Ukraine: USA und Russland sprechen miteinander – die EU bleibt draußen

US-Präsident Joe Biden spricht mit Russlands Präsident Wladimir Putin und lässt der EU nur den Schmollwinkel.

IMAGO / ZUMA Wire
US-Präsident Joe Biden telefoniert am 31.12.2021 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin

Die Europäische Union benimmt sich zurzeit wie ein unzuverlässiges und rüpelhaftes Kind, das sich wundert und darüber schmollt, dass es nicht mit auf Klassenfahrt gehen darf. Dabei sind die Regeln ganz einfach: Wer mit Männern wie Putin verhandelt, darf in keinem Moment Zeichen von Unsicherheit oder nachlassender Härte erkennen lassen. Schon das geringste Abweichen von einer Position ohne sofortige Gegenleistung wird als Schwäche gedeutet und brutal ausgenutzt.

Man stelle sich einmal vor, neben Joe Biden säßen die Chefin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und vielleicht noch Frau Annalena Baerbock dazu, um über die Frage von Krieg und Frieden im Ukraine-Konflikt zu diskutieren. Wenn dann noch ein französischer Partner plus Vertreter aus Polen und den Baltischen Staaten mit am Tisch säßen, wäre es besser, gleich ein gemeinsames Sackhüpfen zu veranstalten.

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Gerade Deutschland – und hier in der Vergangenheit immer wieder Frau Merkel – hat im Konflikt mit dem Iran, aber auch Russland und China, eine vom Rest des Westens abweichende Position signalisiert und sogar unabgestimmte Vorstöße unternommen. Wenn es hart auf hart kommt – und bei Russlands Provokationen an seiner Grenze mit der Ukraine, zumal nach der Annektion der Krim und Quasi-Besetzung eines großen Teils der Ostukraine, ist das so – kann der amerikanische Präsident keinerlei Risiken eingehen.

Wer den Ausschluss der Europäer kritisiert, muss schlicht und einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Europäische Union ohne den Schutzschirm der USA nicht in der Lage wäre, sich auch nur einem verschärften Druck aus östlicher Richtung widersetzen zu können. Schon der Gedanke daran, dass Washington einmal seine schützende Hand zurückzieht, lässt selbst die überzeugtesten Friedensfreunde aus gutem Grund unruhig werden.

Man erinnere sich, welch Wehgeschrei hierzulande ausbrach, als der „fürchterliche Trump“ den Abzug nur eines Teils der amerikanischen Truppen aus Deutschland ankündigte. Weinerliche Briefe von Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden trafen im Weißen Haus ein. Plötzlich schien es so, als seien über Nacht die GI´s mit ihren schlimmen Raketen den Deutschen wieder ans Herz gewachsen.

Die Alternative wäre, wenn die EU – vertreten durch Deutschland und Frankreich – allein mit dem Mann im Kreml verhandeln wollte. Fragt sich nur, ob Putin für die Herren aus Berlin und Paris Zeit fände?

Ein Blick in die Geschichte genügt: Als der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow den Diktator Stalin auf die Bedeutung des Katholizismus als geistige Kraft in der Welt hinwies, fragte dieser zurück: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ Molotow antwortete: „Lediglich die Schweizer Garde“. Der burschikose Georgier lächelte kurz ironisch und fuhr in der Tagesordnung fort. Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um Putin das gleiche Denken zu unterstellen. Solange die Dinge so sind, wie sie sind, sind die USA der einzige Partner auf vermeintlicher Augenhöhe, den der Mann im Kreml ernst nimmt.

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Man mag Amerikas Verhalten kritisieren – man kann sich sogar erlauben, einen Appell Bidens zum diplomatischen Boykott der Olympischen Spiele in Peking zu ignorieren. Nur darf man sich dann nicht wundern, wenn Washington die notwendigen Dinge selbst und allein in Angriff nimmt. Gerade die Deutschen müssen begreifen, dass sie nur noch, im Vergleich zu den Nachkriegsjahrzehnten, ein Subjekt amerikanischen Interesses unter vielen sind.

Wer jetzt antwortet, auch Europa habe das Recht, eigene Interessen zu definieren und ohne Rücksicht auf den größten Partner durchzuziehen, muss das Alphabet bis zum Ende buchstabieren. Der letzte Buchstabe wäre eine Fahrt ins Blaue mit der Gefahr, in seiner kleinen Dschunke von den Wellen der rauen See verschlungen zu werden.

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Kommentare ( 25 )

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Johann Thiel
21 Tage her

Der Autor scheint sich immer noch in den Zeiten des kalten Krieges zu befinden.

Babylon
21 Tage her
Antworten an  Johann Thiel

Vielleicht schwebt dem Autor vor, die Bundeswehr wieder so aufzurüsten, wie zu Hochzeiten des kalten Krieges mit fliegendem, rollendem, schwimmenden Material und entsprechenden Mannschaftsstärken. Kann man machen aber wohl kaum ohne Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, dieses Mal gendergerecht, Männlein, Weiblein.

moorwald
21 Tage her

Der EU wird wieder einmal klargemacht, daß sie nur ein Möchtergern-Staat ist.
Für die USA und Rußland gibt es nach wie vor mehr oder weniger wichtige Nationalstaaten.
Es zählen militärische und allenfalls noch wirtschaftliche Stärke.

kawumm
21 Tage her

Annektion der Krim? Gab es da nicht einen, von der OSZE, über wachten Volksentscheid, bei dem sich der überwiegende Teil der Bevölkerung für den Wiederanschluss an Russland ausgesprochen hat? Das ist also eine Annektion?
Demzufolge hat der Franke Söder also Bayern annektiert?
Und Biden dieser vertrottelte Gerontograph wird jetzt also Putin, diesem knallharten und mit allen Wassern gewaschenen Geheimdienstburschen, in harten Verhandlungen Zugeständnisse abringen?? Womit? Indem er Putin die Satzzeichen mit vorliest??
Das ist ja lächerlich.

Michaelis
21 Tage her

Lächerlich. Gut und weltpolitisch außerordrntlich vernünftig ist, dass der russische Präsident die EU-Deppen außen vor lässt. Wer bitte schön sind denn eine U. von der Leyen oder eine A. Baerbock??? Mit solchen Figuren wird nicht mehr verhandelt, sehr vernünftig!! Wladimir Putin lässt sich nicht erpressen, und das ärgert die Affen ungemein.

Jacob L.
21 Tage her

Jetzt mal ehrlich, wer soll denn die EU mit vdL an der Spitze noch ernst nehmen. Vor allem nach diesen merkwürdigen Taxonomien.
Rußland und USA bzw. China schauen lachend zu, wie sich die EU und vor allem Deutschland zum Kasper der zivilisierten und unzivilisierten Welt machen.
Merkel, Scholz, vdL, Baerbock, Habeck, Lembke, usw, usf …
Das hätte man sich vor 20 Jahren nicht ausdenken können, welche Schäden seit 16 Jahren und in Zukunft angerichtet wurden und werden …

Wolfgang Schuckmann
21 Tage her

Wissen Sie was Herr Gafron, ich glaube wir könnten ohne die Beschirming mindestens so sicher leben als bisher. Ich fühle mich weder bedroht noch bedrängt von Russland, im Gegenteil, Russland sichert zur Zeit meinen Gasverbrauch und ohne die stets zuverlässigen Lieferungen aus Russland , hätte jetzt schon so mancher einen kalten Hintern.
Also immer schön den Ball flach halten, damit er nicht ins Fenster geht.
Und sollte der Tanz doch losgehen, dann wünsche ich mir die als Verteidiger, die immer noch Luft in den Ballon geblasen haben, obwohl das Platzen schon absehbar war.

Hannibal Murkle
21 Tage her

„Wenn dann noch ein französischer Partner plus Vertreter aus Polen und den Baltischen Staaten mit am Tisch säßen, wäre es besser, gleich ein gemeinsames Sackhüpfen zu veranstalten“

Aus verständlichen Gründen würde ich in dieser Konstellation Polen und den Balten die meiste Standhaftigkeit zutrauen. Sicherlich mehr als Biden, für den es bloß eine Art Schachspiel ist.

Fritz Wunderlich
21 Tage her

Warum sollte Biden seine Domestiken beiziehen? Putin braucht niemanden, der ihm wiederholt, was Biden sagt. Er merkt es sich schon beim ersten Mal.

Christian
21 Tage her

Dieses die Russen sind immer Schuld (zumindest immer unterschwellig),geht mir ehrlich gesagt auf den Geist. Die Nato steht 1000 km weiter im Osten wie 1990 (ja natürlich die Nachbar haben darum gebeten) Annexion der Krim.Vielleicht sollte man mal die Geschichte bemühen.Die Ukraine war noch nie ein eigenständiger Staat, die Krim wurde von Katharina der Großen von den Türken im 18.Jahrhundert erobert.Das heutige Low ,war früher Lemberg (d.h. Österreich Ungarn.) Ich habe es schon oft geschrieben. Russland hat in den letzten 210 Jahren 3 fremde Armeen bis vor Moskau stehend gehabt. Der Donbass und die Krim sind von ganz überwiegend russischer… Mehr

Evero
21 Tage her
Antworten an  Christian

Die EU-Politik ist zutiefst russlandfeindlich und vom Geist des westlichen, überheblichen Imperialismus geprägt. Napoleon, Hitler, Soros and friends, sie alle wollten oder wollen Russland erobern, statt mit ihm zu kooperieren.
Damit tragen EU und USA dazu bei, dass der Einfluss Chinas in Russland stark wächst.

moorwald
21 Tage her

„Eigene Interessen Europas“ – was soll das sein? Man könnte etwas genauer von Interessen der EU sprechen, wenn man Europa wie so oft auf dieses vor allem auch völkerrechtlich wenig substanzielle Gebilde verkürzt. Die EU ist und bleibt eine Vertragsgemeinschaft von Nationalstaaten. Diese verfolgen, bis auf einen, der das eigene Verschwinden betreibt, ihre wohlverstandenen Eigeninteressen. Die EU ist ihnen so lange lieb und teuer, wie sie wirtschaftlichen Nutzen aus ihr ziehen können. Was aber ihr Sicherheitsbedürfnis angeht, suchen sie sich lieber potente Verbündete. Wer bedroht mich, und wo finde ich Schutz, wenn ich mich selbst im Ernstfall nicht schützen kann?… Mehr

Evero
21 Tage her
Antworten an  moorwald

Sagen Sie das nicht. Beide Supermächte stehen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Wenn Politiker im Inland Probleme haben flüchten sie sich in die Aussenpolitik. Bekanntlich schweißen Kriege ein Volk zusammen.
In Deutschland kann man jetzt ob der schleimheiligen Regierungspresse, die die 4. Gewalt GEGEN die parlamentarische Opposition STATT gegen die Regierung ist, das Gefühl bekommen, als wären wir schon im Krieg.
Die von Bill Gates und anderen Oligarchen gesponsorte deutsche Presselandschaft bildet die Realität nicht ab und kann samt und sonders in die Altpapiertonne. Es sind Totalversager!

Last edited 21 Tage her by Evero