schon jetzt beansprucht der Staat rund die Hälfte des Sozialprodukts für sich und erdrückt die private Initiative. Deregulierung wäre besser.

Hongkong ist größer als Japan — zumindest was die Börsenplätze betrifft. Vergangene Woche übersprang zum ersten Mal seit 2015 der Wert aller am Handelsplatz Hongkong gelisteten Unternehmen mit 5,78 Billionen US-Dollar die Marktkapitalisierung von Japan mit 5,76 Billionen US-Dollar. Grund für die erfolgreiche Aufholjagd war der starke Kursanstieg chinesischer Aktien in den vergangenen Monaten. So hat der Hang Seng allein 2019 ein Plus von über 15 Prozent eingefahren. Seit 2015 stehen 26 Prozent zu Buche, während Japans Topix nur auf ein Plus von 15 Prozent gekommen ist. Stark angetrieben wird die Hongkong-Rally von steigenden Ausgaben der chinesischen Regierung unter anderem in milliardenschwere Infrastrukturprojekte, die die heimische Wirtschaft befeuern und so die Aktienkurse treiben. Trotz der eindrucksvollen Rally spielt Hongkong in der Rangliste der weltgrößten Börsenplätze weiterhin nur eine Nebenrolle. So sind am Finanzplatz USA, global die Nummer 1, Unternehmen mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von insgesamt knapp 31 Billionen US-Dollar gelistet.

Gewinnwarnungen zahlen sich für Anleger derzeit aus, hat der Datenlieferant Bloomberg analysiert. So haben sich die Aktienkurse vieler europäischer Unternehmen wie BMW, Ingenico, Infineon oder Julius Bär, die zuletzt ihre Gewinnerwartungen senkten, nach einer kurzen Verlustphase schnell erholt. Die Papiere von Infineon etwa haben seit der Gewinnwarnung Ende März um 13 Prozent zugelegt, der französische Techkonzern Ingenico kommt sogar auf ein Plus von über 40 Prozent. Ein Grund für diese Schnell-Comebacks: Der Optimismus hat an den Börsen wieder Einzug gehalten, die Gewinnerwartungen steigen.


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Kommentare ( 5 )

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Fällt jemanden was auf? Die amerikanische Wirtschaft und Banken wissen nicht mehr wohin mit den ganzen Gewinnen, die sie mittels gedruckten Geld „erwirtschaftet“ haben.

Schaut man nach Deutschland:

1. Bayer + Monsanto: Fusion in den Abgrund.
2. Deutsche Bank + Commerzbank: Fusion in den Abgrund.
3. Automobil-Industrie: Reglementieren bis zum Kollaps.
4. Verkauf von Kuka: Ausverkauf von Zukunfts-Technologien.
5. …
6. …

In der Ferne ziehen tiefschwarze Gewitterwolken auf, wir müssen mit dem schlimmsten rechnen, bereiten wir uns darauf vor…

Konjunkturausichten eher mau. Trotzdem steigende Kurse. Warum? Die Frage ist wohin mit dem Chash. Zinsen gibts keine trotz Inflation, also Aktien. Warum nicht Gold? Goldpreis wird gelenkt, deshalb Zurückhaltung.
Mir gefällt das nicht, was augenblicklich gespielt wird .Euphorie? Trotzdem bleibe ich investiert in Aktien. Wo ist die Alternative? Ich sehe keine.

Es gibt tatsächlich nichts was man machen kann, wo wirklich nichts dagegen spricht oder hat jemand eine überzeugende Idee?

Aktien->Von Realwirtschaft entkoppelt
Gold-> manipuliert
Sparen-> Zinsen = 0
Immobilien-> Enteignungen?

Ich denke ich werde in Ackerland, Viehzucht und Maschinen investieren. So bin ich auf die Zukunft vorbereitet. Auch physisches Gold wird zumindest im Wert nicht komplett verfallen.

Genauso ist es, Babylon! So denken eben viele und daher steigen die Aktien. Aermer werden wir alle, sehr viel aermenr! Am besten investiert man in Beziehungen. Wer teilt in Zukunft die Lebensmittelmarken aus 🙂

Es ist doch immer dasselbe absurde, aber vor allem für die Big Player lukrative Spiel. Wer den guten Kostolany gelesen hat weiß im Grunde alles. Spätestens wenn die Big Player die Kurse immer weiter hochgetrieben und Kasse gemacht haben und die Aktien dann in den Händen der Privaten und der anderen „Zittrigen“ sind wird diese Blase platzen, damit das Spiel dann wieder von neuem beginnen kann. Die Privaten müssen verkaufen und die Big Player steigen wieder ein. Nichts ist neu auf dieser Welt, schon gar nicht die Börse.