Henryk M. Broder wird 80: Der ewige Unruhestifter

Es gibt Menschen, die hätte man gern zum Freund - gut, man kann nicht alle haben. Und es gibt Menschen, die hätte man nicht gern zum Feind. Henryk Broder ist so einer. Vermeide Feindschaft mit einem, dessen Worte töten können.

Jetzt also wird Henryk M. Broder 80: Wirklich? Oder ist das nur eine Falle, ein Fake, ein Trick, um Freund oder Feind aus der Reserve zu locken, um sie anschließend mit geschliffenen Worten zu traktieren, zu verhöhnen, gelegentlich zu beleidigen; und bedröppelt sieht man ihn dann davongehen, ein bisschen watscheln, denn Sport, Fitness, gar Longevity sind seine Sache nicht.

Sein ist das Wort. Das Wort ist die Waffe eines Menschen, der in eine Zwischenwelt geboren wurde und sein Leben zwischen den Welten verbracht hat. Am 20. August 1946 wurde Henryk M. Broder in Kattowitz geboren. Seine Eltern hatten Auschwitz überlebt. Näher können Grauen und Leben nicht beieinander liegen. Das schärft die Sinne und steigert die Unerbittlichkeit. Er kam Ende der fünfziger Jahre über Wien nach Köln; Deutschland war voller umherziehender Davongekommener, Verlierer, Sieger, Vertriebener, Verlassener, Verstoßener.

Dort lernte er Deutsch – und bald darauf, genau zuzuhören, was Deutsche gern sagen, aber nicht denken, oder anders reden als sie denken. Es sind die Zwischentöne, die ihn hochschnellen lassen. Nach dem Abitur begann er mehrere Studiengänge, beendete aber keinen. Ein abgeschlossenes Studium hätte seinen Bildungsweg vermutlich nur gestört, weil ein Diplom oder eine Approbation ein Ende der Geschichte suggerieren – und die Zugehörigkeit zu einem Milieu, das sich und seinesgleichen sicher sein will.

Er lernte dafür in unterschiedlichen Redaktionen, politischen Milieus und in den Sielen des alltäglichen Irrsinns, der zu immer neuen, aufbrodelnden Blasen hochkocht. Broder schrieb unter anderem für die linke, aus der DDR finanzierte „Konkret“, für die freche „Pardon“ aus Frankfurt, die „St. Pauli Nachrichten“, die „Frankfurter Rundschau“, den „Magenbitter der Linken“, den „Spiegel“ und später die „Welt“.

Nie wieder? Schon wieder!
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Er lebte zeitweise in Israel, um dem wachsenden Antisemitismus der Linken zu entkommen, der er zuvor angehört hatte. Er verfasste Bücher über Antisemitismus, Israel, Deutschland, Europa und die wohlfeile Toleranz derer, die sich selbst für tolerant halten. 2004 gründete er gemeinsam mit anderen Autoren die „Achse des Guten“, die Mutter der Blogs.

Sein Buch „Der ewige Antisemit“ ist, man wagt es kaum zu sagen, mittlerweile ein Klassiker, neu aufgelegt mit frischem Vorwort. „Hurra, wir kapitulieren!“, oder „Die letzten Tage Europas“ sind keine bequeme Lektüre, sondern frühe Warnungen vor einer Wirklichkeit, die uns mittlerweile in den Klauen hält. Broder verteidigt Israel und warnt unermüdlich vor Judenhass und Islamismus.

2007 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis. Broder hat über Jahrzehnte die deutsche Justiz zur Bühne gehobener Tragikomödie inszeniert: von frühen Beleidigungsverfahren über den legendären „Schonzeit oder Schonbezirk?“-Streit um sein Antisemit-Buch bis zu Siegen gegen Claudia Roth, Lamya Kaddor, das Innenministerium unter Nancy Faeser oder das Land Baden-Württemberg.

Jahrelang beschäftigten sich Gerichte mit ihm und Claudia Roth; er nannte sie einen „Doppelzentner fleischgewordene Dummheit“. Roth wiederum warf Broder und Tichys Einblick gemeinsam in einem Text vor, „Hass und Hetze als Geschäftsmodell“ zu betreiben. Vor dem größten Gerichtssaal des OLG Stuttgart drängelten sich die Anhänger der beiden Portale um dem Beklagten zu Seite zu stehen. Auch wenn Verfahren verloren gehen – die Formulierung bleibt kleben. Roth rollt nur noch als belegte Leberwurst durch die Lande und die Politik, gebrandmarkt.

Broder ist ein begnadeter Polemiker und Zuspitzer. Das galt lange als hohe Kunst des Journalismus, nämlich eine Sache auf den Punkt zu bringen, die Geister zu scheiden, die Beschönigungen zu vertreiben und die Wunde offenzulegen. Das passt den Entblößten nicht. Heute schützen sie sich mit Staatsämtern und setzen die Meinungsfreiheit außer Kraft; Argumente haben sie nicht mehr.

Konformität beherrscht die Szene; kein Zufall, dass die Tageszeitungen wie zuletzt der Kölner Stadtanzeiger ganze Redaktionen feuern und durch „Agenten“ der Künstlichen Intelligenz ersetzen, denen Gefälligkeit und Konformität im Algorithmus eingebrannt wurden. Sein Werk ist ungeheuer vielfältig; die bissige Komik, die bohrende Ironie, alles gehört dazu, nur langweilig ist es nie.

Da stört der ewige Unruhestifter. Aber gerade deswegen brauchen wir Sie weiter, lieber Henryk.

Henryk M. Broder. Der ewige Antisemit. Über eine Leidenschaft, die nicht vergeht. Achgut Verlag, Hardcover, 248 Seiten, 26,00 €


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Kommentare ( 48 )

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48 Comments
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Uferlos
15 Tage her

Broder schrieb unter anderem für die linke, aus der DDR finanzierte „Konkret“, für die freche „Pardon“ aus Frankfurt, die „St. Pauli Nachrichten“, die „Frankfurter Rundschau“, den „Magenbitter der Linken“, den „Spiegel“ und später die „Welt“.

Wenn ich mich recht erinnere, hat er früher auch für die taz geschrieben. Ich habe die taz Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre regelmässig gelesen, ich glaube, dort bin ich ihm das erste Mal „begegnet“.

Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch auch von mir, obwohl er mir heute teilweise zu einseitig ist.

Kraichgau
18 Tage her

Was meint Broder eigentlich zu Ben Gvir?
der versaut das schöne Bild von Israel ja nachhaltig

Deutscher
18 Tage her
Antworten an  Kraichgau

Finde ich gar nicht. Auf den groben Klotz Hamas&Co gehört ein grober Keil.

Last edited 18 Tage her by Deutscher
horrex
18 Tage her

Eine Laudatio die sich der „ewige Quer- und Strubbelkopf“ redlich verdient hat 😉

Deutscher
18 Tage her

Herzlichen Glückwunsch, Herr Broder! Und vielen Dank!

Maja Schneider
19 Tage her

Eine sehr passende Würdigung eines unbequemen Autors und Journalisten, ohne den die Medienwelt wahrlich ärmer wäre ebenso wie seine Anhänger.

Sonny
19 Tage her

Über die Achse bin ich damals bei TE gelandet, welches ganz neu startete. Bis heute lese ich hin und wieder bei Broders Achse, um meine Info-Quellen vielfältig zu halten. Was mir dort nicht so gut gefiel, war das Management der Leserkommentare – zu unübersichtlich und zu unflexibel. Direkte Kommentare zu Kommentaren sind leider nicht möglich – i.d.R. muss man zum Eingang seines Kommentars auf den anderen hinweisen, der Kontext ist erschwert – eine direkte Diskussion somit auch. Aber alles in allem sind die Autoren bei der Achse des Guten ebenso hervorragend wie bei TE und bieten die Wahrheit. Hendrick Broder… Mehr

Engel
19 Tage her
Antworten an  Sonny

Ähnlich hier. Ich bin damals auf der Suche nach Alternativen auf Achgut gestossen, und dadurch dann auch Tichys. Mittlerweile lese ich Achgut kaum noch, viele Grüße an Herrn Osthold an dieser Stelle. Die meisten Schreiber dort kann ich nur widerwillig lesen. Sehr gut gefallen hatte mir allerdings immer die schonungslose Corona-Aufklärung! Die Kommentarfunktion ist Grottenschlecht umgesetzt, wenn auch von der Qualität der Kommentare oft sehr gut und (anscheinend) kaum zensiert. Aber es geht hier ja um Broders 80. Ich habe wohl die besseren Zeiten Broders verpasst. Er scheibt zwar ab und zu einen launigen, bissigen Kommentar, aber da ist eigentlich… Mehr

Last edited 19 Tage her by Engel
MartinKienzle
19 Tage her

Weswegen Tichy „Broder“ hier huldigt, ist unverständlich, da jener gegen die weiße Rasse, also auch gegen ethnische Deutsche, hetzt: „Was ich völlig im Ernst gut finde, dass diese demografische Struktur Europas nicht mehr zu halten ist. Je eher das die Europäer einsehen, desto besser. Einige Städte sind schon recht farbig und nicht mehr „arisch“ weiß, und dagegen kann man überhaupt nichts sagen. (…) Europa wird anders werden, und das ist die einzige Chance, die es überhaupt noch hat: sich mit den Leuten, die es eigentlich gar nicht haben will, zu revitalisieren. Die Frage ist nur, ob es sein politisches System aufgeben… Mehr

Engel
19 Tage her
Antworten an  MartinKienzle

Ich bin auch nicht so begeistert, wie viele andere.
Zum Einen liest man auf seiner eigenen Seite Achgut kaum etwas von ihm.
Zum Anderen schreibt er bei der Welt, wohl hinter Paywall.
Und was ich von der Welt halte, führe ich jetzt nicht aus.
Wenn er das wirklich so gesagt hat, ist das wirklich – in negativem Sinne – bemerkenswert.

Last edited 19 Tage her by Engel
Dr. Rehmstack
19 Tage her

„Konkret“, für die freche „Pardon“ aus Frankfurt, die „St. Pauli Nachrichten“, die „Frankfurter Rundschau“, den „Magenbitter der Linken“, den „Spiegel“ und später die „Welt“, Volvo, Island, all das beschreibt auch meine politische Lebensreise, H.M. Broder war immer dabei, Alles Gute!

andreas
19 Tage her

Mit dem Sonderstatus das zu sagen, was die Deutschen nicht dürfen und sich dann damit brüsten, das ist ziemlich billig. Dazu beim Thema Israel Tomaten auf den Augen und in den Ohren: er ist ein typisch deutsches Zeitphänomen

Deutscher
18 Tage her
Antworten an  andreas

Die Deutschen dürfen es sagen, nur sind viele zu feige.

andreas
18 Tage her
Antworten an  Deutscher

Offiziell darf man bei uns ALLES sagen, dass es die Wenigsten tun kommt nicht von ungefähr. Es ist eine eigenartige Form von Freiheit nach erfolgter Umerziehung.

gast
19 Tage her

Von Herrn Broder wüsste ich nichts, wenn er nicht schon sehr früh in der bösen „Corona“ Zeit, in der mich der Staat aller meiner Menschenrechte beraubt hat, auf seiner Achse des Guten ernst zu nehmende Autoren zu Wort kommen gelassen hätte.
Auch heute schaue ich, wer da schreibt. Mein Sonntagmorgen beginnt mit einer großen Tasse Kaffee, dann der Sonntagsfahrer bei Broder und dann Paetow bei Tichy mit seinem etwas anderen Wochenrückblick.