Der DAX 40 gilt als Leitindex der deutschen Wirtschaft. Doch nichts könnte ferner liegen, als globalisierten Konzerne mit der Heimatökonomie zu verwechseln – ein Zerrbild, das den eigentlichen Motor der Wertschöpfung im Land verdeckt.
IMAGO / Richie Sanders Presse
Der deutsche Mittelstand versteht sich als heimattreuer Teil lokaler Communities, tief verwurzelt in den Regeln der sozialen Marktwirtschaft. Sein Bekenntnis zu den eigenen Arbeitnehmern, zur Ausbildung und zur Investition in die Zukunft der eigenen Wirtschaft ist bis zum heutigen Tag in den meisten Fällen ungebrochen.
Die Welt der kleinen und mittleren Unternehmen hingegen unterscheidet sich von der Sphäre der Konzerne wie der Tag von der dunkelsten Nacht. Der DAX 40 steht emblematisch für diesen tiefen Graben, da sich die Kapitalstruktur der Konzerne aus völlig anderen Quellen speist, als wir es aus dem Mittelstand kennen. Der finanziert sich in der Regel über lokale Sparkassen – vieles ist noch immer in lokale soziale und ökonomische Netzwerke eingebunden.
Zu den eminenten Beispielen zählen BASF oder ArcelorMittal. Beide Konzerne stehen pars pro toto für die allgemeine Stimmung in den Wirtschaftsetagen der deutschen Großindustrie. Hier versteht man sich als Partner der Politik, korporatistisch im Geist, unkritisch, wenn es um die Regulierungspolitik geht. Nur ganz selten werden einmal kritische Stimmen gegen den ideologischen Zeitgeist erhoben. Ob Green Deal oder die Politik der offenen Grenzen – für die deutsche Großindustrie spielt es im Grunde genommen keine Rolle, da sie sowieso global operiert und ihre Geschäfte im Ausland macht.
Die Nähe zur Politik zahlt sich aus. Mit Regulierungsarbeit hält man sich lästige Konkurrenz aus dem Mittelstand vom Leibe. Kleinere und mittlere Betriebe sind in aller Regel mit den grotesken Normenkatalogen aus der Feder der Korporatisten völlig überfordert und werfen nicht selten direkt das Handtuch. Freies Spiel also für die Großen. Und die agieren anders, als es sich die Politik in ihrem ideologischen Wahn erträumt hatte. ArcelorMittal beispielsweise gab seine Pläne zur Umstellung der Stahlwerke in Bremen und Eisenhüttenstadt auf eine Produktion mit Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen vollständig auf. Der Traum von der grünen Stahlproduktion bleibt ein Traum.
BASF beispielsweise, Aushängeschild der deutschen Chemieindustrie mit Sitz in Ludwigshafen, baut seine Produktion in China massiv aus. Im südchinesischen Zhanjiang schlug der Konzern mit einem Verbundstandort noch tiefere Wurzeln. Das bislang größte Investitionsprojekt der BASF verschlingt ein Volumen von rund 8,7 Milliarden Euro. Am neuen Standort werden unter anderem ein Steamcracker mit einer Kapazität von einer Million Tonnen Ethylen pro Jahr sowie zahlreiche nachgelagerte Produktionsanlagen errichtet.
Während im Ausland neue Kapazitäten deutscher Konzerne entstehen, wird die Produktion am Heimatstandort systematisch zurückgefahren – hohe Energie-, Arbeits- und Regulierungskosten lasten auf den Bilanzen wie Blei.
Besonders heikel wird es beim Blick auf die Rüstungskonzerne. Selbst bei Rheinmetall, dessen politisch motivierter Aufstieg Teil der nationalen Sicherheitsstrategie sein sollte, liegt der Anteil ausländischen Kapitals etwa bei 38 Prozent. Größter Einzelinvestor ist in diesem Fall: BlackRock, wie so oft. Und überhaupt bestimmen neben BlackRock auch andere bekannte Kapitalsammelstellen wie Vanguard große Teile der Aktienanteile großer deutscher Konzerne.
Neben den angelsächsischen Vermögensverwaltern mischen längst auch die Golfstaaten mit. Katars Staatsfonds Qatar Investment Authority hält 10,5 Prozent der VW-Stammaktien und damit mehr Stimmrechte als jeder private Investor, dazu 6,1 Prozent an der Deutschen Bank und 13 Prozent an Hapag-Lloyd. Kuwait ist mit rund 5,6 Prozent an Mercedes-Benz beteiligt, Abu Dhabis Staatsfonds ADIA investiert über Private-Equity-Partnerschaften in deutsche Mittelständler.
Über die Menschenrechtslage in den Herkunftsländern dieses Kapitals wird in den Aufsichtsräten geschwiegen. Dieselben Konzerne, die am Heimatstandort Deutschland jede ESG-Richtlinie akzeptieren und dem Ruf nach jedem Diversitätsbeauftragten willenlos Folge leisten, greifen anstandslos zu, wenn sich das Kapital dieser Staaten anbietet, in denen Meinungsfreiheit, Frauenrechte und die Rechte von Gastarbeitern mit Füßen getreten werden.
Das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft, in der Kapitalismus und soziale Verantwortung miteinander verschmelzen, gilt hier nicht. Wer die steigenden Notierungen beim DAX als Ausdruck erfolgreicher Standortpolitik deklariert, missinterpretiert, wissentlich oder im Vertrauen auf die nationale Bedeutung des deutschen Aktienindex, die tatsächliche Kapitalstruktur, die sich hinter den Erfolgszahlen verbirgt. Gewinne fahren deutsche Konzerne in zunehmendem Maße im außereuropäischen Ausland ein. Das gilt für die Betriebe der Chemie ebenso wie für die Automobilindustrie und die übrigen Sektoren des verarbeitenden Gewerbes.
Wirkmächtige und glaubwürdige Advokaten der deutschen Wirtschaft müssten sich aus dem heimischen Mittelstand rekrutieren. Sie sollten aus jenen Unternehmen stammen, die nicht durch globale Kapitalsteuerung beinahe unbemerkt den Standort verlassen können, wenn sich ideologisch manische Politik massiv gegen ihre Interessen wendet. Es sind diese Unternehmen, die die Interessen der Arbeitnehmerschaft vertreten, das Recht auf ökonomischen Aufstieg und Wohlstand, wenn ökonomische Leistungsstärke und ordnungspolitische Rahmenbedingungen ein günstiges Umfeld für Prosperität schaffen.
Den Ideologen der öffentlich alimentierten Moralistenblase ist nur schwer zu vermitteln, dass sie einen ordnungspolitischen Beitrag zur Umsetzung des ökonomischen Wunderwerks leisten müssten. Ihr Zerstörungswerk, nett umschrieben als grüne Transformation, wird letzten Endes zum einen die Großkonzerne ins Ausland treiben und zum anderen den Mittelstand und die Kleinen in immer größerer Zahl in die Insolvenz drängen.






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